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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Artikel</subject>
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<article-title>&#187;Betwixt and between&#171;: R&#228;ume der inneren &#220;berwindung in Stephen Kings <italic>It</italic></article-title>
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<surname>Steinmetz</surname>
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<email>michael.steinmetz@germanistik.uni-giessen.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Justus-Liebig-Universit&#228;t Gie&#223;en, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2019-07-17">
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<license-p>This is an open-access article distributed under the terms of the Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC-BY 4.0), which permits unrestricted use, distribution, and reproduction in any medium, provided the original author and source are credited. See <uri xlink:href="http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/">http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/</uri>.</license-p>
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<abstract>
<p>This article discusses Stephen King&#8217;s classic and currently still best-selling horror novel, <italic>It</italic>, by connecting it to theories and approaches stemming mainly from the fields of cultural anthropology, developmental psychology, and psychoanalysis. Understanding that these theories are very valuable for the comprehension of fantastic literature, I argue that the horror of <italic>It</italic> functions mainly as an illustration for deferred adolescent development. In an aesthetically complex and topologically multi-coded way, the novel exemplifies what happens when essential developmental tasks remain unprocessed. The fantastic element of the novel particularly manifests those fears that are associated with transitions between worlds defined by different social needs. In sum, my argument ties in with approaches to the fantastic that stress the language of the fantastic as being highly suitable for illuminating both the deep structures of the human psyche and psychosocial development.</p>
</abstract>
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<sec>
<title>1 Hinf&#252;hrung</title>
<p>Mit diesem Beitrag verfolge ich zwei Ziele. Einerseits m&#246;chte ich zeigen, dass Stephen Kings Klassiker <italic>It</italic> (1986), anders als die g&#228;ngige Horror-Etikettierung prima facie suggeriert, vor allem als Adoleszenz- bzw. Coming-of-Age-Roman zu verstehen ist.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Diese These zu vertreten, bedeutet, das &#228;u&#223;ere Horrorgeschehen in erster Linie als inneres Entwicklungsgeschehen zu lesen. Ich werde textnah begr&#252;nden, dass die phantastischen Elemente (nicht nur, aber in besonderem Ma&#223;e) auf psychosoziale Entwicklungsprozesse verweisen, deren Movens die Bew&#228;ltigung kindlicher &#196;ngste ist. Bleibt diese Bew&#228;ltigung aus, so verfestigt sich etwas, das sich erhellend mit den Begriffen &#187;Liminalit&#228;t&#171; von <xref ref-type="bibr" rid="B18">Victor Turner</xref> und &#187;psychosoziales Moratorium&#171; von Erik H. Erikson beschreiben l&#228;sst. Der Roman entfaltet damit ein allgemeines kulturanthropologisches Narrativ von adoleszenter (Fehl-)Entwicklung.</p>
<p>Andererseits m&#246;chte ich die r&#228;umliche Codierung dieser (Fehl-)Entwicklung nachzeichnen. Damit versuche ich exemplarisch zu zeigen, wie phantastische Welten bei Stephen King mit semantisch stark funktionalisierten Raumkompositionen zusammenh&#228;ngen. Die These ist, dass r&#228;umliche Grenzen und Grenz&#252;berschreitungen als zentrale kompositorische Gestaltungselemente der Handlung fungieren. Und mit diesen Gestaltungselementen korrespondieren Aufgabenbereiche, die mit der ontogenetischen Entwicklung der Hauptfiguren verkn&#252;pft sind. Damit besitzt der Roman eine Darstellungsqualit&#228;t, die von der k&#252;rzlich erschienenen Neuverfilmung des Romans durch Andr&#233;s Muschietti (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2017</xref>) &#8211; ob beabsichtigt oder nicht &#8211; ausgespart wird, was Folgen f&#252;r das darin vermittelte Narrativ von Jugend hat.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref></p>
<p>Die beiden Thesen h&#228;ngen zusammen und werden im Folgenden wechselseitig aufeinander bezogen. Ich werde dabei weitgehend texthermeneutisch vorgehen. Da die komplexen &#228;sthetischen Funktionszusammenh&#228;nge im Roman ganz allgemein auf den phantastischen Umgang mit Angst in der Kindheit und die damit verbundenen Entwicklungsanforderungen rekurrieren, werde ich an entscheidenden Stellen interdisziplin&#228;re (vor allem ethnologische, entwicklungspsychologische und psychoanalytische) Theorieans&#228;tze aufgreifen, die generell einen hohen Erkl&#228;rungswert f&#252;r phantastische Literatur haben.</p>
<p>Die hier vertretene Lesart versteht sich nicht als Ersatz oder Konkurrenz, sondern Erg&#228;nzung zur gesellschaftskritischen Lesart, nach der Kings Horror in <italic>It</italic> als Spiegel gesellschaftlicher Missst&#228;nde fungiert. Dass das Monster mit sozialen und kulturell-historischen Problemfeldern wie Rassismus, Homophobie und Misogynie koinzidiert und der Roman durch die Thematisierung von struktureller Gewalt und Ausschluss eine klar kultur- und machtkritische Dimension aufweist, darauf wurde in der Forschung zu Recht hingewiesen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Rehberger</xref>). Diese Lesart ber&#252;cksichtigt aber nicht ausreichend die klare motivische Verkn&#252;pfung des Gestaltenwandlers Es mit der individualspezifischen Entwicklung der einzelnen Figuren. Das Grauen fungiert nicht nur als Spiegel der kulturellen und sozialen Probleme, wie sie in Derry wiederholt diagnostiziert werden, es hat auch eine auff&#228;llig entwicklungspsychologische Note, die sich nur &#252;ber die Erschlie&#223;ung der individuellen Figurengestaltung verstehen l&#228;sst.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> Das wiederum erfordert eine sehr textnahe Auseinandersetzung mit dem Roman.</p>
</sec>
<sec>
<title>2 <italic>It</italic> als Adoleszenzroman</title>
<p>Dass das Horrorgeschehen im Roman <italic>It</italic> prim&#228;r als Adoleszenzgeschehen zu verstehen ist, wird zwar von der globalen Romanhandlung und ihrer kompositorischen Struktur nahegelegt, erschlie&#223;t sich aber nicht auf den ersten Blick. Was geschieht im Roman?</p>
