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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Artikel</subject>
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<article-title>&#187;We&#8217;re all haunted by our choices&#171; &#8211; die Verhandlung ethischer Leitlinien in S<sc>nowpiercer</sc></article-title>
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<surname>Mehrbrey</surname>
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<email>sophia.mehrbrey@gmx.de</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#228;t Heidelberg, DE</aff>
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<license-p>Die Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung ist eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren der Open Library of Humanities. &#169; 2022 Der/die Autor*innen. Dieser Open-Access-Beitrag ist lizensiert durch die Creative-Commons-Grundlizenzen in der Version 4.0 (Creative Commons Namensnennung 4.0 International, welche die unbeschr&#228;nkte Nutzung, Verbreitung und Vervielf&#228;ltigung erlaubt, solange der/die Autor*in und die Quelle genannt werden). Vgl. <uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
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<p>The series S<sc>nowpiercer</sc> (2020&#8211;) deals with the social restructuring processes on board the Snowpiercer. This paper investigates the socio-political structures of the train and the modalities of the protagonists&#8217; ethical decision-making. In a world frozen to &#8211;120&#176;C, the last humans seek to survive on this 1001-wagon-long train, whose constant movement is the guarantor of the energy supply necessary to withstand the cold. The series takes up collective ethical questions and discusses them within the framework of a dystopian scenario. In doing so, the series confronts two antagonistic heroes, whose actions are emblematic of two completely different ethical world views. While Andre Layton strives for social justice and freedom for the train&#8217;s underclass, Melanie Cavill pursues a system-ethical approach that gives top priority to the smooth running of operations. The study will emphasize a gender studies perspective as the invention of Cavill as a female leader is of particular interest for the analysis of decision-making.</p>
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<title>Einleitung</title>
<p>Die Serie S<sc>nowpiercer</sc> (<xref ref-type="bibr" rid="B32">US 2020&#8211;, Idee: Josh Friedman, Graeme Manson</xref>), die lose auf dem gleichnamigen Film (<xref ref-type="bibr" rid="B33">KR/US 2013, Regie: Bong Joon-Ho</xref>) und der Graphic Novel <italic>Le Transperceneige</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Jacques Lob 1982</xref>) basiert, behandelt die sozialen Umstrukturierungsprozesse an Bord des <italic>Snowpiercers</italic>. In einer auf -120&#176;C heruntergefrorenen Welt stellt der <italic>Snowpiercer</italic> eine moderne Arche Noah dar, eine Mikrogesellschaft, deren systemische Zusammenh&#228;nge sehr viel offensichtlicher erscheinen als die der realen Welt: Mathematisch kalkulierbar und sozial unverhandelbar, erweisen sie sich jedoch nicht als gerechter. Die Serie greift kollektive ethische Problematiken wie gesellschaftliche Solidarit&#228;t, soziale Ungerechtigkeit oder die menschliche Verantwortung f&#252;r den Klimawandel auf und diskutiert sie vor dem Hintergrund eines apokalyptischen Szenarios. Ganz gezielt schlie&#223;t die serielle Adaption des Comics damit an aktuelle Fragestellungen an. Tats&#228;chlich trifft die Beobachtung, Narrative seien h&#228;ufig Zeitdiagnosen, also &#187;Produkte eines spezifischen Kontexts, sodass an ihnen auch die Problematiken von Selbstverst&#228;ndlichkeiten, Normalit&#228;ten und wenig reflektierten Urteilen eines bestimmten Kontexts deutlich werden k&#246;nnen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Ammicht Quinn 83</xref>) auf die Serie besonders zu. Anders als die Versionen von 1982 und 2013 verhandelt die erneute Adaptation des Comicstoffes, so die grundlegende These dieses Artikels, aus ethischer wie aus &#246;kokritischer Perspektive relevante Problematiken, die in den letzten Jahren an Brisanz gewonnen haben<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> und f&#252;r die das serielle Format den notwendigen erz&#228;hlerischen Raum zur Verf&#252;gung stellt.</p>
<p>Bei der Verhandlung dieser sozio-politischen Fragestellungen konfrontiert die Serie zwei in vielen Punkten gegens&#228;tzliche Held:innen, deren Handeln f&#252;r zwei aus ethischer Sicht<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> v&#246;llig unterschiedliche Weltentw&#252;rfe steht. Die Ingenieurin und Zugf&#252;hrerin Melanie Cavill verfolgt einen systemischen Ansatz, der der menschlichen Empathie m&#246;glichst wenig Platz einr&#228;umt und den reibungslosen Betriebsablauf als oberste Priorit&#228;t einstuft: Auch wenn sie innerhalb der Systemgrenzen gewillt ist, die Weichen f&#252;r ein besseres Zusammenleben zu stellen, z&#246;gert Cavill nicht, f&#252;r den Erhalt des Systems jegliche moralischen Bedenken beiseitezuschieben. Dabei erweist sich die Untersuchung Cavills aus genderspezifischer Perspektive als besonders interessant. Da Cavill viele Eigenschaften besitzt, die gemeinhin dem Stereotyp des m&#228;nnlichen Anf&#252;hrers und Protagonisten zugeschrieben werden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Sennewald 53 f</xref>.), bietet der Charakter eine spannende Grundlage, um zu diskutieren, ob und inwiefern ethische Erwartungen an fiktive Charaktere von Genderkategorien bestimmt werden. Insbesondere hinsichtlich Cavills Umgang mit ihrem konfliktgeladenen Dreifach-Lebensentwurf als Anf&#252;hrerin, Mutter und letztlich auch Liebhaberin zeichnet die Serie innovative Perspektiven auf die Darstellung weiblicher Rollenmuster im sozio-politischen Kontext.</p>
<p>Andre Layton hingegen, angetrieben von einem emotionalen Verantwortungsgef&#252;hl f&#252;r die Seinen, strebt nach sozialer Gerechtigkeit und Freiheit f&#252;r die Unterklasse des Zugs. Durch die Personifizierung zweier v&#246;llig unterschiedlicher F&#252;hrungsstile und Verantwortungsmodelle in den Figuren Laytons und Cavills gelingt es der Serie, kollektive ethische Fragestellungen mit individuellen moralischen Dilemmas zu verkn&#252;pfen, wie der Frage nach der Legitimit&#228;t des pers&#246;nlichen Gl&#252;cks oder nach der Priorisierung der eigenen Angeh&#246;rigen. Besonders stark thematisiert wird in diesem Kontext die &#8250;Qual der Wahl&#8249;, die Cavill anspricht, als sie am Ende der ersten Staffel die F&#252;hrung des Zugs an Layton &#252;bergibt:</p>
<disp-quote>
<p>We&#8217;re all haunted by our choices. The personal choices we all made when we boarded this train; and the collective choices that brought us to that day. Choices made over decades, even when we knew climate change was real; and finally, my own choice to pirate this ark and lie to you all, which has brought us to where we are now. May we all move forward with greater awareness of the choices that we make. (S01E10: 994 C<sc>ars</sc> L<sc>ong</sc>. US 2020, Regie: James Hawes)</p>
</disp-quote>
<p>Individuelle Entscheidungen verschr&#228;nken sich hier mit kollektiven Dynamiken, die die Handlungsmacht der Einzelnen &#252;bersteigen, sowie mit der Verpflichtung, in F&#252;hrungspositionen Entscheidungen f&#252;r die Gemeinschaft zu treffen und daf&#252;r die juristische wie moralische Verantwortung zu tragen.</p>
<p>Beinahe wie ein Mantra durchzieht diese Problematik die sozio-politischen Debatten des Zuges und bietet sich daher auch als roter Faden f&#252;r die nachfolgende Untersuchung an. In einem ersten Schritt soll das politische System in Hinblick auf sein ethisches Fundament n&#228;her betrachtet werden. Anschlie&#223;end werde ich mich der Untersuchung Melanie Cavills widmen und dabei die Fragen nach der weiblichen Handlungsmacht und nach deren moralischen Ambivalenz diskutieren, bevor in einem letzten Schritt Laytons und Cavills unterschiedliche F&#252;hrungsstile in Hinblick auf ihre ethische Ausrichtung miteinander verglichen werden. Dabei soll das Augenmerk ma&#223;geblich auf der Rhetorik und den Entscheidungsprozessen der Protagonist:innen liegen; wo es sich anbietet, sollen zudem medienspezifische Analysen der filmischen &#196;sthetik die &#220;berlegungen bereichern. Das zentrale Erkenntnisinteresse dieses Artikels ist demnach ein doppeltes: Einerseits gilt es zu untersuchen, wie Fragen der kollektiven Verantwortung (f&#252;r den radikalen Klimawandel ebenso wie innerhalb der postapokalyptischen Gesellschaft des <italic>Snowpiercers</italic>) in der Serie verhandelt werden. Andererseits soll durch die Fokussierung auf Cavill ein Schwerpunkt auf die Darstellung und Thematisierung weiblicher Handlungsmacht im Kontext gesellschaftlicher Krisen gelegt werden. Denn die Figur Melanie Cavills stellt eine der wichtigsten Neuerungen gegen&#252;ber den beiden Vorlagen da, welche die Entwicklung der Handlung sowohl aus gesellschaftspolitischer wie auch aus genderspezifischer Perspektive entscheidend beeinflusst.</p>
