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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Rezensionen</subject>
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<article-title>Gonnermann, Annika. <italic>Absent Rebels. Criticism and Network Power in 21st Century Dystopian Fiction</italic>. Narr Francke Attempto, 2021</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Z&#252;rich, CH</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2021-07-30">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<p>Review of <italic>Absent Rebels. Criticism and Network Power in 21st Century Dystopian Fiction</italic> by Annika Gonnermann.</p>
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<p>Die Klage, dass Erz&#228;hlungen &#252;ber die Zukunft heute nur noch in der Form von Dystopien erscheinen, ist weit verbreitet. Ob der in diesem Lamento enthaltene Befund, dass es <italic>fr&#252;her</italic> anders war und in einer unbestimmten Vergangenheit positive Utopien vorherrschten, auch der Realit&#228;t entspricht, ist allerdings nicht ausgemacht. Unabh&#228;ngig von dieser Frage l&#228;sst sich aber festhalten, dass sich Dystopien seit geraumer Zeit gro&#223;er Beliebtheit erfreuen; seien es Young Adult Dystopias wie die <italic>Hunger-Games-</italic>B&#252;cher und deren Verfilmungen oder Fernsehserien wie B<sc>LACK</sc> M<sc>IRROR</sc> (GB 2011&#8211;2019, Idee: Charlie Brooker) und T<sc>HE HANDMAID&#700;s</sc> T<sc>ALE</sc> (US 2017&#8211;, Idee: Bruce Miller) <italic>&#8211;</italic> dystopische Stoffe geh&#246;ren heute zum Grundbestand popul&#228;ren Erz&#228;hlens.</p>
<p>In ihrem Kern versteht sich die Dystopie als kritisches Genre, das gesellschaftliche Missst&#228;nde anprangert, indem sie diese ins Monstr&#246;se steigert. Angesichts des anhaltenden Erfolgs dystopischer Stoffe dr&#228;ngt sich freilich die Frage auf, ob dieser kritische Impetus wirklich (noch) gegeben ist. Denn wie kritisch k&#246;nnen Mega-Franchises wie <italic>Hunger Games</italic> oder T<sc>HE</sc> H<sc>ANDMAID&#700;S</sc> T<sc>ALE</sc>, die von Gro&#223;konzernen f&#252;r ein Millionenpublikum produziert werden, wirklich sein? Ist die Dystopie nicht l&#228;ngst zu einem Bausatz von beliebig kombinierbaren Genre-Tropen verkommen?</p>
<p>In <italic>Absent Rebels</italic>, das auf ihrer Dissertation in Anglistik an der Universit&#228;t Mannheim basiert, bleibt Annika Gonnermann nicht bei dieser Frage stehen, sondern geht einen Schritt weiter. Ihre Grundthese lautet, dass die Dystopie in ihrer heute dominanten Form und damit auch ein betr&#228;chtlicher Teil der Utopieforschung von einem &#252;berholten Modell ausgehen. In zentralen Punkten habe sich das Genre seit seiner Entstehung in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts n&#228;mlich kaum ver&#228;ndert; wie bei den Klassikern von Samjatin, Huxley und Orwell stehe in der zeitgen&#246;ssischen Dystopie nach wie vor der Konflikt eines Einzelnen mit einem totalit&#228;ren Regime im Zentrum. Damit erweise sich das Genre aber als zutiefst anachronistisch, &#187;for totalitarianism has disappeared from the socio-cultural reality of most Western readers&#171; (17). Heute, so Gonnermann u. a. an Zygmunt Bauman und Tom Moylan ankn&#252;pfend, ginge die Bedrohung &#8211; sowohl f&#252;r den Einzelnen als auch den Planeten insgesamt &#8211; nicht mehr von einem &#252;berm&#228;chtigen Staat, sondern vom neoliberalen Wirtschaftssystem aus. Nicht Big Brother ist der Feind, sondern der