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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Interview</subject>
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<article-title>&#187;Fantasy spielt in einer imagin&#228;ren Vergangenheit, weil die Welt damals noch ohne Grenzen war&#171;</article-title>
<subtitle>Ein Interview mit Tad Williams &#252;ber die M&#246;glichkeiten und Herausforderungen der Fantasy</subtitle>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Hildesheim, DE</aff>
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<p>Interview with fantasy and science fiction writer Tad Williams.</p>
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<p>Als Tad Wiliams (*1957) Ende der 1980er-Jahre seine epische Fantasy-Trilogie <italic>Memory, Sorror and Thorn</italic> (1988&#8211;1993; deutsch <italic>Das Geheimnis der Gro&#223;en Schwerter</italic>) vorlegte, revolutionierte er damit die Fantasy-Literatur. Denn die meisten Autor*innen des Genres behandelten Tolkiens <italic>Lord-of-the-Rings</italic>-Trilogie &#8211; die Kultlekt&#252;re der Flower-Power-Bewegung in den 1970er-Jahren &#8211; wie eine Bibel und hielten sich sklavisch an die vermeintlichen Vorgaben des Meisters. Dabei ging es Tolkien, wie man in seinem Essay On Fairy-Stories (1939) nachlesen kann, keineswegs darum, Regeln aufzustellen, sondern vielmehr darum, eine fiktionale Welt aus ihren poetologischen Eigengesetzlichkeiten heraus zu entwickeln.</p>
<p>Tad Williams entdeckte das Fantasy-Genre als ein nach allen Seiten offenes System, das sich immer wieder neu ausgestalten l&#228;sst &#8211; und dies lange vor dem <italic>Harry-Potter</italic>-Hype um die Jahrtausendwende und dem <italic>G<sc>AME-OF</sc>-T<sc>HRONES</sc></italic>-Boom seit 2011, als die erste Staffel der HBO-Serie ausgestrahlt wurde. In seiner Interpretation bietet Fantasy Raum, um soziale, politische und kulturelle Konflikte der Gegenwart in verwandelter Form zu gestalten und auf diese Weise eine Distanz zu gewinnen, die neue und andere Erkenntnisse zul&#228;sst. Au&#223;erdem erlaubt das Genre durch seine typische Kombination von m&#228;rchenhafter Abstraktheit mit ausgesprochen sinnlich-konkreter Ausgestaltung, existentielle Themen wie Krieg und Frieden, Liebe und Tod, Ehe und Familie zu verhandeln. Mittlerweile &#8211; auch dank George R. R. Martins <italic>A Song of Ice and Fire</italic> &#8211; geh&#246;ren zwischenmenschliche Intrigen und Konflikte so selbst - ver- st&#228;ndlich zum Fantasy-Repertoire wie Magie, Quests und gro&#223;e Schlachten. Mit <italic>Memory, Sorror and Thorn</italic> legte Williams gleichsam die Basis f&#252;r eine der erfolgreichsten Fernsehserien &#8211; denn Martin weist immer wieder darauf hin, dass ihn Williams&#8217; Trilogie dazu inspiriert habe, sein Epos von Eis und Feuer zu schreiben.</p>
<p>Williams hat nicht nur Fantasy-Romane geschrieben, sondern auch Science Fiction &#8211; in der <italic>Otherland</italic>-Reihe (1996&#8211;2001), poetische Fantastik, etwa in <italic>Caliban&#8217;s Hour</italic> (1994), und, in seiner zwischen 2012 und 2014 erschienenen <italic>Bobby Dollar</italic>-Reihe, Urban Fantasy. Doch jetzt ist Williams nach Jahrzehnten wieder nach Osten Ard zur&#252;ckgekehrt, der Fantasy-Welt, die er in <italic>The Dragonbone Chair</italic>, dem ersten Band von <italic>Memory, Sorrow and Thorne</italic>, entworfen hatte. <italic>The Last King of Osten Ard</italic> ist die Trilogie &#252;berschrieben, die seit 2017 erscheint; zurzeit liegen die ersten beiden Teile vor.</p>