<p>Die Handlung der Serie ist in einer nahen Zukunft verortet. Die erste Folge beginnt mit einem kurzen Prolog: Als der Klimawandel soweit fortgeschritten ist, dass er die gesamte Erde zu verbrennen droht, entwickeln Forscher:innen eine Substanz, die in die Atmosph&#228;re geschossen werden soll, um diese zu erneuern und die Temperaturen zu senken. Dies gelingt auch, jedoch ist der Effekt so stark, dass die Welt in wenigen Monaten auf -120 Grad Celsius herunterfriert. In diesem Ausnahmezustand entwickeln der Ingenieur und Investor Wilford und die Ingenieurin Cavill den <italic>Snowpiercer</italic>, einen 1001 Wagons langen Zug, der als Perpetuum Mobile unaufh&#246;rlich die Erde umkreist. Der Prolog zeigt, wie Menschenmassen, die kein Ticket f&#252;r den Zug bekommen haben, versuchen, diesen zu st&#252;rmen, jedoch von den Sicherheitskr&#228;ften brutal zur&#252;ckgedr&#228;ngt und zum Teil get&#246;tet werden. Einige hundert schaffen es dennoch an Bord, bevor der Zug abf&#228;hrt. Sie werden am Leben gelassen, jedoch in G&#252;terwagons am Ende des Zuges auf menschenunw&#252;rdige Weise zusammengepfercht. Die eigentliche Handlung beginnt sieben Jahre nach der Abfahrt. W&#228;hrend die &#8250;Tailies&#8249;, die Unterklasse am Ende des Zuges, unter der F&#252;hrung Laytons eine Rebellion planen, ist Cavill damit besch&#228;ftigt, einen Mord aufzukl&#228;ren, der das soziale Gleichgewicht des Zuges gef&#228;hrdet, da der M&#246;rder von seinem Opfer wom&#246;glich geheime Informationen &#252;ber Wilford und die hierarchischen Strukturen des Zuges erhalten hat. Zu diesen Zwecken l&#228;sst Cavill den ehemaligen Polizisten Layton, aus dem &#8250;Tail&#8249; holen. Rebellionsvorbereitungen und Mordaufkl&#228;rung beginnen sich miteinander zu verstricken und bilden so die B&#252;hne f&#252;r die Verhandlung ethischer Grundsatzfragen. W&#228;hrend Layton und Cavill auf realpolitischer Ebene um die Zukunft der Menschheit k&#228;mpfen, thront &#252;ber allem das Bild des m&#228;chtigen Mister Wilford, vermeintlicher Ingenieur des Zugs, der sich in die Lokomotive zur&#252;ckgezogen haben soll und nur durch Cavill mit dem Rest des Zuges kommuniziert. Nach und nach stellt sich dies jedoch als taktisches Spiel Cavills heraus: Nachdem sie f&#252;r Wilford den <italic>Snowpiercer</italic> konzipiert und gebaut hatte, entschied sie sieben Jahre vor der ersten Folge mit ihrem Kollegen Bennett Knox, ohne Wilford abzufahren, da sie dessen Gier und Grausamkeit als existentielle Bedrohung f&#252;r das gesamte Unternehmen einstuft. Seitdem leitet sie selbst den Zug, h&#228;lt dabei jedoch das Phantombild Wilfords am Leben, um die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Als Cavills Spiel letztlich doch entlarvt wird, verliert sie die Kontrolle &#252;ber den Zug und schlie&#223;t sich den Rebellen an. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Zug zur&#252;ckzuerobern. Cavill &#252;bergibt Layton das Kommando, der eine neue demokratische Ordnung ohne Klassensystem einf&#252;hren m&#246;chte.<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> Die erste Staffel endet mit der &#252;berraschenden Ankunft Wilfords in einem zweiten Zug, der urspr&#252;nglich als Prototyp gedient hat und mit dem sich Wilford an den <italic>Snowpiercer</italic> andockt. Mit an Bord ist auch Alex, Cavills inzwischen achtzehnj&#228;hrige Tochter, die sie bei der Abfahrt des Zuges sieben Jahre zuvor hatte zur&#252;cklassen m&#252;ssen. Die zweite Staffel inszeniert vor allem den Machtkampf zwischen Wilford und Cavill/Layton. Nachdem Cavill bei einer Au&#223;enmission Hinweise darauf entdeckt, dass die Erde sich allm&#228;hlich wieder erw&#228;rmt, entschlie&#223;t sie sich zu einer gef&#228;hrlichen Expedition, die zur erneuten Trennung von Mutter und Tochter f&#252;hrt.</p>
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<title>Die gesellschaftliche Ordnung des <italic>Snowpiercers</italic></title>
<p>Der <italic>Snowpiercer</italic> bildet ein in sich eigenst&#228;ndiges &#214;ko- und Sozialsystem, dessen Prekarit&#228;t regelm&#228;&#223;ig betont wird: Wiederholt wird auf das einige Jahre zur&#252;ckliegende Bienensterben und seine Folgen f&#252;r die Lebensmittelproduktion des Zuges hingewiesen &#8211; subtiler Verweis auf ein sehr aktuelles globales Problem, dessen Folgen in der Serie jedoch deutlich verheerender sind. In der zweiten Folge der ersten Staffel erfrieren zus&#228;tzlich die Rinder, nachdem eine Lawine die Fenster des Viehwagons zum Bersten bringt. Dabei wird betont, dass die Tiere nicht nur Fleisch lieferten, sondern ihr Mist auch als D&#252;nger verwendet wurde. Jedes Element des Systems ist demzufolge auf maximale Effizienz ausgerichtet. W&#228;hrend die Mitglieder der ersten Klasse den Zug durch ihre Tickets finanziert haben, wurde die restliche Besatzung auf Grundlage rationaler Kriterien, nach ihren Kompetenzen, ausgew&#228;hlt. Diese haben ihnen gewisserma&#223;en ihr Ticket finanziert. Das Zusammenleben aller ist in einem strikten Klassensystem strukturiert, das den unteren Klassen keinen Zugang zu den Privilegien der ersten Klasse gew&#228;hrt. In diesem System sollten die &#8250;Tailies&#8249; gar nicht vorkommen. Warum genau Cavill nach der Abfahrt beschlossen hat, sie in die hinteren G&#252;terwagons einzupferchen, statt sie alle von den milit&#228;rischen Einheiten t&#246;ten zu lassen, bleibt ungekl&#228;rt &#8211; vermutlich aber, um die im Laufe der Zeit entstehenden L&#252;cken in der Besatzung durch &#8250;Ersatzteile&#8249; aus dem &#8250;Tail&#8249; aufzuf&#252;llen. Ihre unberechtigte Anwesenheit (sie haben kein Ticket) erkl&#228;rt und rechtfertigt &#8211; zumindest in Cavills Rhetorik &#8211; die schlechte Behandlung dieser Besatzungsgruppe. Cavill hat also einerseits ganz bewusst die Wahl getroffen, die &#8250;Tailies&#8249; am Leben zu lassen, gleichzeitig betont sie immer wieder, dass die Umst&#228;nde ihr nicht die Wahl lassen, diesen ein besseres Leben zu gew&#228;hren. Dabei setzt sie geschickt ihre offizielle Rolle als &#8250;blo&#223;e Zugbegleiterin&#8249; ein, die kaum tats&#228;chliche Entscheidungsmacht hat, sondern nur Wilfords W&#252;nsche realisiert und daher auch keine wichtigen sozialen &#196;nderungen ansto&#223;en kann. Auf diese Ambivalenz der Rollenauslegung werde ich im Folgenden noch zur&#252;ckkommen.</p>
<p>Mit einer stark herausgearbeiteten visuellen Raum&#228;sthetik unterstreicht die Serie den Gegensatz zwischen der ersten Klasse und den &#8250;Tailies&#8249;, der wiederum auf die Schere zwischen Arm und Reich rekurriert<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> und deren Ungerechtigkeit unterstreicht. W&#228;hrend die erste Klasse bev&#246;lkert ist von ehemaligen Investor:innen deren aktueller Nutzen an Bord ungekl&#228;rt bleibt, finden sich im &#8250;Tail&#8249; Vertreter:innen aller sozialen Schichten und Berufsgruppen, die zu diesem Leben verurteilt wurden, einzig weil sie nicht zu den &#8250;Happy Few&#8249; geh&#246;rten, die eines der weltweit ca. 3 000 Tickets f&#252;r den Zug ergattern konnten. Der Gegensatz zwischen den beiden Gruppen wird mit zahlreichen Stilmitteln inszeniert. Die erste Szene im &#8250;Tail&#8249; zeigt zum Beispiel die Verteilung der unappetitlich aussehenden Proteinbarren, begleitet vom Vorwurf der &#8250;Tailies&#8249;, man w&#252;rde sie zu Tode hungern. Wenig sp&#228;ter sind die ersten Aufnahmen in der ersten Klasse durchzogen von Gro&#223;aufnahmen unterschiedlicher Delikatessen (S01E01: F<sc>irst, the</sc> W<sc>eather changed</sc>. US 2020, Regie: James Hawes, 00:12:02&#8211;00:12:13). Die Bilder der ersten Klasse werden generell von hellen, bisweilen steril wirkenden Wei&#223;t&#246;nen dominiert. Der Speisesalon &#8211; Mittelpunkt des gesellschaftlichen wie politischen Lebens der ersten Klasse &#8211; rekurriert auf den Luxus des Orient-Express<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> oder vergleichbarer Z&#252;ge und suggeriert gerade im Kontrast zur Misere der unteren Klassen eine Fin-de-Si&#232;cle-&#228;hnliche Dekadenz (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Steiner</xref>). Der &#8250;Tail&#8249; hingegen ist in d&#252;steren Braunt&#246;nen gehalten, die Kulissen, chaotisch und &#252;berladen, erinnern an filmische Inszenierungen von Slums und Ghettos, wie man sie zum Beispiel von der &#8250;Untersten Ebene&#8249; der Serie B<sc>abylon</sc> 5 (S<sc>pacecenter</sc> B<sc>abylon</sc> 5, US 1994&#8211;1998, <xref ref-type="bibr" rid="B32">Idee: J. Michael Straczynski</xref>) kennt. Die Serie spielt so mit verschiedenen intermedialen Verweisen, die gleichzeitig auf das Genre der Science Fiction und eine nostalgische Vintage-&#196;sthetik verweisen und so R&#252;ckbez&#252;ge im Spannungsfeld zwischen Zukunftsentwurf und Vergangenheitsbewertung zulassen.</p>
<p>Wie das Beispiel des Bienensterbens schon angedeutet hat, erinnert das Universum des <italic>Snowpiercers</italic> in den ersten Folgen der ersten Staffel an ein Planspiel oder Entscheidungsmodell, in dem gesellschaftliche Prozesse und Dynamiken vereinfacht und dadurch leichter nachvollziehbar werden. Die Serie erh&#228;lt mit Dixon somit eine &#246;kokritische Dimension, da sie darauf abzielt, in der Fiktion die komplexen Prozesse des Klimawandels vereinfacht darzustellen und &#187;[to] move the notion of environment from abstraction to a tangible concern&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10">Dixon 87</xref>). Eine hochkomplexe, multidirektionale Problematik wie das globale Insektensterben wird in der Serie zu einem punktuellen Ereignis, dem eine klar erkennbare Ursache vorausgeht und dessen Folgen ebenso klar kalkulierbar erscheinen und daher durch eine geschickte Governance kontrollierbar werden. Der mechanische Betriebsablauf des <italic>Snowpiercers</italic> steht so metonymisch f&#252;r das &#214;ko- und Sozialsystem des Zugs, in dem alles kalkuliert und aufeinander abgestimmt ist und wo selbst die Reaktion auf Naturkatastrophen einem vorgezeichneten Muster zu folgen scheint. &#187;Everything on Mr. Wilford&#8217;s train is connected. Everything survives at the mercy of its balance&#171; (S<sc>01</sc>E<sc>01:</sc> F<sc>irst, the</sc> W<sc>eather</sc> C<sc>hanged</sc>. US <sc>2020</sc>, Regie: James Hawes), erkl&#228;rt Melanie Cavill Andre Lyton in der ersten Folge und h&#228;lt dabei in einer Halbnahaufnahme demonstrativ eine Erdbeere in die H&#246;he, deren Kaloriengehalt exakt kalkuliert und in den Ern&#228;hrungsplan der Bev&#246;lkerung und den Energieverbrauch des Zuges eingeplant ist (00:33:04&#8211;00:33:10). Dieser postapokalyptische Bausatz eines &#246;kologischen Kreislaufs kann auch als eine ironische Mise-en-ab&#238;me der Mensch/Umwelt Beziehung gelesen werden, denn wie bereits ein knappes Jahrzehnt zuvor im Kampf gegen den Klimawandel versuchen die Menschen in der Serie beinahe stoisch mit Technologie das nat&#252;rliche Gleichgewicht k&#252;nstlich zu erhalten bzw. wiederherzustellen und scheitern dabei regelm&#228;&#223;ig.