<p>Es gibt zwei zeitlich voneinander getrennte Handlungsstr&#228;nge, die anachronistisch miteinander verwoben sind und in Derry, einer fiktiven Stadt in Maine, spielen. Der erste Strang widmet sich dem Sommer 1958. Es geht um sieben 11-j&#228;hrige Kinder, deren Gemeinsamkeit darin besteht, ein verst&#246;rendes Erlebnis mit einer bedrohlichen Gestalt zu haben, die sie Es nennen. Dieses Es scheint mit einer Reihe von grausamen Mordserien zusammenzuh&#228;ngen, die Derry im Zyklus von 27 Jahren heimsuchen. Die Kinder tun sich zusammen, sie gr&#252;nden &#8211; wie sie sagen &#8211; den &#187;Losers&#8217; Club&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 890</xref>), und nehmen gemeinsam den Kampf gegen Es auf. Der Kampf endet in der Kanalisation, dem Lebensraum von Es, wobei Es schwer verletzt, nicht aber get&#246;tet wird. Die Kinder leisten einen Schwur, Es, wenn es wieder auftaucht, zu vernichten.</p>
<p>Der zweite Strang setzt 27 Jahre sp&#228;ter ein, im Jahr 1985. Die sieben Kinder sind mittlerweile sehr erfolgreiche Erwachsene, die Derry hinter sich gelassen haben und von ihrer Konfrontation mit Es nichts mehr wissen. Durch eine neuerliche Mordserie in Derry erinnern sie sich an ihren einst geleisteten Schwur und nehmen den Kampf gegen Es erneut auf. Sie beenden schlie&#223;lich, was sie als Kinder vers&#228;umt haben.</p>
<p>Zwischen diesen beiden Str&#228;ngen, dort, wo psychosozial die Adoleszenz und der eigentliche &#220;bergang in die Erwachsenenwelt angelegt ist, befindet sich erz&#228;hlerisch eine gro&#223;e Ellipse, die durch das, was sie ausspart, bedeutungsvoll ist. &#187;It was the white spot on the map which lay between 1958 and 1985, an area an explorer might have called the Great Don&#8217;t Know&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 586</xref>), r&#228;soniert Bill, der Anf&#252;hrer des &#187;Losers&#8217; Club&#171;, als die sieben Figuren nach 27 Jahren wieder zusammenkommen. Alles, was ihnen in dieser entwicklungspsychologisch wichtigen Zeit passiert, erf&#228;hrt der Leser nur schemenhaft, zumeist r&#252;ckblickend erz&#228;hlt von den Figuren selbst. Direkt erz&#228;hlt wird nur die Rahmung, in der sich der Horror abspielt.</p>
<p>Dadurch, dass der Horror als kompositorische Klammer um eine 27-j&#228;hrige Aussparung modelliert ist, die auf Finalit&#228;t dr&#228;ngt &#8211; unvollendeter Kampf am Anfang, vollendeter Kampf am Ende &#8211;, erscheint die Mitte als ein einziges retardierendes Moment. Der Kampf wird vor diesem Hintergrund als zentrale Aufgabe markiert, die es zu bew&#228;ltigen gilt. Und dass die Bew&#228;ltigung dieser Aufgabe als notwendige Bedingung f&#252;r die psychosoziale (Weiter)Entwicklung der Hauptfiguren konzipiert ist, daf&#252;r gibt es sowohl in der Makrostruktur der Handlung als auch in der Mikrostruktur der verschiedenen Figurenentwicklungen auff&#228;llige Hinweise.</p>
</sec>
<sec>
<title>3 Auf der Schwelle zwischen Kindheit und Erwachsensein</title>
<p>Keine der sieben Hauptfiguren kann in der Lebensphase zwischen den beiden Erz&#228;hlstr&#228;ngen Kinder zeugen. Sie sind zwar oberfl&#228;chlich erwachsen und k&#246;rperlich zeugungsf&#228;hig &#8211; darauf weisen einige von den Figuren erz&#228;hlte Anekdoten hin &#8211;, sie haben aber trotz entsprechender Absichten und Anstrengungen keine Kinder. Offenbar wirkt hier eine schwerwiegende Hemmung. Und was diese Hemmung ist, woher sie kommt, womit sie zu l&#246;sen ist, scheint dem Bewusstsein der Figuren nicht zug&#228;nglich zu sein. Denn keiner kann sich richtig erinnern, was damals in Derry passiert ist. Statt aber ihre Vergangenheit zu kennen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, besch&#228;ftigen sich alle sehr erfolgreich mit der Gegenwart, wie Mike, eine der sieben Hauptfiguren, bei ihrem Wiedersehen in Derry nach 27 Jahren feststellt.</p>
<disp-quote>
<p>&#8250;Things are out of order with your own lives, too, you know. None of you left Derry untouched &#8230; without Its mark on you. All of you forgot what happened here, and your memories of that summer are still only fragmentary. And then there&#8217;s the passingly curious fact that you&#8217;re all rich.&#8249; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 615</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Das Vergessen, der berufliche Erfolg und die Zeugungsunf&#228;higkeit h&#228;ngen offenbar motivisch zusammen. Die Figuren scheinen zu verdr&#228;ngen und zu sublimieren, was sie zugleich konservieren. Sie tragen &#8211; und das wird klarer, wenn ich mich den Einzelfiguren zuwende &#8211; eine seit 27 Jahren unbew&#228;ltigte Aufgabe mit sich herum, die jeden auf seine eigene Weise zwischen Kindheit und Erwachsenenalter festsetzt. Die Figuren sind, so kann man es mit Victor Turner sagen, &#187;betwixt and between&#171;, in einem liminalen Zustand, der weder der einen Seite, der Seite der Kinderwelt, noch der anderen Seite, der Seite der Erwachsenenwelt, angeh&#246;rt. Statt sich der Vergangenheit zuzuwenden, finden die Figuren ertragreiche Ersatzhandlungen &#8211; Bill ist erfolgreicher Schriftsteller, Ben erfolgreicher Architekt, Beverly erfolgreiche Modedesignerin usw. &#8211;, durch die sie auf der Schwelle retardieren.</p>
<p>Und dieser Schwellenzustand ist topologisch codiert, denn er vollzieht sich r&#228;umlich getrennt vom Hauptschauplatz des Horror-Geschehens. Alle Figuren &#8211; bis auf eine Ausnahme &#8211; fliehen nach dem ersten Kampf gegen Es aus Derry. Und f&#252;r den finalen Kampf kehren sie nach Derry zur&#252;ck. Aufbruch und Heimkehr markieren so Anfangs- und Endpunkt einer retardierenden Zwischenphase, die die Vergangenheit nicht mehr kennt und die Zukunft noch nicht erreicht. Interessanterweise ist Mike die einzige Figur, die die Stadt nach dem ersten Kampf nicht verl&#228;sst. Und Mike ist es auch, der nicht durch Ersatzhandlungen reich wird; als Bibliothekar in Derry setzt er sich aktiv mit seiner Vergangenheit auseinander und initiiert den finalen Kampf (ohne ihm schlussendlich beizuwohnen), indem er den &#187;Losers&#8217; Club&#171; nach 27 Jahren zusammenruft. F&#252;r die anderen Figuren sind die Stadtgrenzen die Grenzen einer retardierenden Schwellenphase zwischen Kindheit und Erwachsensein.</p>
<p>Wenn sich phantastische Literatur in Anlehnung an die &#220;berlegungen Jurij M. Lotmans als Struktur verstehen l&#228;sst, &#187;die selbst als Grenz&#252;berschreitung spezifischer Teilwelten definiert werden kann&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Krah 28</xref>), bietet es sich bei <italic>It</italic> an, der Schwelle zwischen diesen spezifischen Teilwelten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. In der Phantastikforschung wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass sich f&#252;r die Beschreibung von Grenz&#252;berschreitungen und Zwischenr&#228;umen vor allem solche wissenschaftlichen Modelle eignen, die an kulturanthropologische Diskurse anschlussf&#228;hig sind (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Simonis 54 f.</xref>). Zu denken ist z. B. an die Arbeiten von Victor Turner, der mit seinem ethnologischen Begriff der Liminalit&#228;t den Blick auf ritualisierte &#220;bergangsphasen zwischen sozial bestimmten Zust&#228;nden und Positionen richtet. Turner meint mit diesem Begriff ausdr&#252;cklich entwicklungsbezogene Schwellen zwischen Welten mit divergierenden sozialen Anforderungen. Tats&#228;chlich findet sich in Kings Roman eine solche entwicklungsbezogene Schwelle. Anders als bei Turner ist die damit verkn&#252;pfte Entwicklungsphase aber eher als psychischer &#8250;Aufschiebezustand&#8249;, weniger als ritualisierter &#220;bergang zwischen sozialen Positionen zu verstehen. Die Figuren fliehen aus der Kindheitswelt A (= Derry), schieben auf in der Zwischenwelt B (= au&#223;erhalb von Derry), kommen zur&#252;ck in die Kindheitswelt A (= Derry), um schlie&#223;lich in der Erwachsenenwelt C (= au&#223;erhalb von Derry) anzukommen. Der Entwicklungspsychologe Erikson hat f&#252;r die Zwischenwelt B den wohl passenderen Begriff des psychosozialen Moratoriums, mit dem er eine aufschiebende und in der modernen Welt verl&#228;ngerte Auszeit meint, die in der Adoleszenz h&#228;ufig notwendig ist, um die kindlichen Identit&#228;tselemente mit den gesellschaftlichen Anspr&#252;chen an die Erwachsenenrolle zu integrieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Erikson 123</xref>).</p>