<p>Im Er&#246;ffnungsband, <italic>The Witchwood Crown (Die Hexenholzkrone</italic>, 2017<italic>)</italic>, begegnen wir bereits bekannten Figuren, die nun aber um einiges &#228;lter geworden sind: K&#246;nig Simon &#8211; dessen Weg vom K&#252;chenjungen auf den Thron von Osten Ard in der ersten Trilogie erz&#228;hlt wurde &#8211; und K&#246;nigin Miriamel sind jetzt Gro&#223;eltern und schlagen sich mit ihrem ebenso liebensw&#252;rdigen wie pflichtvergessenen und vergn&#252;gungss&#252;chtigen Enkel Morgan herum. Der junge Mann macht keinerlei Anstalten, sich wie ein verantwortungsvoller Thronfolger zu benehmen. Dazu kommt ein Problem von epischen Dimensionen: Die m&#228;chtige Nornenk&#246;nigin erwacht und versammelt ihre Truppen gegen das K&#246;nigspaar.</p>
<p>Die neuen B&#228;nde lesen sich mitrei&#223;end und spannend &#8211; doch das Besondere an Williams&#8217; Prosa ist die Poesie seiner Fantasy-Welt, die musikalische Qualit&#228;t seiner Sprache. Diese Welt faltet sich an der Oberfl&#228;che unendlich auf in ihren sinnlichen Details. Das wirkt niemals beliebig, weil alles auch eine zeitliche Tiefe hat: Jeder Ort, jeder Gegenstand erz&#228;hlt seine Geschichte, jede Figur steht in einer Linie des Erz&#228;hlens, die weit &#252;ber ihr eigenes Leben und das ihrer Vorfahren hinausgeht Anl&#228;sslich von Tad Williams&#8217; Lesereise durch den deutschsprachigen Raum mit dem ersten Band der neuen Trilogie traf ihn die <italic>ZFF</italic> in Z&#252;rich zu einem Gespr&#228;ch &#252;ber Fantasy, ihre Tradition und ihre M&#246;glichkeiten.</p>
<p>ZFF: Tad Williams, Sie kehren nach drei&#223;ig Jahren in ihre erste gro&#223;e Fantasy-Welt zur&#252;ck, obwohl Sie jahrzehntelang, trotz dr&#228;ngender und bettelnder Fans, abgelehnt haben, eine Fortsetzung zu <italic>Memory, Sorrow and Thorn</italic> zu schreiben. Woher der Sinneswandel?</p>
<p>Tad Williams: Ich habe immer gesagt, dass ich niemals eine Fortsetzung schreiben w&#252;rde &#8211; es sei denn, die Geschichte dr&#228;nge sich mir genauso zwingend auf wie alle anderen Geschichten, die ich schreibe. Denn bewusst und gezielt eine Franchise zu schreiben ist etwas, das ich auf keinen Fall tun werde. Es braucht einen inneren Ansto&#223;.</p>
<p>ZFF: Was ist passiert?</p>
<p>Im Fall von <italic>The Witchwood Crown</italic> ging das so: Als ich meiner Frau &#8211; sie ist Verlegerin und bei uns f&#252;r das Gesch&#228;ftliche zust&#228;ndig &#8211; wieder einmal erkl&#228;rte, warum es unm&#246;glich sei, einen weiteren Band zu schreiben, er&#246;ffnete sich pl&#246;tzlich eine neue Perspektive auf Osten Ard. Ich sei, argumentierte ich, heute ein ganz anderer Mensch. In den drei&#223;ig Jahren habe ich mich scheiden lassen und wieder geheiratet, ich habe Kinder bekommen, in Europa gelebt, k&#246;nne also unm&#246;glich da ansetzen, wo ich damals aufgeh&#246;rt hatte. Doch genau dieser Gedanke weckte in mir eine Idee: Die Figuren Simon und Miriamel, die am Ende der ersten Trilogie Teenager waren, sind jetzt um die f&#252;nfzig. Manche der Figuren, die eine wichtige Rolle spielten, sind entweder tot oder sehr alt, eine neue Generation ist herangewachsen. Diese Vorstellung begann in mir die Neugier darauf zu wecken, was in der Zwischenzeit mit der Romanwelt passiert sein k&#246;nnte. Vor allem die Frage nach der Ehe von Simon und Miriamel lie&#223; mir keine Ruhe. Ich wei&#223; nicht, wie es bei Ihnen ist, aber f&#252;r mich ist das eine der fundamentalen Fragen des Lebens: Wie lebt man gl&#252;cklich bis an sein Ende &#8211; zwei Menschen, die sich lieben, aber dennoch sehr unterschiedliche Pers&#246;nlichkeiten sind?</p>
<p>ZFF: Wie sind Sie &#252;berhaupt dazu gekommen, Fantasy zu schreiben? Was hat Sie an diesem Genre urspr&#252;nglich fasziniert? Und wie hat sich diese Faszination ver&#228;ndert?</p>