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> Cavill verteidigt dieses klar strukturierte System, selbst wenn es manche Passagiere zu einem Elendsleben verurteilt. Dass dieses wenig mit den Grundprinzipien freiheitlich-demokratischer Grundordnungen zu tun hat, verdeutlichen verschiedene Beobachtungen anderer Passagiere. Die Zugbegleitung Ruth Wardell, beispielsweise, stellt ohne Bedauern fest, &#187;We don&#8217;t have will, we have order&#171; (S01E05: J<sc>ustice</sc> N<sc>ever</sc> B<sc>oarded</sc>, US <sc>2020</sc>, Regie: Frederick E.O. Toye), w&#228;hrend die ehemalige &#8250;Tailie&#8249; Zarah ihrem Ex-Freund Layton erkl&#228;rt, &#187;There&#8217;s no justice here, only punishment&#171; (S01E01: F<sc>irst, the</sc> W<sc>eather</sc> C<sc>hanged</sc>) und mit dieser Aussage zu rechtfertigen sucht, warum sie den &#8250;Tail&#8249; nicht von au&#223;erhalb weiter unterst&#252;tzt hat: aus Angst vor den willk&#252;rlich erscheinenden Sanktionen der Zugf&#252;hrung.</p>
<p>Aber wer genau steht an der Spitze dieses Systems? Da es sich beim <italic>Snowpiercer</italic> um ein in sich geschlossenes Gesellschaftssystem einerseits, ein elektromechanisches Betriebssystem andererseits handelt, stellt sich diese Frage gleich doppelt. In Anlehnung an die Schifffahrtsmetapher zur Umschreibung des Staats kann man den <italic>Snowpiercer</italic> gewisserma&#223;en als Metapher seiner selbst beschreiben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Leibfried 2011</xref>). So gesehen ist es auch nicht verwunderlich, dass die politische und die technische F&#252;hrung in den H&#228;nden ein und derselben Person liegen: Melanie Cavill. Cavill ist nicht nur Ingenieurin und eine der drei Lokf&#252;hrer:innen des Zuges, sie arbeitet auch als erste Zugbegleiterin und bildet damit offiziell die Br&#252;cke zwischen den verschiedenen Klassen und &#8211; wichtiger noch &#8211; zwischen den Passagieren und Wilford, vermeintliches &#8250;Staatsoberhaupt&#8249; des Zuges. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Bennett Knox l&#228;sst Cavill die Passagiere seit sieben Jahren in dem Glauben, sie w&#228;re nur die rechte Hand Wilfords. Wilford &#8211; und somit erst einmal auch Cavill &#8211; treu ergeben ist die von Nolan Grey gef&#252;hrte Miliz, ebenso wie eine f&#252;r die allgemeine Disziplin an Bord zust&#228;ndige Zugpolizei. Zwar gibt es eine Art Bordsatzung, in der die Beilegung von Konflikten und die Bestrafung von Verbrechen geregelt sind,<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref> jedoch handelt die Exekutive meist ohne R&#252;cksicht auf dieses judikative Beiwerk. Cavill selbst verweist auf die Willk&#252;r des Rechtssystems an Bord, als sie die schwangere Zarah durch Erpressung zur Kooperation zwingt: &#187;It&#8217;s a privilege having a child on <italic>Snowpiercer</italic>. It&#8217;s not a right. And privileges, well, they can be taken away as easily as they have been given&#171; (S01E07: T<sc>he</sc> U<sc>niverse is</sc> I<sc>ndifferent</sc>. US 2020, Regie: Helen Shaver). W&#228;hrend moderne Staatstheorien sich einig sind, dass universelle Rechte allen realen Personen gleicherma&#223;en zugestanden werden m&#252;ssen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Benz 117&#8211;120</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B13">H&#246;sle 806</xref>), wurde das Prinzip der Pers&#246;nlichkeitsrechte an Bord des <italic>Snowpiercers</italic> zugunsten eines reibungslosen Betriebsablaufs aufgegeben.</p>
<p>Ein entscheidender Unterschied zwischen der Serie und dem Comic bzw. dem Film ist somit der Fokus der Handlung, der auf dem sozialen Gef&#252;ge der Mikro-Gesellschaft liegt. Dies ist insbesondere dem seriellen Format geschuldet, das mehr Raum f&#252;r die Entwicklung von sekund&#228;ren Erz&#228;hlstr&#228;ngen bietet. W&#228;hrend die &#8250;Tailies&#8249; unter der F&#252;hrung von Layton eine Rebellion planen, um ihrer Misere zu entkommen, sieht man gleichzeitig, wie Cavill versucht, den Zug am Laufen zu halten &#8211; im w&#246;rtlichen wie auch im &#252;bertragenen Sinn. Sie muss nicht nur die durch Unwetter entstehenden Sch&#228;den am Zug reparieren und L&#246;sungen f&#252;r die unterschiedlichen Versorgungsengp&#228;sse finden, es liegt auch an ihr, die stetigen sozialen Spannungen an Bord unter einem kritischen Eskalationslevel zu halten. Die Serie nimmt sich also die Zeit, das Zusammenleben der Menschen an Bord des <italic>Snowpiercers</italic> als gleicherma&#223;en komplexes wie auch fragiles soziales Gef&#252;ge zu beleuchten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig anzumerken, dass die Serie zwar in einem postapokalyptischen Setting angesiedelt ist, in dem alle zuvor existierenden Zivilisationen ausgel&#246;scht sind, die Handlung jedoch keinen gesellschaftlichen Neubeginn von einem &#8250;Point Zero&#8249; beschreibt, wie man es von anderen postapokalyptischen Fiktionen kennt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Guo</xref>). Das Besondere des <italic>Snowpiercers</italic> ist gerade, dass seine Erschaffer:innen vor dem Systemkollaps ein neues, k&#252;nstliches Mikrosystem erdacht haben, das jedoch viele der Missst&#228;nde des alten Systems reproduziert und sogar akzentuiert. Der <italic>Snowpiercer</italic> wird so zu einem dystopischen Zukunftsentwurf, der an vielen Stellen R&#252;ckverweise auf aktuelle sozio-politische Debatten zul&#228;sst. Dystopisch ist dieser Entwurf nicht nur, weil er in einem endzeitlichen Setting angesiedelt ist, sondern auch weil er ein politisches und soziales System skizziert, in dem die Entscheidungstr&#228;gerin die ethische Dimension der Entscheidungsfindung dem Effizienzgebot zuliebe abgeschrieben hat. &#187;What do you see when you look at this train&#171;, fragt Melanie Cavill Andre Layton, als dieser sich weigert ohne Zugest&#228;ndnisse an den &#8250;Tail&#8249; zu kooperieren. &#187;I see a fortress to class,&#171; lautet seine ebenso programmatische wie anklagende Einsch&#228;tzung. Cavills Antwort wiederum ist in Hinblick auf ihren Weltentwurf besonders aufschlussreich:</p>
<disp-quote>
<p>Well, I see 3000 souls surviving on a planet that is determined to freeze all life in place. We&#8217;re still in motion&#8230; alive and kicking. And it&#8217;s not thanks to chance or fate or God. It is thanks to order, meticulously maintained by Mister Wilford. A balance of need and greed and speed. (S01E02: P<sc>repare to</sc> B<sc>race</sc>. US 2020, Regie: Sam Miller)</p>
</disp-quote>
<p>Zun&#228;chst unterstreichen diese Worte Cavills Glauben an die Verantwortung des Menschen, im Guten wie im Schlechten: Waren es Menschen, die die Klimakatastrophe verursacht haben, waren es ebenso Menschen, die, v&#246;llig ohne Gottes Beihilfe, den <italic>Snowpiercer</italic> geschaffen haben. Was aus Cavills Sicht auf der menschlichen Arche z&#228;hlt, ist das reine &#220;berleben, die unterschiedlichen Lebensstandards zwischen den Klassen sind gewisserma&#223;en Sch&#246;nheitsfehler, die auf Wilfords urspr&#252;ngliche Vision des Zuges zur&#252;ck gehen und mit denen sie nun wirtschaften muss.<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref> Obwohl sich Cavill der Privilegien der ersten Klasse allzu bewusst ist, betrachtet sie die Menschen als Zahnr&#228;der einer gr&#246;&#223;eren Maschine, die vor diesem Hintergrund alle gleich sind.<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref> Dabei versteht Cavill sich selbst als Garantin des Gleichgewichts, als Vermittlerin zwischen den Anforderungen der Maschine und den Bed&#252;rfnissen und Forderungen der Menschen, denen sie versucht, das Menschliche zu nehmen, indem sie diese in ein technokratisches System integriert. Rhetorisch stellt Cavill ihre Vorstellung des <italic>Snowpiercers</italic> wie ein mathematisches Modell dar, in dem Entscheidungen allein dadurch legitimiert werden, dass sie notwendig zur Aufrechterhaltung der Systemfunktionen sind. Die Unterscheidung von Gut und B&#246;se, moralisch und unmoralisch, Bed&#252;rfnis &#8250;need&#8249; und Gier &#8250;greed&#8249; wird dabei sekund&#228;r. Von der ersten Folge der ersten Staffel an zeigen die verschiedenen Positionen und Perspektiven unterschiedlicher Charaktere jedoch die empirische Komplexit&#228;t des Systems auf. Somit rekurriert die Serie subtil auf die Unzul&#228;nglichkeit von theoretischen Entscheidungsmodellen, wie sie auch in der Ethikforschung regelm&#228;&#223;ig diskutiert wurden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B23">Nida-R&#252;melin</xref>) und unterstreicht die Schw&#228;chen der &#246;kologischen Technokratie an Bord des <italic>Snowpiercers</italic>.<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref></p>
</sec>
<sec>
<title>Strukturen und Strategien weiblicher Handlungsmacht</title>