<p>Bei King umrahmt das Horror-Geschehen in Derry lokal, temporal und entwicklungspsychologisch ein solches psychosoziales Moratorium, das eine zentrale Entwicklungsaufgabe aufschiebt. Die Figuren sind und bleiben psychosozial adoleszent, sie bleiben 27 Jahre in einer liminalen Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt gefangen, solange, bis sie sich endg&#252;ltig ihrer aufgeschobenen Aufgabe stellen.</p>
</sec>
<sec>
<title>4 Das Es der Figuren</title>
<p>Worin besteht nun diese Aufgabe, deren Bew&#228;ltigung die Figuren retardieren? Was ist also das Es f&#252;r die Figuren? Auf der Handlungsebene ist Es eine angsteinfl&#246;&#223;ende, polymorphe und offenbar &#252;bernat&#252;rliche Entit&#228;t, die sich von Kindern ern&#228;hrt. In der angloamerikanischen Literatur wird z. B. die Cultural-Studies-Lesart vertreten, nach welcher Es zugleich die Verhei&#223;ungen und die Zerst&#246;rungskraft kapitalistischer Gesellschaftsformen spiegelt. Angesichts der Gestalt des spa&#223;versprechenden, kinderlockenden und kinderfressenden Clowns Pennywise, der eine Spur zu Ronald McDonald legt, leuchtet das auch ein.</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] the novel becomes a confrontation with the forces of contemporary society that promise fulfillment (i.e., Pennywise always entices its victims by promising them peace and happiness) but never deliver. [&#8230;] The monster, &#8250;It&#8249;, remains indefinable, having the appearance that is most often compared to Ronald McDonald, a clown that King in <italic>Danse Macabre</italic> calls the most pervasive representative of consumption that we have in American culture. (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Rehberger 5</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Jenseits dieser gesellschaftsspiegelnden und -kritischen Dimension, die der Roman zweifelsfrei in sich tr&#228;gt &#8211; man denke nur an den rassistisch motivierten Brand des &#187;Black Spot&#171;, dem in Anwesenheit des Clowns mehr als 30 Personen zum Opfer fallen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">King 562&#8211;566</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> &#8211; scheinen die unterschiedlichen Gestalten, die Es f&#252;r die Figuren annimmt, aber vor allem auf individualspezifische Konflikte hinzuweisen. Denn Es ist f&#252;r jeden etwas anderes und insgesamt doch dasselbe.</p>
<p>Der Roman erz&#228;hlt &#8211; und damit komme ich zur psychosozialen Deutung von Es &#8211; von der Herausforderung, sich aktiv seinen individuellen kindlichen &#196;ngsten (meist im Rahmen der familialen Bedingungen) zu stellen, um so angstinduzierte und verstetigte Hemmungen zu l&#246;sen. Man muss sich vor Augen f&#252;hren, dass das Pronomen &#8250;Es&#8249; &#8211; jedenfalls in dieser hypostasierten Form &#8211; in unserem kulturellen Ged&#228;chtnis mit zwei Namen verkn&#252;pft ist, mit Stephen King und mit Sigmund Freud. Das ist kein Zufall, gleichwohl das Freudsche Es nicht plump mit dem Kingschen Es gleichzusetzen ist. Dennoch ist es lohnenswert, der psychosozialen Funktion des Kingschen Es nachzugehen, denn die Zusammenh&#228;nge zwischen den individuellen kindlichen &#196;ngsten und den sp&#228;teren Figurenentwicklungen sind motivisch &#252;beraus klar gezeichnet; das Es ist von Stephen King unverkennbar tiefenpsychologisch chiffriert.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> Wenn im Folgenden stellenweise psychoanalytische Terminologie genutzt wird, dann nicht, um auf naiv-fiktionalit&#228;tsverkennende Weise die Figuren auf Freuds Couch zu legen, sondern um zu zeigen, wie stark das monstr&#246;se Es motivisch mit den Tiefenschichten und familialen Bedingungen der Figuren assoziiert ist.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Denn der Roman nutzt beinahe horrortypisch &#8211; &#228;hnlich wie z. B. die Filme P<sc>SYCHO</sc> (US 1960, Regie: Alfred Hitchcock), S<sc>HUTTER ISLAND</sc> (US 2009, Regie: Martin Scorsese) oder B<sc>EFORE</sc> I <sc>WAKE</sc> (US 2016, Regie: Mike Flanagan) &#8211; bekannte psychoanalytische Erkl&#228;rungsmuster, die dem Leser auf narrative Weise das Werden und Gewordensein der Figuren verst&#228;ndlich machen.<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> Das Monster in <italic>It</italic> fungiert als motivischer Kitt, als bildgewordene, zwischen Kindheit und Erwachsensein stehende Angst,<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> die zwar erz&#228;hlerisch zwischen beiden Welten vermittelt, aber inhaltlich beide Welten trennt. Der Clown wird so zu dem, was Daniel Kehlmann in allen Horrorgestalten von Stephen King sieht: eine &#187;Erweiterung des einen und einzigen allumfassenden Diesseits&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Kehlmann 64</xref>); Es ist nicht nur au&#223;en, sondern auch und vor allem innen, &#8211; das jedenfalls legen die motivischen Verweisungszusammenh&#228;nge zwischen den beiden Erz&#228;hlstr&#228;ngen nahe.</p>
<p>Bei allen Figuren in Kings Roman finden sich Hemmungen, die &#8211; wie nach Freuds Verst&#228;ndnis &#8211; als unbewusste &#187;Verzichte auf Funktion&#171; firmieren, &#187;bei deren Aus&#252;bung Angst entwickelt werden w&#252;rde&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Freud, &#187;Angst&#171; 114</xref>). Oder anders gesagt: Der Roman erz&#228;hlt, wie Personen etwas unterdr&#252;cken, das sie insgeheim begehren, aber aus unterschiedlichen Gr&#252;nden nicht begehren d&#252;rfen:<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> Da gibt es Beverly, die ihren Vater regelrecht verehrt und zu ihm eine sehr k&#246;rperbezogene Beziehung hat, und das, obwohl dieser sie regelm&#228;&#223;igt k&#246;rperlich misshandelt.</p>
<disp-quote>
