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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<article-title>Forum G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Z&#252;rich, CH</aff>
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<aff id="aff-6"><label>6</label>NYU Berlin, DE</aff>
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<license-p>Die Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung ist eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren, die von der Open Library of Humanities ver&#246;ffentlicht wird. &#x00A9; 2021 Der/die Autor*innen. Dieser Open-Access-Beitrag ist lizensiert durch die Creative-Commons Lizenz BY-NC-ND. Diese Lizenz erlaubt es Weiterverwendern*innen, das Material in jedem Medium oder Format nur in nicht angepasster Form zu nichtkommerziellen Zwecken zu kopieren und zu verbreiten, solange der/die Urheber*in genannt wird. Vgl. <uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de">https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
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<p>Forum on G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc>.</p>
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<title>Die Sehnsucht nach dem Wunderbaren</title>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:simon@simifilm.ch">Simon Spiegel</ext-link></p>
<p>Universit&#228;t Z&#252;rich, CH</p>
<p>Ein kollektives Aufatmen ging durch die sozialen Medien, als HBO am 19. Mai 2019 T<sc>HE</sc> I<sc>RON</sc> T<sc>HRONE</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B7">S<sc>08E06</sc>. US 2019, Regie: David Benioff und D. B. Weiss</xref>) ausstrahlte. Nicht etwa, weil die letzte Folge von G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">G<sc>O</sc>T, US 2011&#8211;2019, Idee: David Benioff und D. B. Weiss</xref>) so &#252;berragend war, weil das Ende so befriedigend ausfiel, sondern schlicht, weil es nun schlie&#223;lich da war. Endlich war genug, endlich musste man sich nicht mehr im Wochentakt dar&#252;ber aufregen, dass es die Macher der Serie innerhalb von drei Staffeln fertig gebracht hatten, aus den h&#246;chsten H&#246;hen der Massenunterhaltung in ungeahnte Tiefen der erz&#228;hlerischen Schlamperei abzust&#252;rzen.</p>
<p>Dass der Abschluss von G<sc>O</sc>T gr&#252;ndlich misslungen ist, d&#252;rften nur wenige bestreiten. Warum dem so ist, dar&#252;ber wurde schon viel gesagt und d&#252;rfte in den kommenden Jahren wohl noch mehr geschrieben werden. Es ist auch ein Thema, das sich durch die Beitr&#228;ge des Forums zieht. So unterschiedlich die Texte ausgefallen sind, und obwohl Sabrina Mittermeier in ihrem Beitrag argumentiert, dass das transmediale Ph&#228;nomen <italic>Game of Thrones</italic> l&#228;ngst gr&#246;&#223;er ist als die Fernsehserie gleichen Namens, wird mit Ausnahme des Artikels von Elke Br&#252;ns, der den Urspr&#252;ngen der untoten Figuren in der Serie nachgeht, bei allen AutorInnen mehr oder weniger deutlich die Entt&#228;uschung &#252;ber ein Werk sp&#252;rbar, das ab einem gewissen Punkt den selbst gesetzten Qualit&#228;tsstandards nicht mehr gen&#252;gen konnte.</p>
<p>F&#252;r FantastikforscherInnen, zumal f&#252;r solche, die sich mit audiovisuellen Werken besch&#228;ftigen, ist das keine neue Erfahrung. Sei es S<sc>TAR</sc> T<sc>REK</sc>, S<sc>TAR</sc> W<sc>ARS</sc>, D<sc>R</sc>. W<sc>HO</sc>, L<sc>OST</sc>, <italic>Harry Potter</italic> oder eine andere der in den Feldern SF und Fantasy besonders beliebten Endlosserien &#8211; dar&#252;ber zu klagen dass <italic>es</italic> nicht mehr so ist, wie es fr&#252;her einmal war, dass das goldene Zeitalter vor&#252;ber ist, ist unter Fans jeder Couleur beliebt. Das besondere Etwas, das urspr&#252;nglich den Reiz der Serie ausgemacht hat, ist verschwunden. Der prim&#228;r im Kontext der SF bem&#252;hte Begriff des <italic>Sense of Wonder</italic> bezeichnet es wohl am besten. <italic>Sense of Wonder</italic> meint den Moment erhebender und erhabener Verz&#252;ckung, wenn das Werk mehr wird als &#8250;blo&#223;&#8249; ein Roman, ein Film oder eine Serie, wenn es zu einem pr&#228;genden affektiven Erlebnis wird &#8211; darin dem &#228;hnlich, was <xref ref-type="bibr" rid="B31">J. R. R. Tolkien</xref> in seinem programmatischen Essay &#187;On Fairy-Stories&#171; als <italic>Enchantment</italic> bezeichnet.</p>
<p>Es ist diese urspr&#252;ngliche &#8250;wundersame Verzauberung&#8249;, die der Fan wieder und wieder zu erleben w&#252;nscht, die aber nur begrenzt oft wiederholbar ist. Nicht nur handelt es sich bei <italic>Sense of Wonder</italic> und <italic>Enchantment</italic> ihrem Wesen nach um typische Adoleszenz-Ph&#228;nomene &#8211; Fan wird man in der Regel als Teenager, wenn man darum bem&#252;ht ist, sich seine eigene Welt auf den Tr&#252;mmern der Kindheit zu errichten, und nicht als Mitdrei&#223;iger oder noch sp&#228;ter, wenn man sich bereits mehr oder weniger behaglich im Leben eingerichtet hat. Auch ist <italic>Enchantment</italic> bei Tolkien eng mit <italic>Recovery</italic> verbunden. Wenn wir aus der verzauberten Sph&#228;re der Faerie in die reale Welt zur&#252;ckkehren, ist unser Blick neu f&#252;r deren zauberhafte Qualit&#228;ten gesch&#228;rft.</p>
<p>Mit dem Zusammenspiel von <italic>Enchantment</italic> und <italic>Recovery</italic> beschreibt Tolkien ein Wirkungsprinzip, das deutliche Parallelen zum Konzept der kognitiven Verfremdung aufweist, das <xref ref-type="bibr" rid="B29">Darko Suvin</xref> in seiner <italic>Poetik der Science Fiction</italic> entwickelt. Zweifellos gibt es gro&#223;e Unterschiede zwischen den beiden Autoren: Suvin, der weder vom <italic>Sense of Wonder</italic> noch von Fantasy viel h&#228;lt, geht es darum, die Gegenwart kritisch &#8211; was bei ihm marxistisch-materialistisch bedeutet &#8211; zu durchleuchten, w&#228;hrend Tolkiens Wieder-Verzauberung darauf abzielt, das Wirken Gottes in der Welt erfahrbar zu machen. Beide Autoren gehen aber davon aus, dass uns das Eintauchen in die verzauberten bzw. verfremdeten Welten der Fiktion einen frischen Blick auf die Realit&#228;t erm&#246;glicht und uns f&#252;r ihr wahres Wesen empf&#228;nglich macht (wobei sich ihre Ansichten dar&#252;ber, wodurch sich dieses wahre Wesen auszeichnet, diametral gegen&#252;berstehen).</p>
<p>Es ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich, das <italic>Ostranenie</italic>-Konzept des russischen Formalisten <xref ref-type="bibr" rid="B28">Viktor &#352;klovskij</xref> zum Vergleich heranzuziehen. In seinem wegweisenden Aufsatz &#187;Die Kunst als Verfahren&#171; von 1916 entwickelt &#352;klovskij das Konzept der <italic>Ostranenie</italic> (w&#246;rtlich: &#187;Seltsammachen&#171;), das in seinen Augen die wesentliche Aufgabe von Kunst bezeichnet: Die Verfremdung des Bekannten und als dessen Folge des Aufbrechen unserer automatisierten Wahrnehmung. Indem Kunst sich ungewohnter Bilder und neuer darstellerischer Verfahren bedient, l&#228;sst sie uns das vermeintlich Bekannte neu sehen.</p>
<p>&#352;klovskijs <italic>Ostranenie</italic> wird meist als modernistisch-subversives Verfahren verstanden, das den Status quo in Frage stellt; dies d&#252;rfte auch der Grund sein, weshalb sich Suvin darauf beruft. Allerdings geht er nie wirklich auf &#352;klovskijs Ansatz ein; sein zentraler Bezugspunkt bildet die Brecht&#8217;sche Verfremdungstheorie, die expliziter didaktisch und politisch ausgerichtet ist. Tats&#228;chlich enth&#228;lt &#352;klovskijs Denken einen ausgesprochen konservativen Zug, der Tolkien weitaus mehr entspricht als Suvin. Wenn &#352;klovskij schreibt, dass es die Aufgabe von Kunst sei, &#187;das Empfinden des Lebens wiederherzustellen, um die Dinge zu f&#252;hlen, um den Stein steinern zu machen&#171; (15), dann klingt das sehr &#228;hnlich wie bei Tolkien: &#187;We should look at green again, and be startled anew (but not blinded) by blue and yellow and red&#171; (146).</p>
<p>Es geht also in beiden F&#228;llen darum, &#8250;die Welt neu zu sehen&#8249;. Aber wie oft ist das m&#246;glich? Folgt man &#352;klovskij, dann wird jede urspr&#252;nglich verfremdend wirkende Kunstform fr&#252;her oder sp&#228;ter kanonisiert, b&#252;&#223;t ihre Verfremdungswirkung ein und muss, um wieder neu zu erscheinen, ihrerseits verfremdet werden. Die Geschichte der Kunst erscheint in dieser etwas mechanistischen Vorstellung als st&#228;ndige Abfolge von Verfremdung, Erstarrung und erneuter Verfremdung. Die urspr&#252;ngliche Verzauberung kann nie sehr lange Bestand haben.</p>
<p>Was ich damit auf etwas umst&#228;ndliche Weise zum Ausdruck bringen will, ist, dass die Entt&#228;uschung dar&#252;ber, dass das Objekt der fannischen Begeisterung seine verzaubernde Wirkungskraft verliert, dass sich der <italic>Sense of Wonder</italic> mit fortschreitendem Alter immer seltener einstellt, bis zu einem gewissen Grad unvermeidbar ist. Neue Verzauberung setzt immer wieder neue k&#252;nstlerische Verfahren voraus, die konsequent gedacht heute au&#223;erhalb von avantgardistisch-experimentellen Formen kaum noch m&#246;glich sind und f&#252;r popul&#228;re Erz&#228;hlformen wie G<sc>O</sc>T somit keine echte Option darstellen.</p>
<p>Wie Daniel Illger in seinem Beitrag ausf&#252;hrt, d&#252;rfte der Faktor der Zeit ein wesentlicher Grund sein, weshalb die Qualit&#228;t von G<sc>O</sc>T so stark nachlie&#223;; ebenso der von Manuela Kalbermatten beschriebene Wechsel von sozial zu abstammungsm&#228;&#223;ig definierten Figuren. In der Perspektive &#352;klovskijs sind diese Aspekte im Grunde aber nur Symptome einer tiefer liegenden Gesetzm&#228;&#223;igkeit. Weil <italic>Enchantment</italic> nicht beliebig oft neu entstehen kann, ist Ern&#252;chterung unvermeidlich. Die Folge ist Sehnsucht nach einer Zeit, in der Verzauberung noch m&#246;glich war.</p>
<p>Nicht umsonst schreiben John Tulloch und <xref ref-type="bibr" rid="B19">Henry Jenkins</xref> in ihrer Studie <xref ref-type="bibr" rid="B34"><italic>Science Fiction Audiences</italic></xref>, einem der Gr&#252;ndungstexte der Fan Studies, dass Fans regelm&#228;&#223;ig von einem goldenen Zeitalter sprechen. &#187;Golden Ages are times &#8211; usually in the fans&#8217; past, often transmitted before they were fans &#8211; when communication between producers, fans and audiences were perceived as transparent and true&#171; (169). Diese &#196;ra der ungebrochenen Verzauberung, von <italic>Enchantment</italic> und <italic>Sense of Wonder</italic>, ist immer schon Vergangenheit, die nur im sehns&#252;chtigen R&#252;ckblick zug&#228;nglich ist. Im Grunde ein sehr Tolkien&#8217;scher Gedanke.</p>