<p>Die Figur Melanie Cavills und insbesondere ihre Weiblichkeit sind entscheidend f&#252;r die Thematisierung gesellschaftlicher Debatten aus ethischer Sicht innerhalb der Serie. Ein wichtiger Aspekt f&#252;r die filmische Inszenierung von Melanie Cavill als weibliche Anf&#252;hrerin ist das Spiel mit Symbolen, die das neu etablierte soziale Gef&#252;ge und dessen artifiziell artikulierte Werte verdeutlichen sollen. Repr&#228;sentation ist von hoher Bedeutung an Bord, um die erst k&#252;rzlich und k&#252;nstlich etablierten Kategorien, Gruppen und Klassen durch eine Visualisierungsstrategie nach au&#223;en zu tragen und dadurch zu festigen. Allgegenwertig ist das Logo des Zuges, ein plakatives W, das immer auf seinen Erschaffer und Herrscher, Wilford, verweist und dabei an Kommunikationsstrategien autorit&#228;rer Systeme erinnert.<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref> Interessanterweise wird dieses W an den Dreht&#252;ren der Wagons jedes Mal zu einem M (f&#252;r Melanie?), wenn diese ge&#246;ffnet werden.<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> Mit dieser subversiven Ambiguit&#228;t ob der Machtverteilung an Bord spielt die Serie bewusst, als Ruth beil&#228;ufig entdeckt, dass der W-Anstecker an Cavills Uniform auf dem Kopf steht und ihn wieder in die richtige Position dreht (P<sc>repare to</sc> B<sc>race</sc>, 00:07:47&#8211;00:07:51). Auch das t&#252;rkisblaue Kost&#252;m, das Wardell und Cavill als Zugbegleiterinnen tragen, ist Teil einer Performance,<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref> die dazu beitragen soll, den neu etablierten sozialen Strukturen durch eine solide Symbolik Konsistenz zu verleihen. Dabei verweisen die Uniformen allerdings nicht nur auf eine Berufszugeh&#246;rigkeit und die damit verbundene soziale Stellung, sondern reproduzieren auch, zumindest im Fall der Zugbegleiter:innenkost&#252;me, ein stereotypes Bild von Weiblichkeit, das auf tradierte Klischeebilder wie das der Stewardess verweist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Szodurch</xref>). Besonders im Fall von Cavill werden durch die jeweilige Kleidung die unterschiedlichen sozialen Rollen (Zugbegleiterin, Ingenieurin) visualisiert, die diese mit &#228;hnlicher Leichtigkeit &#252;berstreift wie die entsprechenden Uniformen. Diese Uniformen k&#246;nnten aus Genderperspektive stereotyper und gegens&#228;tzlicher nicht sein, doch Cavill tr&#228;gt sie beide gleich &#252;berzeugend. Bez&#252;glich dieser wortw&#246;rtlichen Verk&#246;rperung sozialer Rollen erscheint es auch spannend, eine anokritische Perspektive mit einzubeziehen.<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref> Tats&#228;chlich entspricht Cavill nicht mehr dem Typus der jungen Frau, der landl&#228;ufig mit dem Stereotyp der eleganten Stewardess oder Zugbegleiterin assoziiert wird. In zahlreichen Gro&#223;aufnahmen von Cavills Gesicht zeigt die Kamera die nat&#252;rlichen Spuren des &#196;lterwerdens (Schauspielerin Jennifer Connelly war w&#228;hrend des Drehs 49 Jahre alt). Ohne das Alter des Charakters explizit zu thematisieren, wird so suggeriert, dass Cavills Alter dem der Schauspielerin entspricht, wodurch ein realistisches, da plausibles Bild einer studierten und erfahrenen Wissenschaftlerin und Mutter einer achtzehnj&#228;hrigen Tochter entsteht. W&#228;hrend die Serie einerseits stark &#252;berzeichnete, m&#228;nnlich und weiblich konnotierte, Verk&#246;rperungsmodelle sozialer Klassen entwirft, entpuppt sie derartige Genderzuweisungen gleichzeitig als soziale Konstruktionen und idealtypische Modelle, denen die Individuen, die sie verk&#246;rpern, nicht vollends entsprechen.</p>
<p>Besonders interessant in Hinblick auf Cavills weibliche Handlungsmacht angesichts der &#246;kologischen und sozialen Krise ist ihre eigene Entscheidung, in die Rolle Mr. Wilfords zu schl&#252;pfen. Entscheidend hierbei ist, dass Melanie Cavill alle stereotypen Anforderungen an einen m&#228;nnlichen Anf&#252;hrer, wie sie in Popul&#228;rmedien lange verk&#246;rpert wurden, &#252;berzeugend erf&#252;llt, von der rationalen Entscheidungskraft, &#252;ber die psychische Belastbarkeit bis hin zur k&#246;rperlichen und sexuellen Performanz (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Sennewald 54&#8211;58</xref>). Nicht nur trifft sie im Alleingang und mitunter auch gegen den Rat ihrer Kolleg:innen alle zentralen politischen wie technischen Entscheidungen. Unter dem Motto &#187;I designed her [the engine], I&#8217;ll fix her&#171; (S01E06: T<sc>rouble</sc> C<sc>omes</sc> S<sc>ideways</sc>. US <sc>2020</sc>, Regie: Helen Shaver) f&#252;hrt sie auch selbst die sowohl technisch als auch k&#246;rperlich anspruchsvollen Reparaturarbeiten am Zug aus. Hinzu kommen weitere Details, die Cavill eine stereotype Virilit&#228;t zuschreiben, wie beispielsweise, als sie Bennett unvermittelt mit den Worten &#187;can I borrow you for a second&#171; in ihre Kabine bittet, ihn an die Wand st&#246;&#223;t und so einen sexuellen Akt initiiert, in dem sie nicht nur den aktiven Part &#252;bernimmt, sondern der auch allein dem Abbau ihres Stresses dient (J<sc>ustice never boarded, 00:13,28&#8211;00:13,43</sc>). H&#228;tte man Cavill als m&#228;nnlichen Protagonisten entworfen, w&#252;rde dieser den m&#228;nnlichen Genderkonventionen, wie sie im amerikanischen Mainstream h&#228;ufig immer noch konstruiert werden, vollends entsprechen. Geradezu paradigmatisch wirkt in diesem Kontext Bennetts Kommentar &#187;You have the train, Mr. Wilford&#171; zum Schichtwechsel, als er Cavill die Zugf&#252;hrung &#252;bergibt. &#187;I have the train&#171;, antwortet diese und bejaht somit, dass sie die Rolle des &#8250;Anf&#252;hrers&#8249; und &#8250;Chefingenieurs&#8249; problemlos ausf&#252;llen, dabei aber dennoch eine m&#228;nnliche Maske &#252;berziehen muss (F<sc>irst, the</sc> W<sc>eather changed</sc>).</p>
<p>Zwar wirkt Cavills Charakterentwurf f&#252;r die Zuschauenden koh&#228;rent, f&#252;r die Besatzung des Zuges performt sie hingegen eine stereotyp weibliche Rolle, deren vorrangig soziale und organisatorische Kompetenzen sie ebenso erf&#252;llt, die jedoch viele ihrer entscheidenden F&#228;higkeiten und Leistungen unterschl&#228;gt. In ihrer Inszenierung als Zugbegleiterin verk&#246;rpern stets M&#228;nner die Leistungen, die sie hinter den Kulissen selbst vollbringt. Nachdem Cavill unter Lebensgefahr eine technische St&#246;rung an der Au&#223;enseite des Zuges behoben hat, ist es ihr Kollege Bennett, der &#246;ffentlich gefeiert wird. &#220;ber allen politischen Entscheidungen wiederum steht das Idealbild des &#187;visionary Mr. Wilford&#171; (F<sc>irst, the</sc> W<sc>eather</sc> C<sc>hanged</sc>), ein gesellschaftlicher Mythos, wie <xref ref-type="bibr" rid="B3">Roland Barthes</xref> ihn analysiert hat. &#8211; Ein Narrativ, das Melanie kreiert hat und auf das sie nun ihre Macht st&#252;tzt. &#187;Attention all passengers, on behalf of Mr. Wilford, Wilford Industries wishes you a good morning&#171;, lautet der rituelle Morgengru&#223; des Zuges: Als Inkarnation des alten wei&#223;en Mannes, der Reichtum und Macht verk&#246;rpert, ist Wilford omnipr&#228;sent. Seine Macht strahlt zwar auf Melanie Cavill ab, doch sie kann sie gem&#228;&#223; der Genderkonventionen dieser Mikrogesellschaft nicht selbst in der &#214;ffentlichkeit verk&#246;rpern. Besonders eindr&#252;cklich verdeutlich die Serie dies, als die erste Klasse Cavills Entscheidungen nicht akzeptieren m&#246;chte, sodass Cavill einen Anruf an Wilford fingiert: F&#252;r die Zuschauenden entlarvt die Serie die sexistische Dimension dieser Maskerade. W&#228;hrend die Illusion einer Antwort Mr. Wilfords auf der anderen Seite der Leitung gen&#252;gt, um die Passagiere gef&#252;gig zu machen, sehen die Zuschauenden, dass es in Wirklichkeit Bennett ist, der Cavills Anruf mit den Worten &#187;[I&#8217;ll do] anything to put a smile on your face&#171; (S01E04: W<sc>ithout</sc> T<sc>heir</sc> M<sc>aker</sc>. US 2020, Regie: Frederick E. O. Toye) entgegen nimmt &#8211; aus Bennetts Mund stammend tr&#228;gt die sexistische Flirtphrase zum Spiel mit den Genderkonventionen in S<sc>nowpiercer</sc> bei.</p>
<p>Nur die Zuschauenden k&#246;nnen sich ein Gesamtbild von Cavills Charakter machen. Ironischerweise bewahrheitet sich Cavills Bef&#252;rchtung, dass sie als Frau dem &#8250;visionary Mr. Wilford&#8249; nicht die Stirn bieten kann gleich zweimal: Das erste Mal, als das Konstrukt auffliegt und Cavill umgehend jegliche Macht entzogen wird, das zweite Mal, als Wilford zur&#252;ckkehrt und gro&#223;e Teile der Besatzung in seinen Bann zieht. So entwirft die Serie mit Cavill einerseits ein Idealbild feministischer Emanzipation, andererseits zeigt sie auf, dass Cavill ihre Autorit&#228;t nur so lange aufrechterhalten kann, wie sie die Maske des m&#228;chtigen &#8211; und m&#228;nnlichen &#8211; Mr. Wilford tr&#228;gt, und verweist so mit einem gewissen Zynismus auf den strukturellen Sexismus heutiger Gesellschaften. Spannend in Hinblick auf die ethische Bewertung ihres Handelns ist die Tatsache, dass Cavill die Rolle Wilfords regelm&#228;&#223;ig nutzt, um die Verantwortung f&#252;r das ungerechte Klassensystem von sich auf Wilford zu schieben &#8211; zwar mag Wilford diese Hierarchie begr&#252;ndet haben, dennoch stellt sich die Frage, wie sich das soziale Gef&#252;ge entwickelt h&#228;tte, wenn Cavill nicht am Mythos Wilford inklusive seiner autokratischen Vorstellungen festgehalten h&#228;tte. Die Ambivalenz der Geschlechterrollen wird so von einer moralischen Ambivalenz &#252;berlagert &#8211; insbesondere da die Bewertung durch die Passagiere sich ganz klar von der Bewertung durch die Narration unterscheidet. W&#228;hrend die Zugbegleiterin Melanie in den ersten Folgen als Komplizin der ersten Klasse inszeniert wird, ist es gerade Cavills proaktives Handeln als Anf&#252;hrerin und Chefingenieurin, das sie, trotz wiederholt fragw&#252;rdiger moralischer Entscheidungen, in einem &#252;berwiegend positiven Licht erscheinen l&#228;sst.</p>