<p>She felt her love for him. <italic>I never hit you when you didn&#8217;t deserve it, Beverly</italic>, he told her once when she had cried out that some punishment had been unfair. And surely that had to be true, because he <italic>was</italic> capable of love. Sometimes he would spend a whole day with her, showing her how to do things or just telling her stuff or walking around town with her, and when he was kind like that she thought her heart would swell with happiness until it killed her. She loved him, and tried to understand that he had to correct her often because it was (as he said) his God-given job. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 479</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Beverly heiratet sp&#228;ter Tom, einen Mann, der nicht nur ihrem Vater verbl&#252;ffend &#228;hnlich sieht, sondern Beverly gegen&#252;ber auch auf dieselbe Art und Weise gewaltt&#228;tig ist.<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> Was zeigt sich in dieser Reproduktion? Was ist Es also entwicklungspsychologisch gesehen f&#252;r Beverly? Es, das Beverly h&#228;ufig in Gestalt ihres Vaters erscheint, verweist motivisch auf eine Art unbew&#228;ltigte Vaterfixierung, auf die schmerzbesetzte Entwicklungsaufgabe, sich vom Vater zu l&#246;sen und dabei &#8211; wie es nach Freuds Verst&#228;ndnis in jungen Jahren geschieht &#8211; eine &#187;Inzestschranke&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Freud, <italic>Sexualtheorie</italic> 94</xref>) zu errichten. Der Aufbau dieser Schranke ist durch Beverlys starke Liebe zu ihrem Vater gehemmt und f&#252;hrt mit der Heirat ihre Vaterebenbildes Tom zu einer &#8211; wie Freud sagen w&#252;rde &#8211; &#187;inzestu&#246;sen Objektwahl&#171; (ebd. 96), es kommt zu einer &#187;inzestu&#246;sen Fixierung der Libido&#171; (ebd. 97). Mit der Bek&#228;mpfung des Es stellt sich Beverly am Ende dann doch dieser Entwicklungsaufgabe. Sie stellt sich der Angst, sich von ihrem Vater zu l&#246;sen. Folgerichtig ist der Tod von Es eng verkn&#252;pft mit dem Tod ihres vater&#228;hnlichen Mannes. Beide sterben beim finalen Kampf in der Kanalisation.</p>
<p>Interessant sind in diesem Zusammenhang die konkreten Erscheinungen, die Es f&#252;r Beverly annimmt. Als Kind erscheint ihr Es als Blutfont&#228;ne aus einem Abfluss in unmittelbarer N&#228;he zu ihrem Vater:</p>
<disp-quote>
<p>A gout of blood suddenly belched from the drain, splattering the sink and the mirror and the wallpaper with its frogs-and-lily-pads pattern. Beverly screamed, suddenly and piercingly. She backed away from the sink, struck the door, rebounded, clawed it open, and ran for the living room, where her father was just getting to his feet. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 475</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Der Vater allerdings kann das Blut, das Beverly so ver&#228;ngstigt, nicht sehen und bestraft sie f&#252;r ihren Schrei.</p>
<disp-quote>
<p>His hand suddenly swung and spatted painfully against her buttocks. She uttered a cry, her eyes fixed on his. There was a tiny stipple of blood caught in his bushy right eyebrow. <italic>If I look at that long enough I&#8217;ll just go crazy and none of this will matter</italic>, she thought dimly. &#8250;I worry a <italic>lot</italic>,&#8249; he said, and hit her again, harder, on the arm [&#8230;]. &#8250;An awful <italic>lot</italic>,&#8249; and punched her in the stomach. [&#8230;] &#8250;You got to grow up, Beverly,&#8249; he said, and now his voice was kind and forgiving. &#8250;Isn&#8217;t it so?&#8249; She nodded. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 447 f.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Und als Erwachsener dann erscheint ihr Es als sexuell &#252;bergriffiger Vater. Beverly besucht das Haus ihres Vaters, von dem sie nicht wei&#223;, ob er noch lebt. Herein l&#228;sst sie eine freundliche alte Frau, die bald zur Hexe mutiert und dann, als Beverly ver&#228;ngstigt die Flucht ergreift, offenkundig als ihr Vater figuriert. Das &#187;I worry a lot&#171; wird zum Leitmotiv, das einen Konnex zwischen dem Vater und der sexuellen Reife von Beverly schl&#228;gt.</p>
<disp-quote>
<p>&#8250;I worry about you, Bevvie &#8230; I worry a LOT!&#8249; She turned, swirls of red hair floating around her face, to see her father staggering toward her down the hallway, wearing the witch&#8217;s black dress and skull cameo; her father&#8217;s face hung with doughy, running flesh, his eyes as black as obsidian, his hands clenching and unclenching, his mouth grinning with soupy fervor. &#8250;I beat you because I wanted to FUCK you, Bevvie, that&#8217;s all I wanted to do, I wanted to FUCK you, I wanted to EAT you, I wanted to eat your PUSSY, I wanted to SUCK your CLIT up between my teeth, YUM-YUM, Bevvie, oooohhhh, YUMMY IN MY TUMMY, I wanted to put you in the cage &#8230; and get the oven hot &#8230; and feel your CUNT &#8230; your plump CUNT &#8230; and when it was plump enough to eat &#8230; to eat &#8230; EAT.&#8249; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 689</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Es repr&#228;sentiert &#8211; so legen diese drastischen Bilder nahe &#8211; genau das, was Beverly begehrt und wovor sie sich f&#252;rchtet. Immer wieder muss sie sich vor ihrem Vater sch&#252;tzen und sucht doch seine N&#228;he. Ihre Entwicklungsaufgabe besteht motivisch final darin, sich von ihrem Vater im Rahmen ihrer k&#246;rperlichen Reife zu l&#246;sen, d. h. auch, sich von seinen &#220;bergriffen und seinen sexuellen Verhei&#223;ungen zu befreien. Ihr gelingt das im finalen Kampf. Ihr vater&#228;hnlicher Ehemann stirbt und sie ist befreit und kann sich am Ende tats&#228;chlich auf eine vaterunabh&#228;ngige Beziehung (mit Ben) einlassen.</p>
<p>Dann ist da Eddie, bei dem es ganz &#228;hnlich ist. Eddie lebt allein mit seiner Mutter, die sich um ihn sorgt, so sehr, dass sie ihm alles verbietet, was mit k&#246;rperlicher Anstrengung oder k&#246;rperlichen Fremdkontakten einhergeht. Eddies Emanzipation von der Mutter ist psychosomatisch gehemmt. Eddie ist Asthmatiker. Sein Apotheker gesteht ihm aber eines Tages, dass das Asthma-Spray, das seine chronischen Anf&#228;lle lindert, nur Wasser ist. &#187;Your asthma is the result of a nervous tightening of the diaphragm that is ordered by your mind &#8230; or your mother. You are not sick&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 936</xref>).</p>
<p>Eddies Hilfsbed&#252;rftigkeit, die ihn an seine Mutter bindet, ist offenbar inszeniert, inszeniert von seiner Mutter und inszeniert von seiner eigenen Psyche. Die Emanzipation ist blockiert. Immer wenn er sich anstrengt und gegen seine Mutter auflehnt, bekommt er einen Anfall. Interessanterweise hindert ihn das Gest&#228;ndnis des Apothekers nicht daran, sein Asthmaspray bis zum finalen Kampf gegen Es weiter zu verwenden. Eddie heiratet w&#228;hrend seines psychosozialen Moratoriums eine Frau, die k&#246;rperlich und habituell seiner Mutter gleicht und verstetigt seinen Zustand der Hilfsbed&#252;rftigkeit. Was ist Es also f&#252;r Eddie? Was muss er bew&#228;ltigen?</p>
