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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<article-title>Wurde zu Tolkien noch nicht genug gesagt?</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Freier Forscher, DE</aff>
<aff id="aff-2"><label>2</label>Friedrich-Schiller-Universit&#228;t Jena, DE</aff>
<aff id="aff-3"><label>3</label>University of Glasgow, UK</aff>
<aff id="aff-4"><label>4</label>Freier Dozent, Musiker, Journalist und Autor, DE</aff>
<aff id="aff-5"><label>5</label>University of Glasgow, UK</aff>
<aff id="aff-6"><label>6</label>Missionswissenschaftliches Institut im missio e.V., DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-01-24">
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<license-p>Die Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung ist eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren der Open Library of Humanities. &#169; 2023 Der/die Autor*innen. Dieser Open-Access-Beitrag ist lizensiert durch die Creative-Commons-Grundlizenzen in der Version 4.0 (Creative Commons Namensnennung 4.0 International, welche die unbeschr&#228;nkte Nutzung, Verbreitung und Vervielf&#228;ltigung erlaubt, solange der/die Autor*in und die Quelle genannt werden). Vgl. <uri>https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>2023 is the year that marked the fiftieth anniversary of J. R. R. Tolkien&#8217;s death. The commemoration of an author whose influence has dominated an entire genre in an unprecedented way, and thus generated an equally unprecedented amount of studies and research literature, is an occasion to consider whether the observed concentration on one writer and his work has maybe becoming excessive. Which poses the question whether it would perhaps be better if studies of fantasy in particular, as well as the fantastic in general, in a way detached themselves from Tolkien studies.</p>
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<title>Warum die Idee, nach einem w&#252;nschenswerten Ende der Tolkienforschung zu fragen, gar nicht so abwegig war</title>
<p>Frank Weinreich</p>
<p>Als ich im Sommer des vergangenen Jahres eine Reihe von distinguierten Kolleginnen und Kollegen, die zum Bereich der Erforschung der Werke und des Lebens John Ronald Reuel Tolkiens Wertvolles beigetragen haben, bat, zu der Frage, ob es nicht langsam Zeit sei, das Feld der Tolkienforschung aufzugeben, Stellung zu nehmen, erwartete ich nicht, dass sich jemand dieser Idee anschlie&#223;en w&#252;rde. Schon der &#8211; nat&#252;rlich dann auch mehrfach eingeworfene &#8211; Grundsatz guter Forschungsarbeit, dass ein Untersuchungsfeld prinzipiell nie als abgeschlossen betrachtet werden kann, da immer zumindest die M&#246;glichkeit besteht, dass neue Erkenntnisse gewonnen werden k&#246;nnten, war schlie&#223;lich auch mir nicht vollkommen unbekannt. Und doch stellte sich mir die Frage nach einer gewissen Obsoleszenz der Tolkienforschung schon l&#228;nger. Und &#8211; in Gedanken umformuliert &#8211; erschien sie mir doch sinnvoll genug, um eine Betrachtung des Themas in Form des &#187;Forums&#171; der <italic>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</italic> zu erbitten.</p>
<p>Mit der Formulierung &#187;gewisse Obsoleszenz der Tolkienforschung&#171; meine ich vor allem zwei Dinge. Zum einen die enorme Breite, aber auch Tiefe, der Arbeiten, die sich Tolkiens Schaffen und Leben widmen, und die eine Reihe von Aspekten schon seit L&#228;ngerem aus sehr vielen und nicht immer ganz neuen Perspektiven betrachten. Einen eindrucksvollen, aber immer noch unvollst&#228;ndigen &#220;berblick gibt die j&#228;hrliche <italic>Bibliography (in English)</italic> der <italic>Tolkien Studies</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Michael C. Drout et al. 2004&#8211;2009</xref>, David Bratman et al. 2010&#8211;2015, David Bratman seit 2016). Die schiere Menge der Werke und ihrer Forschungsthemen wirken auf mich in Hinsicht auf einige Schwerpunkte wie Biographie, Tolkiens Katholizismus, die Bedeutung nordischer und keltischer Mythen oder die Rolle von Sprache in seinem fiktionalen Werk als so gut ausgeleuchtet, dass mir weitere einschl&#228;gige Forschung als von weniger dringendem Interesse im weiten Feld der Fantasy im Speziellen wie der Phantastikforschung im Allgemeinen erscheint.</p>
<p>Schon rein mengenm&#228;&#223;ig &#8211; und das ist der zweite Aspekt, der sich mir in dem Zusammenhang als wichtig aufdr&#228;ngt &#8211; l&#228;sst der im Vergleich geringere bis sehr viel geringere Anteil an Arbeiten, die sich mit einzelnen anderen Werken und Autorinnen, Regisseuren und sonstigen Beitragenden des Genres Fantasy befassen, den Verdacht aufkommen, dass Forschungsanstrengungen in diesen vielf&#228;ltigen Richtungen das Wissen um Rolle und Bedeutung der Phantastik in Kunst und Literatur in einer Weise bereichern k&#246;nnten, die immer minuti&#246;sere Betrachtungen und Gegenbetrachtungen einzelner Aspekte Mittelerdes oder des Lebens dieses bestimmten Oxford-Dons nicht erbringen werden.</p>
<p>Es kann und soll nicht im Geringsten darum gehen, die Freiheit der Tolkienforschung einzuschr&#228;nken oder Forscher:innen Topoi madig zu machen, obwohl vielleicht eben dieser oder jener &#8211; wom&#246;glich auch schon vielbeachtete &#8211; Aspekt gerade das Interesse auf sich zieht. Forschung lebt vom Herzblut der Forschenden, und wer seines oder ihres an eine Sache verloren hat, soll dieser auch nachgehen. Es besteht aber auch ein gewisser Usus, wohlbegangenen Pfaden zu folgen, auf denen man weniger leicht irrt oder fehlgeht. Insofern ist der doppelte Hinweis auf das gut erforschte Tolkien-Feld und die weniger erforschten anderen Felder der Fantasy (oder der Phantastik im Allgemeinen) als Aufforderung gemeint, sich auch einmal frischere Horizonte zu erschlie&#223;en. Au&#223;erdem mag ein tieferes Wissen um und eine breitere Diskussion der Werke und Vitae anderer Phantast:innen durchaus auf die Betrachtung von Tolkiens Arbeiten r&#252;ckwirken, denen man sich sodann mit bis dato ungestellten Fragen und auf Basis erweiterten Wissens auf neue Weise widmen kann.</p>
<p>Aber was, so dr&#228;ngte sich mir dann die Frage auf, wenn das alles gar nicht stimmt? Nach mehr als zwei Dutzend eigenen Publikationen zu Tolkien und seinem Werk k&#246;nnte es sich ja auch um eine ganz pers&#246;nliche Betriebsm&#252;digkeit handeln, die dem Thema Tolkien bitter Unrecht tut, wenn ich es als potenziell obsolet bezeichne. Der f&#252;nfzigste Todestag erschien angesichts dieser &#220;berlegungen als das perfekte Datum, Meinungen zu meinen Fragen aus berufenem Mund einzuholen. Fragen, die, wie wir uns im Herausgeberteam der <italic>ZfF</italic> einig waren, von so gro&#223;em Interesse sind, dass wir das j&#228;hrliche Forum dar&#252;ber er&#246;ffnen wollen. Es sind Fragen, die wir in einer bewusst provokativen Formulierung b&#252;ndelten: &#187;Wird es Zeit, mit der Tolkien-Forschung abzuschlie&#223;en?&#171;</p>
<p>Konkreter wurde im <italic>Call for Papers</italic> f&#252;r dieses Forum gefragt:</p>
<disp-quote>
<p>Tolkiens Werk ist mit gro&#223;er Wahrscheinlichkeit das Schl&#252;sselwerk des Genres Fantasy und stellt einen der wichtigsten Zug&#228;nge zur Phantastik dar. Aber wie oft muss das noch betont werden? Und sollte man wirklich jede einzelne Notiz aus dem umfangreichen Nachlass beschreiben, interpretieren und die Analyse erneut vielfacher <italic>peer review</italic> unterziehen? Und k&#246;nnte es sich nicht als ertragreicher erweisen in Zeiten, da zumindest im deutschsprachigen Raum eine Vielzahl von akademischen Abschlussarbeiten erstellt wird, die sich mit einander nicht ganz un&#228;hnlichen Tolkien- und Mittelerde-Fragestellungen besch&#228;ftigen, dazu anzuregen, ein anderes Thema zu w&#228;hlen? Wie w&#228;re es etwa, sich eher der enormen Weite des Genres Phantastik zu widmen, das im letzten Vierteljahrhundert neben Jacksons sechs Filmen und Christopher Tolkiens Drittverwertung der nachgelassenen Fragmente seines Vaters in &#228;sthetischen wie politischen wie sozialen Hinsicht eine ungemein diversifizierte Film-, Buch- und Spielelandschaft entworfen hat, die dringenderer akademischer Aufarbeitung bed&#252;rfte als der n&#228;chsten Auseinandersetzung mit nordischen Einfl&#252;ssen in Mittelerde?</p>
</disp-quote>
<p>Das war nat&#252;rlich ebenfalls als Provokation gemeint. Wurde dann aber ernsthaft und nachdenklich auf eine Weise beantwortet, die sogar &#252;bererf&#252;llte, was ich mir erhofft hatte. Die F&#252;lle vorgeschlagener neuer Perspektiven und Desiderata der Tolkien- sowie der Phantastikforschung, die so skizziert wurden, &#252;bertraf bei Weitem, was ich bei der Vorbereitung des Forums antizipiert hatte. Auch deshalb sind wir von der Herausgeberseite den Beitr&#228;ger:innen sehr dankbar und hoffen nicht zuletzt, auf mittlere Sicht eine ganze Reihe der aufgeworfenen Fragen und vorgeschlagenen Themen realisiert zu sehen.</p>
<p>Friedhelm Schneidewind weist nicht nur auf verschiedene m&#246;gliche Forschungsschwerpunkte hin, sondern regt vor allem eine empirische Besch&#228;ftigung mit der Rezeptionsweise von Tolkiens Werken an, insbesondere dahingehend, ob sich gesellschaftlich relevante Auswirkungen nachweisen lassen. Zudem betont er die Abh&#228;ngigkeit jeglicher literarischer Interpretationen von den zeitgen&#246;ssischen Umst&#228;nden ihrer Rezeption, was automatisch bedeute, dass eine entsprechende Besch&#228;ftigung mit Kulturph&#228;nomenen und k&#252;nstlerischen Erzeugnissen nie an ein Ende kommen k&#246;nne.</p>
<p>Mariana Rios Maldonado weist die Anregung eines Endes der Tolkienforschung schon durch den Aufweis der Fluidit&#228;t der Untersuchungsweisen und -methoden selbst in vermeintlich gut ausgeleuchteten Forschungsfeldern zur&#252;ck. Sie sieht aber besonders hinsichtlich des Popkulturph&#228;nomens Tolkien einen Bedarf an Erkenntnisgewinn sowohl hinsichtlich seiner medialen Auspr&#228;gungen als auch der unterschiedlichen Publika und ihren jeweiligen Motiven, sich seit Jahrzehnten, ohne darin nachzulassen, dem Werk zuzuwenden.</p>
<p>Thomas Fornet-Ponse gesteht dem Thema Tolkien und seinem Werk eine dominante Stellung in der Phantastikforschung zu, zieht daraus aber den Schluss, dass gerade diese Dominanz als T&#252;r&#246;ffner f&#252;r eine Ausweitung der Besch&#228;ftigung mit phantastischer Kunst und Literatur allgemein dienen kann, die immer noch nicht in ad&#228;quatem Ma&#223;e Aufmerksamkeit und seri&#246;ses Interesse der Forschenden unterschiedlichster Richtungen auf sich ziehe. Tolkien erf&#252;lle damit wom&#246;glich die Rolle eines typischen Klassikers, deren Bedeutung schon immer darin lag, st&#228;ndig neu bewertet und in Beziehung gesetzt werden zu m&#252;ssen.</p>
<p>Auch Tom Emanuel betont den Leuchtturmcharakter Tolkiens und seiner Fantasy, hebt aber dabei besonders auf die Rolle des Mythenerz&#228;hlers ab, der klassische Topoi menschlicher Erz&#228;hlkunst aufnahm, weiterspann und so selbst wieder zum Steinbruch moderner Erz&#228;hlerinnen und Erz&#228;hler wird. Emanuel nennt eine Reihe von Autor:innen, die, in Beziehung zu Tolkien gesetzt, als Untersuchungsgegenstand sowohl den Stand der Phantastik als Kunst wie auch ihre Rolle in modernen Kulturen und Subkulturen zu beleuchten vermag. F&#252;r Letzteres und als Beispiele kritischer Forschung nennt Emanuel dankenswerterweise einige Beispiele zur weiterf&#252;hrenden Besch&#228;ftigung.</p>
<fig id="F1">
<label>Abb. 1:</label>
<caption>
<p>J. R. R. Tolkien, Aufnahme von ca. 1925</p>
</caption>
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<p>Thomas Honegger lehnt ein Ende der Tolkienforschung schon mit Verweis auf die Komplexit&#228;t des Materials und dem Hinweis ab, dass nicht einmal die Korpusbildung abgeschlossen sei. Er weist aber auch in besonderem Ma&#223;e auf erstens Tolkiens zentrale Rolle in der Phantastik hin, die allein durch neu geschaffene Werke, die s&#228;mtlich ja nicht in Unkenntnis von Tolkien entstehen, einen st&#228;ndigen Dialog zwischen Alt und Neu bewirke, der wissenschaftliche Begleitung verdient. Zweitens betont er, dass aktuelle Ereignisse der Zeitgeschichte nicht ohne Einfluss auf die Tolkienrezeption bleiben, die immer auch vor dem Hintergrund der sich ver&#228;ndernden Erfahrungen und Sozialisationsweisen seines Publikums neu bewertet werden sollte.</p>
<p>Insofern hat eine freche Frage, die mit &#187;Quatsch!&#171; schon hinreichend beantwortet worden w&#228;re, sich als dennoch berechtigt erwiesen, und das &#187;Forum 2023&#171; hat seinen Sinn, der Phantastik pointierte Denkanst&#246;&#223;e zu geben, erf&#252;llt.</p>
<p>Ich selbst beantworte die Frage danach, ob wir mit der Tolkienforschung langsam abschlie&#223;en sollten, &#252;brigens mit einem entschiedenen &#187;Nein, aber &#8230;&#171;</p>
<p>Die Arbeit mit und &#252;ber Tolkiens Werk war mein Einstieg in die Phantastikforschung. So interessant dies an sich schon war, so hat die Besch&#228;ftigung mit dem &#187;Gro&#223;vater der Fantasy&#171;, wie Tolkiens-Genrekollege Raymond Feist den Professor nannte (<xref ref-type="bibr" rid="B17">Feist 29</xref>), mir aber vor allem Horizonte der Phantastik als Gro&#223;genre zu erschlie&#223;en geholfen. Ich habe Tolkiens B&#252;cher deshalb einmal als &#187;Gravitationslinse&#171; bezeichnet, die unsere Perspektive bei der Analyse nachfolgender Genrewerke ma&#223;geblich beeinflusst (<xref ref-type="bibr" rid="B56">Weinreich 148</xref>).</p>