<p>Interessant ist schlie&#223;lich auch, wie die Serie Cavills komplexe Beziehung zu ihrer Tochter Alex verhandelt und dabei explizit die Frage nach ihrem &#8250;Versagen&#8249; als Mutter in den Fokus r&#252;ckt. Ganz langsam baut die Serie die Spannung rund um Melanie Cavills Tochter auf: Mit Fotographien an der Innenseite ihres Spints, enigmatischen Aussagen Cavills &#252;ber Gl&#252;ck und Verantwortung und zaghaften Nachfragen anderer Charaktere befeuert die Serie den Verdacht, dass das Verschwinden von Cavills Tochter eine wichtige Rolle f&#252;r deren Charakterentwicklung spielt. Erst in der letzten Folge der ersten Staffel erfahren die Zuschauenden, dass die Ingenieurin, ihrer eigenen Aussage zufolge, ihre Tochter f&#252;r den Zug geopfert hat. Cavill definiert sich also in erster Linie als Ingenieurin und nicht als Mutter, wie es ihre Aussage &#187;The needs of the train are more important than our own happiness. We&#8217;re engineers. We keep the world alive&#171; (The U<sc>niverse is</sc> I<sc>ndifferent</sc>) auf den Punkt bringt. Cavills Entscheidungen bauen auf rein kollektiven Faktoren auf, eine wichtige Grundlage f&#252;r ethisches Handeln (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">H&#246;sle 129</xref>). Gleichzeitig verk&#246;rpert sie ein Gegenmodell zu einer stereotyp behafteten weiblichen Moral, die in Popul&#228;rmedien regelm&#228;&#223;ig mit starker Emotionalit&#228;t und der Fokussierung auf subjektiv-famili&#228;re Aspekte assoziiert wird, die Cavill kategorisch ablehnt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Ammicht Quinn 82</xref>). Dabei ist es wichtig anzumerken, dass die Serie Cavills Entscheidung f&#252;r den Zug und gegen ihre Tochter einerseits als notwendig und beinahe alternativlos darstellt, andererseits in der zweiten Staffel ein Wiedersehen von Mutter und Tochter inszeniert, in dem die inzwischen achtzehnj&#228;hrige Alex ihrer Mutter letztendlich vergibt und erneut eine emotionale Beziehung zu ihr zul&#228;sst. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Dietmar Mieth</xref> verweist in diesem Zusammenhang auf eine &#187;Moral des Erz&#228;hlens&#171;, die erfasst, inwiefern eine Narration ein bestimmtes Verhalten als moralisch richtig oder nachvollziehbar inszeniert (90 f.): In der Tat akzentuiert die Serie einerseits eine utilitaristische Perspektive auf Cavills Verhalten gegen&#252;ber ihrer Tochter und macht dieses so durch die Narration f&#252;r die Zuschauenden nachvollziehbar. Andererseits l&#228;dt die Narration durch die Vers&#246;hnung zwischen Mutter und Tochter in der zweiten Staffel die Zuschauenden dazu ein, Cavills vermeintliches Versagen als stereotype Mutter neu zu bewerten.</p>
<p>W&#228;hrend Cavill mitnichten das idealisierte Konstrukt der guten Mutter verk&#246;rpert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B1">Ammicht Quinn 79</xref>), die dem Wohl ihrer Kinder alles andere hintenanstellt, entscheidet Layton in einer &#228;hnlichen Situation genau umgekehrt: Das Wissen um die Gef&#228;hrdung seines ungeborenen Kindes veranlasst ihn zu der Entscheidung, sich gegen den Willen seiner Waffenbr&#252;der und -schwestern zu ergeben, was die Revolution fast zum Scheitern bringt. In diesem Moment verr&#228;t Layton den kategorischen Imperativ, der seinen Bem&#252;hungen bisher als Motivation diente, da er subjektiven Pr&#228;ferenzen &#8211; also dem Schutz des eigenen Kindes &#8211; den Vorrang l&#228;sst (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">H&#246;sle 129</xref>). Die Serie vollzieht somit eine Umkehrung des klassischen Vater- und Mutterrollenmusters, in dem die Mutter dem Schutz ihrer Kinder alles andere hinten anschlie&#223;t, auch gr&#246;&#223;ere Ideale oder kollektive Ziele, w&#228;hrend der Dienst des Vaters an seinen Kindern nicht an diesen selbst sondern vielmehr an der Umwelt geleistet wird, wenn er versucht seinen Kindern eine &#8250;bessere&#8249; Welt zu hinterlassen. Zu dieser Umkehrung passt auch Cavills Entscheidung in der zweiten Staffel, sich erneut von ihrer Tochter zu trennen, um au&#223;erhalb des Zugs eine lebensgef&#228;hrliche aber f&#252;r den Zug, die Menschheit und damit auch Alex&#8217; Zukunft essenzielle Expedition zu unternehmen. Ohne Melanie Cavill auf ein bestimmtes Genderkonstrukt festzulegen, thematisiert die Serie so das komplexe Zusammenspiel aus Macht, globaler Verantwortung und individueller Verpflichtung, das Cavills Pers&#246;nlichkeitsstruktur ausmacht &#8211; deren Bewertung durch die anderen Figuren wie auch die Zuschauenden nie v&#246;llig losgel&#246;st von etablierten Genderkonventionen geschieht.</p>
</sec>
<sec>
<title>Melanie Cavills Charakterentwurf zwischen Gut und B&#246;se</title>
<p>Vor dem Hintergrund ihres skrupellosen F&#252;hrungsstils &#252;berrascht Cavills Selbsteinsch&#228;tzung, &#187;I&#8217;m mean, I&#8217;m ruthless, I&#8217;m a monster. Sure. All of it. And now what?&#171; (S01E09: T<sc>he</sc> T<sc>rain</sc> D<sc>emanded</sc> B<sc>lood</sc>. US <sc>2020</sc>, Regie: James Hawes) nur bedingt. Nicht nur aus gendertheoretischer Perspektive, sondern auch in Hinblick auf die ethische Verhandlung unterschiedlicher F&#252;hrungsstile erweisen sich die Produzent:innen vor allem durch die Erschaffung Melanie Cavills als originell. Der gleichnamige Film baut ma&#223;geblich auf dem Duo Protagonist/Antagonist, bestehend aus Curtis und Wilford, auf: W&#228;hrend Wilford, der Ingenieur des Zuges, die Inkarnation des B&#246;sen ist &#8211; zwischen Tyrann und Neoliberalem &#8211; erscheint Curtis als selbstreflektierter, empathischer und gerechtigkeitsliebender Rebellenf&#252;hrer mit sozialistischen Tendenzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Lee und Manicastri</xref>). Diese Beschreibungen treffen auf die beiden Charaktere (Wilford und Andre Layton als Pendant zu Curtis) in der Serie durchaus noch zu, jedoch wird ihre eindeutige moralische Bewertung durch das Auftreten von Cavill erschwert. Die Erfindung Cavills weicht somit die klaren Zuordnungsprinzipien Gut gegen B&#246;se auf. Die Darstellung Cavills wandelt sich dabei im Laufe der Handlung von der berechnenden, kaltherzigen Antagonistin zur verantwortungsbewussten Protagonistin, was auch die moralische Bewertung von Andre Layton beeinflusst.</p>
<p>Um den reibungslosen Betriebsablauf zu garantieren, akzeptiert Cavill, wie bereits erw&#228;hnt, die Mechanismen der Willk&#252;rherrschaft an Bord, bedient sich unter dem Deckmantel Wilfords selbst der Folter und Erpressung, um die menschlichen Zahnr&#228;der des Systems ebenso unter Kontrolle zu haben wie die technischen. Sehr schnell wird jedoch klar, dass Melanie Cavill mehr ist, als die klassische antagonistische Figur, ein Ersatz f&#252;r Wilford, in dessen Rolle sie geschl&#252;pft ist. Weder ist sie genuin b&#246;se, noch handelt sie aus rein egoistischen Bestrebungen heraus, auch ist sie mehr als nur die unmoralische und skrupellose Handlangerin der ersten Klasse. Ihr politisches Handeln ist nicht prim&#228;r machtorientiert, sondern entspricht vielmehr der etymologischen Bedeutung des Wortes, im Sinne eines Handelns, das &#187;f&#252;r den Staat [bzw. den Zug] gut ist&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">H&#246;sle 94</xref>). In diesem Kontext ist es wichtig anzumerken, dass Cavill nur die Erbin und nicht die Begr&#252;nderin des herrschenden Systems ist &#8211; das urspr&#252;nglich von Wilford erdacht wurde. Vielmehr scheint die stark hierarchische und sozial ungerechte Struktur in gro&#223;en Teilen eine Erfindung Wilfords gewesen zu sein, die Melanie Cavill jedoch nicht grundlegend ver&#228;ndern kann, ohne das Funktionieren des Zuges zu gef&#228;hrden.</p>
<p>Im Laufe der ersten Staffel wird klar, dass Cavills unter Tr&#228;nen hervorgebrachte Aussage &#187;I&#8217;m fighting to do what I know is right&#171; (S01S08: T<sc>hese</sc> A<sc>re</sc> H<sc>is</sc> R<sc>evolutions</sc>. US <sc>2020</sc>, Regie: Everardo Gout) ihren Selbstentwurf auf den Punkt bringt. Tats&#228;chlich entspricht Cavills Leben und Arbeit an Bord des <italic>Snowpiercers</italic> einem st&#228;ndigen Kampf: gegen die revolution&#228;re Energie der dritten Klasse und der &#8250;Tailies&#8249;, mit der Dekadenz der ersten Klasse, gegen ihre pers&#246;nlichen Schuldgef&#252;hle, vor allem jedoch gegen die alles zerst&#246;renden Naturgewalten au&#223;erhalb des Zuges. Diese bestimmen, was Cavill als das Richtige einordnet, weshalb sie auch &#8250;wei&#223;, was richtig ist&#8249; und es nicht nur glaubt, hofft oder denkt: Cavill vermittelt ganz bewusst den Eindruck, dass ihre Weltanschauung und ihre Handlungsmaxime auf rein wissenschaftlichen, rationalen Kalk&#252;len aufbauen, die keiner weiteren ethischen Auswertung bed&#252;rfen oder diese &#252;berhaupt zulassen w&#252;rden. Dabei ist sie durchaus darauf bedacht, ihre Handlungen im Dienste der Menschheit zu verorten. &#187;I saved humanity&#171; (S01E09, T<sc>he</sc> T<sc>rain demanded</sc> B<sc>lood</sc>) ist ihre n&#252;chterne Bilanz nach sieben Jahren, in denen sie den <italic>Snowpiercer</italic> einigerma&#223;en sicher am Laufen gehalten hat. W&#228;hrend Andre Laytons Dienst an der Menschheit vielmehr als Kampf f&#252;r mehr Menschlichkeit zu verstehen ist &#8211; eine Ambivalenz, die im englischen Wort &#8250;humanity&#8249; immer mitschwingt &#8211; gilt Cavills Aufmerksamkeit der Menschheit als Spezies, mit einem &#228;hnlich k&#252;hlen Pragmatismus wie ihn Biolog:innen beim Artenschutz an den Tag legen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Bode</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B15">Kadlec</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B18">Lenk</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B27">Seel</xref>). Dabei ist es sicherlich nicht ohne Bedeutung, dass Cavill die reale Verantwortung f&#252;r das Funktionieren des Zuges und dadurch auch das &#220;berleben der Spezies Mensch tr&#228;gt. Was z&#228;hlt, ist nicht das Individuum, sondern die Art, und somit steht das &#220;berleben einer gr&#246;&#223;tm&#246;glichen Gruppe &#252;ber der Lebensqualit&#228;t der Einzelnen. Cavill entwickelt sozusagen eine Art biologisch motivierten Utilitarismus,<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref> der das bestm&#246;gliche &#220;berleben f&#252;r die gr&#246;&#223;tm&#246;gliche und genetisch vielf&#228;ltigste Gruppe menschlicher Individuen anstrebt. Wie sehr ihr Handeln auf dieses &#220;berleben der Art ausgerichtet ist, zeigt sich, als sie Andre Layton erkl&#228;rt, wozu ihre Experimente mit eingefrorenen Passagieren dienen, und zwar nicht, wie zun&#228;chst vermutet, der heimlichen Beseitigung von Straft&#228;ter:innen und politischen Gegner:innen, sondern dem &#220;berleben der Spezies Mensch im Falle eines Zugungl&#252;cks:</p>
