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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Rezensionen</subject>
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<article-title>Isabella Hermann: <italic>Zukunft ohne Angst. Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven er&#246;ffnen</italic>. oekom, 2025</article-title>
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<email>arne.soennichsen@uni-due.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Institut f&#252;r qualifizierende Innovationsforschung und -beratung GmbH (IQIB)</aff>
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<license-p>Dieser Open-Access-Beitrag ist lizensiert durch die Creative-Commons-Grundlizenzen in der Version 4.0 (Creative Commons Namensnennung 4.0 International, welche die unbeschr&#228;nkte Nutzung, Verbreitung und Vervielf&#228;ltigung erlaubt, solange der/die Autor*in und die Quelle genannt werden). Vgl. <uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
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<p>Review of <italic>Zukunft ohne Angst. Wie Anti-Dystopien neue Perspektiven er&#246;ffnen</italic> by Isabella Hermann.</p>
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<p>Das Cover von <italic>Zukunft ohne Angst</italic></p>
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<p>In Literatur, Filmen und Serien pr&#228;gen Dystopien zunehmend die Vorstellungen von Zukunft. Klimakrise, technologische Umbr&#252;che, politische Instabilit&#228;t, Kriege und geopolitische Verschiebungen erscheinen h&#228;ufig als Vorboten unvermeidlicher Entwicklungen. Dem &#220;berhang an dystopischen Zukunftsbildern setzt Isabella Hermann mit <italic>Zukunft ohne Angst</italic> einen bewussten Akzent entgegen. In ihrem Buch entwickelt sie den Begriff der &#187;Anti-Dystopie&#171; als analytische Kategorie und untersucht, wie Zukunftserz&#228;hlungen Hoffnung und Handlungsf&#228;higkeit zur&#252;ckgewinnen k&#246;nnen, ohne in die Falle geschlossener utopischer Versprechen zu tappen.</p>
<p>Isabella Hermann ist Politikwissenschaftlerin mit ausgewiesener Expertise in der Analyse von SF. Ihr Werk ist an der Schnittstelle von Fantastikforschung, politischer Theorie und Zukunftsforschung verortet. Dabei geht es ihr weniger um die Einordnung einzelner Texte in feste Gattungen als vielmehr um die gesellschaftliche Funktion von Zukunftsnarrativen. Damit schlie&#223;t das Buch unmittelbar an die Utopian Studies an, die Utopien und Dystopien als Formen gesellschaftlicher Selbstverst&#228;ndigung begreifen.</p>
<p>Als zentraler Referenzpunkt dient Hermann die Diagnose einer &#187;dystopischen Gegenwart&#171; (7), in der Zukunft prim&#228;r als Bedrohung wahrgenommen wird. Dystopien haben sich dabei zunehmend von warnenden Szenarien hin zu resignativen Endzeitnarrativen verschoben. Diese Entwicklung ist politisch brisant, da sie Vorstellungen kollektiven Handelns untergr&#228;bt. Genau hier setzt die Anti-Dystopie an. Anti-dystopische Erz&#228;hlungen beginnen zwar in den aus heutigen Herausforderungen hervorgehenden, in die Zukunft extrapolierten Katastrophen. Sie l&#246;sen sich jedoch vom Narrativ eines zwangsl&#228;ufigen dystopischen Niedergangs. Zugleich wenden sie sich gegen die Vorstellung dystopischer Alternativlosigkeit, ohne sich in eine perfekt auserz&#228;hlte, und oft auch totalit&#228;re, Utopie/Vorstellung zu fl&#252;chten.</p>
<p>Theoretisch st&#252;tzt sich dieser Ansatz auf <xref ref-type="bibr" rid="B1">Ernst Blochs</xref> Konzept der &#187;konkreten Utopie&#171;. W&#228;hrend narrative Utopien h&#228;ufig einen idealen Endzustand beschreiben, l&#228;sst sich die Anti-Dystopie bewusst als narrative Form der Hoffnung und als Praxis utopischen Denkens lesen. Utopie wird damit als offener M&#246;glichkeitsraum verstanden, der an reale Konflikte, Bed&#252;rfnisse und Machtverh&#228;ltnisse anschlie&#223;t. Hier zeigen sich deutliche Ankn&#252;pfungspunkte an <xref ref-type="bibr" rid="B2">Ruth Levitas</xref>&#8217; Verst&#228;ndnis von <italic>Utopia as Method</italic>, das Utopie als heuristisches Verfahren gesellschaftlicher Imagination begreift. Zukunftserz&#228;hlungen fungieren in dieser Perspektive als Handlungsorientierungen, nicht als konkrete Handlungsanweisungen.</p>
<p>Ausf&#252;hrlich arbeitet Hermann diesen Ansatz am Beispiel von Kim Stanley Robinsons <italic>The Ministry for the Future</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2020</xref>) heraus, das sie als Referenzwerk der Anti-Dystopie interpretiert. Der Roman fungiert hier weniger als Prognose &#8211; wie es klassische oder konkrete Utopien h&#228;ufig tun &#8211;, sondern vielmehr als politisches Gedankenexperiment. Institutionelle Innovationen, normative Konflikte und widerspr&#252;chliche Transformationsprozesse werden sichtbar, ohne eindeutige L&#246;sungen vorzugeben. Ausgehend von den Katastrophen einer in die Zukunft extrapolierten Gegenwart werden Werte wie Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Ver&#228;nderungsbereitschaft narrativ erprobt, zugleich aber auch Widerspr&#252;che und moralische Ambivalenzen offengelegt. Die Zukunft tr&#228;gt hier einen Hoffnungsschimmer, ohne makellos oder konfliktfrei zu erscheinen.</p>