<p>Insofern ist die Tolkienforschung einer der gehaltvollsten Ausgangspunkte, um sich mit der Phantastik wissenschaftlich zu besch&#228;ftigen. Mindestens aus dem Grund, dass sich jedoch &#8211; er ist nun einmal seit f&#252;nfzig Jahren nicht mehr unter uns &#8211; seit Tolkiens Wirken in der Fantasy im Speziellen wie in der Phantastik im Allgemeinen so viel Neues, Fortentwickeltes und Andersartiges getan hat, kann man jedoch nicht in Mittelerde stehenbleiben. Das ist das Gleiche, als w&#252;rde ein Historiker seine analytische Arbeit mit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts beenden wollen. Aber so wie der Blick zur&#252;ck vor die Zeit des Zusammenbruchs historisch fundierte Antworten auf aktuelle Fragestellungen zu liefern vermag, so wird es immer hilfreich bleiben, sich nach Mittelerde oder zu <xref ref-type="bibr" rid="B50"><italic>Roverandom</italic></xref> (1925) und dem <xref ref-type="bibr" rid="B42"><italic>Smith of Wootton Major</italic></xref> (1967) zur&#252;ckzubegeben, um das pers&#246;nliche wie allgemeine Verst&#228;ndnis der Rolle phantastischer Kunst und Literatur zu vertiefen.</p>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Frank Weinreich studierte Philosophie, Politikwissenschaften und Publizistik an der Ruhr-Universit&#228;t Bochum, promovierte in Philosophie an der Universit&#228;t Vechta und arbeitete als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent an den Universit&#228;ten Bochum, Dortmund und Vechta. Er lebt mittlerweile als freier Lektor und Publizist in Bochum und ver&#246;ffentlichte &#252;ber einhundert B&#252;cher und Artikel zu verschiedensten Themen der Phantastik. Seit 2023 ist er auch als Mitherausgeber der <italic>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</italic> t&#228;tig. Berufliche Homepage: <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://textarbeiten.com/">www.textarbeiten.com</ext-link>, private Homepage (inkl. einiger Artikel): <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://polyoinos.de/">www.polyoinos.de</ext-link>.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>Forschen mit Relevanz und Aufwand</title>
<p>Friedhelm Schneidewind</p>
<p>Dass noch viel zu Tolkiens Werk und insbesondere zu dessen Rezeption und Wirkung zu forschen ist, steht f&#252;r mich au&#223;er Frage.</p>
<p>Forschung zu einem Thema abschlie&#223;en zu wollen, widerspricht von vornherein den Grunds&#228;tzen seri&#246;ser Wissenschaft. Solange noch etwas herauszufinden ist, sollte daran gearbeitet werden. Schlie&#223;lich gilt auch f&#252;r die Tolkienforschung die ber&#252;hmte Metapher von Blaise Pascal: W&#228;chst das Wissen, das wie eine Kugel im All des Nichtwissens schwimmt, w&#228;chst damit auch immer das Nichtwissen. Denn es vergr&#246;&#223;ert sich die Oberfl&#228;che der Wissenskugel, und die Ber&#252;hrungspunkte mit dem Nichtwissen nehmen zu. Es wird also zwangsl&#228;ufig immer etwas zu forschen geben!</p>
<p>Wie sinnvoll dies sein kann, zeigen auf einem ganz anderen Gebiet die Forschungen von Katalin Karik&#243; und Drew Weissman, die Jahrzehnte lang Grundlagenforschung betrieben, die von vielen ihrer Kolleg:innen f&#252;r unsinnig gehalten wurde. In diesem Jahr wurden sie daf&#252;r mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet, weil ohne ihre Forschung eine mRNA-Corona-Impfung nicht m&#246;glich gewesen w&#228;re.</p>
<p>Aber auch unabh&#228;ngig von solchen prinzipiell die Wissenschaft betreffenden &#220;berlegungen gibt es Gr&#252;nde, weiter zu Tolkiens Werk und auch seinem Leben zu forschen.</p>
<sec>
<title>I</title>
<p>&#187;Gute Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass sie in unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich gelesen wird &#8211; und so immer wieder neue Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r neue Probleme bietet&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B28">Horatschek</xref>). Was Anna-Margaretha Horatschek in ihrem Vortrag beim Kongress der Karl-May-Gesellschaft im Oktober 2023 in Dortmund zu Karl May sagte, gilt genauso f&#252;r Tolkien. Allein deswegen sollte zu dessen Werk und Leben weiterhin geforscht werden.</p>
<p>Noch notwendiger ist dies, weil sich nicht nur die Zeiten und Probleme &#228;ndern, sondern auch die Rezeption unter anderen Gesichtspunkten und Bedingungen erfolgt &#8211; sei es durch ein wissenschaftliches Fachpublikum oder durch interessierte Laien. Wer heute Tolkien einigerma&#223;en informiert liest, tut dies, w&#228;hrend in zumindest unserer Gesellschaft &#252;ber zahlreiche Themen diskutiert wird, die Mitte des letzten Jahrhunderts keine oder kaum eine Rolle spielten: (Post-)Kolonialismus, Rassismus, Ableismus, Sexismus, Genderfragen, #MeToo, Homophobie, Transphobie, Cancel Culture &#8230; In der Fachwelt wird geforscht und geschrieben &#252;ber Subjektivit&#228;t, Identit&#228;t, Alterit&#228;t und Ethnizit&#228;t, es gibt Postcolonial und Transcultural Studies &#8230;</p>
<p>Kurz und gut: &#220;ber einen Autor von der Bedeutung Tolkiens und dessen Werk muss unter diesen stets sich &#228;ndernden Bedingungen und stets neuen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Aspekten immer wieder und immer wieder neu geforscht werden!</p>
</sec>
<sec>
<title>II</title>
<p>Ein Schwerpunkt der Tolkienforschung sollte nat&#252;rlich der Einfluss von Tolkiens Werk auf die Leser:innen sein &#8211; und im Weiteren auch der verschiedenen Bearbeitungen und auf transmediale Auspr&#228;gungen wie Filme, Games etc. Diese k&#246;nnen wiederum nach unterschiedlichen Kriterien wie Alter, sozialer Stellung, Bildung, durchaus auch politischer Einstellung und Religion spezifisch aufgeschl&#252;sselt werden. Und das betrifft nicht nur das Leseempfinden und damit verbundene Emotionen, sondern auch Einfl&#252;sse auf Haltungen und Handlungen.</p>
<p>Eine Frage, die es immer wieder zu beantworten gilt: Kann Tolkiens Werk etwas bewirken (ich wei&#223; aus eigener Erfahrung, dass es das kann), und wenn ja: was, beim wem, unter welchen Umst&#228;nden und in welche Richtung? Das Spektrum reicht hier von handlungsleitenden &#220;berzeugungen bis hin zu psychologischen Wirkungen etwa auf Resilienz und Lebenseinstellung.</p>
<p>Hierbei gilt zu ber&#252;cksichtigen, dass heute kaum jemand Tolkiens Werk so lesen kann wie dies zu seiner Entstehungszeit m&#246;glich war. Denn mit dem Werk unl&#246;sbar verbunden ist nat&#252;rlich seine Rezeptionsgeschichte. Noch einmal Horatschek: &#187;<italic>Leser wissen im R&#252;ckblick anderes und in manchen Bereichen mehr als die Autoren z. B. &#252;ber die Wirkm&#228;chtigkeit ihrer Texte</italic>.&#171;</p>
</sec>
<sec>
<title>III</title>
<p>Aktuell spielt der Themenkomplex Glauben, Spiritualit&#228;t und Religion(en) in der Tolkienforschung eine wesentliche Rolle. Dies wird beispielsweise deutlich an der Liste der Vortr&#228;ge f&#252;r das Tolkien Society Online Seminar 2023, das am 26. November 2023 an der University of Glasgow stattfand &#8211; Thema: &#187;Tolkien and Religion in the Twenty-first Century&#171;. Dabei ging es um Einfl&#252;sse <italic>auf</italic> Tolkiens Werk ebenso wie um verschiedene Lesarten <italic>von</italic> Tolkiens Werk, je nach religi&#246;ser Pr&#228;gung. Ein paar ausgew&#228;hlte Vortragsthemen:</p>
<list list-type="simple">
<list-item><p>&#8211; On Some Esoteric Motifs in <italic>The Silmarillion</italic></p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Pagan Magic and the Marvelous: Songs of Enchantment in <xref ref-type="bibr" rid="B45">J. R. R. Tolkien&#8217;s</xref> <italic>The Silmarillion</italic></p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Tolkien and Roth: The Legendarium Meets Jewish History</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; &#187;With Furious Speed&#171; &#8211; Tolkien, Revelation, and the Tibetan Treasure Tradition</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; &#187;Borne away like smoke&#171;: Unpacking J. R. R. Tolkien&#8217;s Depiction of Cremation in Middle-earth in the Context of Catholic Canon Law</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Il&#250;vatar as a Reader/Listener-God: A Barthesian Interpretation of Sub-creation in Tolkien</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Baruk Khazad! Antisemitism, Jewish Joy, and Dwarven Contexts</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; The Tao of Tom Bombadil</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Finrod the Mensch: A Jewish Perspective</p></list-item>
</list>
<p>Ich denke, in diesem Zusammenhang g&#228;be es noch einiges mehr zu erforschen; zwei konkrete Vorschl&#228;ge unterbreite ich weiter unten.</p>
</sec>
<sec>
<title>IV</title>
<p>Es gibt eine Art der Tolkienforschung, auf die nach meiner Auffassung verzichtet werden <italic>k&#246;nnte</italic>: Ich bezeichne es mal als das &#187;Kochen im eigenen Saft&#171;. Damit meine ich &#187;Forschungen&#171; und Untersuchungen, die sich nur mit Themen innerhalb des Werkes besch&#228;ftigen, ohne nach au&#223;en Relevanz zu entwickeln. Sicher k&#246;nnte man sich auch Gedanken machen &#252;ber die Art von Lobelias Regenschirm im Lichte der zu Tolkiens Zeit und speziell von ihm verwendeten Regenschirme &#8211; die wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz einer solchen Untersuchung wage ich zu bezweifeln.</p>
<p>Damit will ich dergleichen &#187;Forschungen&#171; niemandem vermiesen; sie k&#246;nnen eine Menge Spa&#223; machen, aber sie sind nicht notwendig. Ich pl&#228;diere nur daf&#252;r, in Derartiges keine Forschungsgelder oder andere wertvolle Ressourcen zu investieren. Au&#223;er vielleicht, so eine Untersuchung dient im Einzelfall als &#220;bung, als Lernfeld, f&#252;r den wissenschaftlichen Nachwuchs.</p>
<p>Was ich auch f&#252;r wenig sinnvoll halte, sind umfangreiche Untersuchungen &#252;ber das zu Tolkiens Lebzeiten ver&#246;ffentlichte Werk hinaus. Zu den f&#252;r die Forschung wichtigen Werken, die Tolkien selbst f&#252;r die Ver&#246;ffentlichung autorisierte, z&#228;hle ich neben <italic>The Lord of the Rings</italic> (1954&#8211;1955) inklusive der Anh&#228;nge und <xref ref-type="bibr" rid="B43"><italic>The Hobbit</italic></xref> (1937) auch Tolkiens Geschichten und seine Briefe. Letztere gingen, wenn auch damals nicht in Buchform, &#187;nach au&#223;en&#171;; Tolkiens Aussagen darin konnten also prinzipiell bekannt sein. Das gilt zumindest f&#252;r diejenigen Briefe, die er abgeschickt hat. Auch das posthum ver&#246;ffentlichte <italic>Silmarillion</italic> (1977) halte ich f&#252;r eine Quelle, mit der und &#252;ber die zu forschen sich lohnt, obwohl das ver&#246;ffentlichte Buch nicht von Tolkien selbst stammt. Aber mit dem <italic>Silmarillion</italic> versuchte sein Sohn und vom Vater als literarischer Verwalter eingesetzter Erbe Christopher Tolkien, das &#187;Buch der verlorenen (oder verschollenen) Geschichten&#171; in lesbare Form zu bringen, das sein Vater mit 25 Jahren Anfang 1917 zu schreiben begonnen hatte, und an dem er zeitlebens weiterarbeitete und das er gerne zusammen mit <italic>The Lord of the Rings</italic> ver&#246;ffentlicht h&#228;tte.</p>
<p>Posthum von Christopher Tolkien ver&#246;ffentlichte literarische Werke wie <italic>The Fall of Arthur</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B51">2013</xref>) oder <italic>The Legend of Sigurd and Gudr&#250;n</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2009</xref>) k&#246;nnen durchaus Gegenstand relevanter Forschung im Rahmen eines Fachgebietes sein, wenn auch selten dar&#252;ber hinaus.</p>
<fig id="F2">
<label>Abb. 2:</label>
<caption>
<p><italic>The Silmarillion</italic>, Cover der Erstausgabe von 1977</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zff-11-1-15116-g2.jpg"/>
</fig>
<p>Die gro&#223;e Zettelsammlung <italic>History of Middle-Earth</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B47">1983&#8211;1996</xref>) als Forschungsgegenstand zu nutzen ist f&#252;r mich hingegen ein Paradebeispiel f&#252;r &#187;Kochen im eigenen Saft&#171;. Man muss wirklich nicht der Bedeutung jeder Notiz auf der R&#252;ckseite eines Einkaufszettel nachgehen &#8230; &#196;hnliches gilt f&#252;r Kompilationen wie <italic>The Children of H&#250;rin</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B48">2007</xref>) sowie <italic>Beren and L&#250;thien</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B53">2017</xref>).</p>
</sec>
<sec>
<title>V</title>
<p>Am anderen Ende des Spektrums befindet sich die Forschung, die ich vermisse &#8211; wahrscheinlich, weil sie zu viel Aufwand bedeutet, sei es in zeitlicher, personeller oder finanzieller Hinsicht.</p>
<p>Ich will zwei Beispiele daf&#252;r anf&#252;hren.</p>
<p>Seit &#252;ber zwanzig Jahren rege ich immer wieder an, zu untersuchen, wie sehr die religi&#246;se Pr&#228;gung und/oder Vorbildung eines Menschen dessen Rezeption von <italic>The Lord of the Rings</italic> und noch eher des <italic>Silmarillion</italic> beeinflusst. Dass dies h&#228;ufig so ist, wei&#223; ich aus zahlreichen Gespr&#228;chen: dass beispielsweise die Maia unterschiedlich wahrgenommen werden k&#246;nnen und zwar als &#187;Heilige&#171; von Menschen mit katholischer Pr&#228;gung, im Gegensatz zu denen evangelisch-lutherischen Glaubens, in dem es keine Heiligen gibt. Wie nehmen Muslime das <italic>Silmarillion</italic> beim ersten Lesen wahr? Wie J&#252;d:innen, Buddhist:innen, Taoist:innen etc.?</p>
<p>Leider habe ich noch niemanden gefunden, der die M&#252;he einer soliden wissenschaftlichen Untersuchung in dieser Hinsicht auf sich nehmen wollte. Das ist Tolkienforschung, wie ich sie mir w&#252;nschen w&#252;rde!</p>