<p>Tad Williams: F&#252;r mich hat sich die Faszination nicht ver&#228;ndert. Als Kind liebte ich alles Fantastische; ich kann sogar sagen, dass ich mit fantastischer Literatur aufgewachsen bin. Ganz besonders liebte ich Frank L. Baums <italic>The Wonderful Wizard of Oz</italic> [1900], ein sehr amerikanisches Buch. Sp&#228;ter machte ich mir dar&#252;ber Gedanken, ob es mir gelingen k&#246;nnte, meinen Lebensunterhalt mit einer kreativen Arbeit zu verdienen, denn ich hatte viele verschiedene kreative Projekte am Laufen, als ich aus der Schule kam. Was mich an Fantasy unter anderem anzog, war das Gef&#252;hl, beurteilen zu k&#246;nnen, ob meine Texte etwas taugen, ob sie es wert sind, gedruckt zu werden, weil ich sehr viel davon gelesen hatte. So hatte es begonnen. Im Lauf der Zeit wurde mir klar, dass eins der Dinge, die ich an Genre-Literatur allgemein wirklich mag, ist, dass es eine Basis in einer Tradition gibt, die von den einzelnen K&#252;nstler*innen variiert und weiterentwickelt, gedreht und gewendet werden kann. Die Analogie, die ich hier gerne verwende, ist die des Balletts: Im Ballett gibt es eine Reihe klassischer, grundlegender Schritte, die man kennen muss, bevor man die Regeln unterlaufen kann. In einer Ballettauff&#252;hrung erwartet das Publikum eine Basis innerhalb dieser Tradition, mit der die Choreograf*innen und T&#228;nzer*innen spielen. In der Genre-Literatur gibt es immer einen Vertrag zwischen Autor*in und Leserschaft. Wenn ich einen Krimi schreibe, verspreche ich, irgendwann zu erkl&#228;ren, wer das Mordopfer wie umgebracht hat und warum. Das ist einer der Gr&#252;nde, warum ich Umberto Ecos <italic>Il nome della rosa</italic> [1980] so sch&#228;tze. In dem Roman tut er alles, was er will, historisch und literarisch &#8211; und doch bleibt er den Grundregeln des Krimis treu. Ich selbst bin kein reiner Genre-Mensch, ich lese ganz unterschiedliche Texte, aber ich mag Genres als Rahmen f&#252;r meine Arbeit als Schriftsteller. Ich m&#246;chte k&#252;nstlerische Ideen verwirklichen in meinen Romanen. Und indem ich Fantasy schreibe, lasse ich die Leser*innen wissen, dass sie eine Geschichte mit Monstern und Geheimnissen und Abenteuern und einer komplexen imagin&#228;ren Welt erwarten d&#252;rfen &#8211; mit dem spezifischen Lesegenuss, der damit verbunden ist.</p>
<p>ZFF: Was Sie von vielen anderen Fantasy-Autor*innen unterscheidet ist, dass Sie nicht aus der Rollenspielszene kommen. Hat sie das Rollenspiel nie interessiert?</p>
<p>Tad Williams: Ein Grund ist mein Alter. Als Rollenspiele so richtig aufkamen, war ich schon Anfang zwanzig. Aber meine j&#252;ngeren Br&#252;der waren dabei, und viele meiner Freunde ebenfalls. Au&#223;erdem spielte ich in einer Rock&#8217;n&#8217;Roll-Band und hatte viele andere Interessen im Bereich der kreativen Gestaltung. Doch ehrlich gesagt gibt es einen viel wichtigeren Grund. Ich bin n&#228;mlich ein ziemlicher Kontrollfreak. Rollenspiel w&#228;re f&#252;r mich h&#246;chstens dann infrage gekommen, wenn ich die Spielwelt in Eigenregie h&#228;tte gestalten k&#246;nnen. Ich habe immer gern Dinge geschaffen, auf meine Art. Als ich mit der Schule fertig war, musste ich hart darum k&#228;mpfen, meinen Weg zu finden. Denn ich wollte immer jemand sein, der Dinge macht.</p>
<p>ZFF: Gab es denn eine andere Inspirationsquelle als die des Rollenspiels?</p>
<p>Tad Williams: Ganz klar die Literatur. Ich verliebte mich in Fantasy, als ich &#8211; ganz klassisch &#8211; Tolkiens <italic>Lord of the Rings</italic> las.</p>
<p>ZFF: Sie sagen, dass Sie Musik, Kunst und Literatur als Jugendlicher und junger Mann gleicherma&#223;en interessierten. Wenn man Ihre Romane liest, kann man sich gut vorstellen, dass Ihr musikalisches Flair die Sprache beeinflusst.</p>