globalisierte Kapitalismus, zu dessen Wesen es aber geh&#246;re, dass er &#8211; hier bezieht sich die Autorin auf Fredric Jameson und insbesondere auf <xref ref-type="bibr" rid="B1">Marc Fishers</xref> Konzept eines &#187;Capitalist Realism&#171;&#8211; alle Lebensbereiche durchdringe. &#187;[By] obscuring the very possibility of conceiving of alternative systems&#171; (59) habe sich der moderne Kapitalismus gegen jede Form von Kritik immunisiert. Weder existiert eine Au&#223;enposition, von der aus eine sinnvolle Kritik formuliert werden k&#246;nnte, noch gibt es innerhalb des Systems eine F&#252;hrerfigur oder -gruppe, deren Sturz eine echte Verbesserung mit sich br&#228;chte.</p>
<p>Im Folgenden greift Gonnermann auf die von <xref ref-type="bibr" rid="B2">Rahel Jaeggi</xref> in ihrer <italic>Kritik von Lebensformen</italic> (2014) entwickelte Unterscheidung von externer, interner und immanenter Kritik zur&#252;ck. Die klassische Dystopie verkn&#252;pft den Rebellionsplot mit Kritik von einem externen, vermeintlich moralisch &#252;berlegenen Standpunkt aus. Im kapitalistischen Realismus, der die aktuelle Ordnung als alternativlos erscheinen lasse, k&#246;nne diese Position aber nicht mehr eingenommen werden. Um etwas Substanzielles &#252;ber unsere Gegenwart auszusagen, muss das Genre ohne totalit&#228;res Regime und Rebellion auskommen. Als einzige M&#246;glichkeit der Kritik bleibt, die Widerspr&#252;che des Systems in einem dialektischen Prozess freizulegen.</p>
<p><italic>Absent Rebels</italic> fordert nicht weniger als eine Neuorientierung der Dystopieforschung &#8211; weg vom traditionellen Modell, in dem die &#220;berwindung der dystopischen Ordnung den Anbruch einer neuen Zeit verspricht, hin zu Romanen, bei denen es keinen eindeutig identifizierbaren Antagonisten mehr gibt. Dass entsprechende &#8250;moderne Dystopien&#8249; tats&#228;chlich existieren, f&#252;hrt Gonnermann beispielhaft an f&#252;nf Romanen vor. Nach einer relativ kompakten theoretischen Einf&#252;hrung analysiert sie in den folgenden f&#252;nf Kapiteln <italic>The Circle</italic> (2013) von Dave Eggers, <italic>The Heart Goes Last</italic> (2015) von Margaret Atwood (2015), <italic>The Feed</italic> (2002) von M. T. Anderson, <italic>Cloud Atlas</italic> (2004) von David Mitchell und Kazuo Ishiguros <italic>Never Let Me Go</italic> (2005). Die Abfolge der Texte ist dabei auch als Bewegung hin zu immer unkonventionelleren Formen zu verstehen. W&#228;hrend Eggers&#700; Beststeller &#252;ber einen allm&#228;chtigen Technologiekonzern &#224; la Google oder Apple noch weitgehend traditionellen Mustern folgt &#8211; dessen Protagonistin Mae k&#246;nnte rebellieren, sie entscheidet sich aber bewusst dagegen, da sie dessen Ziele f&#252;r erstrebenswert h&#228;lt &#8211;, steht bei Mitchell und Ishiguro ein Aufb&#228;umen gegen das System nie wirklich zur Debatte. Dies gilt insbesondere f&#252;r <italic>Never Let Me Down</italic>; dessen Protagonisten, Klone, die als medizinische Ersatzteillager dienen, stellen ihre Situation nie ernsthaft in Frage. Vielmehr akzeptieren sie ihre Rolle auf der untersten Stufe des kapitalistischen Verwertungszusammenhangs und erweisen sich ganz im Sinne Jamesons und Fishers als unf&#228;hig, echte Alternativen zu imaginieren. Wie Gonnermann in ihrer Analyse zeigt, ist die Hauptfigur Kathy wie auch andere Figuren Ishiguros, etwa Klara in <italic>Klara and the Sun</italic> (2021), dem j&#252;ngsten Roman des Nobelpreistr&#228;gers, eine unzuverl&#228;ssige Erz&#228;hlerin, der nicht bewusst wird, was sie alles nicht versteht. Sie hat das System, in dem sie aufgezogen wurde, so sehr verinnerlicht, dass ihr ein Ausbruch nie als Option erscheint. Die radikalste Utopie, zu der sie f&#228;hig ist, ein Aufschub ihres Einsatzes als Organspender um ein paar k&#252;mmerliche Jahre.</p>