<p>Mein zweites Beispiel: 2010 habe ich f&#252;r die Gr&#252;ndungskonferenz der Gesellschaft f&#252;r Fantastikforschung (GFF) einen Vortrag geschrieben, den ich im Anschluss noch mehrfach gehalten und 2011 publiziert habe: &#187;Fantastik als Friedensstifter? Die Fantastik und insbesondere die Fantasy als Vermittler kultureller Kenntnisse und kultur&#252;bergreifenden Verst&#228;ndnisses, aufgezeigt am Bild der Drachen und von Tolkien&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B38">Schneidewind 135</xref>).</p>
<p>Meine Hauptthese steckt schon im Titel: Die Fantastik im weitesten Sinne und insbesondere die Fantasy k&#246;nnen, da sie kulturelle Kenntnisse vermitteln und zu kultur&#252;bergreifendem Verst&#228;ndnis beitragen, friedensstiftend wirken. Die Besch&#228;ftigung mit verschiedenen (Sub-)Kulturen und Mythologien, Weltanschauungen und Ethiken kann zu einer positiv(er)en Einstellung gegen&#252;ber &#187;fremden&#171; Kulturen und/oder Wesen f&#252;hren, zum Verst&#228;ndnis des Fremden und/oder Anderen, und damit zur Vermeidung von Konflikten beitragen. Ob dies stimmt, w&#252;rde ich zu gerne solide wissenschaftlich untersucht sehen.</p>
<p>Dies w&#228;ren nat&#252;rlich Forschungen, die weit &#252;ber die literaturwissenschaftliche Untersuchung von Texten hinausgehen, deshalb werde ich sie wohl so schnell nicht erleben.</p>
<p>Aber solche Forschung und welche von gesellschaftlicher Relevanz, wie unter Punkt II ausgef&#252;hrt, sollte, nein muss, es unbedingt weiterhin geben. Es gibt sie zu Shakespeare und Goethe, Joseph Conrad und Thomas Mann &#8211; Tolkien ist nicht weniger relevant.</p>
</sec>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Friedhelm Schneidewind, Jahrgang 1958, studierte Biologie und einige Semester Informatik und lebt als freier Dozent, Musiker, Journalist und Autor in Mannheim. Zu Mythologie und Phantastik publiziert er seit 1989, u. a. <italic>Das gro&#223;e Tolkien-Lexikon</italic> (2001), <italic>Mythologie und phantastische Literatur</italic> (2008), <italic>Mein Mittelerde</italic> (2011), <italic>Das neue gro&#223;e Tolkien-Lexikon</italic> (2021) und <italic>Das Quiz der Ringe</italic> (2023). Er ver&#246;ffentlichte Story- und Essayb&#228;nde, Liederhefte, zwei Romane und das Vampirtheaterst&#252;ck <italic>Carmilla</italic>. Lexika &#252;ber Drachen, Harry Potter, Jenseitswelten und Vampire sowie mehrere Sachb&#252;cher und zahlreiche Artikel weisen ihn als Experten f&#252;r phantastische Literatur und Mythologie aus. Schneidewind ist Mitglied u. a. in der Deutschen Tolkien Gesellschaft (DTG), in der Tolkien-Society, im Phantastik-Autor*innen-Netzwerk (PAN), im Verband Deutscher Schriftsteller*innen (VS), in der Gesellschaft f&#252;r Fantastikforschung (GfF) und im Deutschen Fachjournalistenverband (DFJV).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>Das Ende der Tolkien-Forschung, wie wir sie zu kennen glauben</title>
<p>Mariana Rios Maldonado</p>
<p>Als praktizierende Tolkienistin m&#246;chte ich die Ausgangsfrage dieses Forums, ob es an der Zeit ist, mit der Tolkienforschung Schluss zu machen, gerne umformulieren: &#187;Ist es an der Zeit, mit der Tolkien-Forschung, <italic>wie wir sie zu kennen glauben</italic>, Schluss zu machen?&#171; Und dann lautet meine Antwort zweifelsfrei: Ja.</p>
<p>Zun&#228;chst ist es wichtig, die Elemente meiner Neuformulierung zu pr&#228;zisieren: Wen meine ich mit &#187;wir&#171;? Damit meine ich die Leser, Kritiker, Forscher und Fans, die <italic>glauben</italic> zu <italic>wissen</italic>, worum es in Werken Tolkiens geht. Und was meine ich mit &#187;wie wir die Tolkien-Forschung zu kennen glauben&#8221;? Ich habe den Eindruck gewonnen, dass insbesondere au&#223;erhalb der Tolkien-Studien die Meinung weit verbreitet ist, dass nur wenige Aspekte von J. R. R. Tolkiens Werk unerforscht geblieben sind. Dar&#252;ber hinaus sind die fruchtbarsten Wege zum Verst&#228;ndnis von Tolkiens literarischem Schaffen &#8211; womit ich die mythischen und mittelalterlichen Einfl&#252;sse und Inspirationsquellen des Autors sowie den Einfluss von Tolkiens spiritueller Weltanschauung und seiner Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg auf sein Werk meine &#8211; mittlerweile m&#246;glicherweise tats&#228;chlich &#252;bererforscht. Diese Wege wurden als wesentliche S&#228;ulen der Tolkien-Studien betrachtet, weil ein bedeutender Teil der Untersuchungen und Kommentare zu Beginn der Erforschung des Feldes diese Zug&#228;nge nutzte, um die Qualit&#228;ten zu verteidigen und hervorzuheben, die den <italic>Hobbit, The Lord of the Rings</italic> und das <italic>Silmarillion</italic> einer kritischen Untersuchung w&#252;rdig machten &#8211; jenseits und unabh&#228;ngig von ihrer offensichtlichen Popularit&#228;t. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass, so etabliert Tolkien und seine Welt Mittelerde heute auch sind, diese literarische Gattung und ihre Bedeutung f&#252;r einige Kritiker einst gleichbedeutend waren mit dem Urteil, dass sie einer ernsthaften, professionellen akademischen Besch&#228;ftigung unw&#252;rdig seien.</p>
<p>Damit kommen wir zu der Frage des Forums, die f&#252;r den gegenw&#228;rtigen Stand der Tolkien-Studien unterstellt, dass sie das meiste oder alles ausgesagt habe, was sie aus allen m&#246;glichen Blickwinkeln sagen k&#246;nnte. Dieser Eindruck ist meiner Meinung nach aus zwei Gr&#252;nden unzutreffend: Erstens sind alle Disziplinen, die ich zuvor erw&#228;hnt habe oder die in irgendeiner Weise zur Tolkien-Forschung beigetragen haben, weder statisch noch monolithisch. &#196;hnlich wie die Tolkien-Forschung selbst entwickeln F&#228;cher von der Theologie bis zur Medi&#228;vistik immer wieder alternative Rahmenkonzepte und liefern neue Erkenntnisse &#252;ber ihre Studienobjekte. Wie jeder andere Forschungszweig sind auch sie daher in der Lage, neue Erkenntnisse &#252;ber Tolkiens Werk zu produzieren. Zweitens hat sich seit Beginn des neuen Jahrtausends die Vielfalt der Blickwinkel und Perspektiven, aus denen sich die Tolkien-Forschung zusammensetzt, vervielfacht, unter anderem durch die Einbeziehung von Disziplinen wie der <italic>critical race theory</italic>, der Genderforschung, der <italic>postcolonial theory</italic>, der postmodernen Philosophie und der <italic>queer studies</italic>, die zur weiteren Untersuchung von Aspekten von Tolkiens Texten herangezogen werden. Es ist jedoch gleichzeitig wahr, dass diese eher zeitgen&#246;ssischen Rahmenwerke im Vergleich zu dem, was bis jetzt den Gro&#223;teil der Tolkien-Studien ausmacht, unterrepr&#228;sentiert bleiben. F&#252;r einen Autor, der im 20. Jahrhundert schrieb, publizierte und ber&#252;hmt wurde, ist dies ein au&#223;ergew&#246;hnlicher Zustand. Daher sehe ich mit Blick auf diese unterschiedlichen Aspekte die M&#246;glichkeit, zu hinterfragen, was wir unter Tolkien-Forschung verstehen, und f&#252;r diejenigen, die Teil des Feldes sind, zu artikulieren, wie wir uns die Zukunft unseres Forschungsgebietes vorstellen k&#246;nnen.</p>
<p>Es w&#228;re kaum sinnvoll, leugnen zu wollen, dass Tolkiens Texte und die Multimediaprodukte, die sie in den Jahrzehnten nach der Ver&#246;ffentlichung von <italic>The Lord of the Rings</italic> inspiriert haben &#8211; Filme, Fernsehserien, Videospiele, Kartenspiele, Rollenspiele, YouTube-Kan&#228;le, Influencer-Accounts und manches mehr &#8211; in kultureller wie finanzieller Hinsicht sehr erfolgreiche Unternehmungen sind. Unabh&#228;ngig davon, was man beruflich oder pers&#246;nlich von Tolkien und seinen literarischen Werken h&#228;lt, k&#246;nnte man argumentieren, dass der Status von Mittelerde als globales Pop-Ph&#228;nomen bedeutet, dass nicht nur Tolkiens Werke und ihr Verm&#228;chtnis untersucht werden sollten, sondern dass es ebenso notwendig ist, die &#228;u&#223;eren Qualit&#228;ten zu analysieren, die eine solch anhaltende Anziehungskraft garantierten. Welche Kr&#228;fte und Strukturen sind daf&#252;r verantwortlich, dass Tolkien einer der wenigen Fantasy-Autoren ist, die kontinuierlich in die Lehrpl&#228;ne von Hochschulstudieng&#228;ngen aufgenommen werden?</p>
<p>Als Fantastik-Forscherinnen und -Forscher glauben wir gerne, dass sich die Dinge in unserem Interessenfeld ge&#228;ndert haben. Doch in Wahrheit wird die Fantasy-Literatur in vielen akademischen Kreisen trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer popul&#228;ren Leserschaft weiterhin als unbedeutendes, niederes oder peripheres Genre angesehen. In &#228;hnlicher Weise lohnt es sich zu fragen, warum der Verlags- und Redaktionsmarkt heute einen so gro&#223;en Raum f&#252;r Tolkien und Tolkien-bezogene Inhalte zur Verf&#252;gung stellt. Und warum Medienunternehmen weiterhin Milliarden von Dollar in die Adaption und Entwicklung von Produkten investieren, die von seiner Sekund&#228;rwelt inspiriert sind. Mit diesen vielleicht offensichtlichen Fragen &#8211; oder sogar Plattit&#252;den &#8211; m&#246;chte ich darauf hinweisen, dass die Antwort nicht nur vom Bekanntheitsgrad oder der Qualit&#228;t von Tolkien, seinen Werken und deren Verfilmungen abh&#228;ngt. Vielmehr m&#246;chte ich die Aufforderung formulieren, aus der Perspektive der Konsumierenden, der Leser:innen und der Verleger:innen zu hinterfragen, warum sie im Jahr 2024 weiterhin die von Tolkien geschaffene Fantasie suchen &#8211; im Gegensatz zum Beispiel zu den Werken zeitgen&#246;ssischerer Autorinnen und Autoren. Ich spreche hier von der Untersuchung eines Wandels, der die Beziehung zwischen einem Individuum oder einer Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Kunstwerk in den Vordergrund stellt und sich mit den Bed&#252;rfnissen, W&#252;nschen und Sehns&#252;chten besch&#228;ftigt, die durch ein bestimmtes Medienwerk erf&#252;llt werden. Dies w&#252;rde eine Methodik erfordern, die nicht nur &#252;ber den Inhalt der B&#252;cher und ihrer Adaptionen sowie das Leben des Autors hinausgeht, sondern auch in der Lage ist, die Gemeinschaften zu untersuchen, die sich heute in Mittelerde tummeln. Eine solche methodische Perspektive m&#252;sste daher Beitr&#228;ge aus den Theorien der Lesenden-Rezeption und -Reaktion, der Fan Studies und der Kulturwissenschaften ber&#252;cksichtigen. Denn obwohl bereits Arbeiten zur Erforschung der kulturellen Wirkung von Tolkiens literarischer Produktion durchgef&#252;hrt wurden, sind die Orte und Gef&#228;&#223;e, in denen sich diese Wirkung manifestiert, einem stetigen Wandel unterworfen und ver&#228;ndern und diversifizieren sich in Form und Reichweite, w&#228;hrend wir sprechen.</p>
<fig id="F3">
<label>Abb. 3:</label>
<caption>
<p><italic>The Fellowship oft he Ring</italic>, Cover der Erstausgabe von 1954</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zff-11-1-15116-g3.jpg"/>
</fig>
<p>Dar&#252;ber hinaus muss sich die Tolkien-Forschung weiterhin mit den &#220;berschneidungen zwischen den Gemeinschaften besch&#228;ftigen, die sich um Tolkiens Werke und die dazugeh&#246;rigen Medien drehen. Auch mit den Aspekten und Perspektiven, die in der Geschichte der Tolkien-Forschung vernachl&#228;ssigt, wenn nicht sogar von einigen verachtet wurden &#8211; insbesondere jene, die mit Klasse, Geschlecht und <italic>Race</italic> zu tun haben &#8211;, sollte sich die Forschung nachhaltig befassen. Wir sollten als Wissenschaftler:innen und Leser:innen nicht nur die Vorliebe f&#252;r bestimmte Interpretationsans&#228;tze innerhalb der Tolkien-Forschung oder das, was wir mit diesem wissenschaftlichen Feld verbinden, in Frage stellen, sondern vor allem den Zusammenhang von Themen wie <italic>critical race theory</italic>, Rassismus sowie der Art und Weise, wie Tolkien heute noch gelesen wird, problematisieren: Von wem geht das Interesse f&#252;r Tolkien aus und welche Absichten stehen dahinter? Ich beziehe mich hier konkret auf die Art und Weise, wie rechtsextreme, wei&#223;-suprematistische Gruppen und Bewegungen in L&#228;ndern wie Italien, den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten K&#246;nigreich ihre Interpretationen von Tolkiens Texten instrumentalisiert haben, um ihre Weltanschauung zu verbreiten und mehr Anh&#228;nger f&#252;r ihre Sache zu gewinnen. Dies ist nichts Neues und geht bis auf die Jahre unmittelbar nach der Ver&#246;ffentlichung von <italic>The Lord of the Rings</italic> zur&#252;ck. Die akademische Welt und breitere Kreise des Fandoms m&#252;ssen diese Erscheinungen als das erkennen, was sie sind, n&#228;mlich ebenfalls als Teil der Geschichte der Tolkien-Leserschaft. Wenn wir keine entscheidende, nuancierte Diskussion dar&#252;ber f&#252;hren, wie Tolkiens literarisches Werk weiterhin von der rechtsextremen Ideologie (vor allem im Internet) als Waffe eingesetzt wird, und wir dann auch noch mit der Tolkien-Forschung Schluss machen, geben wir der aktuellen Welle des Faschismus nach, die durch die Vereinnahmung kultureller Produkte, die ihren Zwecken und Bed&#252;rfnissen dienen, weiter an Schwung gewinnt. Wenn sich die Tolkien-Forschung auf ausgetretene Pfade beschr&#228;nkt, anstatt neue und innovative Lesarten zu f&#246;rdern, die stets von Neuem zeigen, wie Tolkiens Texte zwar Teil und Spiegelbild unterdr&#252;ckerischer Machtstrukturen sind, aber auch in der Lage sind, ihnen zu trotzen oder zu entkommen, dann lassen wir die Tolkien-Forschung im Stich. Insbesondere lassen wir Leserinnen und Fans aus marginalisierten Gemeinschaften im Stich, die in Mittelerde Freude und ein Gef&#252;hl der Zugeh&#246;rigkeit gefunden haben.</p>