<p>Nun sind WissenschaftlerInnen ja nicht identisch mit Fans. Zwar hat insbesondere Jenkins schon fr&#252;h das Konzept des Aca-Fans, des Fans, der auch Wissenschaftler ist &#8211; und umgekehrt &#8211;, propagiert bzw. vorgelebt, insbesondere an deutschsprachigen Universit&#228;ten tut man sich aber nach wie vor schwer mit diesem Gedanken. Wissenschaft, so die g&#228;ngige Vorstellung, muss um gr&#246;&#223;tm&#246;gliche Objektivit&#228;t bem&#252;ht sein, setzt k&#252;hl distanzierte Analyse voraus. Schw&#228;rmerische Begeisterung ist dagegen fehl am Platz, zeugt von mangelnder Wissenschaftlichkeit und Unreife.</p>
<p>V&#246;llig abwegig ist diese Haltung nat&#252;rlich nicht. Die F&#228;higkeit, die eigene Reaktion auf ein Kunstwerk kritisch zu reflektieren, ist Voraussetzung jeder wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht auch m&#246;glich ist oder sogar n&#246;tig sein kann, sich die Begeisterung f&#252;r den Untersuchungsgegenstand zu bewahren (dass es eine Reihe von Fragestellungen und Perspektiven gibt, bei denen die eigenen Vorlieben wenig bis keine Relevanz besitzen, ist ebenfalls richtig).</p>
<p>In einem 2009 erschienenen Artikel zur Fernsehserie L<sc>OST</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B10">US 2004&#8211;2010, Idee: J. J. Abrams, Jeffrey Lieber und Damon Lindelof</xref>) pl&#228;diert <xref ref-type="bibr" rid="B24">Jason Mittell</xref> f&#252;r einen &#187;evaluative criticism&#171; (122), eine wissenschaftliche Herangehensweise, die vor Qualit&#228;tsurteilen nicht zur&#252;ckschreckt, die den pers&#246;nlichen Geschmack nicht verleugnet. F&#252;r ihn steht fest: &#187;We simply cannot pretend that our own taste and evaluation do not matter&#171; (ebd.). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Mittell dieses Credo im Zusammenhang mit L<sc>OST</sc> formuliert, einer Serie, bei der sich in den Augen vieler ein &#228;hnlicher Qualit&#228;tsniedergang beobachten lie&#223; wie bei G<sc>O</sc>T.</p>
<p>Obwohl ich Mittell in seiner Begeisterung f&#252;r L<sc>OST</sc> (die auch bei ihm sp&#228;ter deutlich nachlie&#223;) nie folgen konnte, stimme ich ihm in diesem Punkt vollumf&#228;nglich zu. Die Forderung, den eigenen Geschmack auszublenden und sich um jeden Preis um eine vermeintlich objektiv-n&#252;chterne Haltung zu bem&#252;hen, scheint mir falsch verstandene Wissenschaftlichkeit. Sie ist die Kehrseite jener nervt&#246;tenden Frage, die sich FilmwissenschaftlerInnen immer wieder anh&#246;ren m&#252;ssen: Ob man angesichts all des theoretischen Wissens Filme &#252;berhaupt noch genie&#223;en k&#246;nne (eine Frage, die nebenbei gesagt, LiteraturwissenschaftlerInnen viel seltener gestellt werden d&#252;rfte). Meine Antwort lautet in beiden F&#228;llen gleich: Wieso sollte ich mein Leben der Erforschung von Filmen widmen, wenn mir das Medium nicht immer wieder Momente puren Gl&#252;cks verschaffen w&#252;rde? Und wie trostlos w&#228;re eine Wissenschaft, die denen, die sie praktizieren, die Freude an ihrem Gegenstand austreiben w&#252;rde?</p>
<p>Im <italic>ZFF</italic>-Forum ermutigen wir die AutorInnen ganz bewusst zu freieren Formen. Essayistische und auch mal polemische Texte wie jener Michael Baumanns sind ausdr&#252;cklich erw&#252;nscht. Diese Offenheit mag ein Grund daf&#252;r sein, dass die Mehrheit der Beitr&#228;gerInnen aus ihrem Herz keine M&#246;rdergrube macht und ihren Unmut &#252;ber das entt&#228;uschende Ende von G<sc>o</sc>T deutlich artikuliert. Wahrscheinlich liegt es aber vor allem daran, dass sich auch die Beitr&#228;gerInnen zu Beginn von der Serie verzaubern lie&#223;en. Der analytischen Sch&#228;rfe der Texte tut dies keinen Abbruch. Ob man es nun <italic>Sense of Wonder</italic> oder <italic>Enchantment</italic> nennt &#8211; um einen Gegenstand zu erkennen und wirklich zu durchringen, kann Begeisterung eben sehr wohl hilfreich sein. Selbst wenn es am Ende nur entt&#228;uschte Begeisterung sein sollte.</p>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>PD Dr. Simon Spiegel ist wissenschaftlicher Adjunkt am Seminar f&#252;r Film-wissenschaft der Universit&#228;t Z&#252;rich im Forschungsprojekt ERC Advanced Grant <italic>FilmColors</italic>. Forschungsschwerpunkte: Science-Fiction-Film, utopischer Film, Phantastiktheorie, Genretheorie. Ausgew&#228;hlte Publikationen: <italic>Utopia and Reality. Documentary, Activism and Imagined Worlds</italic> (<italic>Mitherausgeber, 2020</italic>), <italic>Bilder einer besseren Welt. Die Utopie im nichtfiktionalen Film</italic> (2019); <italic>Theoretisch phantastisch: Eine Einf&#252;hrung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur</italic> (2010); Die <italic>Konstitution des Wunderbaren: Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films</italic> (2007). <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.simifilm.ch">www.simifilm.ch</ext-link>.</p>
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<title>Das Spiel ist aus. &#220;ber das unvermeidliche Scheitern von G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></title>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:daniel.illger@fu-berlin.de">Daniel Illger</ext-link></p>
<p>Freie Universit&#228;t Berlin, DE</p>
<p>Aus heutiger Sicht erscheint es schwer vorstellbar, doch anfangs war keineswegs ausgemacht, dass G<sc>O</sc>T nicht ein krachender Misserfolg werden w&#252;rde. In den Jahren vor der Ausstrahlung der ersten Folge am 17. April 2011, als sich die Ger&#252;chte, dass <xref ref-type="bibr" rid="B20">George R. R. Martins</xref> Romanzyklus <italic>A Song of Ice and Fire</italic> von HBO adaptiert werden w&#252;rde, zur Gewissheit verdichteten, glaubte kaum jemand daran, dass David Benioff und D. B. Weiss die M&#246;glichkeit bekommen w&#252;rden, die ganze Geschichte des Kampfes um den Eisernen Thron zu erz&#228;hlen. Ein, zwei Staffeln G<sc>O</sc>T sind besser als &#252;berhaupt keine &#8211; so eine Einsch&#228;tzung, die damals h&#228;ufig zu h&#246;ren war.</p>
<p>Aber wer h&#228;tte gedacht, dass es so kommen w&#252;rde, wie es am Ende gekommen ist: Dass sich also unz&#228;hlige Leser und Zuschauerinnen nach Ablauf der achten und letzten Staffel von G<sc>O</sc>T w&#252;nschen w&#252;rden, dass Benioff und Weiss darauf verzichtet h&#228;tten, die Geschichte um die Starks, die Targaryens und die Lannisters zu Ende zu erz&#228;hlen; oder dass sie es irgendwie ganz anders getan h&#228;tten. Wie l&#228;sst sich das erkl&#228;ren? Jener Umschlag von hochgespannter Erwartung zu bitterster Entt&#228;uschung mag damit zusammenh&#228;ngen, dass die Fernsehserie als popul&#228;rkultureller Heilsbringer unserer Gegenwart unter einem Anspruch an Sinnstiftung &#228;chzt, dem sie selbst unter den g&#252;nstigsten Umst&#228;nden kaum gen&#252;gen kann. Im Fall einer Serie wie G<sc>O</sc>T, die zig Millionen Menschen weltweit zu einer Gemeinschaft von Bangenden, Hoffenden, Liebenden und Hassenden verbindet, nimmt dieser Anspruch mitunter quasi-religi&#246;se Z&#252;ge an. Darum ist es vielleicht unvermeidlich, dass ein Ende, in dem sich <italic>alles</italic> erf&#252;llen soll (was immer unter diesem &#187;alles&#171; zu verstehen ist), bei betr&#228;chtlichen Teilen der Zuschauerschaft ein Gef&#252;hl hinterl&#228;sst, das dem Gegenteil von Erf&#252;llung gleicht. Hinzu kommt freilich, dass die letzte Staffel von G<sc>O</sc>T eine ganze Reihe schwerwiegender bis desastr&#246;ser handwerklicher Fehler aufweist, vor allem, was Figurenentwicklung, Handlungslogik und Dramaturgie betrifft.</p>
<p>Vielversprechender als die Frage, wie inkompetent, dilettantisch, gewissen- und verantwortungslos Benioff und Weiss am Ende vorgegangen sein m&#246;gen, scheint mir allerdings der Versuch, eine poetologische Perspektive einzunehmen; das hei&#223;t, dar&#252;ber nachzudenken, ob etwas an dem Genre Fantasy selbst zum Scheitern von G<sc>O</sc>T beigetragen haben k&#246;nnte; einem kuriosen Scheitern &#252;brigens, insofern es im Fall dieser Serie ja einherging mit einem Erklimmen der h&#246;chsten Gipfel des kommerziellen und k&#252;nstlerischen Erfolgs, wenn letzterer anhand der institutionellen Anerkennung (sprich, der Emmys) bemessen wird.</p>
<p>Bekanntlich ist <xref ref-type="bibr" rid="B31">J. R. R. Tolkien</xref> der Meinung, dass die wahren M&#228;rchen strenggenommen &#252;berhaupt kein Ende kennen w&#252;rden. Nun wird der Essay, in dem Tolkien diese Ansicht entwickelt &#8211; &#187;On Fairy-Stories&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B30">1939/47</xref>) &#8211; die l&#228;ngste Zeit schon als Versuch einer poetologischen Selbstverst&#228;ndigung des Autors von <xref ref-type="bibr" rid="B32"><italic>The Lord of the Rings</italic></xref> (<xref ref-type="bibr" rid="B33">1954&#8211;55</xref>) gedeutet, mithin auf die Fantasy als Genre bezogen. Und tats&#228;chlich: <italic>The Road goes ever on and on</italic> &#8211; im Zusammenhang mit der Fantasy ist das als Verhei&#223;ung zu verstehen, als Versprechen an die Leserinnen, Zuschauer und Spielerinnen, dass hinter jedem Baum und Strauch, hinter jeder Wegbiegung, auf jedem H&#252;gel und in jedem Waldst&#252;ck, in jeder einsamen Ruine und jeder dunklen H&#246;hle eine weitere Geschichte, ein weiteres Abenteuer wartet. Meines Erachtens macht diese Verhei&#223;ung einen Gutteil der Faszination aus, den das Genre Fantasy zu entfalten vermag; an der Frage, ob es einem Werk gelingt, das Versprechen eines nie endenden, potentiell unendlich erweiterbaren Erz&#228;hlraums als Kunsterfahrung zu realisieren, entscheidet sich darum (ma&#223;geblich, wenngleich nicht ausschlie&#223;lich), ob das entsprechende Werk als gelungene Fantasy gelten kann.</p>
<p>Mindestens bis zur siebten Staffel war G<sc>O</sc>T eine Serie, die sich hervorragend darauf verstand, das Versprechen der Fantasy im Medium der Fernsehserie zu realisieren. Zweifellos ist dies nicht zuletzt der k&#252;nstlerischen Meisterschaft von Martins Romanen zu verdanken, die die Freude an der Fantasy zu entfachen verstehen wie wenig anderes, was seit der Verfestigung des Genres als popul&#228;rkulturelle Formation geschrieben worden ist. Benioff und Weiss konnten also auf ein h&#246;chst elaboriertes <italic>Worldbuilding</italic> zur&#252;ckgreifen, als sie sich anschickten, <italic>A Song of Ice and Fire</italic> neu zu erfinden: auf Schaupl&#228;tze mit historischer und kultureller Tiefe, auf ein vielk&#246;pfiges, &#252;beraus faszinierendes Figurenpersonal, auf ebenso komplexe wie pr&#228;zise konstruierte Handlungsfigurationen. Dass &#228;ndert jedoch nichts daran, dass G<sc>O</sc>T einer <italic>audiovisuellen Idee</italic> bedurfte, um als Serie zu funktionieren. Diese Idee besteht (wiederum: ma&#223;geblich, nicht ausschlie&#223;lich) in einer bestimmten Form von &#228;sthetischer Zeitlichkeit. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erfahren sie zun&#228;chst als unausgesetzte Erweiterung des Erz&#228;hlraums: Immer neue Figuren treten hinzu, immer neue Konflikte entwickeln sich, immer neue &#214;rtlichkeiten werden erschlossen. Wichtiger aber ist noch, dass diese sukzessive Auffaltung einer Welt &#8211; die sich, wie gesagt, &#252;ber viele Staffeln hinzog und schier endlose M&#246;glichkeiten bereitzuhalten schien &#8211; in der Zeitlichkeit der Seherfahrung mit einer scheinbar ebenso unbegrenzten Kombinatorik kinematografischer Modalit&#228;ten einherging.</p>