<disp-quote>
<p>They&#8217;re not a prison. They&#8217;re a lifeboat. We&#8217;re hanging by our nails [&#8230;] The whole goddamn human experiment, it can be undone by a bloom of mold. If the social order collapses, if resources fail, if mechanics fail, our best hope is to keep life in suspension, to keep people in stasis while we ride out this Freeze. Four hundred people. They were selected for diversity, for health, for skills. To give us a fighting chance at the other side. (S01E06: T<sc>rouble comes</sc> S<sc>ideways</sc>)</p>
</disp-quote>
<p>Ohne dass es hier explizit ausgesprochen wird, k&#246;nnen die Zuschauenden durch ihr Vorwissen erahnen, dass die betroffenen Personen nicht um ihre Zustimmung gebeten wurden. Es geh&#246;rt zu Cavills markantesten Charaktereigenschaften, Entscheidungen f&#252;r die anderen Besatzungsmitglieder einzig auf Grundlage ihrer eigenen Einsch&#228;tzung zu treffen; gleichzeitig wurden in den vorherigen Folgen, Listen mit den ausgew&#228;hlten Passagieren gezeigt, welche jedoch nicht in Kenntnis dar&#252;ber waren, sich auf einer derartigen Liste zu befinden. Wenn es um die Kriterien moralisch richtigen Entscheidens geht, lassen sich vier Punkte unterscheiden. So muss die:der Entscheidungstragende zun&#228;chst &#187;Werte von objektiven Zust&#228;nden&#171;, z.B. von Institutionen ebenso ber&#252;cksichtigen wie &#187;moralisch subjektive Werte&#171;, also Absichten, Forderungen und Gef&#252;hle bestimmter Personen(-gruppen). Zus&#228;tzlich ist es notwendig, durch empirisches Wissen die eventuellen Nebenfolgen m&#246;glichst genau abzuw&#228;gen. Schlussendlich sollte auch ein &#187;kommunikatives Interesse&#171; verfolgt werden, indem &#187;man nicht nur &#252;ber, sondern auch von den betreffenden Personen&#171; zu lernen versucht (<xref ref-type="bibr" rid="B13">H&#246;sle 200</xref>). Bei ihren Entscheidungen befolgt Cavill die Punkte eins und drei stringent: Tats&#228;chlich ist ihr Handeln stets dadurch bem&#252;ht, das Betriebs- und Sozialsystem <italic>Snowpiercer</italic> zu bewahren und dabei auch zum Ausgleich zwischen den Klassen beizutragen, wie es z.B. in der Reform des &#8250;Night Wagons&#8249; angedeutet wird. Dabei liegt es in ihren Denkmustern als Ingenieurin verankert, die empirisch kalkulierbaren Folgen zur wichtigsten Entscheidungsgrundlage zu machen. Auch dem zweiten Punkt schenkt sie zumindest manchmal Beachtung, beispielsweise, wenn sie sich anl&#228;sslich des Streiks der dritten Klasse Audreys Argumente anh&#246;rt. Der vierte Punkt jedoch f&#228;llt vollkommen aus ihrem Entscheidungsmuster, wie das Beispiel der Kryokapseln verdeutlicht.</p>
<p>Doch auch wenn dieser Ausschnitt zeigt, dass Melanie Cavill den freien Willen der Passagiere f&#252;r ihre Entscheidungen kaum ber&#252;cksichtigt, inszeniert die Sequenz f&#252;r die Zuschauenden eine Wende in der ethischen Wahrnehmung der beiden Protagonist:innen. Wurde Layton zu Beginn als hehrer Krieger im Dienste der Menschheit der skrupellosen Systemutilitaristin Melanie Cavill als ethisch &#252;berlegen dargestellt,<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref> &#228;ndert sich dies im Laufe der ersten Staffel. Die angesprochene Szene inszeniert einen &#8250;ethical turn&#8249;: Zu Beginn der Sequenz lauert Layton Cavill auf und bedroht diese mit einem Skalpell, da er von den Kryokammern erfahren hat. Durch einen Schneerutsch ger&#228;t der Zug ins Wanken, beide st&#252;rzen, doch Layton f&#228;ngt sich schneller und steht nun bedrohlich &#252;ber Melanie Cavill, die ihre Hand sch&#252;tzend &#8211; aber auch mit einer gewissen Autorit&#228;t &#8211; &#252;ber sich h&#228;lt (S01E06: T<sc>rouble comes</sc> S<sc>ideways, 00:24:53&#8211;00:25:10</sc>). W&#228;hrend sie Layton &#252;ber die Funktion der Kryokammern aufkl&#228;rt, steht sie langsam auf, bis sie wieder mit Layton, der durch die Wucht ihrer Worte handlungsunf&#228;hig geworden ist, auf Augenh&#246;he ist (00:25:10&#8211;00:25:41). Die Kameraperspektiven unterstreichen diese Bewegungen durch die verschiedenen Einstellungen, insbesondere Nahaufnahmen Laytons und Cavills aus einer Unter- bzw. Obersicht (<sc>00:24:59&#8211;00:25:10</sc>) bevor beide einander gegen&#252;berstehend in einer Halbnahaufnahme zu sehen sind (00:25:22&#8211;00:25:41). Dadurch verweist die Kameraf&#252;hrung, aus ethischer Perspektive, auf eine Wende in der Darstellung Cavills deren Motive nach und nach offengelegt werden und so nachvollziehbarer erscheinen.</p>
</sec>
<sec>
<title>Verantwortungsdenken in S<sc>nowpiercer</sc></title>
<p>Der Stellenwert, den die beiden Protagonist:innen ihrem eigenen Gl&#252;ck, bzw. dem Wohlergehen ihrer Angeh&#246;rigen einr&#228;umen, ist eng verkn&#252;pft mit ihrer Auffassung von kollektiver Verantwortung. Alles, was sie tun, wird von der &#220;berzeugung bestimmt, sie allein m&#252;ssten f&#252;r das Wohlergehen einer gr&#246;&#223;eren Gruppe sorgen. Legt man Cavills und Laytons Verhalten das Modell der &#187;Mehrstelligkeit von Verantwortung&#171; von Valentin Beck zugrunde (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Beck 40</xref>), stellt man fest, dass sich das Pflichtbewusstsein der beiden Charaktere in manchen Punkten gleicht, allerdings auch entscheidende Unterschiede aufweist. Beck unterscheidet acht Komponenten einer Verantwortungsbeziehung:</p>
<table-wrap>
<caption>
<p>Vgl. Beck 2016: 40; Nummerierung wie im Original.</p>
</caption>
<table>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">I</td>
<td align="left" valign="top">Jemand</td>
<td align="left" valign="top">(Subjekt)</td>
<td align="left" valign="top">Layton</td>
<td align="left" valign="top">Cavill</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">II</td>
<td align="left" valign="top">F&#252;r Etwas</td>
<td align="left" valign="top">(Objekt)</td>
<td align="left" valign="top">Besseres Leben der Taillies</td>
<td align="left" valign="top">Funktionieren des<break/><italic>Snowpiercers</italic></td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">III</td>
<td align="left" valign="top">In Bezug auf</td>
<td align="left" valign="top">(normative Standards)</td>
<td align="left" valign="top">Soziale Gerechtigkeit<xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref></td>
<td align="left" valign="top">&#214;kologisch-technokratische<break/>Notwendigkeit</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">IV</td>
<td align="left" valign="top">Vor</td>
<td align="left" valign="top">(Rechtfertigungsinstanz)</td>
<td align="left" valign="top">Tailies Zugsatzung</td>
<td align="left" valign="top">1. Klasse,<break/>Zugsatzung</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">V</td>
<td align="left" valign="top">R&#252;ckblickend/<break/>Vorausschauend</td>
<td align="left" valign="top">(Zeitrichtung)</td>
<td align="left" valign="top">Vorausschauend</td>
<td align="left" valign="top">Vorausschauend</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">VI</td>
<td align="left" valign="top">Gegen&#252;ber jmd.</td>
<td align="left" valign="top">(Adressat)</td>
<td align="left" valign="top">Tailies</td>
<td align="left" valign="top">Ganzer Zug</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">VII</td>
<td align="left" valign="top">Mit</td>
<td align="left" valign="top">(Ausrichtung)</td>
<td align="left" valign="top">Deontologisch und<break/>intentionalistisch</td>
<td align="left" valign="top">Teleologisch und<break/>universalistisch</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">VIII</td>
<td align="left" valign="top">In</td>
<td align="left" valign="top">(Sozialer Kontext)</td>
<td align="left" valign="top">&#8250;Snowpiercer&#8249;</td>
<td align="left" valign="top">&#8250;Snowpiercer&#8249;</td>
</tr>
<tr>
<td colspan="5"><hr/></td>
</tr>
</table>
</table-wrap>
<p>Die Rahmenbedingungen beider Verantwortungsbeziehungen sind &#228;hnlich. Sowohl f&#252;r Melanie Cavill als auch f&#252;r Andre Layton bildet der <italic>Snowpiercer</italic> den sozialen Kontext und beide beziehen sich in ihrem Handeln und ihren Entscheidungen auf eine immanente Zukunft. Was die Rechtfertigungsinstanz betrifft, bleibt diese in der Serie relativ vage. Layton f&#252;hlt sich dem &#8250;Tail&#8249; verpflichtet, w&#228;hrend Cavill dem Zug, im Grunde aber vor allem der einflussreichen ersten Klasse, Rede und Antwort schuldig ist &#8211; die Zugsatzung, die dem Handeln beider theoretisch gewisse Normen auferlegt, wird nur peripher thematisiert. Worin sich die beiden Verantwortungsbeziehungen jedoch grundlegend unterscheiden, sind Objekt und Adressat. W&#228;hrend Cavill sich dem gesamten Zug gegen&#252;ber verantwortlich f&#252;hlt, hierbei jedoch ihre Anstrengungen auf das Funktionieren des Zuges und nicht den Lebensstandard der Einzelnen konzentriert, hat sich Layton dem Kampf f&#252;r eine Klasse verschrieben. Auch die normativen Standards, die beide Charaktere ihren Handlungen zugrunde legen, divergieren. Interessieren soll hier aber vor allem die Ausrichtung. Denn die Frage nach der moralischen Ausrichtung verweist auf die Momente, in denen die beiden Protagonist:innen an ihre moralischen Grenzen gebracht werden, wie es zwei Schl&#252;sselmomente verdeutlichen, die ich im Folgenden diskutieren werde.</p>
