<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<!DOCTYPE article PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Publishing DTD v1.1 20120330//EN" "http://jats.nlm.nih.gov/publishing/1.1/JATS-journalpublishing1.dtd">
<!--<?xml-stylesheet type="text/xsl" href="article.xsl"?>-->
<article article-type="research-article" dtd-version="1.1" xml:lang="de" xmlns:mml="http://www.w3.org/1998/Math/MathML" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance">
<front>
<journal-meta>
<journal-id journal-id-type="issn">2192-0885</journal-id>
<journal-title-group>
<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
</journal-title-group>
<issn pub-type="epub">2192-0885</issn>
<publisher>
<publisher-name>Open Library of Humanities</publisher-name>
</publisher>
</journal-meta>
<article-meta>
<article-id pub-id-type="doi">10.16995/zff.2880</article-id>
<article-categories>
<subj-group>
<subject>Artikel</subject>
</subj-group>
</article-categories>
<title-group>
<article-title>Maschinenzauber: Cornelia Funkes <italic>Reckless</italic> als Darstellung einer technologisierten M&#228;rchenwelt</article-title>
</title-group>
<contrib-group>
<contrib contrib-type="author">
<name>
<surname>Steglich</surname>
<given-names>Dana</given-names>
</name>
<email>danasteglich@uni-bonn.de</email>
<xref ref-type="aff" rid="aff-1">1</xref>
</contrib>
</contrib-group>
<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Bonn, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2021-06-23">
<day>23</day>
<month>06</month>
<year>2021</year>
</pub-date>
<pub-date pub-type="collection">
<year>2020</year>
</pub-date>
<volume>8</volume>
<issue>1</issue>
<fpage>1</fpage>
<lpage>21</lpage>
<permissions>
<copyright-statement>Copyright: &#x00A9; 2020 The Author(s)</copyright-statement>
<copyright-year>2020</copyright-year>
<license license-type="open-access" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by-nd/4.0/">
<license-p>Die Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung ist eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren, die von der Open Library of Humanities ver&#246;ffentlicht wird. &#x00A9; 2021 Der/die Autor*innen. Dieser Open-Access-Beitrag ist lizensiert durch die Creative-Commons Lizenz BY-NC-ND. Diese Lizenz erlaubt es Weiterverwendern*innen, das Material in jedem Medium oder Format nur in nicht angepasster Form zu nichtkommerziellen Zwecken zu kopieren und zu verbreiten, solange der/die Urheber*in genannt wird. Vgl. <uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de">https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
</license>
</permissions>
<self-uri xlink:href="https://zff.openlibhums.org/articles/10.16995/zff.2880/"/>
<abstract>
<p>Cornelia Funke&#8217;s <italic>Reckless</italic> novels combine the vaguely medieval world of European fairy tales with technological advancements which, throughout the three existing novels, speedily evolve from the earliest trains of the industrial revolution to the tanks of WWI. The consequences of this worldbuilding underline the conflict of past and future present in the novels in three distinct ways, namely as a dualism of technology and magic, as the paradox of fairy tales existing in a world made up of fairy tales, as well as the opposition between father and son. After analyzing these three aspects, the article concludes that the dualism of magic and technology exists on a fundamental level throughout the series as a discrepancy between worldbuilding and plot: While the world of <italic>Reckless</italic> is quickly moving towards a future formed by technology, the plot of each novel relies entirely on magic and is thus chained to the past.</p>
</abstract>
</article-meta>
</front>
<body>
<p>&#187;M&#228;rchen sind wunderbare Zeitmaschinen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Funke, <italic>M&#228;rchenbuch</italic> 8</xref>). Diesen Gedanken stellt Cornelia Funke einer von ihr edierten Sammlung der Grimm&#8217;schen M&#228;rchen voran, die 2012 parallel zum zweiten Band ihrer Romanreihe <italic>Reckless</italic> erschienen ist. Die Verbindung zwischen Funkes Romanreihe und den M&#228;rchen der Br&#252;der Grimm ist dabei eine doppelte. Zum einen sind die Namen der Protagonisten in Funkes Romanen, die Br&#252;der Jacob und Will Reckless, selbst eine offensichtliche Anspielung auf die Grimms, und zum anderen wird die (Zeit-)Reise ins M&#228;rchen, die Funke im Vorwort ihres Sammelbandes als Leseerfahrung herausstellt, in den <italic>Reckless</italic>-B&#228;nden von den Protagonisten wortw&#246;rtlich durchgef&#252;hrt. So findet der &#228;ltere der beiden Br&#252;der, Jacob, mit zw&#246;lf Jahren im Arbeitszimmer seines verschollenen Vaters einen Spiegel, der ihn aus der parallel zur au&#223;erliterarisch konstruierten Prim&#228;rwelt des Textes in eine sekund&#228;re Welt voller M&#228;rchenfiguren bringt, in der er von da an den Gro&#223;teil seiner Zeit mit der Jagd nach magischen Artefakten (wie dem Tischleindeckdich oder den gl&#228;sernen Schuhen einer Prinzessin) verbringt. Die Handlung des ersten Bandes beginnt zw&#246;lf Jahre sp&#228;ter, als Will seinem gro&#223;en Bruder zum ersten Mal durch den Spiegel folgt und so ebenfalls, wie Funke es im Vorwort zu ihrer M&#228;rchen-Sammlung beschreibt, zu einem Zeit-, bzw. Weltenreisenden wird:</p>
<disp-quote>
<p>Wir reisen zur&#252;ck in eine Welt, in der die N&#228;chte noch nicht von elektrischem Licht erhellt waren, in der kalte Winter den Hunger brachten, in der K&#246;nige &#252;ber arme Bauern herrschten, und Frauen in endlosen Stunden am Spinnrad davon tr&#228;umten, statt Garn Gold zu spinnen. (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Funke, <italic>M&#228;rchenbuch</italic> 8</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Die Funktion der Zeitmaschine, die Funke hier den in ihrem M&#228;rchenbuch gesammelten Texten zuschreibt, scheint die Autorin somit auf den ersten Blick auch f&#252;r ihre eigene M&#228;rchenwelt, die Spiegelwelt der <italic>Reckless</italic>-Reihe, zu beanspruchen. Denn ebenso wie die in ihrem Vorwort referenzierten und in ihrer Sammlung abgedruckten M&#228;rchen der Br&#252;der Grimm ist Funkes Spiegelwelt ein Ort voller K&#246;nige und Spinnr&#228;der. Schneewittchen-Fl&#252;che sind dort ein g&#228;ngiger Begriff, Blaub&#228;rte treiben ihr grausiges Handwerk und die Kaiserin von Austrien<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> stammt von Aschenputtel pers&#246;nlich ab. Kurzum, die Spiegelwelt ist ein Ort, an dem alles das tats&#228;chlich existiert oder existiert hat, was in der Prim&#228;rwelt, der Jacob und Will entstammen, nur als M&#228;rchenstoff bekannt ist. Doch in dieser M&#228;rchenwelt leben nicht nur Hexen, Feen und Steinmenschen, sondern zu Beginn der Haupthandlung des ersten Bandes seit neuestem auch Fotografen, Telegrafen und Werbedesigner.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> Die M&#228;rchenwelt ist, wie Christine L&#246;tscher urteilt, als die Handlung einsetzt &#187;bereits kontaminiert&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">L&#246;tscher 36</xref>) und &#252;ber den Verlauf der Romanreihe hinweg befindet sich die Spiegelwelt von <italic>Reckless</italic> mitten in einer industriellen Revolution. Die Zeitmaschine der <italic>Reckless</italic>-Romane bringt Leser_innen somit in eine Welt, in der die unbestimmte Vergangenheit der Grimm&#8217;schen M&#228;rchen aus Funkes Sammelband, die Zeit von K&#246;nigen, armen Bauern und goldspinnenden Frauen, mit der konkreten historischen Entwicklung der Zeit, in der die Grimms ihre M&#228;rchen sammelten, der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts, zusammentrifft.</p>