<p>Tad Williams: Ja, absolut! Es freut mich sehr, dass es Ihnen aufgefallen ist. Die meisten meiner Bilder sind musikalisch; wenn ich Dinge sp&#252;re, dann als Rhythmus, als Motiv. Viel davon ist vorbewusst; ich denke nicht dar&#252;ber nach, analysiere es nicht. An der Oberfl&#228;che gibt es sehr viel bewusstes Reflektieren; wie mache ich dies oder das &#8211; aber was die Atmosph&#228;re betrifft, den Wechsel von Stimmungsmodi, &#252;berraschende Wendungen, arbeite ich ganz klar musikalisch. Es w&#228;re etwas anma&#223;end, mich als Musiker zu bezeichnen, doch ich habe mein Leben lang sehr viel Musik gemacht und kann mit Bestimmtheit sagen, dass mein Denken ein musikalisches ist. F&#252;r vieles, das ich ausdr&#252;cken m&#246;chte, gibt es nicht unbedingt Worte, also suche ich nach anderen M&#246;glichkeiten der Gestaltung. Musik war schon immer meine Metapher f&#252;r das Schreiben.</p>
<p>ZFF: Wenn ich einmal eine etwas gewagte These formulieren darf: Was Fantasy wirklich ausmacht, sind nicht die Figuren, nicht die Konflikte und Intrigen, sondern die Atmosph&#228;re. <italic>The Witchwood Crown</italic> scheint mir ein sch&#246;nes Beispiel f&#252;r diesen episch-musikalischen Flow zu sein.</p>
<p>Tad Williams: Als ich in den 1980er-Jahren mit <italic>The Dragonbone Chair</italic> begann, war ich noch sehr von Tolkien beeinflusst. Das bedeutete in meinem Fall, dass es eine Erz&#228;hlerinstanz gab, die sich immer wieder einschaltete und den Leser*innen erkl&#228;rte, worum es gerade geht und was das zu bedeuten hat; es gab so etwas wie eine objektive Wahrheit der Geschichte, die ich verk&#252;nden wollte. Nachdem ich ein paar hundert Seiten an <italic>The Dragonbone Chair</italic> geschrieben hatte, wurde mir klar, dass ich eigentlich etwas ganz anderes wollte. N&#228;mlich eine imagin&#228;re Welt erschaffen, die nach einem kaleidoskopischen Prinzip funktioniert. Anstelle einer alles kontrollierenden auktorialen Pr&#228;senz sollten m&#246;glichst viele unterschiedliche Perspektiven ins Spiel kommen, aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln, mit vielen Leerstellen dazwischen. Die Leser*innen sollten die Freiheit haben, sich ihre eigene Version davon vorzustellen, wie alles zusammenh&#228;ngt. Das ist ein Spiel, denn als Erz&#228;hler gebe ich den Leser*innen Informationen, &#252;ber welche die Figuren im Roman selbst nicht verf&#252;gen.</p>
<p>Da ich epische Fantasy schreiben wollte, war es n&#246;tig, den Leser*innen ein Gef&#252;hl f&#252;r die Gr&#246;&#223;e und Vielschichtigkeit der Welt zu vermitteln. Dies versuche ich seit <italic>The Dragonbone Chair</italic> durch die Vielfalt an Perspektiven und Stimmen zu bewerkstelligen. Je mehr Figuren auftreten, desto komplexer werden die moralischen Fragen, die sich stellen. Der Schl&#252;ssel ist die Sprache. Die Art, wie die Figuren sprechen, wie sie denken, dr&#252;ckt sich ganz und gar in ihrer Sprache aus &#8211; insofern w&#252;rde ich Ihrer These zustimmen. Dabei versuche ich gleichzeitig auch, ein Gef&#252;hl f&#252;r das Ganze zu evozieren. Obwohl die Erz&#228;hlperspektive manchmal drei-, viermal innerhalb eines Kapitels wechselt, soll doch nie der Eindruck von Un&#252;bersichtlichkeit und Verlorenheit entstehen. Es ist viel einfacher f&#252;r die Leser*innen, in eine literarische Welt einzutauchen, wenn sie dem Erz&#228;hler vertrauen k&#246;nnen. Wenn sie das Gef&#252;hl haben, dass die Welt durchdacht ist, dass sie sorgf&#228;ltig und mit Bedacht gebaut ist. Nicht nur oberfl&#228;chlich, sondern mit einer gewissen Tiefe. Man darf nur die Mechanik dahinter niemals sehen.</p>