<p>Cavills Schl&#252;sselmoment liegt vor Beginn der Handlung der Serie, wird jedoch in der ersten Staffel mehrmals implizit angesprochen, bevor er in der zweiten Staffel expliziert wird (S02E06: M<sc>any</sc> M<sc>iles from</sc> S<sc>nowpiercer</sc>. US <sc>2021</sc>, Regie: Leslie Hope) &#8211; es handelt sich dabei um die Entscheidung, ohne ihre Tochter abzufahren und diese damit aller Wahrscheinlichkeit nach zum Tode zu verurteilen. Als der <italic>Snowpiercer</italic> zur Abfahrt bereitsteht, sieben Jahre vor der ersten Folge, ist Cavills kleine Tochter Alex noch nicht an Bord. Ihre Gro&#223;eltern sollten sie bringen, doch Cavill hat keine Neuigkeiten von ihnen. Sie beschlie&#223;t, ohne ihre Tochter loszufahren, bevor Wilford in den Zug steigt &#8211; denn Wilford, da sind sie und Bennett sich einig, w&#252;rde das gesamte Unterfangen durch seine Grausamkeit und Gier in k&#252;rzester Zeit zum Scheitern bringen. Immer wieder wird in der ersten Staffel klar, wie sehr diese Entscheidung Cavills Tun und Denken noch nachhaltig pr&#228;gt. Bei der Diskussion &#252;ber die Kryokammern, wirft Layton Cavill vor, sie allein w&#252;rde entscheiden, wer in die Kryokammern kommt, also dar&#252;ber, wer &#252;berlebt und wer stirbt. Cavill antwortet mit einer augenscheinlichen Gegenattacke, die in Wahrheit vielmehr ihren eigenen Kampf mit der Vergangenheit und ihren m&#252;tterlichen Schuldgef&#252;hlen zum Ausdruck bringt: &#187;We all made that choice, when we borded this train, and we left people behind&#171; (S01E06: T<sc>ouble comes sideways</sc>). So hat Cavill schon vor Jahren die Entscheidung getroffen, pers&#246;nliche, emotionale Belange den Bed&#252;rfnissen der Kollektivit&#228;t unterzuordnen, die Menschheit als Spezies und den Erhalt des Zuges als Maschine &#252;ber das Gl&#252;ck oder Leben des Einzelnen zu stellen &#8211; sei es das ihre oder das ihrer einzigen Tochter.</p>
<p>Obwohl eine emotional aufgeladene Therapieszene verdeutlicht, wie sehr Cavill unter ihrer Entscheidung leidet &#8211; ihre Aussage &#187;I would give anything just to hold you again&#171; (S01E10: 994 C<sc>ars</sc> L<sc>ong</sc>. US <sc>2020</sc>, Regie: James Hawes) suggeriert gar, dass sie diese bereut &#8211; r&#252;ckt sie auch in der zweiten Staffel nicht von ihrer Grund&#252;berzeugung gegen&#252;ber ihren kollektiven Verpflichtungen ab. Diese gleichen einem kategorischen Imperativ, den auch das Wiedersehen mit Tochter Alex nicht ersch&#252;ttert. Nach wenigen Folgen der Ann&#228;herung stimmt Cavill einer riskanten Au&#223;enmission zu, die sie erneut auf unbestimmte Zeit von ihrer Tochter trennen wird. Alex reagiert mit Unverst&#228;ndnis und Ver&#228;rgerung. Ihre Aussage, &#187;Leave me once, that&#8217;s a decision. Then you leave me twice, and then that becomes a choice&#171; (S02E03: A G<sc>reat</sc> O<sc>dyssey</sc>. US <sc>2021</sc>, Regie: David Frazee) stellt klar, dass Cavills Haltung nicht l&#228;nger als Entscheidung in einer Situation gewertet werden kann, in der sie mehr auf die Ereignisse reagiert hat als sie zu lenken, sondern eindeutig als ethische Grund&#252;berzeugung und Priorit&#228;tensetzung ausgelegt werden muss. Letztendlich jedoch scheint Alex die Wahl ihrer Mutter zu akzeptieren. Als sie dieser gesteht, dass sie das Bremsen des Zuges am liebsten verhindert h&#228;tte, um mehr gemeinsame Zeit zu haben, antwortet Cavill n&#252;chtern, &#187;But we did what we had to do&#171; (S02E03: A G<sc>reat</sc> O<sc>dyssey</sc>) und schlie&#223;t damit ihre Tochter in ihren ethischen Verhaltenskodex mit ein &#8211; eine Kategorisierung, der Alex nichts entgegensetzt. Durch die narrative Strategie wird Cavill folglich als ethisch gefestigter Charakter dargestellt. Gleichzeitig erm&#246;glicht die regelm&#228;&#223;ige Thematisierung und analeptische Inszenierung der Zeit vor der Abfahrt die Darstellung einer emotionalen Fragilit&#228;t, die Cavill konsequent aus ihren Entscheidungen heraush&#228;lt.</p>
<p>Ganz anders ist dies bei Layton, dessen emotionaler Charakter mitunter seine Entscheidungsfindung zu beeinflussen droht. Auch Laytons Schl&#252;sselmoment bezieht sich auf eine Wahl dar&#252;ber, wessen &#220;berleben er privilegiert und illustriert dabei einen Wechsel von einer klar deontologischen zu einer vielmehr teleologischen Evaluierung der Situation. Doch was die Serie in Bezug auf Cavill vor die Diegese verlagert hat, inszeniert sie bei Layton auf dem dramatischen H&#246;hepunkt der dargestellten Handlung. Als die Revolution zu scheitern droht, da die Rebell:innen in der Falle sitzen und Layton sich ergeben will, wechselt Cavill, die inzwischen die Kontrolle &#252;ber den Zug verloren hat, die Seiten und schl&#228;gt den Rebell:innen einen unverhofften Ausweg vor. Es gibt die M&#246;glichkeit, einen Teil des Zuges zu entkoppeln, in welchem sich die Soldaten sowie einige Angeh&#246;rige der ersten Klasse befinden. Der abgekoppelte Teil k&#246;nnte auf ein Abstellgleis gelenkt werden, damit Anfang und Ende dann wieder zusammengef&#252;gt w&#252;rden. Cavill erkl&#228;rt sich bereit, den vorderen Teil zu entkoppeln, Layton soll den hinteren &#252;bernehmen. Bennet steuert seinerseits die Weichen aus der Lokomotive. Gel&#228;nge das Unterfangen nicht, w&#252;rde auch der hintere Zugteil erfrieren, der vordere h&#228;tte nicht genug Ressourcen um langfristig zu &#252;berleben, w&#252;rde also verhungern. Als Cavill ihren Hebel bereits bet&#228;tigt hat, stellt Layton mit Entsetzen fest, dass in dem abzutrennenden Teil des Zuges auch mehrere Dutzend &#8250;Tailies&#8249; angekettet sind, die bei einem der vorherigen K&#228;mpfe gefangen genommen wurden. So ist er gezwungen, seine Freunde, die bis zum letzten Moment glauben, er sei gekommen, sie zu retten, in den Tod rasen zu lassen, um das &#220;berleben des Zuges zu sichern. Auf Laytons Vorwurf: &#187;You knew I&#8217;d have to cut them&#171; antwortet Cavill: &#187;I knew the choice would be yours. It&#8217;s what we live with, every second of our existence&#171; (S01E09: T<sc>he</sc> T<sc>rain demanded</sc> B<sc>lood</sc>) &#8211; es ist schwer zu entscheiden, welche der zwei Aussagen mehr Zustimmung verdient, da sie dasselbe Dilemma aus zwei verschiedenen Perspektiven beleuchten. W&#228;hrend Layton den Zugzwang, in dem er handeln musste, unterstreicht, betont Cavill, dass der Mensch aufgrund seines freien Willens immer eine Wahl hat, f&#252;r die er die Verantwortung tragen muss.</p>
</sec>
<sec>
<title>Schlussbemerkung</title>
<p>Ziel des vorliegenden Artikels war es, die ethischen Denk- und Handlungsmuster der Figuren sowie die moralische Bewertung des gesellschaftlichen Systems vor dem Hintergrund eines postapokalyptischen Szenarios zu beleuchten. Dabei wurde insbesondere gezeigt, wie S<sc>nowpiercer</sc> durch die Erschaffung der Protagonistin Melanie Cavill innovative Perspektiven auf genderspezifische Fragen und das Verh&#228;ltnis der Geschlechter in einer postapokalyptischen Welt entwirft. Eine eingehendere Untersuchung anderer weiblicher Charaktere wie Ruth Wardell oder Bess Till, die den Rahmen dieses Aufsatzes gesprengt h&#228;tte, k&#246;nnte in diesem Sinn weitere spannende Einblicke in die emanzipierte und feministische Darstellung weiblicher Figuren innerhalb der Serie liefern, die stets &#252;berlagert wird von selbstreflexiven Kommentaren &#252;ber den Sexismus postmoderner Gesellschaften. Im Zuge der Untersuchung wurde auch offenbar, dass die Konfrontation der beiden Anf&#252;hrer:innenfiguren Cavill und Layton die ethische Bewertung ihrer F&#252;hrungsstile im Vergleich zur Filmvorlage deutlich erschwert. Die Frage nach der Wahl, die man trifft, ist in der Serie zentral f&#252;r die Verhandlung ethischer Leitlinien. Immer wieder wird sie, meist von Cavill, mit verschiedenen Subtexten gestellt. Der Auszug aus der &#220;bergaberede Cavills nach Laytons gelungener Revolution (&#187;We&#8217;re all haunted by our choices &#8230;&#171;, vgl. weiter oben S. 3) unterstreicht noch einmal, dass sie die Verantwortung f&#252;r die jetzige Situation einzig den Menschen zuschreibt. Gleichzeitig vermittelt die Darstellung der Ereignisse gezielt den Eindruck, dass die Protagonist:innen in Wirklichkeit keine Wahl haben, oder eben immer eine, die in Wirklichkeit keine ist: seine Freunde opfern, oder den gesamten Zug; die eigene Tochter zur&#252;cklassen, oder den ganzen Zug ins Verderben laufen lassen. Angesichts dieser Dilemmas entscheiden die beiden Held:innen immer richtig, das hei&#223;t so, dass die Zuschauenden, aufgrund der seriellen Narration, ihre Entscheidungen nachvollziehen k&#246;nnen. Erscheint Layton emotional nahbarer und moralisch integrer, so macht die Serie immer wieder klar, dass der Zug nur dank Cavill &#252;berhaupt noch am Fahren ist. Wiederholte Erpressungen, Folterungen oder moralisch bedenkliche Entscheidungen ist man daf&#252;r geneigt, in Kauf zu nehmen. Erstaunlich ist, dass diese Entscheidungen, die den Akteur:innen nur bedingt die Wahl lassen, als absolut notwendig, aber individualethisch falsch herausgestellt werden. Somit betont die Serie ununterbrochen, dass angesichts von Katastrophen mit dem Ausma&#223; des Klimawandels, menschliche Dimensionen von Ethik obsolet werden und selbst innerhalb einer Enklave wie dem <italic>Snowpiercer</italic>, wo anders als in vielen anderen postapokalyptischen R&#228;umen nicht pures Chaos herrscht, ethische Ideale hinter den Notwendigkeiten des puren &#220;berlebens zur&#252;cktreten m&#252;ssen. Insbesondere der Widerspruch zwischen neo-liberalem Wohlstandsdenken, das an Bord des <italic>Snowpiercers</italic> zu einer &#8250;Fin de Si&#232;cle&#8249; &#228;hnlichen Dekadenz verkommen ist, und dem Wissen um einen menschengemachten Klimawandel und die daraus resultierende Verantwortung f&#252;r die Katastrophe scheint in diesem Sinn weniger Dystopie als realistische Zukunftsprognose.</p>