<p>Eddie hat als Kind mehrfach eine Konfrontation mit einem k&#246;rperlich auff&#228;llig deformierten Landstreicher, der sich sp&#228;ter als Es herausstellt. Dieser Landstreicher bietet Eddie Sex gegen Geld an. Im inneren Monolog setzt sich Eddie an einer Stelle mit diesem Landstreicher, also mit seiner eigenen Es-Erscheinung, gleich.</p>
<disp-quote>
<p><italic>I&#8217;m a hobo, Eddie thought incoherently. I&#8217;m a hobo and I ride the rods. That&#8217;s what I do. Ain&#8217;t got no money, ain&#8217;t go no home, but I got me a bottle and a dollar and a place to sleep. I&#8217;ll pick apples this week ad potatoes the week after that and when the frost locks up the ground like money inside a bank vault, why, I&#8217;ll hop a GS&amp;WM box that smells of sugar-beets and I&#8217;ll sit in the corner and pull some hay over me if there is some and I&#8217;ll drink me a little drink and chew me a little chew and sooner or later I&#8217;ll get to Portland or Beantown, and if I don&#8217;t get busted by a railroad security dick I&#8217;ll hop one of those &#8216;Bama Star boxes and head down south and when I get there I&#8217;ll pick lemons or limes or oranges. And If I get vagged I&#8217;ll build roads for tourists to ride on. Hell, I done it before, ain&#8217;t I? I&#8217;m just a lonesome old hobo, ain&#8217;t got no money, ain&#8217;t got no home, but I got me one thing; I got me a disease that&#8217;s eating me up. My skin&#8217;s cracking open, my teeth are falling out, and you know what? I can feel it happening, eating from the inside to the out, eating, eating, eating me</italic>. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 375</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Es repr&#228;sentiert &#8211; so deutet dieser Tagtraum an &#8211; seine Furcht vor und die Faszination f&#252;r die Abl&#246;sung von seiner Mutter, f&#252;r Einsamkeit, Landstreicherei, Kriminalit&#228;t, Prostitution, Homosexualit&#228;t und Krankheit. Das ist die internalisierte Furcht seiner Mutter, ohne Hilfe in etwas abzudriften, was ihren Moralvorstellungen nicht entspricht. Die aufgeschobene Emanzipation von dieser internalisierten Angst erfolgt dann am Ende beim finalen Kampf. Eddie setzt sein Placebo-Spray nicht mehr als Medizin f&#252;r sich, sondern als Waffe gegen Es ein. Er erkennt also dessen psychische Funktion, seine Hilfsbed&#252;rftigkeit zu verfestigen, und kehrt sie um. Das endet allerdings mit Eddies Tod, Es rei&#223;t ihn in St&#252;cke. Sein K&#246;rper, der im Rahmen der inszenierten Hilfsbed&#252;rftigkeit sein Leben lang von Gefahren und Belastung isoliert war, h&#228;lt dem Kampf nicht statt.</p>
<p>Dann ist da Bill, der Kopf des &#187;Losers&#8217; Club&#171;. Bill f&#252;hlt sich f&#252;r den Tod seines kleinen Bruders und die damit verbundene Beziehungskonfusion seiner Eltern zu ihm und untereinander verantwortlich. Der Roman beginnt damit, dass Bill seinem Bruder George ein Papierboot baut, das dieser im Regen die Stra&#223;e herunterfahren l&#228;sst. George wird bei diesem Ausflug von Es get&#246;tet. Bill gibt sich die Schuld daf&#252;r, weil er erk&#228;ltet im Bett liegt und nicht auf George aufpassen kann. Dieses Schuldgef&#252;hl, das Bill als Ausdruck einer beinahe anma&#223;enden Omnipotenzphantasie bis zum finalen Kampf mehr oder weniger bewusst mit sich tr&#228;gt, ist mit einem psychosomatischen Stottern verkn&#252;pft, das er erst am Ende des Romans in den Griff bekommt. Als Erwachsenem erscheint ihm Es in der Kanalisation als sein toter Bruder: &#187;&#8250;My boat!&#8249; Georgie&#8217;s lost voice rose, wavering, in the tunnel. &#8250;I can&#8217;t find it, Bill, I&#8217;ve looked everywhere and I can&#8217;t find it and now I&#8217;m dead and it&#8217;s your fault YOUR FAULT &#8211;&#8249;&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 375</xref>).</p>
<p>Zuerst ist Bill regungslos, schlie&#223;lich artikuliert Es nur seine eigenen Gedanken, seine eigene Furcht, der er sich seit 27 Jahren nicht stellt. Doch Bill besinnt sich und wendet eine Strategie an, mit der er &#8211; in der Regel erfolglos &#8211; sein Stottern unterbindet. Er spricht einen schwierigen, aber seine Hemmung aufhebenden Zungenbrecher: &#187;He thrusts his fists against the posts and still insists he sees the ghost! Bill thundered. He advanced on the George-thing. &#8250;You&#8217;re no ghost! George knows I didn&#8217;t mean for him to die!&#8249;&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1257</xref>).</p>
<p>Schuld, Schuldsymptom und Schuldbek&#228;mpfung kommen in dieser Szene zusammen. Bill erhebt sich &#252;ber sein 27 Jahre andauerndes Schuldgef&#252;hl und bek&#228;mpft Es aktiv. Damit bek&#228;mpft er auch seine unbew&#228;ltigte infantile Omnipotenzphantasie. Bis zum finalen Kampf gegen Es glaubt Bill, die Verantwortung f&#252;r die Familienzerst&#246;rung zu tragen, und bis zum finalen Kampf ist er der Meinung, diese durch ein bestimmtes Verhalten r&#252;ckg&#228;ngig machen zu k&#246;nnen. Mit der Ablegung dieser Vorstellung &#252;berwindet Bill auch sein Stottern.<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref></p>
<p>Tats&#228;chlich werden solche aufgeschobenen Entwicklungsaufgaben bei allen Figuren manifest. Alle Mitglieder des &#187;Losers&#8217; Club&#171; sind von Symptomen angstinduzierter Hemmungen gezeichnet. Zu nennen sind nicht nur die regressive Unterw&#252;rfigkeit von Beverly, das psychosomatische Asthma von Eddie und das Stottern von Bill, sondern auch die Fettleibigkeit von Ben, die unkontrollierte Pers&#246;nlichkeitsdissoziation von Ritchie und die &#220;ber&#228;ngstlichkeit von Stan. Die diesen Symptomen zugrundeliegenden unbew&#228;ltigten &#196;ngste, die Es in seinen Erscheinungen aufgreift, sind in der Regel neurotischer Natur, also &#8211; um mit Freud zu sprechen &#8211; &#187;Trieb&#228;ngste&#171;.</p>
<p>Der Roman erz&#228;hlt aber auch von &#187;Real&#228;ngsten&#171; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Freud, &#187;Angst&#171; 408</xref>), die sich auf unmittelbare &#228;u&#223;ere Gefahren oder Traumata beziehen. Das l&#228;sst sich am besten an Mike veranschaulichen, bei dem die Freudsche Psychologisierung, die man mir hier vorwerfen kann, von Es selbst betrieben wird. F&#252;r Mike erscheint Es als ein riesiger, lebensbedrohlicher Vogel. In einem inneren Monolog am Ende des Romans kl&#228;rt Es auf, warum es f&#252;r Mike genau diese Vogelgestalt annimmt:</p>
<disp-quote>