<p>ZFF: Die Schaupl&#228;tze der Fantasy sind andere, erfundene Welten, die oft unseren Projektionen auf die Vergangenheit, insbesondere auf das Mittelalter, einen Raum geben. Was hat Fantasy mit unserer Zeit, unseren Konflikten zu tun?</p>
<p>Tad Williams: Sehr viel. Es gibt bestimmt Autor*innen, die das ganz anders sehen, deshalb kann ich nur f&#252;r mich sprechen. Je tiefer man als Autor in ein Genre eintaucht, je mehr man es auslotet, desto mehr kommt man zu sich selbst. Als jemand, der Ideen, Gef&#252;hle, Leidenschaften hat. Aber man wird auch immer vorsichtiger, was den didaktischen Zeigefinger angeht und versucht darum, jedes direkte Aussprechen von Wahrheiten zu vermeiden. Die Themen, die einem wichtig sind, werden je l&#228;nger, je mehr zu Unterstr&#246;mungen des Schreibens. Ein Thema, das mich immer sehr besch&#228;ftigt hat, ist Geschichte. Geschichte ist keine exakte Wissenschaft. Sie ist wandelbar, sie wird von den Siegern geschrieben, von der herrschenden Klasse. Was in die Geschichtsb&#252;cher eingeht, ist das, wovon die m&#228;chtigsten gesellschaftlichen Gruppierungen wollen, dass es Teil des kollektiven Ged&#228;chtnisses wird. Die Menschen selbst sind hochgradig subjektiv, wir haben alle unsere eigenen Wahrheiten, die f&#252;r uns verbindlich, f&#252;r andere aber ganz unbedeutend sind. Diese Erkenntnis, dass die offizielle Version nicht unbedingt vertrauensw&#252;rdig ist, dass Menschen zutiefst unterschiedlich denken und f&#252;hlen k&#246;nnen, war immer zentral f&#252;r mein Schreiben. Nur, weil jemand nicht einer Meinung ist mit mir, bedeutet das noch lange nicht, dass er ein Dreckskerl ist. Und ein Punkt kommt noch hinzu: Als ich die erste Romanserie schrieb, galt Tolkien seit etwa drei&#223;ig Jahren als das Nonplusultra der Fantasy. Das f&#252;hrte dazu, dass vielen damals gar nicht bewusst war, dass Tolkien Entscheidungen f&#228;llte, die auf seinen Idiosynkrasien beruhten. <italic>Lord of the Rings</italic> wurde nicht als literarischer Text rezipiert, sondern wie das Evangelium. Fantasy, so glaubte man, m&#252;sse sich daran orientieren. Ein Beispiel f&#252;r diese Vorschriften ist die Verfallsgeschichte, an deren Anfang ein goldenes Zeitalter stand, in dem alles besser war. Nun war Tolkien ein gl&#228;ubiger Katholik. Au&#223;erdem war er das, was ich <italic>neo-folk</italic> nennen w&#252;rde; er mochte keine neuen Errungenschaften. Er &#228;rgerte sich dar&#252;ber, dass es in Oxford elektrisches Licht gab. So bin ich nicht. Wenn ich das ganze tolkiensche Gedankengut meinen B&#252;chern zugrunde legen w&#252;rde, wie das viele andere gemacht haben, w&#228;re das nicht nur schlecht und epigonal, sondern auch verlogen. In einem der zentralen Erz&#228;hlstr&#228;nge in <italic>The Dragonbone Chair</italic> geht es darum, dass die Idee, fr&#252;her sei alles besser gewesen, allm&#228;hlich entlarvt wird und es sich zeigt, dass die Dinge nicht ganz so einfach waren, wie es die &#220;berlieferung gerne h&#228;tte. Es gab Gewalt und Grausamkeit, Ungerechtigkeit. Was Geschichte ausmacht, ist das, was wir aus der Perspektive der Gegenwart darin sehen wollen, um bestimmte Vorstellungen zu bef&#246;rdern. Tolkien hatte klare Vorstellungen, die zahllose Fantasy-Autor*innen unreflektiert &#252;bernahmen &#8211; ohne auch nur einen Hauch einer Ahnung davon zu haben, dass die Geschichte von Literatur und Mythologie viel gr&#246;sser ist. Tolkiens Zugang zur Fantasy ist wunderbar und brillant, aber man kann daraus keine Regelpoetik machen. Sonst entstehen nichts als Imitationen.</p>