<p>Zuv&#246;rderst wird dies an der Gestaltung der Schaupl&#228;tze greifbar, die, was vor allem in den ersten Staffeln fast &#252;berdeutlich wird, bestimmte Raumkonzepte mit einer entsprechenden Farbkodierung verbinden: So steht der in d&#252;steren Erdfarben gehaltenen Freiheit und Weite des Nordens, Heimstatt des tragischen Heroismus, die klaustrophobisch-verwinkelte Intrigenenge von King&#8217;s Landing, beherrscht von Gelb-, Rot- und Ockert&#246;nen, entgegen. Ein vergleichbares Prinzip pr&#228;gt G<sc>O</sc>T aber auch auf anderen Ebenen: Wer sich eben noch, vor allem in Szenen mit Tyrion, Varys oder Cersei, einer nuancierten Schauspielkunst erfreuen durfte, sieht sich pl&#246;tzlich dem vergn&#252;gten Knallchargentum der Sand Vipers ausgesetzt. Ebenso verbinden sich in den verschiedenen Handlungsstr&#228;ngen klare affektpoetische Kalkulationen mit entsprechenden Inszenierungsprinzipien: Im (&#252;ber manchen Fall hinweg) sich vollziehenden Aufstieg von Jon Snow ist ein episches Heldentum gestaltet, das im Kampf mit &#252;berkommenen Ideen von Soziet&#228;t die Herausbildung einer neuen Gemeinschaft erm&#246;glicht und dabei verschiedene R&#228;ume in Besitz nimmt und verwandelt; scharf kontrastiert wird dies etwa mit der als grausames psychologisches Kammerspiel inszenierten Transformation von Theon Greyjoy zu Reek, aus der schlie&#223;lich, einhergehend mit einer r&#228;umlichen &#214;ffnung, eine neue Individualit&#228;t entsteht. Sehr oft findet eine derartige Dynamik konfligierender Modalit&#228;ten ihren Austragungsort auf der Mikroebene einzelner Szenen. Bereits in der ersten Folge der ersten Staffel wechselt G<sc>O</sc>T innerhalb weniger Minuten von einer durchaus verst&#246;renden Exploitation-Poetik (die Vergewaltigung von Daenarys durch Khal Drogo ereignet sich vor einer mit allen Ingredienzen des romantischen Natursch&#246;nen ausgestatteten Kulisse) zu Reminiszenzen an Sexklamotten der 1970er- und 1980er-Jahre (wenn Jamie Lannister seinem Bruder Tyrion gleich mehrere Prostituierte zuf&#252;hrt, damit dieser sich rechtzeitig zum abendlichen Festmahl einfinden kann) zur Evokation des melancholischen Pathos der verlorenen Zeit (das Gespr&#228;ch zwischen K&#246;nig Robert und Eddard Stark in der Familiengruft von Winterfell).</p>
<p>Aus produktions&#228;sthetischer Perspektive mag sich eine solche Kombinatorik aus der Notwendigkeit ergeben, ein &#252;beraus vielschichtiges Handlungsgef&#252;ge im Format etwa einst&#252;ndiger Folgen erz&#228;hlbar zu machen; ebenso mag es sein, dass die Serienmacher mitunter schlicht versuchten, die Not in eine Tugend zu verwandeln &#8211; wenn etwa der Trash-Faktor der Sand Vipers nicht kaschiert, sondern immer mehr ausinszeniert wird. Das &#228;ndert allerdings nichts daran, dass die Dynamik konfligierender audiovisueller Modalit&#228;ten, als welche sich die Auffaltung der Welt von G<sc>O</sc>T darstellt, f&#252;r die Zuschauerinnen und Zuschauer eine bestimmte Zeitlichkeit der Seherfahrung erm&#246;glicht. Zum einen ist es die Zeit, in der sich die Verhei&#223;ung der Fantasy immer wieder erneuert: im audiovisuellen Westeros ist der Geschichten wahrlich kein Ende, und zwar vor allem darum nicht, weil die vielen gro&#223;en und kleinen Geschichten sich mit den verschiedensten, kontrastierenden und mitunter auch widerstreitenden affektiven Adressierungen verbinden; was so weit geht, dass man &#252;ber eine Szene m&#252;de l&#228;cheln mag &#8211; so wie &#252;ber einen schlechten Scherz des Barden in der Schenke &#8211;, nur um im n&#228;chsten Moment ger&#252;hrt, ersch&#252;ttert, schockiert, mitgerissen zu sein; und dies eben auch als Effekt einer k&#252;nstlerischen Begeisterung, die mit dem &#196;rger oder dem Am&#252;sement &#252;ber das wenige Szenen zuvor konstatierte schlechte Handwerk in ein ganz eigenes Spannungsverh&#228;ltnis tritt. G<sc>O</sc>T erhebt dieses Changieren, diese Pluralit&#228;t der Adressierungen, Modalit&#228;ten und in ihrer Gemachtheit ausgestellten Macharten zum Kompositionsprinzip, zur &#228;sthetischen Signatur, zur audiovisuellen Interpretation der grundlegenden Idee des Genres Fantasy.</p>
<p>F&#252;r die letzte Staffel jedoch wird all das zum Problem, was zuvor den Genuss der Zuschauerinnen und Zuschauer immer wieder gesteigert hat &#8211; oder zumindest daf&#252;r sorgte, dass die Gefahr, sich mit G<sc>O</sc>T zu langweilen, soweit als m&#246;glich minimiert wurde. Zum einen betrifft dies die, offensichtlich unausweichliche, Verkehrung der affektpoetischen und dramaturgischen Richtung: Nicht mehr &#214;ffnung und Erweiterung sind an der Tagesordnung; vielmehr ist eine Bewegung der Schlie&#223;ung und Verengung notwendig, um den Kampf um den Eisernen Thron ebenso wie die Handlungsstr&#228;nge um die wichtigsten Haupt- und Nebenfiguren zu einem Ende zu f&#252;hren. Und das betrifft eben nicht nur Handlung und Figuren, sondern auch die audiovisuellen Modalit&#228;ten. Deren Vielfalt sorgte zuvor daf&#252;r, dass G<sc>O</sc>T, bei aller D&#252;sternis und Grausamkeit, doch auch etwas Verspieltes und &#228;sthetisch Buntes beibehielt. Aber das Ende eines Fantasy-Epos verlangt eben nach einem hohen, strengen und sehr unironischen Pathos, wenn es sich nicht selbst desavouieren will. Schlie&#223;lich geht es, kurz gesagt, um alles: das Schicksal der Welt, den Anbeginn eines neuen Zeitalters und, des Gebrochenen s&#228;mtlicher Wertigkeiten zum Trotz, immer auch um Gut und B&#246;se.</p>
<p>Wer aber eine Pathetik realisieren will, welche die Wucht des historisch-politischen ebenso wie metaphysischen Ernstfalls entfaltet, muss alles auf eine Karte setzen. Bei G<sc>O</sc>T verbindet sich das k&#252;nstlerische Risiko einer solchen Pathetik wiederum mit der Gestaltung einer Zeitlichkeit. Infrage steht, ob es der einsinnigen Zeitlichkeit jener finalen Schlie&#223;ung gelingt, der zuvor etablierten, modal pluralen Zeitlichkeit der &#214;ffnung standzuhalten. Das zielt auf die Figuren, und es zielt auf etwas, das man die Dauer der Katastrophe nennen k&#246;nnte.</p>
<p>Hier nun erweist es sich, dass die Schlie&#223;ungsbewegung, die notwendig mit dem Zu-Ende-Bringen einhergeht, den Genuss, der die Seherfahrung zuvor gepr&#228;gt hat, in hohem Ma&#223;e besch&#228;digt. Gerade die Kombinatorik der verschiedenen audiovisuellen Modalit&#228;ten und affektiven Adressierungen erlaubte es den Zuschauerinnen und Zuschauern, die Figuren &#252;ber die Dauer vieler Stunden (in der Seherfahrung) und manchen Jahres (im gelebten Leben) immer besser kennenzulernen, sie immer mehr als Vertraute wahrzunehmen, als Freunde oder Feinde, Objekte der Sehnsucht oder des Abscheus &#8211; denn man hat sie begleitet, durch all diese Situationen hindurch, das Komische, das Tragische, das Bittere, das Triumphale, das Abgeschmackte und das Gro&#223;artige; durch dick und d&#252;nn sozusagen.</p>
<p>F&#252;r die letzte Staffel von G<sc>O</sc>T bedeutet dies, dass das Verh&#228;ltnis nicht mehr stimmt, was die Zeitlichkeiten betrifft, insofern die Figurenentwicklungen durchgef&#252;hrt werden, die die Schlie&#223;ungsbewegung zum Ende hin verlangt. Am krassesten ist dieser Widerspruch zweifellos bei Daenerys. Man muss keine besondere Zuneigung f&#252;r die Figur der Drachenmutter hegen, um zu sehen: die Daenerys, die &#252;ber sieben Staffeln und Dutzende Folgen hinweg aufgebaut wurde, kann nicht innerhalb einer Stunde komplett umgepolt werden. Der Umpolung n&#228;mlich fehlt die Erfahrungsschwere; das hei&#223;t, sie kommt nicht an gegen die Erfahrung der Zuschauer, verbleibt eine Behauptung, die aufgrund eines allzu durchsichtigen narrativen Kalk&#252;ls aufgestellt werden muss. Noch die eindr&#252;cklichsten Bilder, die sich mit Daenerys&#8217; Niedergang verbinden &#8211; etwa jenes des hilflosen und verzweifelten Tyrion, der die rauchenden Ruinen von King&#8217;s Landing abschreitet &#8211;, wirken irgendwie hohl, weil sie sich einer Seherfahrung, ja in gewisser Weise einer <italic>Lebenserfahrung</italic> aufoktroyieren, die Jahre des Mitf&#252;hlens und Mitdenkens in die Waagschale werfen kann. Das Problem der letzten Staffel ist so gesehen weniger eines von Handlung und D&#233;nouement per se, als von zeitlichen Verh&#228;ltnissen.</p>
<p>Beinah parodistisch wird dieses Missverh&#228;ltnis, wenn es um das geht, was ich die Dauer der Katastrophe genannt habe. Der Krieg gegen den Night King und die Others konzentriert sich auf die T<sc>HE</sc> L<sc>ONG</sc> N<sc>IGHT</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B5">S08E03. US 2019, Regie: Michael Sapochnik</xref>) betitelte dritte Folge der achten Staffel. Diese Folge hat eine Laufzeit von &#252;ber 80 Minuten, ist also in der Tat ziemlich lang f&#252;r die Verh&#228;ltnisse einer Fernsehserie. Dennoch wirkt sie geradezu l&#228;cherlich kurz, wenn man bedenkt, dass das Kommen des Winters &#8211; und aller Schrecken, die K&#228;lte und Dunkelheit mit sich f&#252;hren &#8211; &#252;ber sieben Staffeln hinweg als die ultimative metaphysische Drohung aufgebaut worden ist. Selbst wenn die dramaturgischen und handlungslogischen Verrenkungen der entsprechenden Folge weniger peinlich ausgefallen w&#228;ren, als es nun mal der Fall ist, m&#252;sste der Sieg &#252;ber die Others in Anbetracht dieser erfahrungs&#228;sthetischen Schieflage antiklimaktisch, das Ende des Night King l&#228;ppisch wirken.</p>
<p>Vor diesem Hintergrund scheint mir das Scheitern der letzten Staffel von G<sc>O</sc>T unvermeidlich. Nat&#252;rlich stellt sich die Frage: Wie lange m&#252;sste die lange Nacht des Winters sein, und was m&#252;sste alles in ihr geschehen, damit sie die grausige Verhei&#223;ung erf&#252;llen kann, die sich &#252;ber sieben Jahre hinweg mit ihr verbunden hat? Vielleicht w&#252;rde das Finale von G<sc>O</sc>T weit &#252;berzeugender wirken, wenn Benioff und Weiss das Wagnis unternommen h&#228;tten &#8211; die &#246;konomische und produktionslogische Wahrscheinlichkeit dieser L&#246;sung sei dahingestellt &#8211;, es auf zwei oder drei Staffeln auszudehnen.</p>