<p>Wenn ich diesen Beitrag f&#252;r das Forum schreibe, spreche ich auch als P&#228;dagogin. Ich habe aus erster Hand erfahren, mit welcher Leidenschaft sich Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler sowie Studierende mit literarischen Werken auseinandersetzen und wie diese Leidenschaft ein erster Schritt sein kann, um Texte, die wir f&#252;r bekannt halten, auf neue und kreative Weise zu lesen. Dieses aufrichtige Interesse an der Analyse eines bestimmten Textes sollte nicht entmutigt werden, blo&#223; weil wir als Wissenschaftler, Lehrer oder &#196;ltere der Meinung sind, dass die Wahl unseres Studienobjekts Teil einer langen und nur zu bekannten Spur vergangener Forschung ist. Eine solche Haltung bedeutet, dass wir unsere eigenen Erfahrungen und Vorurteile auf k&#252;nftige Forschende projizieren und gleichzeitig eine Haltung einnehmen, die der Hybris gleichkommt. Diese Haltung setzt in gewisser Weise voraus, dass die Bedeutungen und Interpretationsm&#246;glichkeiten eines bestimmten Textes l&#228;ngst ausgesch&#246;pft wurden. W&#228;re dies tats&#228;chlich der Fall, dann w&#228;re die Literaturwissenschaft als solche letztlich sinnlos. Vielmehr sollten Studierende, die sich mit Tolkiens Texten auseinandersetzen wollen, dazu ermutigt werden, ihre eigene Beziehung zu diesen zu reflektieren. Sie sollten offen und ehrlich dar&#252;ber diskutieren k&#246;nnen, wie und warum sie sich von den Koordinaten ihrer eigenen Realit&#228;t und ihres Wissens aus mit Mittelerde verbunden f&#252;hlen. Dies w&#228;re dann eine Gelegenheit, den Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;lern zu zeigen, dass Mittelerde nicht das Endziel ist: Es stellt vielmehr einen Ausgangspunkt dar. Derselbe Weg, der nach Hobbiton f&#252;hrt, f&#252;hrt auch durch die Geschichte der Fantasyliteratur. Er durchquert nicht nur die Texte und kulturellen Produkte, die Tolkiens Werk inspirierten und von ihm inspiriert wurden, sondern auch die Fantasiewelten, die geschaffen wurden, um die Tradition, die Tolkien unwissentlich angesto&#223;en hat, anzufechten und herauszufordern. Aus dieser Perspektive ist es kaum an der Zeit, Feierabend zu machen. Es ist eine Berufung, zu sehen, wie die Tolkien-Forschung Teil der neuen Horizonte sein kann, die vor uns auftauchen.</p>
<p><italic>Aus dem Englischen &#252;bersetzt von Frank Weinreich</italic>.</p>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Mariana Rios Maldonado absolvierte ihr Grundstudium in Literatur und spanischer Linguistik an der Autonomen Universit&#228;t von Zacatecas, Mexiko, und ihr Masterstudium in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft am Peter Szondi-Institut der Freien Universit&#228;t Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Einfluss der germanischen Mythologie und Kultur in der zeitgen&#246;ssischen Literatur, die deutschsprachige phantastische Literatur zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert sowie die literarische Produktion von J. R. R. Tolkien. Sie hat Artikel und Rezensionen in <italic>Fantastika</italic>, dem <italic>Journal of Tolkien Research, postmedieval</italic> und in dem Sammelband <italic>The Romantic Spirit in the Works of J. R. R. Tolkien</italic> (2024) ver&#246;ffentlicht. Mariana hat vor kurzem ihre Promotion an der Universit&#228;t Glasgow mit einer Arbeit &#252;ber Ethik und Andersartigkeit in J. R. R. Tolkiens Erz&#228;hlungen aus Mittelerde abgeschlossen. Ihre Doktorarbeit wurde vom mexikanischen Nationalen Rat f&#252;r Geisteswissenschaften, Wissenschaft und Technologie (CONAHCYT) sowie von der mexikanischen Nationalen Stiftung f&#252;r Sch&#246;ne K&#252;nste und Literatur (Fundaci&#243;n INBA) finanziert. Sie ist Beauftragte f&#252;r Gleichstellung und Vielfalt am Centre for Fantasy and the Fantastic der Universit&#228;t Glasgow und Mitglied des Redaktionsausschusses von <italic>Mallorn</italic>, der wissenschaftlichen Zeitschrift der Tolkien Society.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>Wird es Zeit, mit der Tolkien-Forschung abzuschlie&#223;en?</title>
<p>Thomas Fornet-Ponse</p>
<p>Als ich vor zwanzig Jahren vom Vorstand der Deutschen Tolkien Gesellschaft gebeten wurde, mich um die geplante wissenschaftliche Tagung und das daraus hervorgehende Jahrbuch zu k&#252;mmern, habe ich nicht damit gerechnet, auch heute noch im Board of Editors f&#252;r <italic>Hither Shore</italic> verantwortlich zu sein. Wovon wir damals allerdings ziemlich sicher ausgegangen sind, war die Notwendigkeit einer baldigen thematischen &#214;ffnung. Denn in den ersten Notizen findet sich der Passus, das Seminar besch&#228;ftige sich &#187;mit der modernen &#8250;<italic>fantasy literature</italic>&#8249; im Besonderen als Ph&#228;nomen der Moderne&#171;. Dementsprechend lautet der vollst&#228;ndige Titel des Jahrbuchs der Deutschen Tolkien Gesellschaft <italic>Hither Shore &#8211; Interdisciplinary Journal on Modern Fantasy Literature</italic>, &#187;um deutlich zu machen, dass uns auch an der Besch&#228;ftigung mit anderen Autoren der Fantasy und Phantastik als John Ronald Reuel Tolkien gelegen ist&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">B&#252;lles und Fornet-Ponse 7</xref>). Tats&#228;chlich hat es jedoch bis 2017 gedauert, bis ein Seminar jenseits von Beitr&#228;gen zu &#187;Tolkien und xy&#171; in gr&#246;&#223;erem Ausma&#223; andere Autor:innen und Texte ber&#252;cksichtigte. Auch danach wurde dies nicht zum Standard &#8211; was schlicht und einfach daran lag, dass uns im Gegensatz zu unseren ersten Vermutungen die tolkienspezifischen Themen nicht so schnell ausgegangen sind. Dies wiederum war auch der &#214;ffnung f&#252;r andere Medien zu verdanken, die sich beispielsweise im Seminar 2013, das Adaptionen von <xref ref-type="bibr" rid="B46">Tolkiens</xref> <italic>The Lord of the Rings</italic> behandelte, in einem Beitrag zu Adaptionen im Live-Rollenspiel zeigte und in diesem Jahr das Thema &#187;Visualisierungen Tolkiens&#171; erm&#246;glichte, in dem es um Buchcover, Illustrationen etc. ging. Auch f&#252;r die n&#228;chsten Jahre stehen noch gen&#252;gend Themen auf unserer Liste mit Vorschl&#228;gen f&#252;r k&#252;nftige Seminare &#8211; und wer wei&#223;, welche Themen sich uns in der Zwischenzeit durch externe Faktoren wie Jubil&#228;en, neue Forschungsfelder oder interne Faktoren wie Erstver&#246;ffentlichungen aus dem Nachlass noch aufdr&#228;ngen &#8230;</p>
<sec>
<title>Tolkien im Wissenschaftsbetrieb</title>
<p>Vor diesem Hintergrund l&#228;ge es nahe, die bewusst provokant formulierte Frage dieses Forums, ob es nicht Zeit werde, mit der Tolkienforschung abzuschlie&#223;en, einfach zu verneinen und den Beitrag damit zu beenden. So einfach will ich es mir aber nicht machen, sondern zun&#228;chst vielmehr die Frage selbst infrage stellen: Wann kann in der wissenschaftlichen Forschung schon etwas als abgeschlossen gelten? Es werden zwar zur Gen&#252;ge einzelne Projekte wie Qualifikationsarbeiten, wissenschaftliche Aufs&#228;tze etc. abgeschlossen, dies geschieht jedoch kaum ohne den Ausblick darauf, wie viele Fragen im entsprechenden Forschungsfeld noch offengeblieben sind und wie wichtig die weitere Forschung daran ist. Selbst wenn dies &#8211; wie kritisch eingewandt werden kann &#8211; prim&#228;r dazu dienen sollte, sich die M&#246;glichkeit f&#252;r den n&#228;chsten Drittmittelantrag offenzuhalten, werden diese offenen Fragen in den meisten F&#228;llen jedoch nicht kontrafaktisch behauptet. Die Forschung zu manchen Fragen mag als irrelevant erscheinen oder nicht viele andere Forschende interessieren, aber sie ist nicht in dem Sinne abgeschlossen, dass alle Fragen gekl&#228;rt w&#228;ren. Es geht bei der Frage dieses Forums also eher darum, ob die weitere Auseinandersetzung mit Tolkien noch lohnend ist, ob es also noch relevante und weiterf&#252;hrende Forschungsfragen und Ans&#228;tze gibt oder die bestehenden Ressourcen woanders besser eingesetzt werden sollten. Aber auch so gestellt, f&#252;hrt sie zu jenem bereits im <italic>Call for Papers</italic> f&#252;r dieses Forum genannten Einwand: Wer h&#228;tte denn die Kompetenz und Autorit&#228;t, solche Entscheidungen zu treffen und Forschenden Themen zu verweigern? Denn selbst wenn Drittmittel nicht bewilligt oder Themen von Qualifikationsarbeiten nicht angenommen werden, wird die Forschung an ihnen nicht verboten, sondern lediglich nicht materiell gef&#246;rdert oder nicht als im Universit&#228;tsbetrieb einsetzbar angesehen &#8211; so gravierend das in den konkreten F&#228;llen auch sein mag.</p>
<p>Auf der anderen Seite kann die Dominanz mancher Autor:innen und Themen im Wissenschaftsbetrieb dazu f&#252;hren, andere zu vernachl&#228;ssigen oder gar nicht erst zu entdecken. Gesteht man der Auseinandersetzung mit Tolkien eine gewisse Dominanz im Bereich der Fantasy- und Phantastikforschung zu, ginge es dann darum, eine in diesem Sinne m&#246;glicherweise bestehende faktische Hegemonie der Tolkienforschung aufzudecken und die Pluralit&#228;t zu f&#246;rdern. Dabei d&#252;rfte aber weniger das Anliegen kontrovers sein &#8211; schlie&#223;lich wurde (und wird in manchen Disziplinen immer noch) auch die wissenschaftliche Besch&#228;ftigung mit Tolkien l&#228;ngere Zeit eher bel&#228;chelt denn als seri&#246;s anerkannt &#8211; als vielmehr die Frage, ob der Tolkienforschung eine solche dominante und faktisch erdr&#252;ckende Stellung zukommt. Doch zum einen ist eine solche Stellung in der Wissenschaft schwer zu belegen, weil von hinreichend vielen Wissenschaftler:innen nachgewiesen werden m&#252;sste, dass sie sich zugunsten der Tolkienforschung nicht mit anderen Autor:innen besch&#228;ftigt haben. Zum anderen setzen sich auch einige der bedeutendsten und produktivsten Tolkienforscher:innen mit anderen Autor:innen auseinander &#8211; ich verweise nur auf die j&#252;ngst erschienene Monographie von Thomas Honegger, die Tolkien dem Werk George R. R. Martins gegen&#252;berstellt und dabei auch weitere Autor:innen der Phantastik ber&#252;cksichtigt. Durchaus plausibel ist jedoch die These, die Bekanntheit Tolkiens und die mittlerweile zu ihm verf&#252;gbare Sekund&#228;rliteratur beg&#252;nstige ihn, wenn Forschungsthemen ausgew&#228;hlt und gefunden werden. Das kann durch die bestehenden Ankn&#252;pfungspunkte oder in Ausblicken genannten offenen Forschungsfelder ebenso geschehen wie dadurch, dass keine Ersterschlie&#223;ung mehr erfolgen muss.</p>
<p>Genau dies hat Tolkien jedoch mit anderen Autor:innen wie William Shakespeare, Johann Wolfgang von Goethe oder Annette von Droste-H&#252;lshoff gemeinsam, die noch weit l&#228;nger nach ihrem Tod analysiert werden als dies bei Tolkien bislang der Fall ist (und dies nicht nur im Schulunterricht oder als akademische Finger&#252;bung) &#8211; ganz zu schweigen von der auch literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit religi&#246;sen oder philosophischen Texten, die zum Teil Jahrtausende nach ihrer Entstehung intensiv und mit h&#246;chst unterschiedlichen Methodiken untersucht werden. Mit diesen Texten und Autor:innen teilt Tolkien (mittlerweile) auch den Umstand, dass aufgrund der F&#252;lle der zu ihnen existierenden Sekund&#228;rliteratur nicht nur, aber gerade studienbedingte Arbeiten nicht immer sonderlich originell, inspirierend oder weiterf&#252;hrend sind. Dies spricht in meinen Augen allerdings weniger gegen das Forschungsobjekt und f&#252;hrt vielmehr zu Fragen an das Universit&#228;tssystem sowie die dort bestehenden Pr&#252;fungsmodalit&#228;ten. Solche akademischen Finger&#252;bungen sind durchaus vergleichbar mit Finger&#252;bungen, wenn man lernt, Klavier zu spielen: Sie sind nicht (zwingend) originell, aber notwendig, um das Handwerkszeug zu erlernen, k&#246;nnen manchmal erm&#252;dend zu lesen sein und sind sowohl inhaltlich als auch methodisch oft kein guter Indikator f&#252;r die gegenw&#228;rtige Forschung.</p>
<p>Wenn also die hohe Bekanntheit Tolkiens die Auseinandersetzung mit anderen Autor:innen und Themen insofern erschweren kann, als dass diese weniger leicht als lohnende Forschungsobjekte wahrgenommen werden, kann sie aber auch genau den gegenteiligen Effekt zeitigen: In je mehr Disziplinen die Tolkienforschung als wissenschaftlich satisfaktionsf&#228;hig angesehen wird und dementsprechend von einem sich immer weiter verbreiternden Kreis betrieben wird (und nicht mehr auf eine kleine, notgedrungen stark auf sich bezogene Gemeinschaft beschr&#228;nkt bleibt), desto st&#228;rker wird auch die Bereitschaft wachsen, sich mit anderen Autor:innen, Texten und Themen der Phantastik zu besch&#228;ftigen und deren Reichtum wissenschaftlich zu erschlie&#223;en. Die Tolkienforschung kann diesbez&#252;glich eine t&#252;r&#246;ffnende Funktion aus&#252;ben, indem beispielsweise in klassisch-komparativer Methodik die Bez&#252;ge Tolkiens zu der h&#246;chst diversifizierten und verschiedenste Medien umspannenden Landschaft der Phantastik aufgezeigt werden. Gerade auf diese Weise kann sie n&#228;mlich f&#252;r einen immer weiteren Kreis von Werken Aufmerksamkeit im wissenschaftlichen Diskurs wecken und f&#228;llt dadurch gerade nicht in einen hegemonialen Habitus, der mit den im Wissenschaftsbetrieb zur Verf&#252;gung stehenden Mitteln versucht, andere Forschungen zu diskreditieren, um eine dominante Stellung zu behalten.</p>
</sec>
<sec>
<title>Lebendigkeit der Tolkienforschung</title>