<p>In <italic>Steinernes Fleisch</italic>, dem ersten von bisher drei B&#228;nden, werden die Schlachten zwischen diversen menschlichen K&#246;nigreichen und den Steinmenschen, auch Goyl genannt, bereits mit Flinten und Kanonen geschlagen, Gaslicht erhellt die Stra&#223;en der gr&#246;&#223;eren St&#228;dte der Spiegelwelt, aber Automobile existieren noch nicht<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> und Frauen in M&#228;nnerhosen werden kritisch betrachtet. Drachen sind hingegen l&#228;ngst ausgestorben und Riesen seit langem nicht mehr gesichtet worden. Im zweiten Band, <italic>Lebendige Schatten</italic>, erreichen dann erste &#8250;pferdelose Kutschen&#8249; aus Albion den Kontinent (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Funke, <italic>Schatten</italic> 113</xref>) und Flugzeuge sowie Eisenschiffe bestimmen nun den Krieg (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Funke, <italic>Schatten</italic> 157</xref>). Die Bewohner_innen der Spiegelwelt, denen die Protagonisten der Reihe auf ihren Reisen begegnen, wenden sich w&#228;hrenddessen immer st&#228;rker von der Magie ab und der Technologie zu. Im dritten Band, <italic>Das goldene Garn</italic>, eskaliert der politische Konflikt schlie&#223;lich soweit, dass erste Pl&#228;ne f&#252;r Panzer und Raketen mit Sprengk&#246;pfen entstehen (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Funke, <italic>Garn</italic> 15</xref>). Mit dem gewohnten vage-mittelalterlichen Setting von M&#228;rchen hat die Spiegelwelt zu diesem Zeitpunkt kaum noch etwas gemeinsam und selbst das 19. Jahrhundert, in dem die Welt zu Beginn der Romanreihe noch fest verankert war, wird hier bereits technologisch zur&#252;ckgelassen.</p>
<p>Inwiefern in Cornelia Funkes <italic>Reckless</italic>-Reihe eine technologisierte M&#228;rchenwelt dargestellt wird und welche Auswirkungen dieses <italic>worldbuilding</italic><xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> f&#252;r die Handlung der Romane hat, wird im Folgenden anhand der Analyse von drei Aspekten des Konflikts von Vergangenheit und Zukunft diskutiert. Die Analyse des Dualismus von Technologie und Magie in der Spiegelwelt, des Vorkommens von M&#228;rchen innerhalb der M&#228;rchenwelt sowie der Opposition von Vater und Sohn als Repr&#228;sentanten von Zukunft und Vergangenheit m&#252;ndet dabei abschlie&#223;end in eine kritische Reflexion des Widerspruchs zwischen <italic>worldbuilding</italic> und Plot in Funkes Romanreihe.</p>
<sec>
<title>Der Dualismus von Technologie und Magie in der Spiegelwelt</title>
<p>Alt gegen neu, Vergangenheit gegen Zukunft &#8211; von Beginn an ist dieser Dualismus der Spiegelwelt auf <italic>worldbuilding</italic>-Ebene der zentrale Konflikt der <italic>Reckless</italic>-Reihe:</p>
<disp-quote>
<p>Die Stadt sah von fern aus wie eines der Bilder, die man auf Lebkuchendosen druckte, aber seit ein paar Jahren durchzogen Eisenbahngleise die H&#252;gel dahinter, und aus Fabrikschornsteinen stieg grauer Rauch in den Abendhimmel. Die Welt auf der anderen Seite des Spiegels wollte erwachsen werden. Aber das Steinerne Fleisch, das seinem [Jacobs] Bruder wuchs, hatten nicht mechanische Webst&#252;hle oder andere moderne Errungenschaften ges&#228;t, sondern der alte Zauber, der in ihren H&#252;geln und W&#228;ldern hauste. (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 15 f.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Den Modernisierungen und technischen Erneuerungen, durch die der Schauplatz der Handlung sich &#252;ber die drei Romane hinweg von einer zeitlosen, vage-mittelalterlichen M&#228;rchenwelt zu einer modernen Welt des 20. Jahrhunderts entwickelt, steht, wie dieses Zitat zeigt, eine andere Kraft gegen&#252;ber, welche aus Jacobs Perspektive unzweifelhaft der Vergangenheit der Spiegelwelt angeh&#246;rt. Ein &#187;alte[r] Zauber&#171; ist es, der Jacobs Bruder beim Betreten der Spiegelwelt in einen Goyl verwandelt hat und zu dessen L&#246;sung sich Jacob nun ebenfalls alter Magie bedienen muss. Doch w&#228;hrend die Technologie der Spiegelwelt sich weiterentwickelt, bleibt die Magie der Welt konstant. Beide, die an der Zukunft orientierte Technologie und die an der Vergangenheit orientierte Magie, stehen sich so im gegenw&#228;rtigen Moment der Entwicklung der Spiegelwelt oppositionell gegen&#252;ber.</p>
<p>Cornelia Funke selbst erkl&#228;rte nach Ver&#246;ffentlichung des ersten Bandes der <italic>Reckless</italic>-Reihe, dass sie Europa im 19. Jahrhundert bewusst als Vorbild f&#252;r die Spiegelwelt gew&#228;hlt habe, da diese Zeit, ihren eigenen Worten nach, &#187;beides kannte: Fortschrittsbegeisterung und romantische Vergangenheitsverkl&#228;rung&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Freund</xref>). Die Gleichzeitigkeit einer Orientierung an Zukunft und Vergangenheit im gegenw&#228;rtigen Moment f&#252;hrt aufgrund ihrer Wurzeln im M&#228;rchen in der Spiegelwelt jedoch weit st&#228;rker zu einer Frontenbildung, als dies im Europa des 19. Jahrhunderts historisch verb&#252;rgt der Fall war. So spalten sich die Bewohner der Spiegelwelt durch ihre Reaktion auf die rasanten Ver&#228;nderungen ihrer Welt in zwei Lager: in diejenigen, die den Fortschritt willkommen hei&#223;en, ihn vorantreiben und von ihm profitieren, und diejenigen, die ihm skeptisch gegen&#252;berstehen, ihn kritisieren oder durch ihn nachteilige Behandlung erfahren.</p>
<p>So wurden die Hexen, das erfahren Leser_innen im zweiten Band, beispielsweise bereits aus den St&#228;dten der Spiegelwelt vertrieben, da sie dem Fortschrittsglauben der Menschen dort im Weg standen: &#187;In Schwansteins gaslichterleuchteten Stra&#223;en gab es schon seit Jahren keine praktizierende Hexe mehr. Hexen verk&#246;rperten die Vergangenheit und die Bewohner von Schwanstein glaubten an die Zukunft&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 35). Weniger eine Verkl&#228;rung als eine Leugnung der eigenen Vergangenheit wird hier offensichtlich. Denn die an der au&#223;erliterarischen Welt orientierte Entwicklung von Hexen als Frauen, die der Heilkunst m&#228;chtig waren, zu &#196;rzt_innen und Krankenpfleger_innen &#8211; auf welche die Figur Clara, eine Medizinstudentin aus der Prim&#228;rwelt des Textes, im ersten Band Bezug nimmt mit der Aussage: &#187;In unserer Welt arbeiten Hexen in Krankenh&#228;usern&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 66</xref>) &#8211; erscheint in der Spiegelwelt, in der die Magie der Hexen tats&#228;chlich existiert, wenig sinnig. Mit den Hexen wird