<p>Gegen eine Art der Zeiterfahrung h&#228;tten sie allerdings in keinem Fall ankommen k&#246;nnen: Jene, die sich mit dem Zauber des Anfangs verbindet, und es als begl&#252;ckendes Wunder erlebt, dass ein Sender wie HBO eine Serie wie G<sc>O</sc>T produziert; und dass es eine solche Serie tats&#228;chlich auf mehr als eine Staffel bringt.</p>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Daniel Illger studierte Filmwissenschaft, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Philosophie in Berlin und M&#252;nster. Von 2007 bis 2010 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich &#187;&#196;sthetische Erfahrung im Zeichen der Entgrenzung der K&#252;nste&#171; der Freien Universit&#228;t Berlin und von 2011 bis 2014 Projektkoordinator am Exzellenzcluster &#187;Languages of Emotion&#171;. Nach drei Jahren als freier Schriftsteller hat er von 2017 bis 2019 an der Kollegforschungsgruppe Cinepoetics &#8211; Poetologien audiovisueller Bilder gearbeitet; seit dem Wintersemester 2019/20 vertritt er eine W3-Professur am Seminar f&#252;r Filmwissenschaft der FU Berlin. Er hat zu den Stadtinszenierungen des italienischen Nachkriegskinos promoviert und mit einer Studie zum Fantasy-Modus im Videospiel habilitiert; bei Klett-Cotta erschien die <italic>Skargat-</italic>Trilogie (Stuttgart 2015&#8211;2017).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc> und transmediales Erz&#228;hlen</title>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:Sabrina.Mittermeier@pecess.de">Sabrina Mittermeier</ext-link></p>
<p>Universit&#228;t Augsburg, DE</p>
<p>Kritische Auseinandersetzungen mit Literaturverfilmungen, ob akademische Analysen oder vor allem Medienrezensionen, stellen nach wie vor die Frage nach der Treue zur Vorlage in den Mittelpunkt. Das Buch wird hierbei als &#8250;Originaltext&#8249; eingestuft, dem es zu folgen gilt, und die allgemeine Annahme scheint zu sein, dass eine Verfilmung dessen nur dann gelungen ist, wenn sie diesem m&#246;glichst genau folgt. Auch G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc> wurde immer wieder durch diese Linse betrachtet, und die TV-Serie f&#252;r ihre getreue Umsetzung von George R. R. Martins Romanen gelobt &#8211; bis sie auf ein nahezu einzigartiges Problem stie&#223;: Martins Werk war nicht vollendet, und doch sollte die Verfilmung nach acht Staffeln beim amerikanischen Privatsender HBO zum Abschluss kommen. Bereits zuvor hatte sich die Serie immer mehr inhaltliche Freiheiten genommen, doch das Finale, das im Mai 2019 ausgestrahlt wurde, war nun notgedrungen eine Eigenkreation der Drehbuchautor*innen, allen voran der Showrunner David Benioff und D. B. Weiss. Die gesamte achte und letzte Staffel wurde kontrovers diskutiert, sowohl von Journalist*innen, als auch in den sozialen Medien, und das Finale trat schlussendlich einen regelrechten Shitstorm los. Die Serie hatte stets ein internationales Millionenpublikum, das nun in gro&#223;en Teilen ver&#228;rgert &#252;ber Benioff and Weiss&#8217; narrative Entscheidungen war. W&#228;hrend solche Reaktionen nun kein Einzelfall sind, man denke nur an L<sc>OST</sc> oder H<sc>OW</sc> I M<sc>ET</sc> Y<sc>OUR</sc> M<sc>OTHER</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B8">US 2005&#8211;2014, Idee: Carter Bays und Craig Thomas</xref>), so ist doch bemerkenswert, welche Wellen dies schlug: sogar eine Online-Petition auf <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://Change.org">Change.org</ext-link> wurde ins Leben gerufen, die derzeit (Stand: 15. November 2019) knapp 1,8 Millionen Unterschriften sammeln konnte. &#187;Remake G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc> with competent writers&#171; fordert deren Ersteller Dylan D. bereits im Titel und beklagt sich in der Beschreibung: &#187;David Benioff and D. B. Weiss have proven themselves to be woefully incompetent writers when they have no source material (i. e. the books) to fall back on&#171; (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://Change.org">Change.org</ext-link>). Und hier liegt nun auch die Krux der Sache: zentral f&#252;r das unzufriedenstellende Finale, das hier als Scheitern der Serie eingestuft wird, ist f&#252;r diesen Teil des Fandoms einzig allein die Abwesenheit des Autors George R. R. Martin.</p>
<p>Ohne hier nun eine tiefergehende Diskussion &#252;ber die Qualit&#228;t der Serienautor*innen oder Martins Prosa f&#252;hren zu wollen, muss doch gesagt werden, dass es mehr als bemerkenswert ist, wenn auch leider nicht einzigartig, dass im Jahre 2019 anscheinend nach wie vor der Genius eines einzelnen Autors als G&#252;tesiegel verstanden wird. Was <italic>Game of Thrones</italic> aber dennoch zu einem Sonderfall macht, ist, dass diese Saga schlie&#223;lich zwei Enden haben wird, die beide als kanonisch eingestuft werden k&#246;nnen. Sobald Martin seine Romane zu einem &#8250;offiziellen&#8249; Ende bringt, das, wie er bereits angedeutet hatte, wohl ein anderes sein wird als das ebenso &#8250;offizielle&#8249; der Fernsehserie &#8211; und er wohl auch auf Grund der Umst&#228;nde kaum eine andere Wahl haben wird &#8211;, gibt es nun zwei Antworten darauf, wer am Ende den Eisernen Thron in Westeros besteigt. Wie <xref ref-type="bibr" rid="B27">Zoe Shacklock</xref> anmerkt, macht allein diese Tatsache <italic>Game of Thrones</italic> schon zu einem Paradebeispiel transmedialer Erz&#228;hlung nach Jenkins, da sie auf zwei verschiedenen Medienformen parallel l&#228;uft (vgl. 265) &#8211; und man damit nun eigentlich auch sowohl von den Romanen als auch (zumindest den sp&#228;teren Staffeln) der Serie von einem &#187;original&#171; oder &#187;parent&#171; Text sprechen kann.</p>
<p>Genauer gesagt sind es auf Grund der Popularit&#228;t der Serie nun seit geraumer Zeit schon weit mehr als zwei verschiedene Medienformen, mit deren Hilfe <italic>Game of Thrones</italic> erz&#228;hlt wird. So erscheinen beispielsweise seit September 2011, und damit wohl nicht ganz zuf&#228;llig seit dem Jahr, in dem auch die TV-Serie Premiere hatte, Graphic Novels, die sich zwar inhaltlich auch nah an die Romanvorlage halten, aber ebenso wie die Serie auf Grund des visuellen Mediums, einiges an Plot raffen und anders aufarbeiten m&#252;ssen. Im Gegensatz zur Fernsehserie scheint die Fortsetzung der Reihe hier jedoch nun auf Martins n&#228;chsten Roman zu warten, und nicht ebenfalls ein eigenes Ende erz&#228;hlen zu wollen &#8211; und doch schaffen die Autoren der Reihe (Texter Daniel Abrahams, Illustrator Tommy Patterson und Kolorist Ivan Nunes) ihre eigene Version von Westeros und sind damit ein weiteres Puzzlest&#252;ck im gro&#223;en Ganzen.</p>
<p>Noch Jahre bevor HBO die Saga zum weltweiten Ph&#228;nomen machte, erschienen bei Fantasy Flight sowohl Brett- als auch Kartenspiele, die einen wiederum ganz anderen Zugang erm&#246;glichen &#8211; im Falle des Brettspiels (in erster Edition 2003 erschienen) schl&#252;pft man als Spieler*in beispielsweise in die Rolle eines der H&#228;user, die um den eisernen Thron k&#228;mpfen. Dabei transferiert das Spiel die Welt der Intrigen, die die treibende Kraft der Romanerz&#228;hlung darstellt, und &#252;ber Illustrationen auf Karten auch zentrale Charaktere (die damit einmal mehr im wahrsten Sinne des Wortes anders gezeichnet werden) auf relativ simple Weise. So ist es auch m&#246;glich, als Spieler aktiv am <italic>Worldbuilding</italic> teilzunehmen, denn Ziel des Spiels ist es nat&#252;rlich, den Thron einzunehmen, und somit werden auch hier alternative narrative Varianten aufgezeigt.</p>
<p>Andere noch viel direkter immersive Medien haben sich auch dem Stoff angenommen. Im Bereich der digitalen Spiele erschien <xref ref-type="bibr" rid="B13">2014</xref> ein von Telltale Games entwickeltes episodisches G<sc>O</sc>T-Adventure, das inhaltlich direkt an das Finale der dritten Staffel der Serie anschloss und dann parallel zur vierten Staffel lief. Das Spiel konzentriert sich jedoch auf das Haus Forrester, das in der Serie nie eingef&#252;hrt wurde, und tr&#228;gt so auch weiter ma&#223;geblich zum <italic>Worldbuilding</italic> bei. Interessant ist hier au&#223;erdem, dass sich das Spiel auch visuell direkt an der Serie orientiert, und dadurch, anders als bei Graphic Novel oder Brettspiel, direkt auch jene Fans abholen will, die eventuell nie die B&#252;cher gelesen haben. Zudem werden die bekannten Charaktere von den Schauspieler*innen der TV-Serie gesprochen und tragen so zus&#228;tzlich zu einem authentischen, und damit immersiven Erlebnis bei (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Bolter und Grusin 172</xref>).</p>
<p>Angesichts dieses immer gr&#246;&#223;er werdenden Angebots ist es nicht verwunderlich, dass die Medienwissenschaftlerin <xref ref-type="bibr" rid="B26">Marie-Laure Ryan</xref> etwas zynisch angemerkt hat, dass transmediales Erz&#228;hlen der Versuch ist, Fans dazu anzuhalten, m&#246;glichst viele Produkte zu konsumieren (vgl. 384). Ganz falsch ist die Aussage hier nat&#252;rlich nicht &#8211; vor allem, wenn man die massiven Marketingkampagnen von HBO rund um die Serie bedenkt, sowie die immer gr&#246;&#223;er werdende Menge an lizensierten Merchandise-Artikeln. Jedoch sollte man auch diese Erzeugnisse nicht einfach au&#223;en vor lassen, wenn man sich mit dem Ph&#228;nomen <italic>Game of Thrones</italic> (oder anderen transmedialen Franchises) auseinandersetzt, und sie als reines Produkt unserer sp&#228;tkapitalistischen Gesellschaft abtun: wie <xref ref-type="bibr" rid="B18">Jonathan Gray</xref> zurecht bemerkt hat, k&#246;nnen auch diese als Paratexte verstanden werden, die eine nicht unbedeutende sozio-kulturelle Rolle spielen (vgl. 222).</p>
<p>Immersives Teilhaben an transmedialem Erz&#228;hlen wie das von <italic>Game of Thrones</italic> wird immer wichtiger &#8211; Jenkins merkt richtig an, dass es sogar ganz zentral auf die aktive Beteiligung seines Publikums baut. Dies ist auch deutlich erkennbar an der Menge an nicht lizensierten, nicht kommerziellen Werken, die sich mit Westeros und seinen Bewohner*innen auseinandersetzt. <italic>Fanon</italic>, nicht Kanon, ist auch bei <italic>Game of Thrones</italic> ein wesentlicher Bestandteil des Erfolgs: auf der bekannten Fanfiction-Plattform <italic>Archive of our Own</italic> finden sich derzeit (Stand: 16. November 2019) &#252;ber 37 000 Geschichten, <italic>Game-of-Thrones-Cosplay</italic> ist seit einigen Jahren fester Bestandteil von Conventions, und unz&#228;hlige Memes kursieren im Internet. W&#228;hrend mancher sich also per Online-Petition seinem Unmut &#252;ber das Serienfinale Luft macht, haben viele andere schon lange ihr eigenes Ende geschrieben &#8211; oder besch&#228;ftigen sich mit ganz anderen Aspekten dieses Universums.</p>