<p>ZFF: Das mag ein Grund daf&#252;r sein, dass Fantasy ihr Potenzial bis heute viel zu wenig nutzt. Allerdings haben Sie mit ihrem ganz eigenen, beweglichen und originellen Zugang zur Tradition einen neuen Weg beschritten, auf dem andere folgen konnten. George R. R. Martins bisher unvollendetes Epos <italic>A Song of Ice and Fire</italic> w&#228;re ohne Ihre Vorarbeit nicht m&#246;glich gewesen.</p>
<p>Tad Williams: Ja, George ist so nett zu erw&#228;hnen, dass ihn meine B&#252;cher beeinflusst haben. Das wei&#223; ich zu sch&#228;tzen.</p>
<p>ZFF: In <italic>The Witchwood Crown</italic> und im zweiten Band der neuen Trilogie, <italic>Empire of Grass</italic>, befinden wir uns in einer vormodernen, fremden Welt &#8211; und doch kommen uns viele der Probleme, mit denen sich die Figuren herumschlagen m&#252;ssen, aus unserem sp&#228;tmodernen Alltag bekannt vor.</p>
<p>Tad Williams: Das ist mir tats&#228;chlich wichtig. Denn was Fantasy f&#252;r viele Leser*innen zug&#228;nglich macht, ist, dass dieses Genre dazu tendiert, inneren Wirklichkeiten eine &#228;u&#223;ere Gestalt zu geben, sie verwandelt sie in Dinge und Figuren. Wir nehmen die K&#228;mpfe, die wir in unserer modernen Gesellschaft jeden Tag zu bestehen haben, und machen daraus reale Dinge und Wesen. Wir werden ja tats&#228;chlich h&#228;ufig von etwas Furchterregendem heimgesucht &#8211; nehmen wir das allt&#228;gliche Beispiel, dass jemand seinen Chef um eine Lohnerh&#246;hung bitten muss. Das f&#252;hlt sich im Wesentlichen genauso an, als m&#252;sste man ein reales Monster bek&#228;mpfen.</p>
<p>ZFF: Simon und Miriamel sind ja nicht nur K&#246;nig und K&#246;nigin, sondern auch Gro&#223;eltern und haben die gar nicht so leichte Aufgabe, ihrem Enkel beizubringen, wie man K&#246;nig wird. Morgan ist verantwortungslos und unm&#246;glich, und doch schlie&#223;t man ihn als Leserin ins Herz.</p>
<p>Tad Williams: Diese R&#252;ckmeldung bekomme ich immer wieder &#8211; sie freut mich sehr und l&#228;sst mich glauben, dass ich diese Figur gut hinbekommen habe. &#196;hnliche Reaktionen hatte ich auf Simon in <italic>The Dragonbone Chair</italic> bekommen: &#187;Ich liebe ihn, aber er macht mich wahnsinnig&#171;, sagten die Leser*innen; &#187;er ist so ein Idiot, warum tut er das!&#171; Wenn ich das h&#246;re, denke ich: gut, genau das habe ich gewollt; dass die Leser*innen ein Gef&#252;hl haben, das alle Eltern kennen. Warum sehen die Kinder nicht ein, was dumm und was vern&#252;nftig ist, wie man sich das Leben leichter machen kann? Doch sie lernen es erst durch Erfahrung, wenn sie gen&#252;gend Fehler gemacht haben.</p>
<p>ZFF: Gleichzeitig gibt es ganz klassische Fantasy-Elemente, n&#228;mlich zum Beispiel die Bedrohung des K&#246;nigreichs durch die wiedererstarkende Nornenk&#246;nigin. Ohne Gut und B&#246;se scheint es doch nicht zu gehen.</p>
<p>Tad Williams: In den ersten B&#252;chern habe ich die bewusste Entscheidung getroffen, die Nornen in einer gewissen Entfernung zu halten. Ich wollte nicht, dass sie wie Tolkiens Orks oder wie Zombies nur zum Hassen und Bek&#228;mpfen da sind, ohne jedes Angebot zur Empathie. Selbst in den ersten B&#252;chern habe ich zu erkl&#228;ren versucht, inwiefern ihr Verhalten aus ihrer Sicht das Richtige, Ehrenvolle ist, wie sie f&#252;r ihre Lebensform, ihre Kultur, ihr Volk k&#228;mpfen. Dennoch habe ich sie bis zu einem gewissen Grad als gesichtslose B&#246;sewichte eingesetzt. Doch in der neuen Trilogie wollte ich das &#228;ndern. Hier kommt das richtige Leben ins Spiel, mit der D&#228;monisierung anderer Kulturen, die in den USA vor allem seit dem 11. September 2001 sehr pr&#228;sent ist. Ich wollte zeigen, wie wir versuchen, unsere Feinde in etwas Furchterregendes, radikal Fremdes zu verwandeln. Was ich also vorhatte, war, den Leser*innen der ersten Trilogie zu sagen: Jetzt m&#252;sst ihr diese Leute kennenlernen. Denn auch sie f&#252;hlen sich als die richtigen, die ehrbaren Menschen, deren Taten gerechtfertigt sind. In diesen Konflikt wollte ich die Leser*innen hineinziehen. Die Erkenntnis, die dabei entsteht, ist, dass die Nornen mehr mit uns gemein haben, als wir uns vorstellen k&#246;nnen. Das bleibt durchaus Fremde erhalten, und doch ist die Empathie da.</p>