demnach auch die Hexenkunst Opfer der Entwicklungen: Die Auswirkungen schwarzer Magie werden &#187;im Namen des Fortschritts als Krankheit bezeichnet&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Funke, <italic>Garn</italic> 13</xref>) und den Platz der wei&#223;en Magie und Heilkunde als sogenannte &#187;alte Medizin&#171; nimmt, zumindest in den St&#228;dten, die neue Medizin ein (Funke, <italic>Schatten</italic> 36). Die Magie der Hexen kann so nicht in die Entwicklungen der Welt einbezogen werden und muss zum Fremdk&#246;rper in der technologisierten Spiegelwelt werden. Parallel zu der Umbenennung der Heilkunst von &#8250;Magie&#8249; zu &#8250;Medizin&#8249; wird auch Magie im Allgemeinen &#252;ber den Verlauf der <italic>Reckless</italic>-Romane zur &#8250;alten Magie&#8249;, die der &#8250;neuen Magie&#8249; von Technik und Wissenschaft die Zukunft &#252;berlassen muss (Funke, <italic>Garn</italic> 17&#8211;18). Dem ber&#252;hmtesten Ingenieur der Spiegelwelt wird so der Beiname &#187;der neue Zauberer&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 159) verliehen.</p>
<p>Jacob selbst, ein ber&#252;hmter Schatzsucher der Spiegelwelt, bekommt aufgrund der sich wandelnden Zeit mehrfach den &#8211; mit unterschiedlicher Ernsthaftigkeit vorgetragenen &#8211; Ratschlag zu h&#246;ren, er solle den Beruf wechseln. Im zweiten Band ist es zuerst der am (eigenen) Fortschritt in jeglicher Hinsicht interessierte Zwerg Evenaugh Valiant, ein Gesch&#228;ftskontakt aber auch Antagonist Jacobs, der ihm erkl&#228;rt, warum sein Beruf in der Spiegelwelt keine Zukunft haben kann: &#187;&#8250;Die Welt ist ein Pulverfass. Das Gesch&#228;ft mit Sprengstoff und Munition war nie besser. Feenlilien und Hexennadeln &#8230;&#8249;, der Zwerg grunzte ver&#228;chtlich, &#8250;Handelsg&#252;ter von gestern! Waffenhandel. Das ist die Zukunft&#8249;&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 67). Wenig sp&#228;ter wird Jacob auf ganz &#228;hnliche Art von einem alten Freund, dem Historiker Robert Lewis Dunbar, ebenfalls f&#252;r seine Suche nach magischen Artefakten verspottet: &#187;Wonach suchst du diesmal? Ein Habetrotshemd? Ein Gryphonshuf? Du solltest den Beruf wechseln. Gl&#252;hbirne, Batterie, Aspirin &#8211; das sind die Worte, die in diesen Zeiten nach Magie klingen&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 122). Den Waffen und modernen Erfindungen, so zeigt der Vergleich beider Zitate, geh&#246;rt aus den unterschiedlichsten Blickrichtungen die Zukunft. Doch nicht nur das: Dunbar sieht die Forschung an Gl&#252;hbirne, Batterie und Aspirin im Vergleich mit Jacobs Suche nach verschollenen magischen Gegenst&#228;nden nicht einfach nur als sinnvollere Besch&#228;ftigung an, er erkennt zudem, dass die modernen Erfindungen in den Augen der Spiegelwelt die Magie bereits abgel&#246;st haben und die Objekte, denen Jacob hinterherjagt, somit wertlos machen. Wie die Hexen, die aus den St&#228;dten verbannt und deren Arbeit mit anderen Mitteln substituiert wurde, prognostiziert Dunbar so, dass auch die magischen Artefakte und damit Jacobs Besch&#228;ftigung in der Spiegelwelt fr&#252;her oder sp&#228;ter zu Fremdelementen werden m&#252;ssen.</p>
<p>Wie diese Beispiele zeigen, orientiert sich die Spiegelwelt im Verlauf der Romanreihe nicht nur am Fortschritt, den die Zukunft bringen wird, sondern wendet sich auch dezidiert von der Vergangenheit und den damit verbundenen magischen Urspr&#252;ngen der Welt ab.</p>
<p>In <italic>Reckless</italic> &#252;berwiegt trotz der wiederholten Betonung dieses Fortschrittsglaubens jedoch insgesamt der Eindruck der Fortschrittskritik. Zum einen, da mit Jacob ein an der Vergangenheit orientierter Protagonist die Handlung dominiert,<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> und zum anderen, da es auch aus der Perspektive anderer Figuren nicht die Magie, sondern stets die technischen Erneuerungen sind, die als Fremdk&#246;rper beschrieben werden. So wundert sich nicht nur Jacob, sondern beispielsweise auch einer seiner Antagonisten, der Goyl Hentzau, &#252;ber die rapide Ver&#228;nderung der Spiegelwelt: &#187;Die Sch&#252;sse klangen seltsam in der Stille. Wie etwas, das nicht in diese Welt geh&#246;rte. Flinten, Dampfmaschinen, Z&#252;ge &#8211; Hentzau kam all das immer noch unnat&#252;rlich vor. Er wurde alt, das war es&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 98 f.</xref>). Noch eindr&#252;cklicher als in dieser Passage aus Hentzaus Sicht wird die Unnat&#252;rlichkeit der Technisierung der Spiegelwelt aus der Perspektive eines Tieres verdeutlicht, das auf die Ger&#228;usche der sich wandelnden Welt mit instinktiver Furcht reagiert: &#187;Die Stute spitzte so besorgt die Ohren, als w&#228;ren die Drachen zur&#252;ck, aber sie h&#246;rte nur die neue Zeit. Das Heulen der Sirenen. Das Ticken der Uhren. Die Maschinen wollten laufen und sie liefen schnell&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 47).</p>
<p>So wie Magie in zahlreichen anderen Fantasy-Werken (bspw. in den <italic>Harry- Potter</italic>-Romanen durch Harrys Perspektive, die ebenso wie Jacobs die eines Au&#223;enseiters ist) stets als das Wunderbare und somit das Auff&#228;llige dargestellt wird, nehmen diesen Platz aus Sicht zahlreicher Protagonist_innen der <italic>Reckless</italic>-Reihe in erster Linie die technischen Erfindungen ein, denen im Vergleich die magischen Elemente der Spiegelwelt als selbstverst&#228;ndlicher oder zumindest nat&#252;rlicher gegen&#252;berstehen. Die Elemente in der Gegenwart der Spiegelwelt, die der Vergangenheit angeh&#246;ren, wie Magie und magische Artefakte, werden somit von einem Gro&#223;teil der fokalisierten Figuren als nat&#252;rlicher Teil der Welt verstanden, w&#228;hrend die Elemente, die auf eine technologisierte Zukunft der Spiegelwelt hindeuten, den Platz von Fremdk&#246;rpern einnehmen, der im <italic>worldbuilding</italic> der Romanreihe eigentlich den Elementen aus der Vergangenheit einger&#228;umt wird.</p>
<p>Neben Jacob selbst, der im Verlauf der Romane stets mit Nostalgie an die Kinderschuhe zur&#252;ckdenkt, denen die Spiegelwelt gerade entw&#228;chst, ist es besonders der Historiker Dunbar, der in den <italic>Reckless</italic>-Romanen Skepsis vor der Zukunft zum Ausdruck bringt. Dies ist zum einen darin begr&#252;ndet, dass Dunbar als Historiker ebenso wie Jacob zu den Figuren geh&#246;rt, die allein durch ihre Profession der Vergangenheit zugewandt sind. Daher muss Dunbar angesichts der Entwicklungen seiner Welt seine eigene Arbeit gef&#228;hrdet sehen: &#187;Was tut ein Historiker in einem Land, das nur noch an die Zukunft glaubt? Was soll Gutes dabei herauskommen, wenn wir uns das Leben von Zeigern und Zahnr&#228;dern diktieren lassen?&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 122). Dunbar hat jedoch anders als Jacob noch einen zweiten Grund, warum er der technologisierten Zukunft der Spiegelwelt skeptisch begegnen muss: Wie Fuchs, eine Gestaltwandlerin und Jacobs treueste Gef&#228;hrtin, ist Dunbar als Sohn eines Rattenmenschen ein magisches Wesen und somit rein k&#246;rperlich mit der magischen Vergangenheit der Welt verbunden:</p>