<p>Selbst wenn der Hype um die Serie in den Medien in den vergangenen Monaten zur&#252;ckgegangen ist, wird es wohl doch trotz der umstrittenen letzten Serienstaffel keinen gr&#246;&#223;eren Einbruch in der Popularit&#228;t geben, da das Ph&#228;nomen einfach schon lange gr&#246;&#223;er ist als nur ein erz&#228;hlerisches Medium. Fan-Tourismus zu den Drehorten erfreut sich beispielsweise seit einigen Jahren gr&#246;&#223;ter Beliebtheit &#8211; ob nach Nordirland, das als Schauplatz f&#252;r die Iron Islands diente, oder nach Dubrovnik, Kroatien (Westeros&#8217; Hauptstadt King&#8217;s Landing); die Tourismusindustrie profitiert nach wie vor von <italic>Game of Thrones</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Goldstein</xref>). Es bleibt wohl auch nur eine Frage der Zeit, bis sich auch andere immersive Medien bzw. Touristenziele wie Themenparks dem Ph&#228;nomen annehmen oder weitere Serien oder Filme produziert werden. Ein urspr&#252;nglich geplantes Prequel wurde zwar gerade erst auf Eis gelegt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">McCluskey</xref>), aber in Zeiten, in denen nach weniger als 20 Jahren bereits eine Neuverfilmung von L<sc>ORD OF THE</sc> R<sc>INGS</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B9">NZ/US 2001&#8211;2003, Regie: Peter Jackson</xref>) in Arbeit ist, w&#228;re es doch mehr als verwunderlich, wenn nicht auch bald mehr G<sc>O</sc>T &#252;ber unsere Bildschirme flimmern w&#252;rde. Und wenn es dann doch das Remake ist, auf das die Verfechter von Martins Romanen pochen &#8211; sollte er sie zu Lebzeiten noch zu Ende schreiben.</p>
<sec>
<title>Autorin</title>
<p>Dr. Sabrina Mittermeier (Universit&#228;t Augsburg) hat an der LMU M&#252;nchen in amerikanischer Kulturgeschichte promoviert. Ihre Monographie <italic>A Cultural History of the Disneyland Theme Parks &#8211; Middle-Class Kingdoms</italic> erscheint im Oktober 2020 bei Intellect und University of Chicago Press. Sie ist au&#223;erdem Mitherausgeberin von <italic>Fighting for the Future &#8211; Essays on Star Trek: Discovery</italic> (Liverpool University Press 2020) und des <italic>Routledge Handbook to Star Trek</italic> (2021) sowie mehrerer anderer Artikel zu Themenparks, Film und Fernsehen der amerikanischen, aber auch deutschen oder britischen Popul&#228;rkultur. Au&#223;erdem ist sie Vorsitzende der German Popular Culture Studies Association (GPCA).</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>Wie Butter, auf zu viel Brot verstrichen</title>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:baumann.83@gmx.de">Michael Baumann</ext-link></p>
<p>Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen, DE</p>
<p>Unter dem Titel-Zitat &#187;<italic>Ihre G&#252;te hat mich verw&#246;hnt</italic>&#171; erschien 2009, herausgegeben von Christiana Engelmann, eine Edition der <italic>Bitt- und Bettelbriefe</italic> Friedrich Schillers. Der gro&#223;e Dichter, der bekanntlich in der Schaub&#252;hne eine moralische Anstalt zu sehen geruhte, war sich nicht zu schade, in solch sch&#246;n gesetzten Worten um ein &#187;Sopha&#171; und andere ihm (in der Tat: &#228;u&#223;erst) dringend n&#246;tige Hausratsgegenst&#228;nde zu bitten. Da Vincis <italic>L&#8217;Ultima Cena</italic> war eine Auftragsarbeit f&#252;r Ludovico Sforza &#8211; Dedikationen k&#252;nstlerischer Werke an Personen von Rang und Namen waren seit der Antike stets ein beliebtes Mittel von Autoren, sich Protektion und &#8211; im landl&#228;ufigen wie im literalen Sinne &#8211; Honorar zu verschaffen. Einem F&#246;rderer von Kunst gelang es gar, sich in allen F&#246;rderern von Kunst fortan namentlich zu spiegeln: Gaius Maecenas hat sich als M&#228;zen in den Sprachschatz eingeschrieben. Die vielzitierten Anfangsverse des fr&#252;hen Schatzes deutscher Sprach- und Literaturwissenschaft erf&#252;llen geradezu vorbildlich das, was von einem jeden Klappentext verlangt wird: Alte Geschichten und unerh&#246;rte Ereignisse, mutige Helden und ihre Taten, ausgelassene Fr&#246;hlichkeit auf Festen ebenso wie Weinen und Klagen &#8211; die K&#228;mpfe k&#252;hner Recken um wundersch&#246;ne Frauen, und viele Todesf&#228;lle d&#252;rfen auch nicht fehlen: So k&#252;ndet das Nibelungenlied in den ersten beiden Strophen (zumindest nach Handschrift C) mit Sex and Crime, Action and Suspense an, was den Leser erwartet &#8211; oder eben urspr&#252;nglich wohl mehr den H&#246;rer, den der Vortragende schon in den ersten Worten zu fesseln hatte, wenn er seine Kunst erfolgreich zu Markte tragen und einen angemessenen Obolus f&#252;r seinen Vortrag erlangen wollte. Eine v&#246;llig unrepr&#228;sentative und en passant durchgef&#252;hrte vergleichende Studie aktueller Fantasy-Klappentexte durch den Verfasser dieser Zeilen ergab, dass sich inhaltlich seit dem Nibelungenlied an den Anforderungen der Buchwerbung wenig ge&#228;ndert hat. Kunst hat sich immer verkauft &#8211; auch wenn hier das Renaissancem&#228;zenatentum und die Marketingstrategien heutiger Verleger sicher zu Unrecht in einen Topf geworfen werden &#8211;, und die Forderung nach &#8250;reiner Kunst&#8249;, die sich den Niederungen des Kommerzes unter keinen Umst&#228;nden hinzugeben habe, ist nicht nur historisch gesehen absurd, sondern erinnert ein wenig an die Emp&#246;rung des reichen Touristen auf der Suche nach dem Urt&#252;mlichen, dem der Einheimische das Verharren in &#228;sthetischer pittoresker Armut verweigert und stattdessen auch, zu Ungunsten des gesuchten &#8250;Originalen&#8249;, seinen Honig aus dem touristischen Interesse saugt.</p>
<p>Ein Essay wie dieser l&#228;sst schon von der Form her gro&#223;e Freiheiten, die der wissenschaftliche Aufsatz nicht gew&#228;hrt &#8211; seien wir daher frei und reisen auch wir als Urlauber umher! Unter den Touristen gibt es jedoch mancherlei Unterarten &#8211; verhalten wir uns hier also standesgem&#228;&#223; als Kulturreisende gehobenen Anspruchs, wenn wir auf die Reise nach Westeros aufbrechen, klemmen uns den doppelsinnig vielseitigen Baedeker unter den Arm, wappnen unsere Bauchtaschen als Literatur-, Film-, Spiel-, Sozial- und Kulturwissenschaftler mit Wissen, Methoden und Perspektiven und ziehen von dannen. Bestaunen wir zun&#228;chst das gewaltige, wenn auch noch unvollendete Schriftwerk George R. R. Martins, das auf weiter Flur vor uns liegt: Hier diese prachtvollen Ruinen, deren Reliefs von profunder Kenntnis nordischer Mythologie zeugen. Doch jene S&#228;ule scheint den alten Griechen, diese Sphinx den &#196;gyptern, dort das Basrelief dem l&#228;ngst vergangenen Uruk entlehnt zu sein, und far over yonder hat das Keltentum sich eingeschnitzt. M&#228;chtige Str&#246;me, flie&#223;end aus den Shakespear&#8217;schen Bergen am Horizont, tragen dramatisch fruchtbaren Schlamm an die mittelalterlichen Ufer und befruchten die feudalen Dynastien. Historisch rankend, wachsen rote und wei&#223;e Rosen daraus hervor und bedecken anmutig die k&#246;niglichen Lande, zumindest solange sie kein m&#228;rchenhaftes Drachenfeuer niederbrennt, kein dem Horror entlehnter halbskelettierter Zombiefu&#223; sie niedertritt. Doch wohlgef&#252;gt erscheint uns &#8211; zumindest den meisten &#8211;, was wir sehen: Das eklektische F&#252;llhorn ist mit Bedacht und von Meisterhand gestaltet worden, mit k&#252;nstlerischem Anspruch und &#228;sthetischem Gewinn f&#252;gen sich die Teile zueinander, und die stilistischen Erg&#228;nzungen aus des Meisters Hand &#8211; wie steht&#8217;s im Baedeker: &#187;Fokalisierung &#252;ber multiple Figurenperspektiven verm&#228;hlt narrativ das Zitat des alten Epos mit der individualisierten Perspektivierung der Postmoderne&#171;, oder doch so &#228;hnlich. Themenkreise wie Macht, Religion, Mythos wollen durchdrungen werden, um das kulturelle Artefakt zu verstehen &#8211; sicher, die Bildungsreisegruppe der Feuilletonfreunde da hinter uns ahnt auch dunkel etwas davon, das stand ja auch schon in der Zeitung, aber mit dem profunden Wissensschatz eines vorbereitenden Studiums kann deren sichtlich bem&#252;hter Reiseleiter nun doch nicht mithalten. Aber sie m&#252;hen sich, wir wollen das loben. Es ist doch sch&#246;n, wenn die Kunst nicht nur rein, sondern auch dem Auge der Masse, der gehobenen, zug&#228;nglich sei, so wie George R. R. Martin das gro&#223;artig beherrscht &#8211; nein, ein elit&#228;rer Kunstbegriff ist unsere Sache nicht, den Begriff des Trivialen lehnen wir ab, das schreibt ja auch der Baedeker so, zumindest seit den letzten Jahrzehnten. In einem gro&#223;herzigen Akt wollen wir den Willen f&#252;r das Werk gelten lassen und auch jene Kunstbeobachter uns Kunstverstehern angeglichen wissen (zumindest bis zum R&#252;ckflug).</p>
<p>Richten wir also gemeinsam den mehr (oder minder) geschulten Blick auf die dornische W&#252;ste, &#252;ber deren sengend hei&#223;em Sand sich nun Luftspiegelungen des gro&#223;en Werkes flimmernd darbieten: Und sehet, die Buchstaben formen sich zu laufenden Bildern, G<sc>O</sc>T setzt das Sujet als Fernsehserie um. Wieder sind es die meisten von uns, denen im Gro&#223;en und Ganzen zusagt, was sie da sehen: Ein Kunstwerk eigenen Ranges, anders als das Buch &#8211; und das ist gut so. Scheu fragt der eine oder andere aus der Feuilleton-Gruppe, ob denn nicht das Original &#8230;? Nein, so erkl&#228;ren wir &#8211; nicht scharf abkanzelnd, nur ganz milde dozierend &#8211;, nein, es handle sich hier nicht um Verf&#228;lschung, Verw&#228;sserung und Klitterung, sondern um Inter- und Transmedialit&#228;t. Das stehe &#252;brigens auch so im Baedeker. Kunst darf, kann und muss das! Gr&#246;&#223;tenteils &#252;berzeugt &#8211; das stand ja auch schon so &#228;hnlich in der Zeitung &#8211; folgt uns die Feuilleton-Gruppe, zumal wir die Argumentation ja auch noch auf den <italic>Heckenritter</italic>-Band sowie das gewaltige fiktive Geschichtsbuch <italic>The World of Ice and Fire</italic> st&#252;tzen k&#246;nnen. Neue Luftspiegelungen werden in unser freundlich-belehrendes Geplauder integriert: Auch Computerspiele, die sich an der transmedialen G<sc>O</sc>T-Welt anlehnen, fallen unter diesen Kunstbegriff &#8211; und das ganz zurecht. Wo k&#228;men wir da hin, wenn die Transmedialit&#228;t nur einige Medien als Kunst gelten lie&#223;e, andere hingegen nicht? Im Lichte dieses festen Wissens, den Kunstledereinband des Baedekers sanft streichelnd, schreiten wir auf unserem Weg dahin, mit etwas schnellerem Schritt vorbei an <italic>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc> &#8211; Das Kochbuch</italic> und <italic>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc> &#8211; das Ausmalbuch f&#252;r Erwachsene</italic>, und die Frage aus den hinteren Reihen der Feuilleton-Gruppe, ob denn der Kunstbegriff auch die Kaffeetasse &#8230;? &#8211; vielleicht wurden ihre sanften Schallwellen von den Winden des Winters verweht, jedenfalls haben wir sie nicht geh&#246;rt. Und die fr&#246;hlich-meckernde Stimme eines gr&#252;n kost&#252;mierten Mel Brooks, die uns ein triumphierendes &#187;Merchandising!&#171; aus den 1990er-Jahren ins Ohr rufen will, auch die haben wir nicht geh&#246;rt.</p>