<p><italic>Oh but the glamours were amusing. Hanlon, for instance. He would not remember, not consciously, but his mother could have told him where the bird he had seen at the Ironworks came from. When he was a baby only six months old, his mother had left him sleeping in his cradle in the side yard while she went around back to hang sheets and diapers on the line. His screams had brought her on the run. A large crow had lighted on the edge of the carriage and was pecking at baby Mikey like an evil creature in a nursery tale. He had been screaming in pain and terror, unable to drive away the crow, which had sensed weak prey. She had struck the bird with her fist and driven it off, seen that it had brought blood in two or three places on baby Mikey&#8217;s arms, and taken him to Dr. Stillwagon for a tetanus shot. A part of Mike had remembered that always &#8211; tiny baby, giant bird &#8211; and when It came to Mike, Mike had seen the giant bird again</italic>. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1230 f.</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Mikes Entwicklungsaufgabe besteht darin, eine vergessene traumatische Erfahrung mit einer f&#252;r ihn lebensbedrohlichen Kr&#228;he zu bew&#228;ltigen. Anders als bei allen anderen Figuren wird bei Mike allerdings kein r&#228;umlich getrenntes Moratorium wirksam. Mike bleibt in Derry und beh&#228;lt als einziger all die Jahre die Vergangenheit im Blick. Mike ist auch der einzige &#220;berlebende des &#187;Losers&#8217; Club&#171;, der beim finalen Kampf nicht anwesend ist.<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> Bezeichnenderweise bezwingen die Kinder schon beim ersten Kampf mit Es in der Kanalisation einen Riesenvogel (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1247 f.</xref>). Mikes Trauma, der Riesenvogel, wird also schon in der Kindheit besiegt. Folglich &#8211; so legt die Abweichung vom Erz&#228;hlmuster nahe &#8211; bedarf es keiner Flucht, keiner weiteren Aufarbeitung der Angst und keines erneuten Abstiegs in die (eigene) Tiefe zu einer sp&#228;teren Zeit. Die &#196;ngste der anderen Figuren dagegen werden 27 Jahre konserviert und erst am Ende final bew&#228;ltigt, positiv durch &#220;berwindung oder negativ durch Tod.<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> Diese Entwicklungen sind bei allen Figuren motivisch, vor allem r&#228;umlich, sehr klar gestaltet.</p>
</sec>
<sec>
<title>5 Die r&#228;umliche Mehrfachcodierung der Figurenentwicklung</title>
<p>Die Entwicklung der Figuren &#8211; also der Verlauf von einer unbew&#228;ltigten Aufgabe zu einem 27-j&#228;hrigen Aufschub bis zur finalen Bew&#228;ltigung &#8211; ist r&#228;umlich mehrfach codiert.</p>
<p>Einerseits l&#228;sst sich eine globale Raumsemantik von Flucht vor der Angst und Heimkehr zur Angst nachweisen. &#187;Duh-Duh-Derry is It. D-D-Do you uh-uh-understand m-m-me&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1303</xref>), stottert Bill in einem luziden Augenblick, bevor die Figuren nach dem ersten Kampf gegen Es in ihre individuellen Leben fliehen. Danach vergehen 27 Jahre, bis die Figuren nach Derry zur&#252;ckkehren und Es besiegen. Die zwei K&#228;mpfe in Derry rahmen somit das psychosoziale Moratorium, Derry wird so als Raum der eigenen Angst(-Bew&#228;ltigung) konstituiert. Markant ist, dass diese globale Raumsemantik, die &#228;u&#223;erlich andeutet, was innerlich passiert, auch auf der Ebene der Figurenempfindungen durchschl&#228;gt. Die Figuren verarbeiten Entwicklungsprozesse h&#228;ufig raummetaphorisch. Auff&#228;llig ist das zum Beispiel bei der R&#252;ckkehr nach Derry. Bei allen Figuren wird die Bewegung nach Derry zur Metapher f&#252;r zeitliche R&#252;ck- und psychologische Innenschau. Bei Richies R&#252;ckkehr mit dem Auto hei&#223;t es:</p>
<disp-quote>
<p>He put the car in gear and went, feeling again how easy it had been to slip through an unsuspected fissure in what he had considered as solid life &#8211; how easy it was to get over onto the dark side, to sail out of the blue into the black. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 84</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Eddie denkt im Zug sitzend: &#187;<italic>Going north</italic>, he thought, but that was wrong. Not going north. Because it&#8217;s not a train; it&#8217;s a time machine. Not north; back. Back in time&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 122</xref>).</p>
<p>Und bei Bens R&#252;ckkehr im Flugzeug hei&#223;t es:</p>
<disp-quote>
<p>But it&#8217;s bells at twenty-seven thousand feet as the plane breaks into the clear again, [&#8230;] and as he sleeps the wall between past and present disappears completely and he tumbles backwards through years like a man falling down a deep well [&#8230;]. It&#8217;s 1981, 1977, 1969; and suddenly he is here, here in June of 1985. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 199</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Die Reise nach Derry indiziert also die Reise in die Vergangenheit und damit die R&#252;ckkehr in die (verdr&#228;ngte) Kindheit. Und in dieser Kindheit wartet &#8211; und zwar in der Tiefe der (je eigenen) Kanalisation<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref> &#8211; eine noch unerledigte Aufgabe, die mit dem finalen Schlag gegen Es bew&#228;ltigt wird.</p>
<p>Andererseits wird die Entwicklung der Figuren durch ein zentrales Bild gespiegelt. Am Anfang des Romans dreht sich die Handlung sehr lange um einen Staudamm, den die sieben Freunde in den Barrens, einer sumpfigen Flusslandschaft, errichten. &#8250;Barrens&#8249; l&#228;sst sich als Kurzform von &#8250;<italic>barrennes</italic>&#8249; mit Unfruchtbarkeit &#252;bersetzen, was auf die sp&#228;tere Zeugungsunf&#228;higkeit der Figuren verweist. Der Staudamm ist das gemeinsame Projekt der Freunde, die Barrens sind ihr konstitutiver Wir-Raum.</p>
<disp-quote>
<p>There seems to be a spatial meta-structure especially, but not only, in the part of the individual &#8216;places&#8217; and come together in the Barrens to form a circle of friends, thereby creating a &#8216;We-space&#8217; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Van Peer/Graf 147</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Die Barrens und der Staudamm, das also, was den &#187;Losers&#8217; Club&#171; eint, verweisen gro&#223;fl&#228;chig auf die globale Romanhandlung. Die Entwicklung staut sich in dem Stadium, in dem sich die Kinder schon am Anfang und dann nach dem ersten, unvollendeten Kampf gegen Es bis zum finalen Kampf befinden. Zwar m&#252;ssen sie als Kinder den Staudamm wieder einrei&#223;en, weil die Kanalisation &#252;berzulaufen droht, doch der psychische Staudamm, der sie daran hindert, eine Familie zu gr&#252;nden, eint die Figuren bis zum Ende, bis zum finalen Einriss. Als die Figuren Es dann endlich in einem spektakul&#228;ren Endkampf als Erwachsene t&#246;ten, zieht in Derry ein Sturm auf, der gestalterisch wie die Entladung einer aufgestauten Urkraft, wie das Brechen eines Staudamms, wie das Brechen ihres gemeinsamen inneren Staudamms inszeniert wird. So schlie&#223;t sich die kompositorische Klammer der Kinder- und Erwachsenenwelt &#8211; sowohl innerlich als auch &#228;u&#223;erlich. Der am Ende get&#228;tigte Entwicklungsschritt, der das psychosoziale Moratorium beendet, &#8211; man denke an Beverlys L&#246;sung von ihrem Vater oder an Eddies &#220;berwindung seiner psychosomatischen Hilfsbed&#252;rftigkeit in der Kanalisation &#8211;, wird von einer eruptiven Naturgewalt begleitet, die ikonisch die Entladung gestauter Entwicklungsprozesse codiert.</p>