<disp-quote>
<p>&#187;[&#8230;] Ich bin nicht sicher, ob Gewehre eine gute oder schlechte Erfindung sind. Die Frage stellt sich wohl bei jeder Erfindung, allerdings muss man sie sich in diesen Tagen f&#252;r meinen Geschmack allzu h&#228;ufig stellen. [&#8230;] Wir [Dunbar und Fuchs] stehen beide zwischen den Zeiten, stimmt&#8217;s? Wir tragen die Vergangenheit auf der Haut, aber die Zukunft ist zu laut, um sie zu ignorieren. Das, was war, und das, was sein wird. Das, was verloren geht, und das, was gewonnen wird &#8230;&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 143)</p>
</disp-quote>
<p>Als magische Wesen sind Dunbar und Fuchs der beste Beweis f&#252;r die magische Vergangenheit der Spiegelwelt, die von den fortschrittsbegeisterten Bewohner_innen teilweise bereits geleugnet wird. Ob Dunbar und Fuchs dieselbe Zukunft wie den Hexen bevorsteht, wird dabei in den bisherigen Romanen der Reihe nicht exploriert.</p>
<p>Dunbars Oppositions-Figur auf der Seite der Fortschrittsbegeisterten ist Kami&#8217;en, der K&#246;nig der Goyl, der als Initiator des gro&#223;en Krieges zwischen Menschen und Steinmenschen zum direkten und indirekten F&#246;rderer neuer Technologien wird. Zwar nutzt auch Kami&#8217;en die Unterst&#252;tzung von magischen Wesen, doch aus den wenigen Kapiteln, die Einblick in seine Sicht geben, wird deutlich, dass der K&#246;nig der Goyl Technik der Magie vorzieht. &#220;ber Drachen urteilt er beispielsweise so: &#187;Sie waren fantastische Waffen im Krieg. Aber sie waren nicht allzu gehorsam. Maschinen sind so viel leichter zu kontrollieren&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 247).</p>
</sec>
<sec>
<title>M&#228;rchen in der M&#228;rchenwelt</title>
<p>Um Kami&#8217;ens Stellung im Dualismus von Magie und Technologie und im Konflikt von Vergangenheit und Zukunft, besser zu verstehen, ist es sinnvoll, zuerst eine generelle Feststellung zum Status von magischen Objekten und Figuren in der Spiegelwelt zu machen. Denn innerhalb der Spiegelwelt, die, wie zuvor gezeigt, von der Verwirklichung der gesammelten Welten der Grimm&#8217;schen (und anderer) M&#228;rchen ausgehend,<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> den vage-mittelalterlichen Schauplatz der Textsorte bis zur Industrialisierung historisch weiterentwickelt, existieren ebenfalls M&#228;rchen. Diese sind nicht identisch mit den Erz&#228;hlungen, welche die Grimms in der Prim&#228;rwelt des Textes, sprich: auf der anderen Seite des Spiegels, gesammelt haben, sie folgen aber nicht nur denselben Erz&#228;hlprinzipien,<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> sondern erf&#252;llen auch dieselbe Funktion wie M&#228;rchen es in der Prim&#228;rwelt des Textes und in der au&#223;erliterarischen Welt der Leser_innen von <italic>Reckless</italic> tun. Dies wird im Text besonders deutlich, wenn Hentzau, eine der sowohl fortschritts- als auch magieskeptischen Figuren und die rechte Hand des Goylk&#246;nigs Kami&#8217;en, den Einfluss, den M&#228;rchen auf sein Leben hatten, kommentiert:</p>
<disp-quote>
<p>Ammenm&#228;rchen. Als Kind hatte Hentzau nichts lieber geh&#246;rt, weil sie der Welt einen Sinn und ein gutes Ende gaben. Einer Welt, die in oben und unten zerfiel und von G&#246;ttern mit weichem Fleisch regiert wurde. Doch Hentzau hatte ihnen ihr weiches Fleisch zerschnitten und gelernt, dass sie keine G&#246;tter waren &#8211; ebenso, wie er gelernt hatte, dass die Welt keinen Sinn machte und nichts ein gutes Ende nahm. (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 75</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>M&#228;rchen sind in der sekund&#228;ren Textwelt der Spiegelwelt also parallel zu den Grimm&#8217;schen M&#228;rchen in der Prim&#228;rwelt und der au&#223;erliterarischen Welt daf&#252;r bekannt, dass sie Kindern vorgelesen oder erz&#228;hlt werden, dass sie Gut und B&#246;se deutlich voneinander trennen und dass sie (meist) ein gutes Ende haben. Aus Hentzaus Perspektive wird hier an den M&#228;rchen der Spiegelwelt zudem deutlich, dass diese eine rein menschliche Sicht auf die Welt zeigen, nach welcher den &#187;G&#246;ttern mit weichem Fleisch&#171; Herrschaft &#252;ber die Welt zusteht. Auch wenn die Romanreihe diesen Aspekt nicht weiter ausf&#252;hrt, wird hier zumindest angedeutet, dass die von den M&#228;rchen der Menschen propagierte Weltsicht ein Grund f&#252;r die Erhebung der Goyl sowie den damit ausgel&#246;sten Krieg gewesen sein k&#246;nnte.</p>
<p>Zus&#228;tzlich zu den M&#228;rchen, die Hentzau in seiner Kindheit geh&#246;rt hat, muss es in der Spiegelwelt allerdings auch Goyl-M&#228;rchen geben. Im ersten Band wird die Erz&#228;hlung bzw. Weissagung vom Jadegoyl, einem angeblich unbesiegbaren Steinmenschen, dessen Haut reine Jade ist, explizit von mehreren Figuren als M&#228;rchen identifiziert.<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> Diese angebliche M&#228;rchenfigur stellt sich durch die Jadehaut, die Will Reckless im Verlauf der Handlung w&#228;chst, letztlich jedoch als real existierende Gestalt heraus. Der Roman unterst&#252;tzt dabei die Lesart, nach der Figuren wie H&#228;nsel und Gretel in der Prim&#228;rwelt des Textes und der Jadegoyl in der sekund&#228;ren Spiegelwelt auf einer Ebene stehen. Denn dieselbe textliche Formatierung eines Zitates aus dem (von Funke f&#252;r die Romanreihe erfundenen) M&#228;rchen vom Jadegoyl (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 75</xref>) wurde zuvor als Absetzung eines Zitates aus dem Grimm&#8217;schen M&#228;rchen von H&#228;nsel und Gretel (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 52</xref>) daf&#252;r genutzt, den Text des M&#228;rchens, das auf der prim&#228;ren Seite des Spiegels erz&#228;hlt und auf der sekund&#228;ren Seite des Spiegels wahr wird, von dem Text des Romans abzusetzen. Folgt man der bis dahin im Roman dargelegten und durch die Formatierung (Kursivdruck und Einr&#252;ckung) unterst&#252;tzten Logik, m&#252;sste der Jadegoyl so zumindest in der Spiegelwelt ebenso Fiktion bleiben, wie H&#228;nsel und Gretel es in der Prim&#228;rwelt auf der anderen Seite des Spiegels sind. Da er dies jedoch nicht tut, da der Jadegoyl durch Wills Verwandlung von einer M&#228;rchenfigur zu einer in der Wirklichkeit der Spiegelwelt real existierenden Person wird, nimmt die Spiegelwelt an diesem Punkt zus&#228;tzlich zu der parallelen Technologie-Entwicklung zur Prim&#228;rwelt auf der anderen Seite des Spiegels auch Qualit&#228;ten der Prim&#228;rwelt an, die das Verh&#228;ltnis der Sekund&#228;rwelt zu Magie grunds&#228;tzlich ersch&#252;ttern. In der sekund&#228;ren Spiegelwelt existieren somit n&#228;mlich einerseits Figuren und Objekte, die in der Prim&#228;rwelt auf der anderen Seite des Spiegels lediglich der Stoff f&#252;r M&#228;rchen sind.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> Andererseits existieren mit dem Jadegoyl innerhalb der sekund&#228;ren Spiegelwelt nun aber ebenfalls Figuren und Objekte, die sowohl Stoff f&#252;r exklusive M&#228;rchen der Sekund&#228;rwelt als auch innerhalb der Sekund&#228;rwelt real sind. Es existiert in der Spiegelwelt also zeitgleich Magie, die als selbstverst&#228;ndlich aufgefasst wird und deren Anzweiflung l&#228;cherlich w&#228;re, sowie Magie, die (mit der zunehmenden Entwicklung der Welt) den Status von M&#228;rchen und Legenden einnimmt. Der Zweifel an Magie hat somit parallel zu den neusten technologischen Entwicklungen in der Spiegelwelt ebenfalls Fu&#223; gefasst.</p>