<p>Ach, sieh da &#8211; eine dritte Gruppe von Touristen ist eingetroffen: Eventtouristen. Kaffeetassen und K&#252;hlschrankmagneten, Schwerter und Umh&#228;nge, T-Shirts der Great Houses und Buttons von Conventions kennzeichnen sie als Fans. Fanatiker. Ohne Baedeker, ohne Feuilleton, ohne Reiseleiter, ohne Plan und doch mit freudigem Gejohle, bereit, sich in alle Teile dieser Transmedialit&#228;t zu st&#252;rzen, in dieser Welt aufzugehen. Und auch ihnen wird etwas geboten: Neonbunte Spruchb&#228;nder, Ansagen vom Megaphon stimmen die Schlachtenbummler seit Jahren ein: &#187;Emilia Clarke beim Friseur &#8230; der G<sc>O</sc>T-Kaffeetassenuntersetzer, exklusiv bei &#8230; George R. R. Martin verschiebt erneut &#8230; Kit Harrington in Irland gesichtet &#8230; die zehn gr&#246;&#223;ten G<sc>O</sc>T-Irrt&#252;mer &#8230; 30% mehr CGI in Staffel &#8230; wann kommt der Cleganebowl &#8230; reist zu den Drehorten von &#8230; Rose Leslie exklusiv im Interview &#8230; das G<sc>O</sc>T-Kaffeetassenuntersetzerunterlegdeckchen limitiert auf &#8230;&#171;. Endlich werden die Schranken ge&#246;ffnet, die Fans st&#252;rmen das Panorama &#8211; und da gef&#228;llt vielen nicht mehr, was sie sehen! Der nach au&#223;en am weitesten sichtbare Teil der transmedialen Welt, die vielfach preisgekr&#246;nte Serie G<sc>O</sc>T, erf&#252;llt die Erwartungen nicht. Ein gewisser <xref ref-type="bibr" rid="B15">Dylan D</xref>. fordert &#8211; und fast schon zwei Millionen folgen ihm nach &#8211; ein anderes Ende! Die Drehbuchautoren seien inkompetent, ohne Buchvorlage sei es ihnen nicht m&#246;glich, ein gutes Ende zu finden. Was will der freche Kerl? Sangria in 5-Liter-Eimern? Da wendet sich der Gast mit Grausen &#8211; Wissenschaftler wie auch Bildungsb&#252;rger fliehen vor so viel p&#246;belhaftem Unverstand, der einen veralteten Kunstbegriff um den Geniekult des Autors pflegt, und streben schnell nach Hause.</p>
<p>&#8230;</p>
<p>Links das Regal der in der realen Welt wieder auf zahlreiche Einzelwerke verteilten B&#252;cher, die zusammen soeben noch fiktiv der Baedeker waren, rechts die Kaffeetasse mit dem Aufdruck &#187;Hodor Hodor! (Hodor)&#171;: Zur&#252;ck am Schreibtisch, zur&#252;ck aus dem Urlaub. Was gibt es noch zu sagen?</p>
<list list-type="simple">
<list-item><p>&#8211; Nat&#252;rlich kann man heute nicht mehr den &#187;Geniekult&#171; des einen, einzigen Autors pflegen. Das ist auch kein D&#252;nkel, das ist ganz einfach der Stand der Wissenschaft.</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Nat&#252;rlich kann auch eine Kaffeetasse, ganz frei von Ironie, Kunst sein, ebenso wie Suppendosen und Fettecken. Nat&#252;rlich sind Spiele und Filme nicht sklavisch gebunden an ein Original &#8211; und das Recht, hier als Kunst frei wirken zu d&#252;rfen, ohne sich einem Diktat (und sei es &#8250;nur&#8249; das der &#246;ffentlichen Meinung) unterwerfen zu m&#252;ssen, muss verteidigt werden, auch und gerade von der Wissenschaft.</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Ebenso nat&#252;rlich muss es aber erlaubt sein, ein schlechtes &#8211; &#228;sthetisch und handwerklich ungen&#252;gendes, ethisch fragw&#252;rdiges oder banales &#8211; Kunstwerk als solches zu benennen. Das k&#246;nnen Wissenschaftler wie auch Laien tun. Die Petition des <xref ref-type="bibr" rid="B15">Dylan D</xref>. ist hier nicht sonderlich ausf&#252;hrlich, aber die Frage darf gestellt werden, ob eine von vielen Fans empfundene Unzul&#228;nglichkeit nicht auch etwas damit zu tun haben k&#246;nnte, dass eine Vorlage fehlt, die &#8211; nicht weil sie originaler, nicht weil sie geschriebenes Wort, sondern einfach, weil sie bessere Kunst ist &#8211; die vorherigen Staffeln als Kunstwerk gehoben hat. Nat&#252;rlich m&#246;gen hier auch andere nicht-k&#252;nstlerische Faktoren wie die &#246;konomische Beschr&#228;nkung auf eine bestimmte Anzahl Filmminuten eine Rolle spielen.</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; Soweit, so banal &#8211; das eigentliche (historisch auch keineswegs beispiellose) Skandalon liegt ja nicht in der Existenz von knapper oder ausf&#252;hrlicher, begr&#252;ndeter oder unbegr&#252;ndeter Kritik, sondern in der Forderung, das Kunstwerk zu korrigieren.</p></list-item>
<list-item><p>&#8211; <italic>A Song of Ice and Fire</italic> ist Kunst, G<sc>O</sc>T ebenso &#8211; und Kunst darf diese Forderung als ungeheuerliche Zumutung ablehnen. Dass diese Forderung erhoben wird, kann aber nicht verwundern. Kunst hat sich schon immer verkauft, ja &#8211; doch selten wurde sie so konsequent vermarktet und dem Fan als Produkt, als Event, als Lebensinhalt verkauft und auf ihn zugeschnitten. Der Kunde, der ein schadhaftes Produkt reklamiert und &#8211; sch&#246;n juristisch: &#8211; Wandel verlangt, hat dieses Recht. Kunst wurde gemacht &#8211; wurde auch Kunst verkauft, oder aber eine Ware? Der Verfasser dieser Zeilen m&#246;chte nicht der Richter sein, der das zu entscheiden h&#228;tte. Er ist aber, zwischen Baedeker und Kaffeetasse, der Meinung, dass Kunst da war &#8211; nur eben, wie ein Hobbit einst am Ende seiner Kraft sagte, &#187;like butter scraped over too much bread&#171;. &#220;ber Dylan D. und seine Follower zu spotten (was die Feuilletons ebenso wie die Fachartikel der Wissenschaft, wenn auch nicht unisono, getan haben), ist wie die Kunst wohlfeil &#8211; doch teuer sind des Kaisers neue Kleider.</p></list-item>
</list>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Michael Baumann M.A. promoviert in Neuerer Deutscher Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universit&#228;t M&#252;nchen. Im Bereich der Fantastik besch&#228;ftigt er sich vor allem mit ideologischen Dimensionen der Fantasy und ist Mitherausgeber des Sammelbandes <italic>Die Welt von G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc>. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins &#187;A Song of Ice and Fire&#171;</italic>, Transcript Verlag, Bielefeld 2016.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>&#187;Cocks <italic>are</italic> important, I&#8217;m afraid&#171; Geschlechterpolitische (Fehl)Entscheidungen im <italic>Game-of-Thrones</italic>-Universum</title>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:kalbermatten@em.uni-frankfurt.de">Manuela Kalbermatten</ext-link></p>
<p>Goethe-Universit&#228;t Frankfurt, DE</p>
<p>Ob sie gewillt sei, in den Krieg zu ziehen, fragt Daenerys &#187;Stormborn&#171; Targaryen, Khaleesi der Dothraki, Mutter der Drachen und rechtm&#228;&#223;ige K&#246;nigin von Westeros die junge Dienerin Missandei, die sie an der Sklavenk&#252;nste von Essos mitsamt einer riesigen Armee von Sklavensoldaten erwirbt und nach Westeros f&#252;hren will, um den Eisernen Thron zu erobern. Auf dem Weg, so Daenerys weiter, k&#246;nnte Missandei hungern, erkranken, gar get&#246;tet werden. &#187;Valar Morghulis&#171;, erwidert Missandei, ein valyrisches Sprichwort, das so viel bedeutet wie: &#187;Alle Menschen m&#252;ssen sterben.&#171; Daenerys kontert: &#187;Yes, all men must die. But we are not men&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">S03E03: W<sc>ALK OF</sc> P<sc>UNISHMENT</sc>. US 2013, Regie: David Benioff</xref>).</p>
<p>Das Wortspiel, das den unmarkierten &#8250;Normalfall&#8249; &#8211; Mensch = Mann &#8211; f&#252;r einmal zugunsten des markierten &#8250;Spezialfalls&#8249; &#8211; Frau = das Andere &#8211; auslegt, fasst die Parameter der Geschlechterpolitik im transmedialen Universum von <italic>Game of Thrones</italic> recht akkurat zusammen. Zwar geh&#246;ren Frauen sowohl in George R. R. Martins Roman-Serie <italic>A Song of Ice and Fire</italic> als auch in der HBO-Adaption zu den gef&#228;hrdetsten, zu den am intensivsten unter den Machtspielen der herrschenden Elite leidenden und in Alltag wie Krieg am brutalsten ausgebeuteten Subjekten. Oft wird ihnen der Subjektstatus per se verwehrt, werden sie als Spielball und Spielzeug der Lords und K&#246;nige, als Tauschware in ihren Gesch&#228;ften gehandelt. Auf diskursiver Ebene dagegen werden die vielen Frauenfiguren des G<sc>O</sc>T-Universums nicht nur als vielschichtige, sondern auch als ehrgeizige, aktive und handlungsm&#228;chtige Subjekte inszeniert; als Individuen, die sich aus ihrer Position als &#8250;Underdogs&#8249; einer ultrapatriarchalen Gesellschaft zu machtvollen Agentinnen des Wandels entwickeln. Der einzige Konsens, den die mittlerweile beachtliche Forschungsliteratur zur Verhandlung von Weiblichkeit und Geschlecht in G<sc>O</sc>T erzielt hat, lautet denn auch, dass die Repr&#228;sentation unterschiedlichster, komplexer Frauenfiguren eine, wenn nicht <italic>die</italic> zentrale Innovation der Serie dar-stelle und ihren gr&#246;&#223;ten Reiz ausmache.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus aber ist &#8211; nicht nur &#8211; die Geschlechterforschung gespalten in der Frage, wie es um den subversiven bzw. feministischen Gehalt der Serie bestellt sei. &#187;Are they [die weiblichen Figuren, MK] feminist characters, or a perversion of feminism?&#171;, fassen Rikke Schubart und <xref ref-type="bibr" rid="B16">Anne Gjelsvik</xref> in der Einleitung ihrer Anthologie <italic>Women of Ice and Fire</italic> die Fragen und Statements von Rezipient*innen, feministischen Blogger*innen und Wissenschaftler*innen zusammen.</p>
<disp-quote>
<p>Is this postfeminist entertainment for a neoliberal age? Is it a backlash dressed up in prefeminist medieval clothes [&#8230;]? Or is Martin a feminist, as he claims, and these women, then, the role models in a complex and conflicted contemporary world that has abandoned utopian illusions and in which fantasy is transformed from light to dark and from the ethically simple to conflicted? (2)</p>
</disp-quote>
<p>Bereits das zweifelhafte Kompliment in der G<sc>O</sc>T-Parodie des parodistischen YouTube-Channels <italic>The Key of Awesome</italic>, n&#228;mlich: &#187;This show is <italic>Lord of the Rings</italic>, but with Titties Galore&#171;, verweist darauf, dass Sichtbarkeit gerade aus feministischer Perspektive stets eine ambivalente Gr&#246;&#223;e ist. Auf der einen Seite hat die h&#228;ufige, oft als objektivierend und narrativ unmotiviert wahrgenommene Darstellung entbl&#246;&#223;ter Frauenk&#246;rper in der Serie nicht zu Unrecht den Begriff der &#187;sexposition&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B23">McNutt</xref>) gepr&#228;gt; auf der anderen Seite sind sich Fans wie Kritiker*innen einig, dass GoT nicht nur mit dem bis heute wohl eindr&#252;cklichsten weiblichen Figurenarsenal erfolgreicher Fantasy-Medienverbundssysteme aufwartet (die L<sc>ORD OF-THE</sc>-R<sc>INGS</sc>-Blockbuster der 2000er-Jahre hatten gerade mal drei weibliche Nebenfiguren zu bieten), sondern auch mit einer Kritik an Sexismus und sexualisierter Gewalt, die man in der kommerziell erfolgreichen Fantasy so scharf artikuliert nur selten findet. Dabei wandelt insbesondere die TV-Serie auf einem schmalen Grat. Wo zum Beispiel verl&#228;uft die Grenze zwischen einer kritischen Thematisierung sexueller Gewalt auf dem Bildschirm und ihrer &#196;sthetisierung zum Zweck voyeuristischer Unterhaltung? Oder die Grenze zwischen einer erm&#228;chtigenden Repr&#228;sentation weiblichen Begehrens und einer objektivierenden Darstellung des Frauenk&#246;rpers, die sich nach wie vor am &#8250;m&#228;nnlichen Blick&#8249; orientiert? Sind &#8250;starke&#8249; Frauen wie Daenerys Targaryen und Cersei Lannister, die wesentlich von ihrem &#8250;erotischen Kapital&#8249; Gebrauch machen, als feministische Ikonen zu bezeichnen, weil sie &#8250;Agency&#8249; unter widrigsten Bedingungen beweisen und sich nicht zum &#8250;Opfer&#8249; machen lassen &#8211; oder handelt es sich um Symbole einer postfeministisch-neoliberalen Meritokratie, die individualisierte Erfolgsgeschichten durchsetzungsstarker Einzelk&#228;mpfer*innen zelebriert zugunsten von kollektiver Sozialkritik?</p>