<p>Spricht dies daf&#252;r, mit der Tolkienforschung schon allein deshalb nicht abzuschlie&#223;en, weil sie f&#252;r die zweifelsfrei als lohnend angesehene wissenschaftliche Auseinandersetzung mit anderen Autor:innen, Texten, Medien etc. diese wichtige Hilfestellung aus&#252;ben kann, so l&#228;sst auch eine aktuelle Bestandsaufnahme der Tolkienforschung eher eine weitere Zunahme als ein Abflauen vermuten. So sind laut <italic>Tolkien Studies</italic> XIX (2022) im Jahr 2020 allein in englischer Sprache 14 B&#252;cher (Monographien und Aufsatzb&#228;nde) und 182 Aufs&#228;tze erschienen, letztere nicht nur in den aufgef&#252;hrten Sammelb&#228;nden und einschl&#228;gigen Zeitschriften, sondern auch in Periodika wie dem <italic>Journal of Business Ethics</italic> oder <italic>Feminist Media Histories</italic>, der renommierten theologischen Zeitschrift <italic>Heythrop Journal</italic> oder dem <italic>The Wiley Blackwell Companion to Karl Barth</italic>. Mit <italic>Tolkien Studies, Hither Shore</italic> und dem online im Open Access erscheinenden <italic>Journal of Tolkien Research</italic> gibt es zudem drei im deutsch- und englischsprachigen Raum gut zug&#228;ngliche wissenschaftliche Periodika, die (fast) ausschlie&#223;lich der Tolkienforschung dienen und gut rezipiert werden. Sie befinden sich zum Teil im zwanzigsten Jahrgang und allen werden nach wie vor ausreichend qualitativ hochwertige Beitr&#228;ge eingereicht. Ferner zeigt der Blick in ihre Rezensionsteile eine weiterhin hohe Frequenz an wissenschaftlichen Monographien weit &#252;ber den englischsprachigen Raum hinaus. Ohne zu behaupten, jegliche dieser Arbeiten sei ein wirklich bedeutender Beitrag, bieten gerade Forschungen aus bislang weniger stark vertretenen Disziplinen oder Zug&#228;nge, die vor einigen Jahrzehnten noch gar nicht im Blick waren, starke Anregungen.</p>
<p>Hinzu kommen besondere Bem&#252;hungen wie diejenigen des Verlags Walking Tree Publishers, der in diesem Jahr die Nummer 50 seiner Cormar&#235;-Series ver&#246;ffentlicht hat, in der Monographien und Aufsatzb&#228;nde mit eindeutigem Tolkien-Schwerpunkt erscheinen. Dort hat man es sich n&#228;mlich zur Aufgabe gemacht, auch Einblicke in die Tolkienforschung jenseits des englischsprachigen Raumes zu bieten. So lassen sich beispielsweise die Eigenheiten und Schwerpunkte italienischer, iberischer oder polnischer Tolkienforschung wahrnehmen. Zwar ist auch hier nicht jeder Aufsatz von h&#246;chster Originalit&#228;t (wahrscheinlich auch, weil sprachliche Barrieren die Rezeption existierender Sekund&#228;rliteratur erschweren k&#246;nnen), jedoch erweisen sich die Unterschiede zwischen bestehenden nationalen Wissenschaftstraditionen immer wieder als anregend. Als Beispiel sei die produktive italienische Szene genannt, die einen stark philosophischen Schwerpunkt in der Tradition der christlichen Philosophie aufweist, und damit in der internationalen Forschungslandschaft eine wertvolle Erg&#228;nzung sowohl zu zahlreichen theologischen Beitr&#228;gen evangelikaler Provenienz aus dem angels&#228;chsischen Raum als auch zu den sehr pr&#228;senten literatur- und sprachwissenschaftlichen Ans&#228;tzen bietet (vgl. u. a. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Arduini und Testi</xref>).</p>
<p>Mit Blick auf die Prim&#228;rliteratur der letzten Jahre ergibt sich ein ambivalentes Bild: In der Tat handelt es sich bei Ver&#246;ffentlichungen wie zuletzt <xref ref-type="bibr" rid="B54"><italic>The Fall of N&#250;menor</italic></xref> um eine leser:innenfreundliche Aufbereitung der schon verstreut verf&#252;gbaren Texte, die der Forschung h&#246;chstens insofern dienen k&#246;nnen, als dass sie den Zugang zu dieser Geschichte erleichtern. Auch nicht jede Erstver&#246;ffentlichung bietet hohen Erkenntnisgewinn f&#252;r die Wissenschaft, sondern dient eher der Vervollst&#228;ndigung der zur Verf&#252;gung stehenden Texte und Textvarianten sowie mancher Detailkl&#228;rung. Auf der anderen Seite bietet beispielsweise das 2021 ver&#246;ffentlichte <italic>The Nature of Middle-earth</italic> viele spannende Einblicke nicht nur in die philosophisch-metaphysischen Hintergr&#252;nde (<xref ref-type="bibr" rid="B19">vgl. Fornet-Ponse, &#187;Of Houses&#171;</xref>), sondern auch in die konkrete Praxis der Tolkien&#8217;schen Weltensch&#246;pfung. &#196;hnlich aufschlussreich f&#252;r das Studium der verflochtenen Struktur von <italic>Lord of the Rings</italic> und des von Tolkien erzeugten &#187;Eindrucks von Tiefe&#171; durch die Synchronizit&#228;t von Ereignissen ist die im Supplement-Band zu <italic>Tolkien Studies</italic> XIX von <xref ref-type="bibr" rid="B22">William Cloud Hicklin</xref> edierte und kommentierte &#187;The Chronology of <italic>The Lord of the Rings</italic>&#171; aus den Manuskripten Tolkiens im Bestand der Marquette University. Diese beiden Beispiele j&#252;ngerer Erstver&#246;ffentlichungen zeigen, dass durchaus noch mit bislang unver&#246;ffentlichtem Material zu rechnen ist, welches nicht blo&#223; eine weitere Textvariante mit marginalen Unterschieden zu den bereits bekannten Quellen darstellt, sondern signifikante neue Erkenntnisse bereithalten kann. Auch bei der f&#252;r November dieses Jahres angek&#252;ndigten erweiterten Ausgabe der Briefe Tolkiens, die 150 zus&#228;tzliche und urspr&#252;nglich zur Ver&#246;ffentlichung vorgesehene, aber aus Platzgr&#252;nden wieder herausgenommene Briefe enth&#228;lt, bietet durchaus noch weitere Einblicke in Biographie und Selbstverst&#228;ndnis des Autoren J. R. R. Tolkien sowie in seine Zug&#228;nge zum eigenen Legendarium.</p>
<fig id="F4">
<label>Abb. 4:</label>
<caption>
<p><italic>The Fall of N&#250;menor</italic></p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zff-11-1-15116-g4.jpg"/>
</fig>
</sec>
<sec>
<title>Tolkien &#8211; ein Klassiker?</title>
<p>Erweist sich die Tolkienforschung somit als h&#246;chst lebendig und produktiv, stellt sich die Frage, ob dies nur an der Bekanntheit und Verbreitung Tolkiens und dem Stellenwert seines Werkes f&#252;r Fantasy und Phantastik liegt. Oder schl&#228;gt sich darin etwas nieder, was auch von den anderen oben genannten Autor:innen und Texten angenommen wird, die zum Teil Jahrtausende nach ihrer Entstehung nicht nur mit Gewinn gelesen, sondern auch erforscht werden? Und zwar, dass auf lange Sicht eben doch &#8211; von der einen oder anderen Ausnahme abgesehen, die m&#246;glicherweise mehr oder weniger Aufmerksamkeit erh&#228;lt als &#187;objektiv&#171; berechtigt w&#228;re &#8211; weitgehend jene Autor:innen und Texte weiterhin gelesen und bearbeitet werden, die auch &#252;ber lange Zeit etwas zu sagen haben. Anders formuliert: Vielleicht ist Tolkiens Werk &#228;hnlich wie Werke, die &#252;ber Jahrhunderte hinweg eine hohe Leser:innenschaft in ihren Bann ziehen, &#187;gut gealtert&#171;. Das k&#246;nnte dann mit jenem Unterschied zwischen Allegorie und Anwendbarkeit zu tun haben, von dem Tolkien im Vorwort von <italic>Lord of the Rings</italic> schreibt:</p>
<disp-quote>
<p>I cordially dislike allegory in all its manifestations, and always have done so since I grew old and wary enough to detect its presence. I much prefer history, true or feigned, with its varied applicability to the thought and experience of readers. I think that many confuse &#8216;applicability&#8217; with &#8216;allegory&#8217;: but the one resides in the freedom of the reader, and the other in the purposed domination of the author. (LotR xvii)</p>
</disp-quote>
<p>Die hohe Zahl und Bandbreite der unterschiedlichen Interpretationsans&#228;tze insbesondere zu <italic>Lord of the Rings</italic>, aber auch zu <italic>The Hobbit</italic>, gibt starke Hinweise darauf, dass diese Werke tats&#228;chlich von vielen Leser:innen auf ihre pers&#246;nliche Situation und Erfahrungen angewendet werden k&#246;nnen. Sie besitzen in diesem Sinne eine hohe Offenheit und damit das Potential zu einem &#187;Klassiker&#171;. Das wiederum ist ein weiteres Argument daf&#252;r, mit der Tolkienforschung weiterzumachen, da dann auch durch heute noch gar nicht absehbare k&#252;nftige Forschungsans&#228;tze und Entwicklungen in den verschiedenen Disziplinen, die sich mit Tolkien besch&#228;ftigen, eine hohe Wahrscheinlichkeit f&#252;r neue und &#252;berraschende Einsichten besteht. Diese k&#246;nnten weitere Mosaiksteinchen f&#252;r die Antwort auf eine Grundfrage der Literatur liefern: Was macht einen Klassiker zu einem Klassiker? Um &#252;ber die Frage aus dem <italic>Call for Papers</italic> entscheiden zu k&#246;nnen, w&#228;re zu kl&#228;ren, ob Tolkien mittlerweile schon ein Klassiker ist oder zumindest auf dem Weg dazu, einer zu sein. Ist also zumindest <italic>The Lord of the Rings</italic> mit einigen der Definitionsvorschl&#228;ge Italo Calvinos ein Buch, von dem man sagt, &#187;Ich lese gerade wieder &#8230;&#171;., oder &#187;ein Buch, das unabl&#228;ssig eine Staubwolke kritischer Reden &#252;ber sich selbst hervorruft, diese aber auch unabl&#228;ssig wieder absch&#252;ttelt&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Calvino 214</xref>)?</p>
<p>Mit Blick darauf, wie zahlreiche der B&#252;cher, die als Klassiker gelten, gew&#246;hnlich gelesen werden, k&#246;nnte das Klassikersein oder Klassikerwerden Tolkiens zu der oben genannten Funktion als Wegbereiterin oder T&#252;r&#246;ffnerin f&#252;r die Forschung zu anderen Autor:innen und Themen der Phantastik beitragen: Es w&#252;rde einen m&#246;glicherweise bestehenden Sonderstatus ver&#228;ndern und ihn zu einem Klassiker neben anderen werden lassen. Klassiker indes werden nach wie vor gelesen und erforscht, besitzen aber weit weniger den Reiz neuer Forschungsfelder als andere. Man kann wenig falsch machen, wenn man sich ihnen mit bew&#228;hrten Ans&#228;tzen n&#228;hert, es ist aber auch nicht einfach, durch originelle und innovative Einsichten viel zu gewinnen. Dies f&#252;hrt dann jene, die sich um Originalit&#228;t bem&#252;hen und kaum ausgetretene Pfade begehen wollen, leicht dazu, sich weniger oder zumindest nicht prim&#228;r mit Klassikern zu besch&#228;ftigen und vielmehr nach anderen, in dieser Hinsicht lohnenderen Perspektiven Ausschau zu halten.</p>
<sec>
<title>Schlusspl&#228;doyer</title>
<p>Ohne abschlie&#223;end kl&#228;ren zu k&#246;nnen &#8211; aber auch nicht zu m&#252;ssen &#8211;, ob Tolkien die Kriterien f&#252;r einen Klassiker erf&#252;llt, also im Laufe der Zeit zu einem wird, wenn er denn nicht schon einer ist, spricht doch aus meiner Sicht einiges daf&#252;r. Gerade deswegen bin ich zuversichtlich, auch in weiteren zwanzig Jahren noch eine lebendige, produktive und vielf&#228;ltige Tolkienforschung vorzufinden &#8211; ganz unabh&#228;ngig davon, wie lange ich noch f&#252;r Konferenz und Jahrbuch der Deutschen Tolkien Gesellschaft zust&#228;ndig sein werde. Dann zeichnet sich vielleicht auch ab, welche anderen Werke der Phantastik und Fantasy im &#228;hnlichen Sinne &#187;gut altern&#171; und ausreichend Material f&#252;r die dann aktuellen und innovativen Forschungsfragen und -ans&#228;tze bieten.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Thomas Fornet-Ponse promovierte in Katholischer Theologie an der Universit&#228;t Salzburg sowie in Philosophie an der Universit&#228;t Bonn und habilitierte in Fundamentaltheologie an der Universit&#228;t Salzburg. Er arbeitet als Direktor des Missionswissenschaftlichen Instituts im missio e. V. in Aachen, war 2003&#8211;2009 Vorstandsmitglied der Deutschen Tolkiengesellschaft und ist Sprecher des Board of Editors von Hither Shore. Er hat zahlreiche Aufs&#228;tze zu philosophischen und theologischen Fragestellungen bei Tolkien und anderen Fantasy-Autoren publiziert.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>Tolkien entkanonisieren</title>
<p>Rev. Tom Emanuel</p>
<p>Ich bin nicht allein Tolkien-Forscher, sondern auch Theologe und Pfarrer der United Church of Christ, einer progressiven christlichen Konfession in den USA. Ich denke, deshalb ist es passend, dass ich mich auf die reiche biblische Tradition der Gleichnisse st&#252;tze, wenn ich die Frage &#8220;Wird es Zeit, mit der Tolkien-Forschung abzuschlie&#223;en?&#8221; mit einer Geschichte beantworte.</p>
<p>Es ist Sonntag, der 3. September 2023, und wir haben uns mit mehreren Mitgliedern der britischen Tolkien-Gesellschaft auf dem Wolvercote-Friedhof in Oxford versammelt. Den ganzen Nachmittag &#252;ber sind Tolkien-Fans und -Forschende in Scharen mit Bussen angereist und haben sich in Anz&#252;gen, Krawatten, Herr-der-Ringe-T-Shirts und mehr als nur ein paar handbestickten Elbenm&#228;nteln auf dem Friedhof eingefunden. P&#252;nktlich um 14 Uhr ert&#246;nt ein tragbarer Lautsprecher, und der Vorsitzende der Gesellschaft bittet uns, keinesfalls die Gr&#228;ber zu betreten und unsere Handys auszuschalten. Fast auf den Tag genau vor f&#252;nfzig Jahren, am 2. September 1973, verlie&#223; J. R. R. Tolkien diese Welt. Seitdem erweist die Tolkien Society ihm jedes Jahr an diesem Grabmal die Ehre; es ist der H&#246;hepunkt ihres j&#228;hrlichen Oxonmoot-Treffens: Enyali&#235;, das Wort f&#252;r &#187;Erinnerung&#171; in Tolkiens erfundener Sprache Quenya.</p>
<fig id="F5">
<label>Abb. 5:</label>
<caption>
<p>Das Grab von J. R. R. und Edith Mary Tolkien</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="zff-11-1-15116-g5.jpg"/>
</fig>