<p>Die Analysen der f&#252;nf Romane, die mehr als zwei Drittel des rund dreihundertseitigen Textes und damit den Kern der Studie ausmachen, sind differenziert und auch ohne Kenntnis der untersuchten Texte gut nachvollziehbar. Gonnermanns Argumentation, dass die Romane einerseits als Dystopien gelten k&#246;nnen, andererseits aber vom etablierten Rebellionsplot abweichen, ist &#252;berzeugend und wird von ihr detailliert belegt. Die Autorin kann somit ihre Ausgangsthese best&#228;tigen, dass ein neuer, der aktuellen politischen und sozialen Situation ad&#228;quater Dystopie-Typus existiert, den die Forschung bislang weitgehend ignoriert hat.</p>
<p>Wie wohl die meisten Wissenschaftsbereiche ist auch die Utopieforschung tendenziell konservativ und wendet sich mit Vorliebe kanonisierten Titeln zu. Dass Gonnermann, anstatt die x-te Lekt&#252;re von <italic>Nineteen Eighty-four</italic> (1949) vorzulegen, neue Pfade beschreitet, ist auf jeden Fall zu begr&#252;&#223;en. Es w&#228;re dennoch zu fragen, ob nicht gerade ihre Interpretation von Orwells Roman, dem Text, der ihr am h&#228;ufigsten als Referenz dient, etwas einseitig ausf&#228;llt. So h&#228;lt sie bei einem Vergleich der gescheiterten Rebellion von Violet, der Hautpfigur von <italic>Feed</italic>, und jener Winston Smiths fest, Letztere &#187;constitutes a central plot device to regain power after the macro-systemic revolution has failed to gain momentum&#171; (196). Diese Einsch&#228;tzung l&#228;sst sich durch den Text allerdings kaum st&#252;tzen. Nicht nur kommt Winston gar nie dazu, Schritte in Richtung einer Revolution zu unternehmen, im Gespr&#228;ch mit O&#700;Brian macht dieser zudem klar, dass eine Rebellion zu keinem Zeitpunkt eine valable Option darstellte. Der allm&#228;chtige Staat Orwells mag heute nicht mehr der Ursprung allen &#220;bels sein, die Unm&#246;glichkeit, dem System zu entrinnen, das Fehlen einer Au&#223;enposition, ist bei ihm aber bereits gegeben.</p>
<p>Die Utopieforschung ist insgesamt stark inhaltlich orientiert, formal-&#228;sthetisch ausgerichtete Untersuchungen stellen eine Minderheit dar. <italic>Absent Rebels</italic> bildet hier keine Ausnahme. Formale Fragen stehen in erster Linie bei der Analyse von <italic>Cloud Atlas</italic> im Zentrum, was kein Zufall ist, da Mitchells Roman innerhalb des Untersuchungskorpus den formal avanciertesten Text darstellt. Nicht nur ist jedes Kapitel in einem anderen, sehr distinkten Stil geschrieben &#8211; von einem Reisebericht des 19. Jahrhunderts bis zum Schrumpf-Englisch einer nach-apokalyptischen Epoche &#8211;, die Aufteilung der Kapitel, bei der die Erz&#228;hlung jeweils in der Mitte abbricht und dann im zweiten Teil des Buches wieder aufgenommen wird, macht <italic>Cloud Atlas</italic> zu einem ungew&#246;hnlichen Text. Gonnermann kann plausibel darlegen, dass dieses Arrangement dazu dient, &#187;to map the invisible mechanisms of network power through the centuries, offering its readers a <italic>digestible</italic> map of cause and consequence&#171; (241).</p>