<p>Gerade diese Ambivalenz nicht nur in der Darstellung von Weiblichkeit, sondern auch in der Verhandlung verschiedener Geschlechterdiskurse und (post-)feministischer Positionen l&#228;sst sich aber auch als St&#228;rke der Serie lesen. Sie erlaubt unterschiedliche, auch widerspr&#252;chliche Lesarten und Identifikationen; sie macht das G<sc>O</sc>T-Universum zu einem Forum kultureller Selbstverst&#228;ndigung, einem Ort, an dem Bedeutung laufend erstritten und verhandelt werden muss. &#187;Rather than futilely debating their relative feminist worth, [&#8230;] we need to concern ourselves with how these texts make such debates possible&#171; (13), schreibt <xref ref-type="bibr" rid="B25">Jacinda Read</xref> im Rahmen ihrer Analyse filmischer Rape-Revenge-Fantasien. In genau diesem Sinne konstruiert auch das G<sc>O</sc>T-Universum nicht nur eine Vielzahl an Bildern weiblicher Identit&#228;t &#8211; es bietet auch eine exzellente B&#252;hne f&#252;r die unterschiedlichsten Positionen eines vielgestaltigen und oft widerspr&#252;chlichen gegenw&#228;rtigen Geschlechterdiskurses.</p>
<p>Bis, tja, zum Finale. In den letzten Episoden ist Schluss mit der schillernden Mehrdeutigkeit einer Saga, die, was ihre Figuren betrifft, dem Erz&#228;hlen von Biographien im Rahmen kultureller Verh&#228;ltnisse stets den Vorrang vor einfachen Erkl&#228;rungen gegeben hatte. Daenerys dreht durch und legt mit ihrem letzten Drachen ganz King&#8217;s Landing in Schutt und Asche &#8211; notabene <italic>nachdem</italic> die Stadt kapituliert hatte. Sie tritt damit in die Fu&#223;stapfen ihres vom Wahnsinn gezeichneten Vaters, der von &#187;Fire and Blood&#171; getr&#228;umt und dessen Paranoia zu Folter, Krieg und schlie&#223;lich zur Ermordung und Vertreibung der Targaryens gef&#252;hrt hatte. Das gr&#246;&#223;te Problem dieser Wendung liegt vielleicht gar nicht darin, dass sie &#252;berst&#252;rzt erscheint und narrativ wie psychologisch nicht ausreichend nachvollziehbar gemacht wurde. Irritierend erscheint vor allem der Entscheid, eine komplexe Figur radikal zu essentialisieren. Wie fast alle weiblichen Figuren der Serie stand Daenerys f&#252;r die Idee, dass Identit&#228;t sozial gepr&#228;gt, aber nicht determiniert, dass sie fluide und wandelbar sei. Die Entwicklung eines zu politischen Zwecken verkauften, versklavten und vergewaltigten M&#228;dchens zur Tyrannin lie&#223;e sich angesichts von Daenerys&#8217; Leidens- wie Erfolgsgeschichte durchaus glaubw&#252;rdig erz&#228;hlen; Ans&#228;tze dazu finden sich in Buch- und Fernsehserie. Umso irritierender ist es, das Massaker kurzerhand als Ergebnis einer genetischen Veranlagung zu erkl&#228;ren. Und es zum Anlass zu nehmen, die weibliche Hauptfigur der Serie recht fix und unspektakul&#228;r vom moralisch standfesten John Snow ermorden zu lassen. Der wiederum erscheint in all seiner Tragik als Ebenbild und Erbe seines &#252;ber alle Zweifel erhabenen Onkels und Ziehvaters Lord Eddard Stark, der Gewalt verabscheut, sie aber einsetzt, um Gerechtigkeit zu erwirken. Sein Sohn Bran wird als neuer Herrscher Westeros in eine bessere Zukunft f&#252;hren.</p>
<p>Die Essentialisierung der Figuren in der finalen Schlacht erlaubt es also nicht nur, eine besonders ambitionierte Frau vom Thron zu sto&#223;en, noch ehe sie ihn bestiegen hat &#8211; sie legitimiert auch die Restauration einer konservativen Geschlechterordnung. Dass Macht korrumpiert, demonstriert die Serie immer wieder (am Schluss recht platt, wenn Drache Drogon den Eisernen Thron vernichtet, anstatt Daenerys&#8217; M&#246;rder zu t&#246;ten). Besonders anf&#228;llig f&#252;r ihre Versuchungen sind in G<sc>O</sc>T aber die Frauen. Wir erinnern uns: Am Ende der sechsten Staffel sind alle zentralen Machtpositionen in weiblicher Hand. Queen Cersei sitzt nach dem (von ihr verschuldeten) Suizid ihres Sohnes als erste Frau auf dem Eisernen Thron; Yara/Asha befehligt die Eiserne Flotte und verb&#252;ndet sich mit der Drachenk&#246;nigin Daenerys, die in Westeros angelangt ist; Sansa Stark regiert als Lady von Winterfell den Norden; Arya beseitigt als r&#228;chende Killerin die letzten Patriarchen. Sie alle werden als Figuren aufgebaut, die Grund haben, an der patriarchalen Ordnung zu verzweifeln, die ihnen das Recht auf Selbstbestimmung und Partizipation verwehrt; sie alle werden als Frauen gezeigt, welche die M&#228;nner zu Recht auf ihrem angestammten Terrain herausfordern und ihnen ihr &#8250;Geburtsrecht&#8249; streitig machen &#8211; und sie alle werden auf die eine oder andere Weise zum Schweigen gebracht. Cersei und Daenerys, die wie so viele Tyranninnen gegenw&#228;rtiger Fantasy-, M&#228;rchen- und Science-Fiction-Filme als Spiegel und Schreckgespenst einer patriarchalen Gesellschaft in Erscheinung treten und d&#228;monisiert werden m&#252;ssen, damit sie beseitigt werden k&#246;nnen, sind tot. Arya, Yara und Brienne, drei besonders autonome, in ihrer geschlechtlichen Codierung ambivalente Frauen, sitzen w&#228;hrend der Wahl des neuen K&#246;nigs stumm im Hintergrund, w&#228;hrend die M&#228;nner ihre Voten abgeben. Sansa deklariert zwar ihre Unabh&#228;ngigkeit und darf &#8211; auf das g&#252;tige Nicken ihres zum K&#246;nig gew&#228;hlten Bruders hin &#8211; als erste K&#246;nigin des Nordens den Thron besteigen. Aus dem politischen Einflussraum der sechs K&#246;nigreiche aber werden alle wichtigen Frauenfiguren auf effektive Weise entfernt. Einzig Brienne bleibt als Quotenfrau dem Kleinen Rat des K&#246;nigs erhalten. Die letzte Sequenz zeigt sie beim Vervollst&#228;ndigen von Jaime Lannisters Eintrag im Buch der Br&#252;der, wo sie ihn posthum als Kapit&#228;n der K&#246;nigsgarde w&#252;rdigt.</p>
<p>Noch kurz vor Daenerys&#8217; Amoklauf streiten sich Tyrion und Varys, ob sich John Snow &#8211; alias Aegon Targaryen &#8211; nicht besser als K&#246;nig eignen w&#252;rde als die unberechenbare Daenerys. W&#228;hrend sich Tyrion f&#252;r Daenerys ausspricht, macht sich Varys f&#252;r John Snow stark (<xref ref-type="bibr" rid="B6">S08E04: T<sc>HE</sc> L<sc>AST OF THE</sc> S<sc>TARKS</sc>. US 2019, Regie: David Nutter</xref>). &#187;He&#8217;s temperate. And measured&#171;, begr&#252;ndet er. &#187;He&#8217;s a man, which makes him more appealing to the lords of Westeros, whose support we are going to need.&#171; &#187;Joffrey was a man&#171;, protestiert Tyrion. &#187;I don&#8217;t think a cock is a true qualification, as I&#8217;m sure you&#8217;d agree.&#171; &#187;And he&#8217;s the heir to the throne, yes, because he&#8217;s a man&#171;, f&#228;hrt Varys unbeirrt fort und bilanziert: &#187;Cocks <italic>are</italic> important, I&#8217;m afraid.&#171; Sollte es sich bei diesem Gespr&#228;ch um eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit den Genretraditionen, vor allem aber mit den Bed&#252;rfnissen und Rezeptionsgewohnheiten eines Publikums handeln, auf dessen Support ein popul&#228;rkulturelles Ph&#228;nomen wie das G<sc>O</sc>T-Universum angewiesen ist, dann bleibt zu fragen, ob das Publikum hier nicht untersch&#228;tzt wurde. Ob es die Desartikulation aller (post)feministischen Lesarten zugunsten einer traditionellen Interpretation und Repr&#228;sentation von Geschlecht und Macht tats&#228;chlich zu sch&#228;tzen wei&#223;. Die &#252;berwiegend negative Rezeption der letzten Staffel spricht dagegen. Schw&#228;nze m&#246;gen weiterhin wichtig sein. Eine Erfolgsgarantie oder gar ein Qualit&#228;tskriterium sind sie aber nicht mehr. Dieser Winter ist vorbei.</p>
<sec>
<title>Autorin</title>
<p>Manuela Kalbermatten ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut f&#252;r Jugendbuchforschung an der Goethe-Universit&#228;t Frankfurt und schreibt in verschiedenen Fachzeitschriften &#252;ber Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist Autorin der Monographien <italic>&#171;Von nun an werden wir mitspielen&#187; &#8211; Abenteurerinnen in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart</italic> und <italic>&#171;The Match that Lights the Fire&#187; &#8211; Gesellschaft und Geschlecht in Future Fiction f&#252;r Jugendliche</italic>.</p>
</sec>
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<title>Unsere Anderen: Der T&#246;dliche Norden in G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></title>
<p><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:elke.bruens@uni-greifswald.de">Elke Br&#252;ns</ext-link></p>
<p>NYU Berlin, DE</p>
<p>Im Hohen Norden von Westeros lebt oder besser: (ver)west der Schrecken. Der Night King, seine White Walker und die in ihrem Gefolge marschierenden Wights geh&#246;ren nicht nur zu den furchteinfl&#246;&#223;endsten Wesen, sondern stellen auch die existenziellste Bedrohung in G<sc>O</sc>T dar: Sie wollen die Menschheit eliminieren, sie gilt es zu besiegen. Doch wer oder was sind sie genau, und was repr&#228;sentieren sie?</p>
<p>In den zahllosen Besprechungen der Serie wurden sie als Untote, Zombies, Eiskreaturen, Wiederg&#228;nger und Eiszombies bezeichnet. Tats&#228;chlich handelt es sich mit Nachtk&#246;nig, Wei&#223;en Wanderern und Untoten aber um unterschiedliche Figuren mit je eigenen Genealogien und Bildtraditionen. Zudem gibt es Differenzen zwischen der literarischen Vorlage <italic>A Song of Ice and Fire</italic> und der Serie, die zudem die Buchvorlage von George R. R. Martin &#8250;&#252;berholte&#8249;. Vielleicht liegen hier die Gr&#252;nde f&#252;r das leicht unstimmige Bild, dass der T&#246;dliche Norden imaginationslogisch bietet?</p>
<p>Wer also sind diese Figuren, was wissen wir &#252;ber sie am Ende der Serie und vor dem Ende des Romanzyklus? In Martins Texten gibt es den Night King, so auch in der Serie. Die White Walker werden hingegen im Zyklus auch als the Others, die Anderen, tituliert: Diese Benennung wurde nicht &#252;bernommen, da man in Dialogen nicht unterscheiden kann, wer gemeint ist: &#187;Sind die Anderen/die anderen schon da?&#171; Diese Anderen f&#252;hren die in den B&#252;chern aus Wights bestehende Untotenarmee an. In der Serie wird zumeist von den <italic>dead</italic>, den Toten gesprochen, die auferstanden seien. In den Besprechungen der Serie wurden diese nicht selten als Zombies bezeichnet.</p>