<p>Kami&#8217;en, der K&#246;nig der Goyl, fasst diese, in ihrer Parallele zur Prim&#228;rwelt des Textes und der au&#223;erliterarischen Welt der Leser_innen als geradezu aufgekl&#228;rt zu bezeichnende Weltsicht in seiner Reaktion auf das M&#228;rchen vom Jadegoyl zusammen:</p>
<disp-quote>
<p>Du verlangst, dass ich an ein M&#228;rchen glaube. [&#8230;] Meine Munitionsfabriken produzieren nicht so schnell, wie meine Soldaten schie&#223;en. Die Lazarette sind &#252;berf&#252;llt und die Partisanen haben zwei meiner wichtigsten Schienenwege gesprengt. Soweit ich mich erinnere, ist in den M&#228;rchen, die meine Mutter erz&#228;hlt hat, von alldem nicht die Rede. Lass das Volk an den Jadegoyl und an Gl&#252;ckssteine glauben. Aber die Welt ist inzwischen aus Eisen gemacht. (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 270 f.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>In der Gegen&#252;berstellung einer Welt, die noch an M&#228;rchen glaubte, mit der eisernen Welt des Krieges, den Kami&#8217;en ausgel&#246;st hat, wird erneut der Dualismus von Vergangenheit und Zukunft deutlich. Kami&#8217;en h&#228;lt die M&#228;rchen der Vergangenheit f&#252;r gerade noch gut genug, um seinem Volk Hoffnung beziehungsweise n&#246;tige Illusionen zu geben. Er selbst sieht sich hingegen in einer Welt, die auf ihrem rasant fortschreitenden Weg in die Zukunft die Magie des Jadegoyls als M&#228;rchen zur&#252;ckl&#228;sst und auf die Konflikte der Gegenwart vorzugsweise mit Eisen antwortet.</p>
<p>Den Warnungen vor dieser technologisierten Zukunft, die der Historiker Dunbar ausspricht, liegt letztlich die Wahrnehmung desselben Wandels zugrunde, n&#228;mlich die des Austauschens der alten Magie gegen eine neue:</p>
<disp-quote>
<p>&#187;Die [magische] Armbrust ist hunderttausend dieser Flinten wert. Sie macht den Mann, der sie benutzt, mit einem Schuss zum Massenm&#246;rder. Ich bin sicher, sie werden irgendwann Maschinen bauen, die dasselbe k&#246;nnen. Die neue Magie ist die alte Magie. Dieselben Ziele, dieselben Begierden &#8230;&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 145)</p>
</disp-quote>
<p>Wobei der Blick in die Geschichte der Spiegelwelt, der dem Historiker offensteht, zudem deutlich macht, was Kami&#8217;ens Einstellung zu dem M&#228;rchen vom Jadegoyl bereits vermuten l&#228;sst, n&#228;mlich, dass der Glauben an die alte Magie in der Spiegelwelt mit der Zeit verlorengeht:</p>
<disp-quote>
<p>Erlelfen! [&#8230;] Die meisten seiner [Dunbars] Historikerkollegen h&#228;tten ihn daf&#252;r verspottet, dass er es &#252;berhaupt versuchte. Es war, als suchte man nach vergessenen G&#246;ttern: Zeus, Apollon, Odin und Freya &#8230; hatte es sie je gegeben? Dunbars Antwort war: Ja, ganz bestimmt, aber er hatte sich abgew&#246;hnt, solche Ansichten laut zu &#228;u&#223;ern. (Funke, <italic>Garn</italic> 317)</p>
</disp-quote>
<p>Die einzige Figur, die diesen Wandel nicht f&#252;r unaufhaltbar h&#228;lt, ist Jacob Reckless. &#187;Es ist nichts als ein M&#228;rchen, Jacob&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 71), wird auch Jacob auf seiner Suche nach dem n&#228;chsten magischen Artefakt wiederholt gesagt, anders als Kami&#8217;en antwortet er jedoch: &#187;Und? Alles in dieser Welt klingt wie ein M&#228;rchen&#171; (Funke, <italic>Schatten</italic> 71). Der Blick von au&#223;en, den Jacob als eine der wenigen Figuren aufgrund seiner Heimat in der Prim&#228;rwelt auf der anderen Seite des Spiegels besitzt, erlaubt es ihm, die Magie der Spiegelwelt f&#252;r unersch&#246;pflich zu halten. Und da er sich in der Spiegelwelt von Kindheit an mit realen Figuren und Objekten konfrontiert sah, die in Jacobs Heimat lediglich fiktiv sind, f&#228;llt es ihm auch nicht schwer, an die Existenz von magischen Artefakten zu glauben, welche f&#252;r die Bewohner der Spiegelwelt bereits zu M&#228;rchen geworden sind.</p>
</sec>
<sec>
<title>Vater und Sohn als Repr&#228;sentanten von Zukunft und Vergangenheit</title>
<p>Jacob steht somit in Opposition zu einer sich in der Spiegelwelt verbreitenden Grundeinstellung in dem Konflikt von Magie und Technologie. Ihm gegen&#252;ber, an der Spitze des Fortschritts, steht dabei nicht nur der Goylk&#246;nig Kami&#8217;en, sondern auch Jacobs eigener Vater. Denn John Reckless, Jacobs und Wills Vater, der &#8211; so wird es zu Beginn des ersten Bandes dargestellt &#8211; seine Familie verlassen hat als die Kinder noch klein waren, lebt, seit er aus der Prim&#228;rwelt auf der anderen Seite des Spiegels verschwunden ist, in der Spiegelwelt. Dort treibt er die Industrialisierung ma&#223;geblich voran, indem er als der bereits erw&#228;hnte &#187;neue Zauberer&#171; Erfindungen, die ihm aus der Entwicklung der Prim&#228;rwelt bekannt sind, in der Spiegelwelt neu &#8250;erfindet&#8249;. Anstatt Aspirin und Gl&#252;hbirne, denen selbst der fortschrittsskeptische Dunbar in der vorherigen Darstellung Respekt gezollt hat, sind die &#8250;Erfindungen&#8249; von John Reckless allerdings prim&#228;r der R&#252;stungsindustrie zuzuschreiben, da er f&#252;r nahezu alle Seiten des politischen Konflikts Waffen herstellt. Im Verlauf des ersten <italic>Reckless</italic>-Bandes hat Jacob immer wieder Momente, in denen er sich diese Zusammenh&#228;nge zu erschlie&#223;en beginnt. So ahnt Jacob zu Beginn von <italic>Steinernes Fleisch</italic> bereits, dass sein Vater, der sich w&#228;hrend seiner Zeit in der Prim&#228;rwelt auf der anderen Seite des Spiegels f&#252;r Geschichte interessierte, alte Pistolen sammelte und Flugzeugmodelle baute, zumindest indirekt f&#252;r die Industrialisierung der Spiegelwelt verantwortlich ist:</p>
<disp-quote>
<p>Nirgendwo ahmte die Spiegelwelt die andere Seite so eifrig nach wie in Schwanstein, und Jacob hatte sich nat&#252;rlich schon oft gefragt, wie viel von alldem durch den Spiegel gekommen war, der im Arbeitszimmer seines Vaters hing. Im Museum der Stadt gab es ein paar Dinge, die verd&#228;chtig nach der anderen Welt aussahen. Ein Kompass und eine Kamera kamen Jacob sogar so bekannt vor, dass er sie f&#252;r das Eigentum seines Vaters hielt [&#8230;]. (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 31 f.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Ebenso wie in diesen &#220;berlegungen Jacobs, wird anhand der Arbeit, die John Reckless seit Jahrzehnten in der Spiegelwelt aus&#252;bt, der Einfluss deutlich, welchen die Prim&#228;rwelt auf die Spiegelwelt aus&#252;bt. Nicht nur in Jacobs Gedanken, in denen er die beiden Welten miteinander vergleicht, wird das Verh&#228;ltnis von Prim&#228;r- und Sekund&#228;rwelt als ein Nachahmen der einen Welt in der anderen ausdr&#252;ckt. Denn auch Jacobs Vater ist seit Jahren &#8211; wie Jacob sp&#228;ter erf&#228;hrt &#8211; aktiv damit besch&#228;ftigt, die Entwicklungen der Prim&#228;rwelt in der Spiegelwelt nachzuahmen und damit aus den Erfindungen anderer Menschen aus einer anderen Welt in dieser Welt, in die er sich zur&#252;ckgezogen hat, Anerkennung und finanziellen Gewinn zu erwirtschaften. Aufmerksame Leser_innen erinnern sich daher ebenso wie Jacob an die Beschreibung der Flugzeugmodelle im Arbeitszimmer von John Reckless, wenn gegen Ende des ersten Bandes von mechanischen Drachen aus Metall und Holz die Rede ist, welche Jacob treffsicher als die &#187;erwachsenen Br&#252;der der Modelle, die verstaubt &#252;ber dem Schreibtisch von John Reckless hingen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 249</xref>) identifiziert.</p>