<p>Die mit dem zerst&#246;rerischen Sturm abgeschlossene Figurenentwicklung wird obendrein mit einem unzweideutigen Schlussbild beglaubigt, das sich auf die Bibliothek von Derry, den konventionellen Ort der kulturellen Erinnerung, bezieht:</p>
<disp-quote>
<p>The glass corridor connecting the adult library to the Children&#8217;s Library suddenly exploded in a single brilliant flare of light. Glass flew out in an umbrella shape, whickering through the straining whipping trees which dotted the library grounds. Someone could have been severely hurt or even killed by such a deadly fusillade, but there was no one there, either inside or out. The library had not been opened that day at all. The tunnel which had so fascinated Ben Hanscom as a boy would never be replaced; there had been so much costly destruction in Derry that it seemed simpler to leave the two libraries as separate unconnected buildings. In time, no one on the Derry City Council could even remember what that glass umbilicus had been for. (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1333</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Der Grenzgang zwischen den beiden Welten, der &#187;glass corridor&#171;, ist somit am Ende zerst&#246;rt, der r&#228;umliche &#220;bergang zwischen den zwei getrennten Lebenswelten geschlossen. Damit ist der Zustand &#187;betwixt and between&#171; Kindheit und Erwachsenenwelt &#252;berwunden. Das psychosoziale Moratorium bzw. die liminale Phase, in der sich die Figuren 27 Jahre lang befinden, endet also mit einem lauten Knall.</p>
</sec>
<sec>
<title>6 Fazit</title>
<p>Der Horror erscheint in Kings Roman nicht nur als Spiegel gesellschaftlicher Fehlentwicklung, sondern auch als Sprache der kindlichen Angst, der Angst vor Entwicklung, vor Abl&#246;sung, vor Neuem und Unbekanntem. Damit bekommt der Roman eine anthropologische Dimension. Stephen King macht in <italic>It</italic> explizit zum Thema, was Horror in der heutigen Medienkultur generell zu leisten vermag: &#187;wie einst das M&#228;rchen fungiert nun das Horror-Genre als Vorwegnahme von Abl&#246;sungsprozessen und &#8250;Subjektbildung&#8249;&#171; (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Seesslen 522</xref>). Das mit dem Roman vermittelte Narrativ von entwicklungstreibenden Angstbew&#228;ltigungsprozessen geht uns alle an. Das Monster als phantastischer Ausdruck individueller Angst vor den Anforderungen und Bedingungen der Welt, in die wir im Zuge unserer psychosozialen Entwicklung als n&#228;chstes eintreten, lauert in allen von uns. Vor allem lauert es in den Kindern. Dass die Neuverfilmung von 2017 diesem komplex gestalteten Narrativ mit der Formel &#8250;Werde k&#246;rperlich wehrhaft und setze dich durch!&#8249; begegnet (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Reitzenstein und Steinmetz</xref>), ist bedauerlich, denn der Roman zeigt gerade die Individualspezifik von entwicklungsbezogenen Angstbew&#228;ltigungsprozessen.</p>
<p>&#220;ber das anthropologische Narrativ hinaus erscheint Kings Klassiker &#8211; was seine Darstellungsstrategien angeht &#8211; von vorn bis hinten &#228;sthetisch eindrucksvoll durchkomponiert. Wie gezeigt, spielt sich der eigentliche Horror nicht au&#223;erhalb, sondern innerhalb der Figuren ab. Die Monster und phantastischen Gefahren, die nur Kinder wahrnehmen und bek&#228;mpfen k&#246;nnen, verweisen auf infantile &#196;ngste, die zu &#252;berwinden eine zentrale Aufgabe der Adoleszenz ist. Das erfolgt bei den Figuren in <italic>It</italic> verz&#246;gert. Der Roman codiert diese verz&#246;gerte Entwicklung durch r&#228;umliche Grenzen und Grenz&#252;berg&#228;nge motivisch sehr klar. Die Flucht vor infantilen &#196;ngsten f&#252;hrt zu r&#228;umlich isolierten Entwicklungshemmungen. Um diese zu l&#246;sen, bedarf es der R&#252;ckkehr an den Ursprungsort der &#196;ngste. Die &#196;ngste sind allerdings nicht an der Oberfl&#228;che zu bek&#228;mpfen, sondern nur in der (eigenen) Tiefe; sie erfordern den Eintritt in die Kanalisation. Diese und &#228;hnliche Bewegungen spiegeln und wiederholen sich im Gro&#223;en wie im Kleinen &#252;ber den gesamten Roman hinweg. Der Roman unterh&#228;lt nicht nur durch den Horror, der vom kinderfressenden Clown Pennywise ausgeht, sondern auch durch das komplexe Gef&#252;ge formensprachlicher Verweisungszusammenh&#228;nge, die entdeckt werden wollen. Der Reiz des Romans &#8211; und <italic>It</italic> steht dabei exemplarisch f&#252;r eine Reihe von Romanen von Stephen King &#8211; geht nicht nur von dem Schrecken, sondern vor allem von den komplex konstruierten und mehrfach codierten Welten aus.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Ausdr&#252;cklich nicht gemeint ist hier, dass Kings Roman (ausschlie&#223;lich) Jugendliche zur Zielgruppe h&#228;tte. Vielmehr ist mit Carsten Gansel darauf hinzuweisen, dass der moderne Adoleszenzroman &#187;bei aller Jugendspezifik keine dezidierte Zielgruppenliteratur mehr&#171; ist (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Gansel 172</xref>), sondern sich durch einen &#187;offenen Leserbezug&#171; (ebd.) auszeichnet.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Der Film I<sc>T</sc> (US 2017, Regie: Andy Muschietti) entwickelt durch Verschiebungen in den Details des Handlungsgef&#252;ges eine grundlegend andere Aussage zur Adoleszenz als der Roman (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Reitzenstein und Steinmetz</xref>). Hinzu kommt, dass die Vernetzung von Kindheit und Erwachsenenwelt, die der Roman inhaltlich und gestalterisch durchg&#228;ngig umsetzt, durch die isolierte Darstellung der Kinderwelt in Muschiettis Film (noch) gar nicht abgebildet werden kann. In diesem Beitrag wird der Film von Muschietti aber nur am Rande thematisiert; das prim&#228;re Referenzobjekt ist Kings Roman und dessen &#228;sthetisch komplexe Gestalt.</p></fn>
<fn id="n3"><p>In diesem Sinne spricht auch Adrian Daub von &#187;seltsam zwischen dem Subjektiven und dem Kollektiven changierenden Phobien und Allegorien&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Daub, &#187;Alptraum&#171;</xref>). Die kollektive, d. h. gesellschaftsbezogene Dimension der im Roman dargestellten &#196;ngste ist nur die eine Seite, die subjektive, d. h. individualpsychologische ist die andere.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Rehberger macht darauf aufmerksam, dass das zyklische Erscheinen von Es und die damit zusammenh&#228;ngenden Gewaltorgien in Derry stets mit &#187;historical recessions and depressions&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Rehberger 4</xref>) verbunden sind. Zwar zeigt die Stadt Derry generell &#187;social ills from incest, child abuse, and battered women to rape, racism, and homophobia&#171; (ebd. 3), zum Exzess werden diese gesellschaftlichen Missst&#228;nde aber erst in der Rezession. Das Monster spiegelt somit &#246;konomische und soziale Probleme und deren Auswirkungen auf das soziale Zusammenleben.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Adrian Daub kritisiert diese Chiffrierung sogar als zu durchschaubar. Seiner Meinung nach geht &#187;King beinahe psychoanalytisch an die Sache heran. Phobien und Obsessionen werden geradezu auf die Seite gekotzt, er scheint sich bewusst zu sein, wie klar lesbar sie sind. Aber er hofft eben, dass wir sie doch wiedererkennen, wie die Kinder von Derry, die sp&#252;ren, dass in ihrer Welt schon lange etwas nicht stimmt&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Daub, &#187;Alptraum&#171;</xref>).</p></fn>