<p>Letztlich dominiert aber auch bei Gonnermann die inhaltliche Analyse. Obwohl sie die Dystopie in einer Fu&#223;note als &#187;Menippean satire&#171; im Sinne Wayne Booths bezeichnet (49 f.) und Darko Suvin mit seinem Konzept der kognitiven Verfremdung einen ihrer theoretischen Angelpunkte bildet, geht sie nur selten darauf ein, <italic>wie</italic> die Dystopie ihre Inhalte darstellt. Gerade die Frage, wie sich Satire und Verfremdung zu Jaeggis Kritik-Trias verhalten, k&#246;nnte sich aber als sehr fruchtbar erweisen.</p>
<p>Angesichts von Gonnermanns Anspruch, der Utopieforschung neue Felder zu er&#246;ffnen, sei zudem nicht verschwiegen, dass ihre Studie methodisch eher konservativ, d. h. dezidiert textorientiert ist. Man kann dies in Zeiten, in der insbesondere in der Germanistik fast alles analysiert wird au&#223;er literarischen Texten, als wohltuende Bescheidenheit und Fokussierung verstehen. Es lie&#223;e sich aber argumentieren, dass die interessantesten und folgenreichsten Entwicklungen im Bereich der Dystopie heute just in den visuellen Medien geschehen. Gonnermanns Kritik, dass Produktionen wie T<sc>HE</sc> H<sc>ANDMAID&#700;s</sc> T<sc>ALE</sc> prim&#228;r massentaugliche Unterhaltung darstellen, mag berechtigt sein, aber es hat eben auch seine Bedeutung, wenn Menschen, die gegen die Globalisierung oder die Pr&#228;sidentschaft Donald Trumps demonstrieren, Guy-Fawkes-Masken oder Handmaid-Trachten tragen. Derartige Ph&#228;nomene sind au&#223;erhalb von Gonnermanns Erkenntnisinteresse, was v&#246;llig legitim ist, aber um etwas Substanzielles &#252;ber die Rolle der Dystopie in der Gegenwart auszusagen, w&#228;re ein transmedialer und st&#228;rker rezeptionsorienter Ansatz wohl ebenso wichtig. Trotz der genannten Kritikpunkte ist Gonnermann mit ihrer Studie aber ein analytisch &#252;berzeugendes Pl&#228;doyer f&#252;r eine Abkehr von den Klassikern und eine Erweiterung des Korpus gelungen.</p>
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<title>Autor</title>
<p>PD Dr. Simon Spiegel ist Scientific Research Manager am Seminar f&#252;r Filmwissenschaft der Universit&#228;t Z&#252;rich im Forschungsprojekt ERC Advanced Grant <italic>FilmColors</italic> und Privatdozent an der Universit&#228;t Bayreuth. Er ist Chefredakteur der <italic>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</italic> und schreibt regelm&#228;&#223;ig f&#252;r diverse Publikationen &#252;ber Film und verwandte Themen. 2019 ist seine Habilitationsschrift <italic>Bilder einer besseren Welt. Die Utopie im nichtfiktionalen Film</italic> bei Sch&#252;ren erschienen. Weitere ausgew&#228;hlte Publikationen: <italic>Utopia and Reality. Documentary, Activism and Imagined Worlds</italic> (Mitherausgeber, University of Wales Press 2020); <italic>Theoretisch phantastisch. Eine Einf&#252;hrung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur</italic> (p.machinery 2010); <italic>Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films</italic> (Sch&#252;ren 2007).</p>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Fisher</surname>, <given-names>Marc</given-names></string-name>. <source>Capitalist Realism. Is There No Alternative?</source> <publisher-name>O Books</publisher-name>, <year>2009</year>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><label>2</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Jaeggi</surname>, <given-names>Rahel</given-names></string-name>. <source>Kritik von Lebensformen</source>. <publisher-name>Suhrkamp</publisher-name>, <year>2014</year>.</mixed-citation></ref>
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