<p>In seiner Reaktion auf diese Flugzeuge, oder besser gesagt, in seiner Reaktion auf die Existenz dieser Flugzeuge in der Spiegelwelt wird Jacobs Opposition zu seinem Vater besonders deutlich. W&#228;hrend John Reckless innerhalb der Romanreihe das Extrem auf der Seite der neuen, menschengemachten Magie, der Technologie, repr&#228;sentiert, steht Jacob als Protagonist der <italic>Reckless</italic>-B&#252;cher fest auf Seiten der Vergangenheit und der alten Magie. Die Erfahrung, innerhalb der von ihm aufgrund ihrer Magie und nostalgischen Pr&#228;gung gew&#228;hlten Heimat &#8211; mit Cornelia Funke k&#246;nnte auch von einer Zeitreise-Funktion gesprochen werden, welche die Spiegelwelt f&#252;r Jacob erf&#252;llt &#8211; in einem Flugzeug zu sitzen, l&#246;st in Jacob daher in erster Linie Angst vor der weiteren Entwicklung seiner Wahlheimat aus: &#187;Fliegen. Es war, als w&#228;ren beide Welten verschmolzen. Als g&#228;be es den Spiegel nicht mehr. Wenn aus den Drachen Maschinen wurden, was kam als N&#228;chstes?&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 258.</xref>) John Reckless hingegen, der ebenso wie sein Sohn die Spiegelwelt als sein Zuhause erw&#228;hlt hat und ebenso wie Jacob geliebte Menschen daf&#252;r auf der anderen Seite des Spiegels zur&#252;ckgelassen hat, schreckt nicht einmal im dritten Band, als er stolz &#8250;seine&#8249; neuste Erfindung, die ersten Baupl&#228;ne f&#252;r Panzer und Raketen, vorstellt, vor den Konsequenzen seiner Arbeit zur&#252;ck. Zwar &#228;u&#223;ert er kurz Gewissensbisse bez&#252;glich der Industrie, in welcher er sich mit seinem Wissensvorsprung aus der anderen Welt bet&#228;tigt,<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> letztlich &#252;berwiegen jedoch nicht nur sein Egoismus, sondern vor allem anderen auch sein Glauben, der Spiegelwelt nur bei ihren n&#228;chsten Schritten in die Zukunft unter die Arme zu greifen. John Reckless findet es daher auch, als er von den Abenteuern seines Sohnes in der Spiegelwelt erf&#228;hrt, &#187;faszinierend, dass sein &#228;ltester Sohn es sich zur Aufgabe gemacht hatte, nach der verlorenen Vergangenheit dieser Welt zu suchen, w&#228;hrend sein Vater ihr die Zukunft brachte&#171; (Funke, <italic>Garn</italic> 19).</p>
<p>Die &#220;berzeugung von John Reckless, der Spiegelwelt die Zukunft zu bringen, macht dabei eine Schlussfolgerung n&#246;tig, die bereits zuvor kurz, durch den Verweis des Historiker Dunbars auf &#187;vergessene[&#8230;] G&#246;tter[&#8230;]&#171; (Funke, <italic>Garn</italic> 317) angerissen wurde: Denn wenn die Spiegelwelt ebenso wie die Prim&#228;rwelt auf eine Antike mit G&#246;ttern wie Zeus, Apollon, Odin und Freya zur&#252;ckblicken kann und sich zum Zeitpunkt der Handlung mitten in einer industriellen Revolution mit Eisenbahnbau und Waffenindustrie befindet, dann erscheint ihre Entwicklung hin zu einer Zukunft von gro&#223;en Kriegen, gef&#252;hrt mit Raketensprengk&#246;pfen, nicht l&#228;nger verwunderlich. Die Entwicklung der Spiegelwelt, die in der nostalgischen Wahrnehmung der Welt durch Jacob und andere Figuren wie Dunbar und Fuchs eigentlich in ihrem vage-mittelalterlichen M&#228;rchen-Stadium feststehen m&#252;sste, wird so zwar durch den Kontakt mit der Welt auf der anderen Seite des Spiegels beschleunigt, nicht aber durch ihn ausgel&#246;st. Das wahre Fremdelement in der Spiegelwelt m&#252;sste somit, gerade aus der Sicht Jacobs, der aus einer Welt der parallelen Entwicklungen stammt, nicht die Technologie, sondern die Magie sein. Denn der abnehmende Glaube an Magie innerhalb der Gesamtbev&#246;lkerung der Spiegelwelt wird vor dem Hintergrund dieser &#220;berlegung zu einer ebenfalls logischen Entwicklung, welche die au&#223;erliterarische Aufkl&#228;rung parallelisiert.</p>
</sec>
<sec>
<title>Reflexion des Widerspruchs zwischen <italic>worldbuilding</italic> und Plot</title>
<p>An dieser Stelle erreicht die Analyse einen Punkt, an dem auf den deutlichen Widerspruch zwischen <italic>worldbuilding</italic> und Plot innerhalb der Romanreihe hingewiesen werden muss: Denn w&#228;hrend der Schauplatz der Handlung in <italic>Reckless</italic>, wie dargestellt wurde, immer mehr einer technisierten Zukunft entgegenstrebt, bleibt Jacob als Protagonist der Reihe auf Handlungsebene seinem Handwerk als Schatzj&#228;ger treu und treibt allein durch das Auffinden verschollener magischer Objekte den Plot voran. Das komplexe <italic>worldbuilding</italic>, durch das an diesem Ort eine unaufgekl&#228;rte Welt voller tats&#228;chlicher Magie und eine rationalisierte Welt der Technologie parallel zueinander existieren, was sich im Vater-Sohn-Konflikt auch auf Figuren-Ebene spiegelt und die Spiegelwelt so zu einem Ort der Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem macht, wird in den bisherigen <italic>Reckless</italic>-B&#228;nden nahezu vollst&#228;ndig dadurch untergraben, dass auf Plot-Ebene keine der neuen Technologien mit der alten Magie auch nur konkurrieren kann. Und abgesehen davon, dass Jacobs Reisezeit sich durch die Nutzung von Eisenbahnstrecken verringert, bedingt die sich entwickelnde Technik den Haupthandlungsstrang in allen drei B&#228;nden so gut wie gar nicht.</p>
<p>Einzige Ausnahme bleibt die zuvor bereits zitierte, vielversprechende Passage im ersten Band, in der Jacob mithilfe eines Flugzeugs die Flucht gelingt. Jacob reagiert in dieser Situation zuerst mit dem f&#252;r seine Weltsicht &#252;blichen Schock auf die rasante Technisierung der Spiegelwelt: &#187;Es waren Doppeldecker, wie man sie im fr&#252;hen zwanzigsten Jahrhundert in Europa gebaut hatte. Ein gewaltiger Sprung in die Zukunft f&#252;r die Spiegelwelt&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 252</xref>). Im Verlauf der Episode macht Jacob sich in dieser Passage die neue Technologie der Spiegelwelt jedoch erstmals zu Nutzen<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref> und der Protagonist der <italic>Reckless</italic>-Reihe erreicht einen Moment, in dem er die Gleichwertigkeit von Technologie und Magie reflektiert:</p>
<disp-quote>