<p>Einige einleitende Worte erinnern uns daran, dass wir heute hier versammelt sind, um nicht nur den Mann und seine Werke zu ehren, sondern auch der Art und Weise zu gedenken, wie diese B&#252;cher und Geschichten unser Leben ber&#252;hrt haben. Wir ehren die Beziehungen, die sie hervorgebracht haben, und die Freude, die sie in unseren Herzen erwecken: &#187;Joy beyond the walls of the world, poignant as grief&#171;, wie Tolkien in seinem bahnbrechenden Essay <italic>On Fairy-Stories</italic> (75) schreibt. Dem folgt jeweils eine passende Lesung aus Tolkiens Schriften. In diesem Jahr ist es der Teil aus <italic>Die R&#252;ckkehr des K&#246;nigs</italic>, in dem der Eine Ring zerst&#246;rt wird und Gandalf die Hobbits Sam und Frodo vom untergehenden Schicksalsberg rettet. W&#228;hrend sich die Lekt&#252;re zu einem eukatastrophischen Crescendo steigert &#8211; Tolkiens Wort f&#252;r die pl&#246;tzliche gl&#252;ckliche Wendung, die er als das Markenzeichen eines echten M&#228;rchens bezeichnet (&#187;Eucatastrophy&#171; 75 f.) &#8211;, laufen mir Tr&#228;nen in den Augenwinkeln zusammen. Ich blicke um mich herum und sehe, wie auch andere Taschent&#252;cher hervorholen, die H&#228;nde von geliebten Menschen dr&#252;cken oder ganz offen weinen. Als die Lesung zu Ende ist, treten Vertreter von Tolkien-Organisationen aus der ganzen Welt &#8211; darunter auch eine gro&#223;e Delegation der Deutschen Tolkien Gesellschaft &#8211; schweigend vor und legen Gedenkkr&#228;nze auf dem Grab nieder, das Tolkien mit seiner Frau Edith teilt. Das Ritual endet mit einer einzigen Stimme, die &#187;Namari&#235;&#171; (&#171;Abschied&#187;) anstimmt, das Lied, mit dem die Elbenk&#246;nigin Galadriel die Gemeinschaft des Rings in Lothl&#243;rien auf ihre Reise schickt. Als die letzten Echos verklungen sind und die Sonne auf das Gras scheint und nur noch der Wind in den B&#228;umen zu h&#246;ren ist, l&#246;st sich die Menge unter Tr&#228;nen, aber auch Lachen auf. Es ist ein gro&#223;artiges, kathartisches Ende einer tagelangen Feier f&#252;r Tolkien und die Gemeinschaft, die im Kielwasser seines Schaffens entstanden ist.</p>
<p>F&#252;r diejenigen, die nicht aus der Welt der Tolkien-Fans und -Forschenden kommen, mag die ganze Angelegenheit &#252;bertrieben klingen, ja die Z&#252;ge eines Kults annehmen. In meiner Eigenschaft als Theologe kann ich meinen Lesern versichern, dass die Anh&#228;nger, die sich auf dem Friedhof von Wolvercote versammelten, nicht etwa Tolkien angebetet haben. Enyali&#235; ist, wie der Name schon sagt, eine Gedenkfeier: die Gelegenheit, die Erinnerung an eine s&#228;kulare Figur und einen s&#228;kularen, aber f&#252;r uns sinnstiftenden Text in den Mittelpunkt zu r&#252;cken und zu feiern, unabh&#228;ngig davon, ob wir religi&#246;se Verpflichtungen versp&#252;ren oder nicht. Die Feier selbst befindet sich damit an einer faszinierenden Schnittstelle zwischen dem Religi&#246;sen und dem Nicht-Religi&#246;sen und l&#228;sst sich gut in den vierfachen Rahmen des christlichen Gottesdiensts der amerikanischen Liturgiewissenschaftlerin Constance Cherry (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2010</xref>) einordnen, wobei der gesprochene Auszug aus <italic>The Lord of the Rings</italic> die Rolle einer Bibellesung oder Predigt in einer typischen Liturgie erf&#252;llt. Auch wenn die Teilnehmer den Roman nicht als Alternative zur Heiligen Schrift verehren, so besteht doch kein Zweifel daran, dass wir ihm &#8211; und Tolkiens Werk im Allgemeinen &#8211; in unseren Leben einen gewissen kanonischen Status zugestehen.</p>
<p>Wir sind auch nicht die Einzigen, die sich so verhalten. Fantasy-Literatur ist, wie die Leserinnen und Leser dieser Publikation wohl besser als die meisten anderen wissen, keine leicht zu definierende Kategorie. Wie Tolkien einmal &#252;ber F&#228;erie, das gef&#228;hrliche Reich, in dem die Fantasie lebt und sich bewegt, schrieb: &#187;[ F&#228;erie] cannot be caught in a net of words; for it is one of its qualities to be indescribable, though not imperceptible&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B52"><italic>On Fairy-Stories</italic> 32</xref>). Nichtsdestotrotz ben&#246;tigen Buchh&#228;ndler Kategorien, um ihre Waren zu klassifizieren und vermarkten zu k&#246;nnen, und das Publikum braucht Genres, um seinen Leseerwartungen folgen zu k&#246;nnen und &#8211; wenn das Werk gut und der Leser aufnahmef&#228;hig ist &#8211; diese vielleicht sogar zu erf&#252;llen. Auch Wissenschaftler brauchen ihre Definitionen, selbst wenn sie nur vorl&#228;ufig sind. Der amerikanische Theoretiker der Phantastik und des Phantastischen Brian Attebery definiert ein Genre als ein &#187;fuzzy set&#171;, ein Begriff, den er der Mathematik entlehnt: &#187;categories defined not by a clear boundary or any defining characteristics but by resemblance to a single core example or groups of examples&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Attebery 33</xref>). <italic>The Lord of the Rings</italic> steht f&#252;r ihn in dem Zusammenhang stabil im Zentrum des Fantasy-Genres. Nat&#252;rlich ist nicht s&#228;mtliche Fantasy von Tolkien abh&#228;ngig oder nach seinem Vorbild geschrieben. Im 21. Jahrhundert hat sich der Mainstream der englischsprachigen phantastischen Literatur dankenswerterweise um so unterschiedliche Autoren wie N. K. Jemisin, Tomi Adeyami, Tamsyn Muir und viele andere erweitert. Aber es gilt eben auch, wie der britische Phantast <xref ref-type="bibr" rid="B34">Terry Pratchett</xref> einmal schrieb:</p>
<disp-quote>
<p>Tolkien has become a sort of mountain, appearing in all subsequent fantasy in the way that Mt. Fuji appears so often in Japanese prints. Sometimes it&#8217;s big and up close. Sometimes it&#8217;s a shape on the horizon. Sometimes it&#8217;s not there at all, which means that the artist either has made a deliberate decision against the mountain, which is interesting in itself, or is in fact standing on Mt. Fuji. (86)</p>
</disp-quote>
<p>Dies ist die Art und Weise, wie ein Geschichtenerz&#228;hler dasselbe aussagt, was Attebery in der Sprache der Literaturwissenschaft und der Enyali&#235; am Grab in der Sprache der Liturgie &#228;u&#223;ert. In den f&#252;nfzig Jahren seit Tolkiens Tod haben sein Werk und sein Verm&#228;chtnis unser Verst&#228;ndnis davon, was Fantasy &#252;berhaupt ist, unwiderruflich gepr&#228;gt. Dieser Oxford-Don, dessen scheinbar anachronistische, unklassifizierbare, aber &#228;u&#223;erst popul&#228;re Geschichten &#252;ber Elben, Hobbits und magische Ringe einst von den selbsternannten H&#252;tern der westlichen Literatur abgetan wurden, ist zu einer ihrer kanonischen Figuren geworden.</p>
<p>Ob das nun gut oder schlecht ist, h&#228;ngt sehr davon ab, wen man fragt. Als lebenslanger Tolkien-Fan lautet meine Antwort: ein bisschen von beidem. So oder so k&#246;nnten wir bei der Bibelwissenschaft genauso gut das Handtuch werfen wie bei der Tolkien-Forschung. So wie die Bibel einen ebenso tiefgreifenden wie unausweichlichen Einfluss auf die westliche Kultur hat, selbst f&#252;r diejenigen, die sie nicht als Heilige Schrift anerkennen, so hat Tolkien einen unausweichlichen Einfluss auf die moderne Phantastik und damit auch auf das Studium des Phantastischen. Dieser kanonische Status ist der Grund, warum wir ihn noch nicht abschreiben k&#246;nnen; er bedeutet zu vielen Menschen zu viel, hat aber auch eine zu gro&#223;e Anziehungskraft auf unser Forschungsgebiet ausge&#252;bt. Genau dieser kanonische Status ist aber auch der Grund, warum die Tolkien-Forschung neue Horizonte der Rezeption und Anwendbarkeit erkunden und sich verantwortungsvoll mit Tolkiens kompliziertem Erbe auseinandersetzen muss, weil es sowohl literarisch als auch kulturell wirkt, einerseits historisch andererseits auch zeitgen&#246;ssisch ist. Was ein weiteres Merkmal darstellt, das sein Werk mit der Bibel teilt. Ich muss meinen Kolleginnen und Kollegen zugutehalten, dass viele herausragende Forschende, sowohl etablierte als auch aufstrebende, aktiv neue Wege in der Tolkienforschung beschreiten. Es ist jedoch noch mehr vonn&#246;ten, darunter vor allem ein aktives &#220;berdenken von Ans&#228;tzen, die in unserem Bereich zu lange die Oberhand hatten.</p>
<p>Tolkiens eigenes Bild eines Kessels der Geschichten (&#187;cauldron of story&#171;) aus dem Essay <italic>On Fairy-Stories</italic> f&#252;hrt zu einem tieferen Verst&#228;ndnis der Ver&#228;nderungen, f&#252;r die ich pl&#228;diere. Als Reaktion auf die europ&#228;ische Manie des Neunzehnten und fr&#252;hen Zwanzigsten Jahrhunderts, Volksm&#228;rchen zu sammeln, zu kategorisieren und zu analysieren, schreibt Tolkien &#252;ber die zeitgen&#246;ssischen Volkskundler im Gro&#223;en und Ganzen: &#187;[they are] using the stories not as they were meant to be used, but as a quarry from which to dig evidence, or information, about matters in which they are interested&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B52"><italic>On Fairy-Stories</italic> 38</xref>). Die Mehrheit der Anthropologen, Mythologen und Volkskundler nutzten antike Erz&#228;hlungen, um eine (gr&#246;&#223;tenteils imagin&#228;re, deshalb aber nicht immer falsch dargestellte) Vormoderne zu rekonstruieren, oder sie versuchten, die Genese eines Erz&#228;hltyps oder einer Trope auf einen einzelnen, diskreten historischen Vorfahren zur&#252;ckzuf&#252;hren. Tolkien r&#228;umt ein, dass er als Philologe, der sich sowohl beruflich als auch sch&#246;pferisch mit W&#246;rtern und ihrer Geschichte besch&#228;ftigt, ebenfalls diesen Drang nach Urspr&#252;ngen versp&#252;rt. Er beeilt sich jedoch, hinzuzuf&#252;gen:</p>
<disp-quote>
<p>[E]ven with regard to language it seems to me that the essential quality and aptitudes of a given language in a living moment is both more important to seize and far more difficult to make explicit than its linear history. So with regard to fairy-stories, I feel that it is more interesting, and also in its way more difficult, to consider what they are, what they have become for us, and what values the long alchemic processes of time have produced in them. (39)</p>
</disp-quote>
<p>In Anlehnung an ein Bild des britischen Volkskundlers George Webb Dasent schreibt Tolkien, dass im Kessel der Geschichten zum einen Knochen, also die vielf&#228;ltigen Quellen einer bestimmten Erz&#228;hlung, und zum anderen die Suppe, die &#187;story as it is served up by its author or teller&#171; (40), zu finden sind. In seinem ber&#252;hmten Essay &#252;ber Beowulf verwendet Tolkien eine Metapher aus der Architektur, um einen &#228;hnlichen Punkt zu verdeutlichen: Er beschreibt einen Mann, der das verfallene Mauerwerk alter Geb&#228;ude zusammentr&#228;gt, um sich einen Turm zu bauen. Als der Mann stirbt, stellen seine Nachbarn fest, dass er seine Baumaterialien verschiedenen antiken Quellen entnahm. Sie rei&#223;en den Turm ab, um herauszufinden, woher die Steine urspr&#252;nglich stammten. Was diese Quellensucher nicht bemerken, ist: &#187;from the top of that tower the man had been able to look out upon the sea&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B44">Tolkien, <italic>The Monsters</italic> 8</xref>). In beiden F&#228;llen geht es Tolkien weniger um die Urspr&#252;nge einer Geschichte, wobei sich sowieso die Frage stellt, inwieweit sich diese &#252;berhaupt mit Sicherheit feststellen lassen, als vielmehr um die Wirkung: &#187;the effect produced <italic>now</italic> by these old things in the stories as they are&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B52"><italic>On Fairy-Stories</italic> 48</xref>). Die Tolkien-Forschung k&#246;nnte hieraus durchaus eine Lehre ziehen. Diejenigen von uns, die sich mit dem Mann besch&#228;ftigen, werden es immer erbaulich (m&#246;glicherweise) und unterhaltsam (ganz sicher sogar) finden, &#187;jede einzelne Notiz, die Tolkien einmal auf eine Serviette geschrieben hat, zu interpretieren und diese Analyse einer mehrfachen Peer Review zu unterziehen&#171;, wie es im <italic>Call for Papers</italic> zu diesem Forum hie&#223;. Wenn wir jedoch im Sinne Tolkiens weitermachen wollen, t&#228;ten wir gut daran, die Auswirkungen von Tolkiens Fiktion auf seine Leser und die breitere Kultur, in die diese Auswirkungen eingebunden sind, eingehender und sorgf&#228;ltiger zu betrachten.</p>
<p>Der Schl&#252;ssel zu diesem Unterfangen liegt darin, den Einfluss der sogenannten &#187;Autorenintention&#171; auf weite Teile der Tolkien-Fangemeinde und -Wissenschaft zu lockern. Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Die j&#252;ngste Ver&#246;ffentlichung der Amazon-Prime-Serie T<sc>he</sc> L<sc>ord of the</sc> R<sc>ings</sc>: T<sc>he</sc> R<sc>ings of</sc> P<sc>ower</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">D<sc>er</sc> H<sc>err der</sc> R<sc>inge</sc>: D<sc>ie</sc> R<sc>inge der</sc> M<sc>acht</sc>, US/NZ 2022&#8211;, Idee: Patrick McKay, J. D. Payne</xref>) hat, zumindest in der englischsprachigen Welt, zu einer &#220;berf&#252;lle galliger Reaktionen seitens Fans gef&#252;hrt, die sich selbst zu wahren Verteidigern von Tolkiens Erbe ernannt haben. Tolkien hat nie explizit schwarze Elben oder schwarze Zwerge beschrieben; daher, so die Argumentation, sei eine diverse Besetzung ein Affront gegen Tolkiens Absichten. Diejenigen, die die Serie m&#246;gen, insbesondere Frauen und POCs, wurden im Internet beschimpft, wobei die Anschuldigungen von falschen Fans und Amazon-Shills bis hin zu rassistischen Beleidigungen und Hassreden reichen. Ich pers&#246;nlich habe zahlreiche Probleme mit Amazons Adaption des Zweiten Zeitalters von Mittelerde, aber eine vielf&#228;ltige Besetzung geh&#246;rt nun wirklich nicht dazu. Der giftige Diskurs &#252;ber eine Serie, die meiner Meinung nach weder so gut noch so schlecht ist, um derart extreme Meinungen zu rechtfertigen, hat sich auch unter Forschenden widergespiegelt. Das Seminar &#187;Tolkien und die Vielfalt&#171; der britischen Tolkien-Gesellschaft im Jahr 2021 wurde von politisch und theologisch konservativen Fans und Gelehrten gleicherma&#223;en angefeindet. Einige meiner Kollegen haben Morddrohungen erhalten, weil sie Frauen und/oder POCs sind, die &#252;ber Tolkien aus ihrer einzigartigen und wertvollen sozialen Position heraus schreiben (<xref ref-type="bibr" rid="B36">Reid</xref>). Meine Leserinnen und Leser werden besser als ich &#252;ber Tolkiens Status bei deutschen rechtsextremen Organisationen Bescheid wissen; aber in meinem Heimatland, den Vereinigten Staaten, verteidigen rechtsgerichtete Publikationen wie die National Review Tolkien gegen &#187;wokeness&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Birzer</xref>), w&#228;hrend kryptofaschistische &#8250;Intellektuelle&#8249; sich die Bilder von Elben und Hobbits aneignen, um f&#252;r eine Minderheitenherrschaft zu argumentieren (<xref ref-type="bibr" rid="B57">Yarvin</xref>). Auch f&#252;r die italienische Ministerpr&#228;sidentin Giorgia Meloni und ihre Partei Fratelli d&#8216;Italia ist Tolkien seit langem eine faszinierende Figur; so veranstaltete die ultrakonservative Italienische Jugendfront schon 1977 ein Hobbit-Camp, in dessen Rahmen eine neofaschistische Zukunft ertr&#228;umt wurde (<xref ref-type="bibr" rid="B29">Horowitz</xref>).</p>