<p>Zwar bedrohen all diese Kreaturen die Lebenden, doch sind sie deshalb schon Tote oder Untote, gar Zombies? Die White Walker versteht Martin als andere Spezies, wie er dem Zeichner Tommy Patterson anl&#228;sslich einer Comicadaption erkl&#228;rte: &#187;Er beschrieb sie als seltsame, sch&#246;ne S&#237;de-&#228;hnliche Kreaturen aus Eis, die unmenschlich, elegant und gef&#228;hrlich w&#228;ren. Martin best&#228;tigte hierbei ebenfalls, dass die Wei&#223;en Wanderer keinesfalls &#8250;Tote&#8249; seien, sondern einfach eine menschenfremde Lebensform&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B35"><italic>Game of Thrones Wiki</italic></xref>).</p>
<p>Das erste Buch des Zyklus &#8211; <italic>A Game of Thrones</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B20">1996</xref>) &#8211; beginnt mit einem Rencontre zwischen Menschen und White Walker. Jenseits der Mauer treffen Br&#252;der der Nachtwache auf einige White Walker, es kommt zum Kampf, bei dem Will etwas h&#246;rt: &#187;The Other said something in a language that Will did not know; his voice was like the cracking of ice on a winter lake, and the words were mocking&#171; (Martin 9). Darauf aufbauend entwickelte David J. Peterson f&#252;r die Serie Skroth als Sprache der Anderen, sie kam allerdings nicht zum Einsatz. Der Tonmeister nahm das echte Knistern von Eis.</p>
<p>Insbesondere als sprechende Wesen &#228;hneln die White Walker den Menschen. Dies gilt auch f&#252;r den Nachtk&#246;nig, der ja in seinem, sagen wir: Vorleben, tats&#228;chlich ein Mensch war. In der Serie gibt es eine R&#252;ckschau zu seiner Genese. Sie vollzog sich nach der Einwanderung der Ersten Menschen, die die Kinder des Waldes verfolgten und t&#246;teten. Bran sieht in einer Vision, wie Blatt einem gefangenen Ersten Menschen einen Dolch aus Obsidian in das Herz schiebt: &#187;It was you. You made the White Walkers&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">S06E05: T<sc>HE</sc> D<sc>OOR</sc>. US 2016, Regie: Jack Bender</xref>). Der Erste Andere &#8211; entstanden in einem magischen Notwehrakt.</p>
<p>In <xref ref-type="bibr" rid="B21">Martins Begleitwerk <italic>Die Welt von Eis und Feuer</italic></xref> wird die Vorgeschichte detaillierter und anders beschrieben. Von einem Nachtk&#246;nig ist hier keine Rede. Stattdessen schlossen die Kinder des Waldes und die Menschen ersch&#246;pft Frieden und lebten fortan in getrennten Regionen. In der Langen Nacht fielen dann die Wei&#223;en Wanderer in Westeros ein. Dieses Ereignis geh&#246;rt zu den Schauergeschichten, die in der Serie Kindern erz&#228;hlt werden: &#187;Sie fegten durch St&#228;dte und K&#246;nigreiche, ritten auf ihren toten Pferden, jagten mit ihren Meuten von fahlen Spinnen gro&#223; wie Jagdhunde&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">S01E03: L<sc>ORD</sc> S<sc>NOW</sc>. US 2011, Regie: Brian Kirk</xref>), so die Alte Nan, Brans Kinderfrau.</p>
<p>In der Serie ist der Nachtk&#246;nig der erste White Walker. Aber die ganze Untoten-Armada jenseits der Mauer scheint unstimmig, nicht nur, weil sich der propere, haarstilistisch leicht punkige Nachtk&#246;nig und die mumienhaften White Walker mit ihrem sp&#228;t-hippieesken Haar-Look sich schon optisch sehr unterscheiden. Tats&#228;chlich kommt der Nachtk&#246;nig in den B&#252;chern gar nicht bzw. nur als Legende vor: Er sei ein Lord Kommandant der Nachtwache gewesen, der sich in eine bleiche Frau mit blau leuchtenden Augen verliebte und seine Seele verlor. Nachdem sie 13 Jahre als K&#246;nig und K&#246;nigin geherrscht und Untaten begangen hatten, wurden sie schlie&#223;lich von Brandon dem Zertr&#252;mmerer, K&#246;nig des Nordens, und Joramun, K&#246;nig-jenseits-der-Mauer, besiegt. Offenbar hatte der Nachtk&#246;nig den Anderen geopfert. Bruchst&#252;cke dieser Legende finden sich in der Serie: Opfer f&#252;r die Anderen bringt nun die Figur Craster in Form seiner neugeborenen Jungen. Und die Allianz von Brandon und Joramun findet ihr Revival in der Verbindung von Jon Snow und Tormund bzw. Westerosi und Wildlingen.</p>
<p>In <xref ref-type="bibr" rid="B21"><italic>Westeros: Die Welt von Eis und Feuer</italic></xref> hei&#223;t es, dass die Anderen Tote zum Leben erweckt h&#228;tten und f&#252;r sich k&#228;mpfen lie&#223;en (12). Sind diese in die Serie &#252;bernommenen Untoten Zombies? Nein. Es fehlt das Moment der Ansteckung, denn diese Untoten k&#246;nnen keine anderen Untoten erschaffen, dies geschieht durch die White Walker oder den Night King. Stattdessen verbindet sich das &#228;ltere Bild des haitianischen Zombie-Mythos &#8211; rituelle T&#246;tung durch einen Voodoo-Priester und nachfolgende Willenlosigkeit &#8211; mit Bildern organisierter Streitkr&#228;fte, in denen Gehorsam herrscht. Auch repr&#228;sentieren sie keine gefr&#228;&#223;igen, anarchischen Leichenmops, wie sie seit George Romeros N<sc>IGHT AUF THE</sc> L<sc>IVING</sc> D<sc>EAD</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B11">US 1968</xref>) stilbildend und aktuell etwa in T<sc>HE</sc> W<sc>ALKING</sc> D<sc>EAD</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B12">US 2011 &#8211;, Idee: Frank Darabont</xref>) unterwegs sind, sondern eine disziplinierte, roboterhafte Armee. Sie sind das finstere Spiegelbild der S&#246;ldnerarmeen der Serie.</p>
<p>Die Anderen in G<sc>O</sc>T sind uns nicht fremd, sondern als unsere dunklen Spiegelbilder unheimlich bekannt (um hier mal Freud zu bem&#252;hen). Die Grundfigur der Serie &#8211; die ignorierte und geleugnete Bedrohung der Menschheit &#8211; wurde zur prophetischen Metapher f&#252;r den ebenfalls geleugneten und menschheitsbedrohenden Klimawandel. Die Genese des Nachtk&#246;nigs als Resultat des Kampfes zwischen Waldwesen und Menschen repr&#228;sentiert das Anthropoz&#228;n: Wer nicht mit der Natur leben kann, erschafft seinen eigenen Tod gleich mit. Die White Walker sind Kriegsherren, die wie auch in unserer Welt den Tod f&#252;r andere Lebewesen im Schlepptau haben. Weitere fantastische Aufkl&#228;rungen &#252;ber unsere Welt dann hoffentlich im (Stand: November 2019) geplanten Spin-Off T<sc>HE</sc> L<sc>ONG</sc> N<sc>IGHT</sc>.</p>
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<title>Autorin</title>
<p>Elke Br&#252;ns, habilitierte Literaturwissenschaftlerin, unterrichtet Neuere Deutsche Literatur an der NYU Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte: Formen des Fantastischen, Dystopien, Armut und Literatur, Diskursanalyse, Gendertheorien, Filmanalysen. Sie schreibt f&#252;r verschiedene Tageszeitungen und analysierte vier Jahre lang in einem Blog die kulturellen Repr&#228;sentationen von Armut.</p>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Die AutorInnen haben keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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<title>Filmografie</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. Idee: David Benioff und D. B. Weiss. US 2011&#8211;2019.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><label>2</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. S01E03: L<sc>ORD</sc> S<sc>NOW</sc>. Regie: Brian Kirk, US 2011</mixed-citation></ref>
<ref id="B3"><label>3</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. S03E03: W<sc>ALK</sc> of P<sc>UNISHMENT</sc>. Regie: David Benioff. US 2013.</mixed-citation></ref>
<ref id="B4"><label>4</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. S06E05: T<sc>HE</sc> D<sc>OOR</sc>. Regie: Jack Bender. US 2016</mixed-citation></ref>
<ref id="B5"><label>5</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. S08E03: T<sc>HE</sc> L<sc>ONG</sc> N<sc>IGHT</sc>. Regie: Michael Sapochnik. US 2019.</mixed-citation></ref>
<ref id="B6"><label>6</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. S08E04: T<sc>HE</sc> L<sc>AST OF THE</sc> S<sc>TARKS</sc>. Regie: David Nutter. US 2019.</mixed-citation></ref>
<ref id="B7"><label>7</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>G<sc>AME OF</sc> T<sc>HRONES</sc></collab>. S08E06: T<sc>HE</sc> I<sc>RON</sc> T<sc>HRONE</sc>. Regie: David Benioff und D. B. Weiss. US 2019.</mixed-citation></ref>
<ref id="B8"><label>8</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>H<sc>OW</sc> I M<sc>ET</sc> Y<sc>OUR</sc> M<sc>OTHER</sc></collab>. Idee: Carter Bays und Craig Thomas. US 2005&#8211;2014.</mixed-citation></ref>
<ref id="B9"><label>9</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>L<sc>ORD OF THE</sc> R<sc>INGS</sc></collab>. Regie: Peter Jackson. NZ/US 2001&#8211;2003.</mixed-citation></ref>
<ref id="B10"><label>10</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>L<sc>OST</sc></collab>. Idee: J. J. Abrams, Jeffrey Lieber und Damon Lindelof. US 2004&#8211;2010.</mixed-citation></ref>
<ref id="B11"><label>11</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>N<sc>IGHT AUF THE</sc> L<sc>IVING</sc> D<sc>EAD</sc></collab>. Regie: George Romero. US 1968.</mixed-citation></ref>
<ref id="B12"><label>12</label><mixed-citation publication-type="journal"><collab>T<sc>HE</sc> W<sc>ALKING</sc> D<sc>EAD</sc></collab>. Idee: Frank Darabont. US 2011&#8211; .</mixed-citation></ref>
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<title>Ludografie</title>
<ref id="B13"><label>13</label><mixed-citation publication-type="book"><source>Game of Thrones</source>. <publisher-loc>Studio</publisher-loc>: <publisher-name>Telltale Games</publisher-name>. US 2014.</mixed-citation></ref>
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<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B14"><label>14</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Bolter</surname>, <given-names>Jay David</given-names></string-name> und <string-name><given-names>Richard</given-names> <surname>Grusin</surname></string-name>. <source>Remediation: Understanding New Media</source>. <publisher-name>MIT University Press</publisher-name>, <year>1999</year>.</mixed-citation></ref>
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<ref id="B16"><label>16</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Gjelsvik</surname>, <given-names>Anne</given-names></string-name> und <string-name><given-names>Rikke</given-names> <surname>Schubart</surname></string-name>. <chapter-title>&#187;Introduction&#171;</chapter-title>. <source>Women of Ice and Fire. Gender, Game of Thrones, and Multiple Media Engagements</source>. <publisher-name>Hg. Dies. Bloomsburry Academic</publisher-name>, <year>2016</year>. <fpage>1</fpage>&#8211;<lpage>16</lpage>.</mixed-citation></ref>
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