<fn id="n6"><p>Schon Joachim Metzner (<xref ref-type="bibr" rid="B13">1980</xref>) sieht das Phantastische in der Literatur durch die &#187;Wiederkehr des Verdr&#228;ngten&#171; (84) konstituiert und erachtet die Psychologie im Allgemeinen und die psychoanalytische Psychosetheorie im Besonderen als die wichtigsten Bezugsgr&#246;&#223;en f&#252;r die Theoriebildung zur phantastischer Literatur. Diesem bereits in die Jahre gekommenen, aber noch immer aktuellen Gedanken ist mit Blick auf Kings Roman zuzustimmen. Denn dort wird das Phantastische, das Monster, zweifelsfrei genutzt, um die Tiefenschichten des Ichs (im Rahmen seiner sozialen und familialen Bedingungen) auszuleuchten.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Die Zeitstruktur des Romans steht in diesem Funktionszusammenhang. Denn &#228;hnlich wie Bernardo Bertolucci im Film I<sc>L CONFORMISTA</sc> (D<sc>ER GROSSE</sc> I<sc>RRTUM</sc>, IT 1969) nutzt Stephen King in seinem Roman &#187;eine anachronistische Erz&#228;hlweise [&#8230;], die auf eine Beleuchtung des Gegenw&#228;rtigen durch Vergangenes abzielt und sich dabei f&#252;r psychoanalytische Erkl&#228;rungsans&#228;tze &#246;ffnet&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Carpentieri und Fuchs 141</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>In diesem Sinne versteht auch Adrian Daub das Monster, wenn er lakonisch feststellt: &#187;Es verk&#246;rpert das Erwachsenwerden&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B2">Daub, &#187;D&#233;j&#224;-vu&#171;</xref>).</p></fn>
<fn id="n9"><p>Damit erz&#228;hlt der Roman etwas, was Robin Wood als Grundthema des Horrors betrachtet: &#187;One might say that the true subject of the horror genre is the struggle for recognition of all that our civilization represses or oppresses, its re-emerge dramatized, as in our nightmares, as an object of horror, a matter of terror, and the happy ending (when it exists) typically signifying the restoration of repression&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B20">Wood 75</xref>). Interessanterweise l&#228;sst sich an der kinderliterarischen Phantastik des sp&#228;ten 20. Jahrhunderts die Tendenz beobachten, dass wir es &#187;wie in der erwachsenenliterarischen Phantastik mit der Wiederkehr von Verdr&#228;ngtem und Unterdr&#252;cktem zu tun&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Ewers 253</xref>) haben. Die Phantastik bekommt also in der Kinder- und Jugendliteratur Horrorz&#252;ge, insofern steht die phantastische Formensprache in <italic>It</italic> im Kontext einer &#252;bergreifenden literarischen Tendenz des sp&#228;ten 20 Jahrhunderts.</p></fn>
<fn id="n10"><p>In einem luziden Augenblick hat Beverly sogar selbst die Einsicht: &#187;I married my father&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1253</xref>), sagt sie zu ihren Freunden, als sie gemeinsam ihre Vergangenheit aufzuarbeiten versuchen.</p></fn>
<fn id="n11"><p>Der Roman endet mit einem Dialog zwischen Bill und seiner Ehefrau Audra nach dem finalen Kampf: &#187;She pushed him away so she could look at him. &#8250;Bill, are you still stuttering?&#8249; &#8250;No,&#8249; Bill said, and kissed her. &#8250;My stutter is gone.&#8249; &#8250;For good?&#8249; &#8250;Yes,&#8249; he said. &#8250;I think this time it&#8217;s for good.&#8249;&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11">King 1375</xref>).</p></fn>
<fn id="n12"><p>Mike kann den letzten Abstieg in die Kanalisation nicht beiwohnen, weil er schwer verletzt im Krankenhaus liegt.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Stan begeht Selbstmord, weil er sich nicht mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen will, Eddie stirbt im Kampf gegen Es. Alle anderen &#252;berleben und &#252;berwinden ihre Entwicklungshemmungen &#8211; jeder auf seine eigene Weise.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Die Kanalisation tr&#228;gt als Ort des menschlich Verdr&#228;ngten, des Abgeschiedenen, dessen also, was zwar zu einem geh&#246;rt, aber nicht gesehen werden m&#246;chte, eine konnotative und beinahe schon konventionalisierte symbolische Bedeutung (in Bezug auf psychische Tiefenstrukturen).</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Michael Steinmetz, Dr. phil. habil., Literaturdidaktiker und -wissenschaftler an der Justus-Liebig-Universit&#228;t Gie&#223;en, Studium der F&#228;cher Deutsch und Philosophie f&#252;r das gymnasiale Lehramt an der Friedrich-Schiller-Universit&#228;t Jena; Promotion 2012 an der FSU Jena; Habilitation 2019 an der JLU Gie&#223;en; Forschungsschwerpunkte: Theorie des literarischen Verstehens, Textkompetenzen, Bildungsstandards; Ausgew&#228;hlte Publikationen: <italic>Der &#252;berforderte Abiturient im Fach Deutsch. Eine qualitativ-empirische Studie zur Realisierbarkeit von Bildungsstandards</italic> (2013), <italic>Materialgest&#252;tztes Schreiben. Grundlagen, Aufgaben, Materialien f&#252;r die Sekundarstufen I und II</italic> (mit Helmuth Feilke, Katrin Lehnen und Sara Rezat, 2016), <italic>Konkrete Poesie. Spielarten poetischer Sprache im Deutschunterricht</italic> (Hg., 2018).</p>
</sec>
<sec>
<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
</sec>
<sec>
<title>Filmografie</title>
<p>B<sc>EFORE</sc> I <sc>WAKE</sc> (US 2016, Regie: Mike Flanagan).</p>
<p>I<sc>L CONFORMISTA</sc> (IT 1969, Regie: Bernardo Bertolucci).</p>
<p>I<sc>T</sc> (US 2017, Regie: Andy Muschietti).</p>
<p>P<sc>SYCHO</sc> (US 1960, Regie: Alfred Hitchcock).</p>
<p>S<sc>HUTTER</sc> I<sc>SLAND</sc> (US 2009, Regie: Martin Scorsese).</p>
</sec>
<ref-list>
<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B1"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Carpentieri</surname>, <given-names>Saverio</given-names></string-name> und <string-name><given-names>Gerhild</given-names> <surname>Fuchs</surname></string-name>. <chapter-title>&#187;Vom konventionellen Roman zum hochkomplexen Film: Bernardo Bertoluccis Moravia-Verfilmung <sc><italic>Il Conformista</italic></sc> (1970)&#171;</chapter-title>. <source>Literatur im Film: Beispiele einer Medienbeziehung</source>. Hg. <string-name><given-names>Stefan</given-names> <surname>Neuhaus</surname></string-name>. <publisher-name>K&#246;nigshausen &amp; Neumann</publisher-name>, <year>2008</year>. <fpage>119</fpage>&#8211;<lpage>142</lpage>.</mixed-citation></ref>
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