<p>ZFF: Als Leser*in macht man sich aber schon Sorgen, dass die Konflikte eskalieren k&#246;nnten, dass sie vielen Figuren das Leben kosten k&#246;nnten.</p>
<p>Tad Williams: Bei mir gibt es aber niemals so viele Tote wie bei George R. R. Martin! Das hat vor allem mit mir als Person zu tun, denn ich bin von Natur aus eher optimistisch. Ich wollte die Welt nie als hoffnungslos beschreiben. Darin zeigt sich ein fundamentaler Unterschied zwischen meinem Werk und dem von Martin, das ich dennoch gro&#223;artig finde. Doch was ich pers&#246;nlich an Fantasy mag, ist der <italic>sense of wonder</italic>. Daf&#252;r interessiert sich George &#252;berhaupt nicht. Doch mich hat genau das angesprochen, als ich zum ersten Mal <italic>The Lord of the Rings</italic> las. Da ist so viel Sch&#246;nheit drin &#8211; wenn die Elben die Welt verlassen, sie langsam aus ihr entschwinden, entfaltet sich ein ungeheures Gef&#252;hl von Verlust. F&#252;r mich ist die sch&#246;ne und wunderbare Seite der Fantasy genauso wichtig wie die unheimliche und gewaltt&#228;tige.</p>
<p>ZFF: Braucht jede Fantasy-Welt ihre eigene Geschichte, die aus einer Unzahl von Geschichten gemacht ist, und von der viel unerz&#228;hlt bleibt im Text?</p>
<p>Tad Williams: Das ist ein ganz gro&#223;es Thema f&#252;r mich. Eine Welt zu schaffen, in die die Leser*innen eintauchen k&#246;nnen, ist nur dann m&#246;glich, wenn diese Welt nicht nur im erz&#228;hlten Augenblick komplex ist, sondern auch in der Tiefe der Zeit. Wohin ich auch schaue, sehe ich Dinge, die auf vergangene Jahrhunderte verweisen, die mit historischen Epochen zusammenh&#228;ngen. F&#252;r jemanden, der daf&#252;r ein Sensorium hat, ist das immer und &#252;berall so, egal, wohin man geht. Wenn man eine Welt erschaffen will, muss man den Leser*innen zeigen, dass es diese Welt schon seit einiger Zeit gibt, dass sie eine Geschichte hat, aus der unausweichlich die Gegenwart entstehen musste, &#252;ber die man schreibt. Alles, was jemals passiert ist, muss zur Gegenwart f&#252;hren.</p>
<p>ZFF: Das klingt nach einer Form von Realismus.</p>
<p>Tad Williams: Ja, Sie haben recht: Es ist ein Realismus mit erfundenen Details. Ich muss n&#228;mlich gestehen, dass ich selbst kaum Fantasy lese und um eine Antwort verlegen bin, wenn mich jemand nach empfehlenswerten Titeln fragt. Was ich vor allem lese, sind historische Sachb&#252;cher und wissenschaftliche Texte. Davon lasse ich mich inspirieren. Ich versuche, Elemente davon in meine Romane einflie&#223;en zu lassen. Meine B&#252;cher sind voller Dinge, die mich faszinieren. Es ist kein Zufall, dass so viel unterirdisch spielt, dass es so viele verlassene St&#228;dte gibt, Ruinen, die von den Geistern ihrer Vergangenheit heimgesucht werden. Das sind Themen, die mich seit meiner Kindheit nicht mehr loslassen.</p>
<p>ZFF: Recherchieren Sie auch gezielt f&#252;r Ihre Romane? Oder flie&#223;t das Wissen eher indirekt in die Texte ein?</p>