<p>Maschinen. Metallener L&#228;rm. Gebaute Bewegung. Mechanischer Zauber f&#252;r die, denen kein Fell und keine Fl&#252;gel wuchsen. [&#8230;] <italic>Zieh sie hoch, Jacob. Fuchs l&#228;sst sich ein Fell wachsen, dein Bruder tr&#228;gt eine Haut aus Stein und du hast nun Fl&#252;gel</italic>. Maschinenzauber. (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 254</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Dieser Maschinenzauber ist jedoch nur von kurzer Dauer. Die Flucht gelingt, aber das Flugzeug st&#252;rzt ab und Jacob verschwendet danach nie wieder einen Gedanken daran, die vor ihm liegenden H&#252;rden mithilfe von Technologie zu &#252;berwinden. Sein Moment der Reflexion erwirkt keine Ver&#228;nderung, weder auf Figuren- noch auf Plot-Ebene.<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref></p>
<p>Die Flugzeuge, Eisenbahnen oder &#8250;pferdelosen Kutschen&#8249; der Spiegelwelt sind so zwar eventuell in der Lage, in Bezug auf ihre Geschwindigkeit mit einem fliegenden Teppich mitzuhalten, da dessen Magie es Jacob jedoch zus&#228;tzlich zu seiner Geschwindigkeit auch erm&#246;glicht, einen magischen Effekt zu erwirken, den er f&#252;r die L&#246;sung seines aktuellen Problems ben&#246;tigt, bleiben sie letztlich konkurrenzunf&#228;hig. Und ebenso ergeht es in <italic>Reckless</italic> auch allen anderen technologischen Erneuerungen: Den Fl&#252;chen oder sonstigen magischen Probleme, die Jacob &#252;ber die drei B&#228;nde hinweg l&#246;sen muss, l&#228;sst sich stets nur durch weitere Magie entgegenwirken. Eine Versteinerung oder Verglasung oder anderweitige k&#246;rperliche Verletzung durch Magie kann keine &#8250;neue Medizin&#8249; kurieren &#8211; was besonders bedauerlich ist, wenn im ersten Band mit Clara eine angehende &#196;rztin von der anderen Seite des Spiegels nahezu durch die gesamte Geschichte hinweg anwesend ist, ohne dass sie einen sinnvollen Beitrag zum Plot leisten kann. Letztlich lassen sich, passend zu seinem Beruf des Schatzj&#228;gers, Jacobs Probleme immer mit der Entdeckung eines legend&#228;ren magischen Artefakts l&#246;sen. Der auf <italic>worldbuilding</italic>-Ebene beschriebenen Entwicklung der Spiegelwelt fort von der Magie und hin zur Technologie wird somit durch die magische Allmacht dieser M&#228;rchenobjekte widersprochen, deren Wahrhaftigkeit zwar auf <italic>worldbuilding</italic>-Ebene angezweifelt, auf Plot-Ebene jedoch stets best&#228;tigt wird. Aufgrund dieser f&#252;r den Plot notwendigerweise &#252;berh&#246;hten Objekte beh&#228;lt die &#8250;alte Magie&#8249; im Konflikt mit der Technologie so letztlich stets die &#220;berhand, denn zu der L&#246;sung von Jacobs (magisch herbeigef&#252;hrten) Problemen kann die Technologie der Spiegelwelt nicht beitragen. Daher bleibt sie ultimativ f&#252;r den Plot der Reihe bedeutungslos.</p>
<p>Bereits von Anfang an ist die Trennung von Vergangenheit und Zukunft, von alt und neu, von Technologie und Magie in den <italic>Reckless</italic>-Romanen daher identisch mit der Trennung von Plot und <italic>worldbuilding</italic>. W&#228;hrend der Plot von Funkes <italic>Reckless</italic>-Reihe so gemeinsam mit ihren Protagonisten ganz in der Welt von M&#228;rchen und magischen Artefakten verharrt bleibt, entwickelt sich die Welt der Romane um beide herum zu etwas ganz anderem. Und eben jener Funktion, als Zeitmaschine f&#252;r Besucher_innen zu dienen, welche Cornelia Funke den M&#228;rchen in ihrem Sammelband zuschreibt, verweigert sich die Spiegelwelt von <italic>Reckless</italic> aufgrund ihres <italic>worldbuildings</italic>, da die Romanreihe eine Welt zeigt, in welcher gegenw&#228;rtig ein intensiver Konflikt zwischen Vergangenheit und Zukunft ausgetragen wird, dessen Sieger bereits festzustehen scheint: Elektrisches Licht erhellt l&#228;ngst die Stra&#223;en der Spiegelwelt, ihre K&#246;nige arbeiten mittlerweile an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, und die Tr&#228;ume der Frauen am Spinnrad werden vom L&#228;rm der Maschinen unterdr&#252;ckt, die nun das Spinnen f&#252;r sie &#252;bernehmen. Die M&#228;rchenwelt Cornelia Funkes verweigert sich somit nicht nur der Nostalgie-Funktion, die Funke im Vorwort ihres Sammelbands M&#228;rchen zuspricht, sondern illustriert stattdessen gerade das unaufhaltsame Voranschreiten der Zeit, welchem sich ihr Protagonist entgegenstellt.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Die Spiegelwelt spiegelt wortw&#246;rtlich die au&#223;erliterarische Welt des 19. Jahrhunderts. Die wichtigsten L&#228;nder Europas finden daher in den K&#246;nigreichen von Funkes M&#228;rchenwelt ihre Parallelen, so bspw. Austrien (= &#214;sterreich), Albion (= England) und Lothringen (= Frankreich).</p></fn>
<fn id="n2"><p>&#187;Terpevas war die gr&#246;&#223;te Zwergenstadt und mehr als zw&#246;lfhundert Jahre alt, wenn man ihren Archiven Glauben schenkte. Aber die Werbeschilder, die an den Stadtmauern Bier, Augengl&#228;ser und Matratzenpatente anpriesen, machten jedem Besucher auf der Stelle klar, dass niemand die modernen Zeiten ernster nahm als die Zwerge&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 115</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>&#187;Die Idee des Automotors war bislang nicht durch den Spiegel gedrungen, und das Denkmal auf dem Marktplatz war das Reiterstandbild eines F&#252;rsten, der in den umliegenden H&#252;geln noch Riesen erschlagen hatte&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 32</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>Anstatt <italic>Diegese</italic> wird im Folgenden der Begriff des <italic>worldbuilding</italic> verwendet, da dieser nach Tom Dowd et al. sowohl den Prozess der Erstellung einer &#187;storyworld&#171; sowie das Ergebnis dieses Prozesses definiert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Dowd et al. 21 f.</xref>).</p></fn>
<fn id="n5"><p>&#187;Die St&#228;dte der Spiegelwelt wuchsen wie Fungus und Terpevas war keine Ausnahme. Der Rauch der zahllosen Kohle&#246;fen schw&#228;rzte Fenster und Mauern, und der Gestank, der in der kalten Herbstluft hing, kam nicht von welkem Laub, auch wenn die Kanalisation der Zwerge besser war als die der Kaiserin. Mit jedem Jahr, das Jacob in ihr verbrachte, schien die Welt hinter dem Spiegel sich mehr anzustrengen, ihrer Schwester auf der anderen Seite gleich zu werden&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 117 f.</xref>).</p></fn>
<fn id="n6"><p>Den <italic>Reckless</italic>-B&#228;nden liegen neben den Grimm&#8217;schen M&#228;rchen auch insbesondere franz&#246;sische und russische M&#228;rchen-Sammlungen zugrunde; &#252;ber den Ursprung der Quellentexte entscheidet dabei jeweils der Aufenthaltsort der Protagonist_innen innerhalb der Spiegelwelt sowie die damit korrespondierende Nation in der au&#223;erliterarischen Welt.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Umfangreiche Ausz&#252;ge aus den M&#228;rchen der Spiegelwelt bieten die <italic>Reckless</italic>-B&#228;nde nicht, allerdings l&#228;sst das M&#228;rchen vom Jadegoyl auf M&#228;rchen-typische Merkmale wie die fehlende Konkretisierung von Protagonist_innen und Handlungsorten sowie eine sprachliche Orientierung an dem Stil der Grimm&#8217;schen M&#228;rchen schlie&#223;en.</p></fn>