<p>Diese abscheulichen Aneignungen kommen nicht aus dem Nirgendwo. In der gleichen Passage aus <italic>The Lord of the Rings</italic>, die wir auf der Enyali&#235; 2023 lasen, ruft Gandalf laut: &#187;Stand, Men of the West! Stand and wait! This is the hour of doom!&#171;, woraufhin kurz darauf dies folgt:</p>
<disp-quote>
<p>But the Men of Rh&#251;n and of Harad, Easterling and Southron, saw the ruin of their war and the great majesty and glory of the Captains of the West. And those that were deepest and longest in evil servitude, hating the West, and yet were men proud and bold, in their turn now gathered themselves for a last stand of desperate battle. But the most part fled eastward as they could; and some cast their weapons down and sued for mercy. (949)</p>
</disp-quote>
<p>Die Worte lie&#223;en mich inmitten meiner R&#252;hrung err&#246;ten. Tolkiens beunruhigende Tendenz, nicht-wei&#223;e V&#246;lker in die Rolle des b&#246;sen Anderen zu pressen, dr&#228;ngt sich unangenehm in den H&#246;hepunkt seines Meisterwerks (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Mills</xref>). Es ist nicht schwer, zu erkennen, wie zeitgen&#246;ssische Faschisten in <italic>The Lord of the Rings</italic> Unterst&#252;tzung f&#252;r ihre sch&#228;dliche Ideologie finden, wenn sie nur danach suchen. Fadenscheinige Argumente &#252;ber Tolkiens schriftstellerische Absicht und die Kanonizit&#228;t von Adaptionen und Interpretationen dienen daher h&#228;ufig dazu, wei&#223;e &#220;berlegenheitsinterpretationen seines Werks zu untermauern &#8211; Interpretationen, die sich auf echte und tats&#228;chlich problematische Merkmale des Textes st&#252;tzen, um einen &#8250;Tolkien&#8249; zu konstruieren, der die faschistische Apologetik st&#252;tzt.</p>
<p>So t&#246;richt es w&#228;re, zu leugnen, dass es solche Lesarten Tolkiens gibt, so t&#246;richt w&#228;re es, zu behaupten, dass dies die einzig m&#246;glichen Lesarten sind, oder gar solche, denen die gro&#223;e Mehrheit der Leser Tolkiens zustimmt. Meine derzeitige Forschungsarbeit an der Universit&#228;t Glasgow untersucht die Rezeption von <italic>The Lord of the Rings</italic> unter nicht-religi&#246;sen Tolkien-Fans als Teil einer gr&#246;&#223;eren Studie &#252;ber die Rolle scheinbar s&#228;kularer popul&#228;rer Erz&#228;hlungen im Zusammenhang mit der Befriedigung menschlicher Bed&#252;rfnisse nach Identit&#228;t, Gemeinschaft und Sinn in einer post-christlichen spirituellen Landschaft. Die Tatsache, dass Tolkien jenen Menschen so viel bedeutet, die ausdr&#252;cklich nicht seinen r&#246;misch-katholischen Glauben teilen, widerlegt theologisch exklusive Behauptungen, dass Tolkiens Werk einzig als das wesentlich christliche Werk eines wesentlich christlichen Autors verstanden werden kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B33">Pearce ix</xref>). Wegweisende Rezeptionsstudien von Wissenschaftlern wie <xref ref-type="bibr" rid="B6">Martin Barker und Ernest Mathijs</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B40">Luke Shelton</xref> und Robin Anne Reid (<xref ref-type="bibr" rid="B37">&#187;How Queer Atheists&#171;</xref>) reihen sich ein in konstruktive Neubetrachtungen von Tolkiens vielschichtigem Erbe aus schwarzer (<xref ref-type="bibr" rid="B41">Thomas</xref>), queerer (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Driggers</xref>), feministischer (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Croft und Donovan</xref>) und &#246;kokritischer (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Conrad-O&#8217;Briain und Hynes</xref>) Perspektive. Ungeachtet des Gejammers reaktion&#228;rer Kr&#228;fte innerhalb der Tolkien-Gemeinschaft brauchen wir mehr davon, nicht weniger. Schlie&#223;lich wurde bei dem Enyali&#235;-Treffen, das ich in Oxford besuchte, der religi&#246;se Status der Fans nicht an der T&#252;r &#252;berpr&#252;ft. Es gab keine Trennung nach Race, Geschlecht, Klasse oder sexueller Orientierung, wobei die &#8250;wahren Fans&#8249; ganz vorne in der Schlange standen und die &#8250;Weckrufer&#8249; nach hinten gedr&#228;ngt w&#252;rden. Die einzige Voraussetzung f&#252;r die Teilnahme war die Liebe zu Tolkiens Werk und der Wunsch, diese Liebe mit anderen zu teilen. Hier sehen wir den &#187;effect produced <italic>now</italic> by these old things in the stories as they are&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B52">Tolkien, <italic>On Fairy-Stories</italic> 48</xref>), in ihrer umfassendsten, ja sogar einer befreienden Form.</p>
<p>In der ersten Ausgabe der deutschsprachigen Tolkien-Zeitschrift <italic>Hither Shore</italic> schreibt Thomas Fornet-Ponse, dass wir scharf zwischen der christlichen Instrumentalisierung von Tolkiens Fiktion und der theologischen Rezeption der religi&#246;sen Themen, die darin zu finden sind, unterscheiden m&#252;ssen (<xref ref-type="bibr" rid="B18">&#187;<italic>Lord of the Rings&#171;</italic> 53</xref>). Dies mag Forschenden aus anderen Bereichen, in denen feministische, poststrukturalistische und postkoloniale Methoden seit langem die eiserne Herrschaft des Autors untergraben haben und Multivokalit&#228;t und Leserreaktionen als g&#252;ltige theoretische Perspektiven anerkennen, v&#246;llig klar erscheinen. Im Rahmen der Tolkien-Studien bleibt Fornet-Ponses Warnung jedoch so aktuell wie eh und je. In der Tat muss man in der Tolkien-Forschung die Unterscheidung &#252;ber den Bereich des Religi&#246;sen hinaus ausdehnen, um seinen Einfluss auf das Gebiet der Fantasy-Studien, das Fantasy-Genre selbst und die erweiterte Welt der Kultur und Politik so weit wie m&#246;glich zu ber&#252;cksichtigen. In einem demn&#228;chst erscheinenden Artikel in der englischsprachigen Zeitschrift <italic>Mythlore</italic> argumentiere ich, dass wir eine Hermeneutik der Tolkien&#8216;schen Autorit&#228;t durch eine Hermeneutik der Tolkien&#8216;schen Inspiration ersetzen k&#246;nnen und sollten, indem wir den Sch&#246;pfer von Mittelerde als Gespr&#228;chspartner im Bedeutungsdialog betrachten und nicht als eine Foucault&#8216;sche (oder, wie man auch sagen k&#246;nnte, biblische) Autorit&#228;t, vor der wir das literaturkritische Knie beugen m&#252;ssen (<xref ref-type="bibr" rid="B16">Emanuel</xref>). Eine solche Abkehr von der Konzentration auf Tolkiens Quellen, geschweige denn seine Absichten, erm&#246;glicht es uns, Interpretationen seiner Fiktion als ebensolche Interpretationen und nicht als Qualit&#228;ten zu betrachten, die den Werken selbst innewohnen. Sie untergr&#228;bt die disziplinierende Funktion religi&#246;ser und literarischer Kanons (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Aichele 62</xref>) und macht Tolkiens Geschichtenwelt zu einer gemeinsamen symbolischen Sprache und nicht zu einer Reihe von Vorschriften &#8211; allgemeiner, politischer oder anderer Art. Die eukatastrophische Freude, die wir in seiner Fiktion erblicken, muss zu einer kritischen Freude werden, wobei diese Freude &#187;entails the transparent discussion of how a text reflects systemic issues whilst <italic>also potentially celebrating</italic> its affordances and nuances&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">Lavezzo und Rios Maldonado 243 f.</xref>, Hervorhebung im Original).</p>
<p>Kurzum, wir m&#252;ssen Tolkien entkanonisieren. Nur dann k&#246;nnen wir seine Werke mit gr&#246;&#223;erer Ehrlichkeit, Tiefe und Integrit&#228;t studieren und lieben.</p>
<p>(&#220;bersetzt aus dem Englischen von Frank Weinreich)</p>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Rev. Tom Emanuel ist ordinierter Pfarrer der theologisch progressiven United Church of Christ und Doktorand der englischen Literatur an der Universit&#228;t Glasgow. Tom Emanuels Forschungen verbinden Fanstudien, Theologie und Fantasy-Literatur, hier insbesondere die Werke von J. R. R. Tolkien. Sein aktuelles Projekt &#187;The Tale We&#8216;ve Fallen Into: <xref ref-type="bibr" rid="B46">J. R. R. Tolkien&#8217;s</xref> <italic>The Lord of the Rings</italic>, Fandom, and the Post-Christian Quest for Meaning&#171; untersucht Tolkiens Rezeption unter nicht-religi&#246;sen Fans in der sich ver&#228;ndernden spirituellen Landschaft des 21. Jahrhunderts und wird von einer Arts and Humanities Research Council (AHRC) Promotionspartnerschaft mit der Scottish Graduate School of Arts and Humanities (SGSAH) finanziert. Er ver&#246;ffentlicht demn&#228;chst in <italic>Mythlore</italic> und den <italic>Tolkien Studies</italic> und ist Mitglied des Redaktionsausschusses von <italic>Mallorn</italic>, der Zeitschrift der Tolkien Society (Gro&#223;britannien). Tom ist in seinem akademischen Blog &#187;Queer and Back Again&#171; (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://queerandback.substack.com/">queerandback.substack.com</ext-link>) und per E-Mail unter <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="mailto:thomas.emanuel@glasgow.ac.uk">thomas.emanuel@glasgow.ac.uk</ext-link> zu erreichen.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>&#187;Und was machen Sie, wenn Sie mit Tolkien durch sind?&#171;</title>
<p>Thomas Honegger</p>
<p>Von den unz&#228;hligen Interviews, die ich mittlerweile zu Tolkien und seinem Werk gegeben habe, blieb mir besonders eines in Erinnerung. Dies vor allem, weil der Journalist am Ende des Gespr&#228;chs fragte: &#187;Und was machen Sie, wenn Sie mit Tolkien durch sind?&#171; Ich war sowohl verbl&#252;fft als auch belustigt, dass man auf die Idee kommen k&#246;nnte, es sei m&#246;glich, Tolkien ersch&#246;pfend und endg&#252;ltig zu erforschen, abzuhaken und sodann weiterzuziehen. Diese Einstellung erinnerte mich doch sehr an die satirisch-humorvolle Charakterisierung des Literaturdoyen Morris Zapp in <xref ref-type="bibr" rid="B31">David Lodges</xref> unvergleichlichem Campus-Roman <italic>Changing Places</italic>:</p>
<disp-quote>
<p>Some years ago he [Professor Morris Zapp] had embarked with great enthusiasm on an ambitious critical project: a series of commentaries on Jane Austen which would work through the whole canon, one novel at a time, saying absolutely everything that could possibly be said about them. The idea was to be utterly exhaustive, to examine the novels from every conceivable angle, historical, biographical, rhetorical, mythical, Freudian, Jungian, existentialist, Marxist, structuralist, Christian-allegorical, ethical, exponential, linguistic, phenomenological, archetypal, you name it; so that when each commentary was written there would be simply nothing further to say about the novel in question. (35)</p>
</disp-quote>
<p>Nun leide ich gl&#252;cklicherweise nicht in dem Ma&#223; an akademischer Selbst&#252;bersch&#228;tzung wie Morris Zapp, auch wenn eines meiner nie vollendeten Traumprojekte die definitive kommentierte Ausgabe von <italic>The Lord of the Rings</italic> war. Mit dem Dahinschwinden des jugendlichen <italic>ofermods</italic> wurde mir klar, dass dies aus mehreren Gr&#252;nden nicht m&#246;glich sein w&#252;rde.</p>
<p>Erstens hatte ich anf&#228;nglich die Komplexit&#228;t und Vielschichtigkeit von Tolkiens literarischem Universum massiv untersch&#228;tzt. Dies wurde mir zum ersten Mal bewusst, als ich in den sp&#228;ten 1990er-Jahren so etwas wie eine Fu&#223;note zur Figur des Mannes im Mond in Frodos Lied im <italic>T&#228;nzelnden Pony</italic> verfassen wollte. Die &#8250;Fu&#223;note&#8249; wurde schlie&#223;lich <xref ref-type="bibr" rid="B23">2005</xref> als der Aufsatz &#187;The Man in the Moon: Structural Depth in Tolkien&#171; von stolzen 65 Seiten Umfang in <xref ref-type="bibr" rid="B26"><italic>Root and Branch</italic></xref> ver&#246;ffentlicht, flankiert von einer zweiseitigen &#187;Note&#171; in <italic>Notes and Queries</italic>. Die Nachforschungen zum Thema f&#252;hrten mich nicht nur in die naheliegenden Gefilde der mittelalterlichen englischen Literatur, Geschichte und Volks&#252;berlieferung, sondern auch zu exotischeren Mythologien und Legenden, die sich um diese Figur ranken. Mit zunehmendem Erstaunen stellte ich fest, dass Tolkien in seinem umfangreichen Werk die realweltliche Vielschichtigkeit der Figur des Mannes im Mond f&#252;r seine Sekund&#228;rwelt in zahlreichen, sehr unterschiedlichen Textgattungen nachempfunden hatte. Die Nennung des Mannes im Mond in Frodos Lied war gerade mal die Spitze der Spitze des Eisbergs.</p>
<p>Mein &#187;Mann-im-Mond&#171;-Erlebnis illustriert ein Ph&#228;nomen, das in Tolkien Studies ziemlich weit verbreitet ist: Man kann ein unscheinbares Detail in Tolkiens Werk nehmen und sich &#252;ber dessen Hintergrund und Funktion Gedanken machen &#8211; und entdeckt oftmals, dass es eine T&#252;r zu einer komplexen und vielschichtigen Sekund&#228;rwelt &#246;ffnet, die ihrerseits wieder mit den Mythen, Sagen und Erz&#228;hlungen unserer Welt verkn&#252;pft ist. Faszinierend, aber f&#252;r jemanden, der Tolkien &#187;durcharbeiten und abhaken&#171; m&#246;chte, eine schlechte Nachricht.</p>