<p>Tad Williams: Ich habe immer sehr viel gelesen. Doch wenn ich schreibe, stehe ich permanent vor Fragen wie: Wie funktioniert eine bestimmte Belagerungsmaschine? Wie sind die Menschen in vormodernen Zeiten genau vorangekommen auf Pferden oder zu Fu&#223;, wie lange blieb das Gem&#252;se frisch? Das Geheimnis des Fantasy-Schreibens f&#252;r mich ist, dass ich mich nicht auf die Welten beziehe, die andere Autor*innen geschaffen haben, sondern mit Hilfe von Quellen aller Art so detailliert wie m&#246;glich in die Sinnlichkeit historischer Welten hineinzugehen versuche, um die imagin&#228;re Welt so real wie m&#246;glich zu gestalten. Die entscheidenden Fragen sind dann: Wie haben die Menschen ein bestimmtes Problem gel&#246;st, wie muss ich mir ihre Gedanken dabei vorstellen? Die Recherche h&#246;rt deshalb niemals auf. Oft f&#252;hrt sie mich beim Schreiben in andere, unvorhergesehene Bereiche &#8211; &#187;serendepity&#171; nennt man das auf Englisch [auf Deutsch unzureichend mit &#187;Zufallsfund&#171; oder &#187;gl&#252;cklichem Zufall&#171; &#252;bersetzbar, CL], wenn man zuf&#228;llig &#252;ber etwas stolpert, das sich in eine Geschichte einarbeiten l&#228;sst. Dabei vergesse ich aber nie, dass ich Fantasy schreibe und keinesfalls historische Romane. Ich muss die historische Epoche, in der sich mein Schauplatz spiegeln l&#228;sst, so gut wie m&#246;glich kennen &#8211; um dann mit dem Wissen und dem Material spielen zu k&#246;nnen, es zu verwandeln. Das ist es, was ich am liebsten mache. Ich k&#246;nnte mir jeden Tag ein neues Buch ausdenken. Das Schreiben ist die harte Arbeit. Ich z&#246;gere immer, das zu sagen, denn verglichen mit richtig harter k&#246;rperlicher Arbeit ist es ein gro&#223;es Privileg, vom Schreiben leben zu k&#246;nnen. Aber das Planen macht mir dennoch mehr Freude.</p>
<p>ZFF: Warum muss Fantasy eigentlich immer in vorindustriellen Welten spielen?</p>
<p>Tad Williams: Die meisten Fantasyromane spielen in der Zeit kurz vor der Renaissance mit ihren Entdeckungen. Und darin liegt meiner Meinung nach der Hauptgrund: Es war eine Welt ohne Grenzen. Die Menschen wussten buchst&#228;blich nicht, was im Wald war oder auf der anderen Seite des Ozeans. Es gab noch keine festen Kategorien und Begriffe, mit denen die Welt auf einer abstrakten Ebene beschrieben werden konnte. Die Welten der Fantasy-Romane sind darum offen f&#252;r die Einbildungskraft; jede Version einer Geschichte &#252;ber diese Welten ist so gut wie die andere. Das liegt an der einfachen Tatsache, dass die Fantasie in diesen Welten genauso m&#228;chtig ist wie das, was man kennt. Man hat den kleinen Kreis des Bekannten, mit immer gr&#246;&#223;eren Kreisen des Unbekannten darum herum. Und das Unbekannte franst ins Endlose aus. Das gilt sogar f&#252;r Urban Fantasy, die zwar in unserer Welt spielt, in ihr aber &#252;berall T&#252;ren versteckt, die in unbekannte Zonen f&#252;hren, deren Regeln die Figuren nicht kennen.</p>
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<title>Autorin</title>
<p>Christine L&#246;tscher ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Literaturinstitut in Hildesheim und Lehrbeauftragte am ISEK &#8211; Popul&#228;re Kulturen der Universit&#228;t Z&#252;rich. Sie promovierte 2014 zum Zauberbuch in der Fantasy (Chronos 2014) und habilitierte sich 2019 an der Universit&#228;t Z&#252;rich mit einer Studie &#252;ber Lewis Carrolls <italic>Alice</italic>-B&#252;cher; <italic>Die Alice-Maschine. Figurationen der Unruhe in der Popul&#228;rkultur</italic> erscheint 2020. Au&#223;erdem arbeitet sie als freie Literaturkritikerin (u. a. 3sat, <italic>NZZ am Sonntag</italic>). Forschungsschwerpunkte sind popul&#228;re Literaturen und Medien, Kinder- und Jugendmedien, fantastische Genres, Materialit&#228;ts- und Medientheorie.</p>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Die Autorin hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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