<p>In diesem Ansatz liegt eine zentrale St&#228;rke von Hermanns Buch, die auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive besonders interessant ist. Anti-Dystopien erscheinen bei ihr als implizite Theorien gesellschaftlichen Wandels, die Transformation nicht als linearen oder wertkonfliktfreien Prozess darstellen. Sie zeigen verschiedene m&#246;gliche Zuk&#252;nfte ebenso wie die Ambivalenzen und Widerspr&#252;che auf dem Weg dorthin und laden zum Experimentieren mit alternativen Entwicklungspfaden ein.</p>
<p>Offen bleibt allerdings, ob die &#187;Anti-Dystopie&#171; als eigenst&#228;ndige Gattung, als spezifischer Narrativtyp oder prim&#228;r als analytische Leseperspektive zu verstehen ist. Gerade aus Sicht der Fantastikforschung lie&#223;e sich fragen, inwiefern hier tats&#228;chlich eine neue kategoriale Abgrenzung vorgenommen wird oder ob vielmehr eine systematische Re-Lekt&#252;re bereits bekannter Texte vorgeschlagen wird. Auch das Verh&#228;ltnis zu verwandten narrativen Str&#246;mungen wie <italic>Hopepunk</italic> oder <italic>Solarpunk</italic>, die ebenfalls versuchen, Hoffnung erz&#228;hlerisch zu organisieren, bleibt offen. Diese begriffliche Offenheit mindert den analytischen Wert des Konzepts nicht, verweist jedoch auf den Reiz, den Begriff in zuk&#252;nftigen Arbeiten weiter zu sch&#228;rfen.</p>
<p>Hermann bleibt in ihrer Analyse vor allem der SF und utopischen Erz&#228;hlformen verpflichtet. Obwohl das Werk politisch deutlich in Richtung der &#187;konkreten Utopie&#171; und von <italic>Utopia as Method</italic> zielt, bleibt weniger ausgearbeitet, wie anti-dystopische Narrative &#252;ber den literarischen und kulturellen Raum hinaus in konkrete politische Prozesse &#252;bersetzt werden k&#246;nnen. Zwar arbeitet Hermann &#252;berzeugend heraus, dass anti-dystopische Narrative handlungsf&#228;hig machen und Werte, Orientierungen sowie Handlungsm&#246;glichkeiten er&#246;ffnen; wie diese Form von Handlungsmacht jedoch in politischen Prozessen stabilisiert, geb&#252;ndelt oder demokratisch wirksam wird &#8211; etwa in parlamentarischen Entscheidungsverfahren, partizipativen Formaten, Governance-Strukturen oder politischen Institutionen &#8211;, wird nur am Rande thematisiert. Gerade hier b&#246;te sich eine vertiefte Anbindung an politikwissenschaftliche und demokratietheoretische Debatten an.</p>
<p>F&#252;r die Fantastikforschung bietet das Buch ebenfalls zahlreiche produktive Ankn&#252;pfungspunkte. Der Begriff der Anti-Dystopie erweitert die etablierte Dichotomie von Utopie und Dystopie um eine analytische Zwischenkategorie und unterstreicht die politische Bedeutung fantastischer Narrative als Orte kollektiver Zukunftsaushandlung.</p>
<p>Dabei ist zu ber&#252;cksichtigen, dass es sich nicht um eine rein fachwissenschaftliche Abhandlung handelt, sondern um ein Buch, das auch sprachlich bewusst einem breiteren Publikum zug&#228;nglich sein soll. Gerade darin liegt ein besonderer Mehrwert von <italic>Zukunft ohne Angst</italic>: Das Buch bringt utopisches Denken in der Fantastik in Zeiten von Polykrisen und unsicheren Zuk&#252;nften in eine breitere &#246;ffentliche Debatte ein.</p>
<p>Insgesamt legt Hermann eine theoretisch reflektierte und gut argumentierte Studie vor, die Fantastik nicht als Eskapismus, sondern als Ressource politischer Imagination ernst nimmt. <italic>Zukunft ohne Angst</italic> zeigt, dass Zukunft nicht nur erz&#228;hlt, sondern auch gestaltet wird &#8211; und dass gerade anti-dystopische Erz&#228;hlungen hierf&#252;r wichtige Orientierungen liefern k&#246;nnen.</p>
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<title>Autor</title>
<p>Dr. rer. pol. Arne S&#246;nnichsen hat Sozial- und Politikwissenschaft an der Universit&#228;t Siegen studiert und an der Universit&#228;t Duisburg-Essen in der Politikwissenschaft promoviert. Er ist anerkannter Experte f&#252;r Raumfahrtpolitik/space policy. Neben der Raumfahrt z&#228;hlen zu seiner Forschungsexpertise die Science and Technology Studies (STS), Science Fiction und politische Utopien. Zurzeit arbeitet er beim Institut f&#252;r qualifizierende Innovationsforschung und -beratung GmbH (IQIB), einer Tochter des Deutschen Zentrums f&#252;r Luft- und Raumfahrt (DLR).</p>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B1"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Bloch</surname>, <given-names>Ernst</given-names></string-name>. <source>Das Prinzip Hoffnung</source>. <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>, <year>1954</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Levitas</surname>, <given-names>Ruth</given-names></string-name>. <source>Utopia as Method: The Imaginary Reconstitution of Society</source>. <publisher-name>Palgrave Macmillan</publisher-name>, <year>2013</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B3"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Robinson</surname>, <given-names>Kim Stanley</given-names></string-name>. <source>The Ministry for the Future</source>. <publisher-name>Orbit Books</publisher-name>, <year>2020</year>.</mixed-citation></ref>
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