<fn id="n8"><p>So sagt beispielsweise Hentzau zu Kami&#8217;en: &#187;Der Jadegoyl ist ein M&#228;rchen. Seit wann verwechselt Ihr die mit der Wirklichkeit?&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Funke, <italic>Fleisch</italic> 24</xref>).</p></fn>
<fn id="n9"><p>Die Verwirrung nimmt zu, wenn man bedenkt, dass die Spiegelwelt der <italic>Reckless</italic>-B&#228;nde ebenfalls die Tintenwelt der <italic>Tintenherz</italic>-Trilogie, einer fr&#252;heren Romanreihe von Cornelia Funke, umfasst, worauf Funke selbst auf ihrer Webseite hinweist: &#187;Willkommen hinter den Spiegeln &#8230; in einer Welt, die die unsere um 1860 herum spiegelt und doch ganz anders ist. [&#8230;] Einige von euch haben die Welt hinter den Spiegeln vielleicht schon fr&#252;her bereist &#8211; fr&#252;her im wahrsten Sinne. Denn die Tintenb&#252;cher spielen ebenfalls in ihr, nur ist die Welt da noch etwa 500 Jahre j&#252;nger [&#8230;]&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Funke, &#187;Cornelia Funke&#171;</xref>). Die Spiegelwelt dient Funke zudem als Erkl&#228;rung f&#252;r andere magische Gegenst&#228;nde ihrer fr&#252;heren Romane, so findet sich im zweiten <italic>Reckless</italic>-Band dieser Verweis auf das zentrale Plot-Objekt ihres fr&#252;heren Romans <italic>Der Herr der Diebe</italic>: &#187;In Lombardien drehte sich ein Karussell, das aus Kindern Erwachsene und aus Erwachsenen wieder Kinder machte [&#8230;]&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Funke, <italic>Schatten</italic> 22</xref>).</p></fn>
<fn id="n10"><p>&#187;Es gab durchaus Momente, in denen Johns Gewissen ihn auf die Anklagebank setzte. Schlie&#223;lich h&#228;tte er dieser Welt auch Erfindungen bescheren k&#246;nnen, die sie ges&#252;nder und gerechter f&#252;r ihre Bewohner machte&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Funke, <italic>Garn</italic> 15 f.</xref>).</p></fn>
<fn id="n11"><p>Ausnahmen bilden zuvor nur kleinere Werkzeuge (wie eine Taschenlampe), die Jacob aus seiner Welt mit in die Spiegelwelt gebracht hat, die aber nie entscheidend f&#252;r die Entwicklung des Plots werden.</p></fn>
<fn id="n12"><p>Stephanie Dreier, die in ihrer Dissertation zu <italic>Reckless</italic> Vater und Sohn ebenfalls als Kontrastfiguren darstellt, interpretiert dieselbe Passage als eine Episode, &#187;[which] highlights Jacob&#8217;s personal growth: airplanes were a long-time source of frustration related to his father that the hero learns to overcomes in order to save his friends&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Dreier 132</xref>). Dreier kommt zu diesem Schluss dabei vor dem Hintergrund eines Vergleichs der Figuren in <italic>Reckless</italic> mit den Figuren in den die Romanreihe inspirierenden M&#228;rchentexten. Betrachtet man jedoch Jacobs Einstellung zu Magie und Technologie im weiteren Verlauf der Handlung, so kann dieselbe Attestierung von &#187;personal growth&#171; nur schwerlich aufrechterhalten werden.</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>Autorin</title>
<p>Im Anschluss an ein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der Europ&#228;ischen Literaturen in Berlin arbeitete Dana Steglich als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f&#252;r Anglistik und Amerikanistik der Humboldt-Universit&#228;t zu Berlin. Derzeit forscht sie im Graduiertenkolleg <italic>Gegenwart/Literatur</italic> der Universit&#228;t Bonn an ihrem Dissertationsprojekt zum Werk Lord Dunsanys.</p>
</sec>
<sec>
<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Die Autorin hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
</sec>
<ref-list>
<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Dowd</surname>, <given-names>Tom</given-names></string-name>, <string-name><given-names>Michael</given-names> <surname>Fry</surname></string-name>, <string-name><given-names>Michael</given-names> <surname>Niederman</surname></string-name> und <string-name><given-names>Josef</given-names> <surname>Steiff</surname></string-name>. <source>Storytelling Across Worlds: Transmedia for Creatives and Producers</source>. <publisher-name>Focal Press</publisher-name>, <year>2013</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><label>2</label><mixed-citation publication-type="thesis"><string-name><surname>Dreier</surname>, <given-names>Stephanie</given-names></string-name>. <source>Old Fables and their New Tricks: Exploring Revisionist Fairytale Fantasy in Selected Texts by Cornelia Funke and Svetlana Martynchick</source>. <year>2018</year>. <publisher-name>The University of British Columbia</publisher-name>, Dissertation. <uri>open.library.ubc.ca/cIRcle/collections/ubctheses/24/items/1.0369283</uri></mixed-citation></ref>
<ref id="B3"><label>3</label><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Funke</surname>, <given-names>Cornelia</given-names></string-name>. <source>Cornelia Funke. Die Offizielle Homepage</source>. <uri>www.corneliafunke.com/de/spiegelwelt</uri>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B4"><label>4</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Funke</surname>, <given-names>Cornelia</given-names></string-name>, Hg. <source>Mein Reckless M&#228;rchenbuch</source>. <publisher-name>Dressler</publisher-name>, <year>2012</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B5"><label>5</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Funke</surname>, <given-names>Cornelia</given-names></string-name>. <source>Reckless: Das goldene Garn</source>. <publisher-name>Dressler</publisher-name>, <year>2015</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B6"><label>6</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Funke</surname>, <given-names>Cornelia</given-names></string-name>. <source>Reckless: Lebendige Schatten</source>. <publisher-name>Dressler</publisher-name>, <year>2012</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B7"><label>7</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Funke</surname>, <given-names>Cornelia</given-names></string-name>. <source>Reckless: Steinernes Fleisch</source>. <publisher-name>Dressler</publisher-name>, <year>2010</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B8"><label>8</label><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Freund</surname>, <given-names>Wieland</given-names></string-name>. <article-title>&#187;Cornelia Funke kn&#246;pft sich reaktion&#228;re M&#228;rchen vor&#171;</article-title>. <source><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.welt.de/">Welt.de</ext-link></source>, <day>13.</day> <month>Sep.</month> <year>2010</year>. <uri>www.welt.de/kultur/article9613379/Cornelia-Funke-knoepft-sich-reaktionaere-Maerchen-vor.html</uri>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B9"><label>9</label><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>L&#246;tscher</surname>, <given-names>Christine</given-names></string-name>. <article-title>&#187;Die R&#252;ckkehr der Magie durch alte Gem&#228;uer: Die Stadt als phantastische Kulisse und kulturell codierter Raum&#171;</article-title>. <source>kjl&amp;m</source> <volume>63</volume>.<issue>4</issue> (<year>2011</year>): <fpage>32</fpage>&#8211;<lpage>40</lpage>.</mixed-citation></ref>
</ref-list>
</back>
</article>