</sec>
</body>
<back>
<sec>
<title>Autorin</title>
<p>Sophia Mehrbrey schloss 2012 einen Bachelor in European Studies an der Universit&#228;t Passau ab. Nach einem Master an der Universit&#228;t Rouen im Fachbereich Lettres Modernes mit einer Arbeit zur Darstellung Russlands in franz&#246;sischen Schriften des 18. Jahrhunderts trat sie dort 2014 eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an. 2019 wurde sie bei Prof. Dr. Claudine Poulouin promoviert (Titel der Arbeit: <italic>Figures d&#8217;enfance &#8211; repr&#233;sentations de l&#8217;enfant dans la litt&#233;rature fran&#231;aise des XVIIe et XVIIIe si&#232;cles</italic>, Winter 2022). Von 2019&#8211;2022 war sie im Graduiertenkolleg &#187;Europ&#228;ische Traumkulturen&#171; mit einem Postdoc-Projekt zur &#228;sthetischen Darstellung kindlicher Traumwelten besch&#228;ftigt. Seit Juli 2022 arbeitet sie als Postdoktorandin am Romanischen Seminar Heidelberg. Als Mitglied der GFF interessiert sie sich insbesondere f&#252;r die sozio-politische Dimension alternativer Weltentw&#252;rfe: So entstanden in den letzten Jahren Beitr&#228;ge zu Cyrano de Bergeracs <italic>L&#8217;Autre Monde</italic> oder der politischen Dimension kindlicher Traumerz&#228;hlungen.</p>
</sec>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>In diesem Kontext kann man z. B. anmerken, dass 2017 durch #metoo eine entscheidende Wende im Feminismus gerade in der Medienbranche markiert wurde. Aus &#246;kologischer Perspektive wiederum h&#228;ufen sich seit einigen Jahren weltweit Naturkatastrophen, die dem Klimawandel eine bislang unbekannte Dynamik verleihen.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Etymologisch gesehen bezieht sich das Politische auf die &#8250;polis&#8249;. Politisch ist in diesem Verst&#228;ndnis, was gut f&#252;r den Staat ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">H&#246;sle 94&#8211;104</xref>). Im modernen Verst&#228;ndnis von Politik, gepr&#228;gt durch die von Max Weber etablierten Macht- und Herrschaftsdefinitionen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Weber</xref>), bezieht sich Politik jedoch h&#228;ufig auf die Vertretung von Machtinteressen. Ethik in ihrer maximalistischen Definition wiederum bezeichnet die moralische Bewertung der Politik (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Seel</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Rawls</xref>). Aufgrund ihrer Verstrickung in die sozio-politischen Konflikte an Bord des <italic>Snowpiercers</italic>, beziehe ich mich im Folgenden auch auf eine politische Dimension der Ethik.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Wie genau dieses neue politische System aussehen soll, wird in der Serie kaum verhandelt. Zu Beginn scheint Layton eine basisdemokratische, klassenlose Ordnung anzustreben, die auf den bereits bestehenden Strukturen aufbaut. Durch den Einfall Wilfords ruft er jedoch schon kurz danach, in Staffel 2, das Kriegsrecht aus.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Dies wird dadurch verst&#228;rkt, dass die zweite Klasse, das &#196;quivalent zur Mittelschicht, nur sehr am Rande vorkommt.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Auch durch die kriminologische Rahmenhandlung l&#228;dt die erste Staffel zu einer Assoziation mit dem mehrfach verfilmten Roman <italic>Murder on the Orient Express</italic> (Agatha Christie 1934) ein.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Zu &#246;kokritischen Tendenzen in postapokalyptischen Erz&#228;hlungen vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B26">Solte-Gresser und Schmitt 38&#8211;41</xref>.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Diese wird in S01E05 (J<sc>ustice</sc> N<sc>ever</sc> B<sc>oarded</sc>) erstmals explizit erw&#228;hnt, als die dritte Klasse f&#252;r die vermeintliche M&#246;rderin aus der ersten Klasse einen Prozess fordert, in dem sich die richterliche Instanz aus jeweils einer:m Vertreter:in jeder Klasse (mit Ausnahme der klassenlosen &#8250;Tailies&#8249;) zusammensetzt. Die Satzung orientiert sich in seinen judikativen Leitlinien somit an feudalen Systemen wie beispielsweise der St&#228;ndegesellschaft des Ancien Regimes, wo die Generalst&#228;nde sich ebenfalls aus gleichgro&#223;en Vertretungen der drei St&#228;nde zusammensetzten, ungeachtet der Tatsache, dass Klerus und Adel weit weniger Menschen z&#228;hlten als der dritte Stand. (Vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">hierzu Bulst</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B20">Michelet</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Besonders deutlich wird dies bei Laytons erstem Gang durch die erste Klasse. Auf seine Emp&#246;rung hin, dass die wenigen geretteten Kunstwerke (z.B. Vermeers <italic>M&#228;dchen mit dem Perlenohrgeh&#228;nge</italic> oder Van Goghs <italic>Sonnenblumen</italic>) nun den Augen der ersten Klasse vorbehalten seien, macht Cavill keine Anstalten, dieses ungerechte Privileg anzuprangern. Gleichzeitig wertet sie Laytons Wut als gerechtfertigt und schl&#228;gt ihm vor, diese geteilte Wut zu nutzen, um die erste Klasse zumindest in der Frage der aufzukl&#228;renden Mordreihe zur Rechenschaft zu ziehen (Vgl. S01E04: W<sc>ithout their</sc> M<sc>aker</sc>. US 2020, Regie: Frederick E. O. Toye).</p></fn>
<fn id="n9"><p>Um einen angek&#252;ndigten Aufstand der dritten Klasse zu beruhigen, erinnert Cavill die Passagiere an ihre Pflichten als stumme Zahnr&#228;der der Zugmechanik und argumentiert: &#187;These are the terms. We all have our places and our jobs&#171; und suggeriert mit dem umfassenden Personalpronomen eine vermeintliche Gleichheit unter allen Passagieren (S01E06: T<sc>rouble</sc> C<sc>omes</sc> S<sc>ideways</sc>. US 2020, Regie: Helen Shaver).</p></fn>
<fn id="n10"><p>&#196;hnliche Beobachtungen wurden auch bez&#252;glich des gleichnamigen Spielfilms gemacht (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Lee und Manicastri</xref>).</p></fn>
<fn id="n11"><p>Nach Wilfords R&#252;ckkehr in der zweiten Staffel intensiviert sich der Verweis auf den Totalitarismus durch die Einf&#252;hrung verschiedener Gr&#252;&#223;e, die ein W symbolisieren, darunter auch ein ausgestreckter Arm dessen gespreizte Zeige-, Mittel- und Ringfinger ein W formen. Ein auf der Brust nachgefahrenes W wiederum erinnert vielmehr an eine Mischung aus Kreuzzeichen und dem aus <italic>Die Welle</italic> (Morton Rhue 1981) bekannten Gru&#223; des p&#228;dagogischen Totalitarismusexperiments.</p></fn>
<fn id="n12"><p>Interessant ist es auch, dass Melanies Initiale, in Opposition zum W f&#252;r Wilford, auch als Abk&#252;rzung f&#252;r &#8250;Male&#8249; gelesen werden k&#246;nnte und dadurch das Spiel mit den Geschlechterrollen auf symbolischer Ebene aufgreifen und noch einmal vertiefen w&#252;rde.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Zur politischen Dimension dieser Kost&#252;me vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Hofmann</xref>. In Bezug auf den Performancebegriff hinsichtlich Gender Studies vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Butler</xref>.</p></fn>
<fn id="n14"><p><xref ref-type="bibr" rid="B21">Roberta Maierhofer</xref> versteht unter Anokritizismus die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Darstellung von Alter und Altern in Literatur, Film und bildenden K&#252;nsten (9&#8211;16).</p></fn>
<fn id="n15"><p>Ich beziehe mich hierbei auf die Utilitarismusdefinition von <xref ref-type="bibr" rid="B5">Jeremy Bentham</xref>, der das &#187;principle of utility&#171; als dasjenige Prinzip definiert, &#187;which approves or disapproves of every action whatsoever according to the tendency it appears to have to augment or diminish the happiness of the party whose interest is in question&#171; (I&#8211;II; vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Ritschel 67&#8211;99</xref>).</p></fn>
<fn id="n16"><p>In diesem Sinne sollte erg&#228;nzt werden, dass Layton im Zuge der Revolution Gewalt und Tod in Kauf nimmt, was aus deontologischer Sicht zu verurteilen ist. Jedoch wird in der Serie immer klar die Misere der Rebellierenden unterstrichen, was zu einer Legitimierung des Aufbegehrens auch aus ethischer Sicht beitr&#228;gt, da die Revolution die bestehenden Unrechtsverh&#228;ltnisse zu bek&#228;mpfen versucht. Unrecht erscheinen sie in diesem Kontext nicht vor einer konkreten juristischen Instanz, sondern vor den universellen ethischen Leitlinien der Menschenrechte, da das System &#187;Menschenrechte und Demokratie negiert&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B14">Huber 235</xref>).</p></fn>
<fn id="n17"><p>Nach der gelungenen Revolution wird klar, dass Layton ein sozialistisches Verteilungssystem anstrebt, in dem die Klassenunterschiede aufgehoben werden.</p></fn>
</fn-group>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Ammicht Quinn</surname>, <given-names>Regina</given-names></string-name>. <chapter-title>&#187;&#8250;Gone Baby, Gone&#8249;. Verlorene Kinder, schlechte M&#252;tter und Ratlose Ethik&#171;</chapter-title>. <source>Ethik in Serie. Eine Festschrift zu Ehren von Uta M&#252;ller</source>, Hg. <string-name><given-names>Cordula</given-names> <surname>Brand</surname></string-name> und <string-name><given-names>Simon</given-names> <surname>Maisch</surname></string-name>. <publisher-name>T&#252;bingen Library Publishing</publisher-name>, <year>2018</year>. <fpage>77</fpage>&#8211;<lpage>93</lpage>.</mixed-citation></ref>
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