<p>Ein zweiter Grund, weshalb wir nicht so schnell an ein Ende kommen werden, liegt in der bereits vorhandenen sowie noch zu erwartenden Materialf&#252;lle. Tolkien ist einer jener Autoren, von denen mehr Texte nach seinem Tod ver&#246;ffentlicht worden sind als zu Lebzeiten. Und wie ich aus eigener Erfahrung und Anschauung wei&#223;: Es gibt noch einiges, was in den Archiven und Nachl&#228;ssen einer wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt.</p>
<p>Aber bereits jetzt haben die Tolkien-Forscher:innen exzellente Instrumente zur Verf&#252;gung, die die Analyse des Schreibprozesses und die Entwicklung seiner Sekund&#228;rwelt erleichtern. So besitzen wir durch die Arbeiten von <xref ref-type="bibr" rid="B39">Wayne G. Hammond, Christina Scull</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B20">John Garth</xref> eine minuti&#246;se biographische Erfassung von Tolkiens Leben. Dazu kommt die Ver&#246;ffentlichung vieler seiner Entw&#252;rfe und Textskizzen im Rahmen der zw&#246;lf B&#228;nde der <italic>History of Middle-Earth</italic> was uns erlaubt, seinen k&#252;nstlerischen Schaffensprozess schrittweise nachzuverfolgen. Auch die noch anhaltende Publikation weiterer literarischer und wissenschaftlicher Texte Tolkiens bietet immer wieder neue Einblicke in die Entstehung und Transformation von Motiven, die uns aus seinen literarischen Hauptwerken bekannt sind. So bin ich beim Lesen von Tolkiens <italic>The Battle of Maldon together with The Homecoming of Beorhtnoth</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B55">2023</xref>) auf Dinge gesto&#223;en, die wohl fr&#252;her oder sp&#228;ter ihren Niederschlag in einer &#8250;Fu&#223;note&#8249; finden werden.</p>
<p>Wie diese wenigen Beispiele zeigen, ist selbst die Korpusbildung von Tolkiens Werk noch nicht endg&#252;ltig abgeschlossen. Dies ist gerade auch in Hinblick auf die Rolle seines j&#252;ngsten Sohns und literarischen Erben Christopher (1924&#8211;2020) wichtig. Denn Tolkiens Testament machte ihn zum &#187;literary executor&#171; mit &#187;full power to publish edit alter rewrite or complete any work of mine which may be unpublished at my death or to destroy the whole or any part or parts of any such unpublished works as he in his absolute discretion may think fit and subject thereto&#171; (offizielle Kopie von Tolkiens Testament, 23. Juli 1973, <xref ref-type="fig" rid="F6">Abb. 6</xref>). Christopher Tolkien hat somit &#252;ber beinahe f&#252;nf Jahrzehnte eine zentrale Rolle in der Auswahl, Aufbereitung, Kommentierung und Publikation der posthumen Texte gespielt, und sein eigener Nachlass beherbergt sicher das eine oder andere Fundst&#252;ck, das uns noch tieferen Einblick in das Werk seines Vaters geben k&#246;nnte und somit die Tolkien-Forschung f&#252;r ein paar weitere Jahre besch&#228;ftigen wird.</p>
<fig id="F6">
<label>Abb. 6:</label>
<caption>
<p>Tolkiens Testament</p>
</caption>
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</fig>
<p>Ein dritter Grund f&#252;r die andauernde Relevanz von Tolkiens Werk ist sein Status als Referenzpunkt innerhalb des Fantasy-Genres. Nat&#252;rlich existierte Fantasy &#8211; unter welchem Namen auch immer &#8211; vor Tolkien und es gibt auch nicht von Tolkien inspirierte Fantasy nach der Ver&#246;ffentlichung von <italic>The Lord of the Rings</italic>. Aber aufgrund seines Erfolgs bei den Leser:innen und der Verbreitung durch andere Medien, gilt Tolkiens Epos als das prototypische, zentrale und das Genre pr&#228;gende Werk der High Fantasy. Oftmals werden Autor:innen in der Fantasy &#8211; ob nun zu Recht oder Unrecht &#8211; explizit mit Tolkien verglichen. So hat die Zeitschrift <italic>TIME</italic> den Artikel von <xref ref-type="bibr" rid="B21">Lev Grossman</xref> &#252;ber den Fantasy-Autor George R. R. Martin mit der &#220;berschrift &#187;An American Tolkien&#171; versehen. Wie viele Schlagzeilen war auch diese wohl eher als Provokation gedacht, denn im Artikel selbst argumentiert Lev Grossman durchaus differenziert und weist auf die betr&#228;chtlichen Unterschiede zwischen den beiden Autoren hin, und ich hatte den Eindruck, dass der oder die f&#252;r die &#220;berschrift verantwortliche Herausgeber:in sich eher von den gemeinsamen Mittelinitialen der beiden Autoren als vom Inhalt des Beitrags hat leiten lassen. Dennoch zeigt gerade der Fall von Lev Grossmans <italic>TIME</italic>-Artikel, wieso Tolkien so dominant ist: Martins literarische Leistung wird daran gemessen, inwiefern er in gewissen Aspekten (z. B. der moralischen Komplexit&#228;t seiner Charaktere) im Kontrast zu Tolkien steht und eine f&#252;r ein zeitgen&#246;ssisches Publikum zug&#228;nglichere Charakterisierung der Protagonist:innen gibt.</p>
<p>Grossmans Artikel ist ein Beispiel daf&#252;r, dass es f&#252;r Literaturkritiker:innen und deren Leser:innen oftmals einfacher ist, eine:n neue:n Autor:in einzuordnen und zu verstehen, wenn man denjenigen mit einem/einer Referenzautor:in vergleicht. So wie man eine Nuss ohne Hilfsmittel einfacher mittels einer zweiten Nuss knacken kann, erschlie&#223;en sich die besonderen Qualit&#228;ten und Charakteristiken von Werken der Fantasy oftmals erst, wenn man sie mit anderen Fantasy-Texten vergleicht und kontrastiert. Aus diesem Grund habe auch ich Tolkien als Ausgangs- und Bezugspunkt f&#252;r meine Interpretation von Martins Werk genommen. Es gibt nat&#252;rlich Themenbereiche, die bei dem einen Autor prominent vertreten sind &#8211; bei Martin w&#228;ren das Sex und Gewalt &#8211;, aber beim anderen keine Rolle spielen und sich somit keine echte Vergleichsgrundlage finden l&#228;sst. Allerdings sagt auch diese Feststellung etwas &#252;ber den Charakter des jeweiligen Werks aus. Ich fand auf jeden Fall die kontrastierenden Analysen gemeinsamer Themen bei Tolkien und Martin sehr aufschlussreich (siehe <xref ref-type="bibr" rid="B25">Honegger, &#187;Tweaking&#171;</xref>), und sie haben mich nicht nur viel &#252;ber Martins Weltensch&#246;pfungsstrategien gelehrt, sondern auch dazu gebracht, Tolkien mit neuen Augen zu lesen.</p>
<p>Neben den High-Fantasy Autor:innen, bei denen der Bezug zu Tolkien auf der Hand liegt, gibt es aber auch Schriftsteller:innen wie Philip Pullman, die sich in ihren Weltsch&#246;pfungen nicht auf die pr&#228;technologische, pseudo-mittelalterliche Standardwelt beziehen. Dennoch kann selbst <xref ref-type="bibr" rid="B35">Pullmans</xref> Serie <italic>His Dark Materials</italic> als Reaktion auf Tolkien gesehen werden, da er sich absichtlich in Opposition zu Tolkiens christlich-katholischer Weltsicht positioniert. Etwas &#252;berspitzt k&#246;nnte man deshalb sagen: Als Fantasy-Autor:in arbeitet man entweder in der (haupts&#228;chlich) von Tolkien begr&#252;ndeten Tradition &#8211; oder man versucht bewusst, sich davon abzusetzen. Ignorieren kann man Tolkiens Werk und dessen Einfluss auf das Genre indes nicht.</p>
<p>Ein weiteres Beispiel f&#252;r den Einfluss von Tolkiens Werk und seine Funktion als Referenzpunkt ist das von ihm gepr&#228;gte Bild der Fantasy-Elben (siehe dazu <xref ref-type="bibr" rid="B25">Honegger, &#187;Beautiful and sublime&#171;</xref>). Die noch in der viktorianischen und edwardischen Epoche vorherrschende Vorstellung von &#187;fairies&#171; und &#187;elves&#171; als kleiner gefl&#252;gelter Wesen wurde ma&#223;geblich durch die Darstellung der &#187;elves&#171; in Tolkiens Werk als gro&#223;gewachsener, schlanker, langhaariger, hellh&#228;utiger, grau&#228;ugiger, edler und weiser menschen&#228;hnlicher Wesen abgel&#246;st. Zwar finden wir zeitgleich alternative Vorstellungen von Elben in Poul Andersons Fantasy-Roman <italic>The Broken Sword</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">1954</xref>), doch es sind Tolkiens Eldar, die, nicht zuletzt dank Peter Jacksons Filmen, zu den dominanten Verk&#246;rperungen der Elben wurden und f&#252;r die ich die Bezeichnung <italic>Albi Jacsonienses</italic> gepr&#228;gt habe. Sp&#228;ter gibt es auch hier wieder Abweichungen und R&#252;ckgriffe auf alternative Traditionen (siehe z. B. die Elben in Susanne Clarkes <italic>Jonathan Strange &amp; Mr Norrell</italic> [<xref ref-type="bibr" rid="B11">2004</xref>] oder die ethnischen Elben in der TV-Serie <sc>Rings of Power</sc>), aber dies geschieht meist in Abgrenzung von und als Reaktion auf die hegemonialen <italic>Albi Jacsonienses</italic>.</p>
<p>Der vierte und letzte Grund, der f&#252;r ein Weiterleben der Tolkienforschung spricht, ist die Tatsache, dass jede Forscher:innen- und Leser:innengeneration immer wieder andere Themen, Fragen und Antworten in Tolkiens Epos entdeckt. <italic>The Lord of the Rings</italic> ist, wie jedes gro&#223;e literarische Werk, offen f&#252;r vielf&#228;ltige Interpretationen, die oftmals jenseits der urspr&#252;nglichen Intention des Autors liegen k&#246;nnen. Tolkien hat zwar im Idiom seiner Zeit und Kultur geschrieben, die Zug&#228;nge zu seinem Werk jedoch bewusst &#8250;durchl&#228;ssig&#8249; gestaltet, so dass immer wieder neue Anwendungen gefunden werden (er pr&#228;gte daf&#252;r den Begriff <italic>applicability</italic>). Ich ignoriere hier die politische Vereinnahmung von Tolkiens Werk, die von den Anti-Establishment-Hippies der 1960er-Jahre &#252;ber die &#214;kologiebewegung bis hin zu den italienischen Rechtspopulisten reicht (Georgia Meloni ist ein gro&#223;er Tolkien-Fan) und konzentriere mich auf den akademischen Diskurs.</p>
<p>Ein Blick auf die Themen der auf 50 B&#228;nde angewachsenen <italic>Cormar&#235;</italic>-Series (Walking Tree Publishers) vermittelt einen ersten Eindruck von der Themenvielfalt in den Tolkien Studies. Neben Untersuchungen zu Tolkiens Inspirationsquellen in der Literatur der Antike und des Mittelalters finden sich Studien zur &#220;bersetzungsproblematik und der Rezeption seiner Werke in verschiedenen Kulturen, zu spezifisch biographischen Aspekten, zur Einordnung in die verschiedenen literarischen Str&#246;mungen, zur Funktion der Musik und Tolkiens Verh&#228;ltnis zu Richard Wagner, zu Tolkien und den Inklings, zu seiner Bedeutung in der &#214;kokritik, zu theologischen Fragen, zur Sprach&#228;sthetik, zu philosophischen Themen, zu den juristischen und politischen Strukturen Mittelerdes und und und &#8230; Die Liste lie&#223;e sich weiter fortf&#252;hren, und es mangelt sowohl Walking Tree Publishers wie auch anderen Verlagen nicht an Vorschl&#228;gen von Autor:innen f&#252;r weitere Monographien und Sammelb&#228;nde zu Tolkiens Werk.</p>
<p>Oftmals entstehen neue Interpretationsans&#228;tze aus der Gunst oder Ungunst der Stunde. So liefert der russische Angriffskrieg auf die Ukraine ein j&#252;ngstes Beispiel f&#252;r die <italic>applicability</italic> von Tolkiens fiktionalen Texten. Wie die ukrainische Inklings-Forscherin Dr. Alexandra Filonenko in mehreren ihrer Konferenzvortr&#228;ge ausgef&#252;hrt hat, bezeichnen die Ukrainer die russischen Invasoren oft als Orks und identifizieren sich mit den heldenhaften Gondorianern und Rohirrim. Dabei wird auch die Karte Mittelerdes auf die realweltlichen L&#228;nder projiziert, was automatisch zu einer ethisch-moralischen Verortung der Kriegsparteien f&#252;hrt und den russischen Angriffskrieg in den gew&#252;nschten Diskurs einordnet.</p>
<p>Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass mein Beitrag zwar als ein Pl&#228;doyer f&#252;r die Sinnhaftigkeit einer wissenschaftlichen Besch&#228;ftigung mit Tolkiens Werk gedacht ist, wir jedoch nicht vergessen sollten: Tolkiens B&#252;cher sprechen immer noch am eloquentesten f&#252;r sich selbst. Deshalb gilt der Rat, den der (damals noch nicht heilige) Augustinus einst aus Kindermund vernommen hat: <italic>Tolle, lege</italic>! Nimm, lies! Und wenn Leser:innen daraufhin mehr &#252;ber die von Tolkien erschaffenen Welt herausfinden m&#246;chten, so finden sie T&#252;r und Tor zu einem lebendigen wissenschaftlichen Diskurs weit offen.</p>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Thomas Honegger promovierte an der Universit&#228;t Z&#252;rich, wo er Alt- und Mittelenglisch unterrichtete. Er ist Autor von <italic>From Phoenix to Chauntecleer: Medieval English Animal Poetry</italic> (1996), <italic>Introducing the Medieval Dragon</italic> (2019) und <italic>Tweaking Things a Little. Essays on the Epic Fantasy of J. R. R. Tolkien and G. R. R. Martin</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2023</xref>). Seine Habilitationsschrift (2001) behandelte die Interaktion zwischen h&#246;fischen Liebenden in der mittelalterlichen erz&#228;hlenden Literatur. Er betreute mehrere Sammelb&#228;nde mit Aufs&#228;tzen zur alt- und mittelenglischen Literatur sowie zum Werk von Prof. Tolkien als Herausgeber und hat dar&#252;ber hinaus zu Chaucer, Shakespeare und den mittelalterlichen Romanzen publiziert. Seit 2002 ist er Professor f&#252;r anglistische Medi&#228;vistik an der Friedrich-Schiller-Universit&#228;t Jena. Homepage: <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.iaa.uni-jena.de/mitarbeiter-innen/honegger-thomas">www.iaa.uni-jena.de/mitarbeiter-innen/honegger-thomas</ext-link>.</p>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Frank Weinreich ist Mitherausgeber der <italic>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</italic>. Die &#252;brigen Autor:innen haben keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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<title>Filmografie</title>
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