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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Interview</subject>
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<article-title>Die Einladung, Traditionen zu u&#776;berdenken: Interview mit Judith und Christian Vogt</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Seminar f&#252;r Anglistik und Amerikanistik, Europa-Universit&#228;t Flensburg, DE</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2022-07-07">
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<license-p>Die Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung ist eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren, die von der Open Library of Humanities ver&#246;ffentlicht wird. &#x00A9; 2021 Der/die Autor*innen. Dieser Open-Access-Beitrag ist lizenziert durch die Creative-Commons Lizenz BY-NC-ND. Diese Lizenz erlaubt es Wiederverwender*innen, das Material in jedem Medium oder Format nur in nicht angepasster Form zu nichtkommerziellen Zwecken zu kopieren und zu verbreiten, solange der/die Urheber*in genannt wird. Vgl.&#160;<uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de">https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
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<p>An interview with progressive fantastic authors Judith and Christian Vogt discussing their work on making German fantastic literature more open to non-heteronormative standpoints and how they approach their social activism outside of novel writing. Further includes a short essay on the queer linguistic strategies employed by Judith and Christian Vogt in their novels <italic>Wasteland</italic> (2019) and <italic>Ace in Space</italic> (2020) to create a future language that is truly genderfair and non-heteronormative.</p>
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<p>Die deutsche fantastische Literatur befindet sich in einer Umbruchsphase. Eine junge Generation von Autor*innen hat, inspiriert von US-amerikanischen Entwicklungen, zum Sturm auf Werte und Traditionen gerufen und fordert, mehr &#187;progressive Phantastik&#171; zu schreiben. Zugleich beschr&#228;nkt sie sich nicht mehr darauf, neue fiktionale Welten zu erschaffen, sondern setzt mit Aktivismus auch in anderen Medien ein Zeichen gegen Marginalisierungen und f&#252;r Diversit&#228;t und soziale Gerechtigkeit. Judith und Christian Vogt geh&#246;ren wohl zu den bekanntesten und am deutlichsten f&#252;r diesen Wertewandel eintretenden Autor*innen der deutschen Phantastik.</p>
<p>Seit dem Deb&#252;t <italic>Im Schatten der Esse</italic> (2011), einem Rollenspiel-Roman f&#252;r <italic>Das Schwarze Auge</italic>, hat Judith Vogt alleine und in Kooperation mit Partner Christian Vogt bis heute 22 Romane vorgelegt. Die V&#246;gte, wie sie sich selber nennen, erhielten 2013 den Deutschen Phantastik Preis f&#252;r den Roman <italic>Die zerbrochene Puppe</italic> (2012) und waren bereits mehrfach f&#252;r den Seraph und den Kurd-La&#223;witz-Preis nominiert, unter anderem mit <italic>Roma Nova</italic> (2018), <italic>Wasteland</italic> (2019) und <italic>Anarchie D&#233;co</italic> (2021). Neben ihrer T&#228;tigkeit als Autor*in ist Judith Vogt zudem als Mitherausgeber*in des Fanzines <italic>Queer*Welten</italic> und des <italic>Genderswapped</italic>-Podcasts t&#228;tig.<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> Im Interview berichten die V&#246;gte &#252;ber ihre T&#228;tigkeit als Aktivist*innen f&#252;r Diversit&#228;t und soziale Gerechtigkeit, wie sie Sprache in ihren Romanen genderneutral gestalten und wie ihnen fantastische Genres dabei helfen.</p>
<p><bold>ZFF: Sie haben Ihre Karriere als Autor*innen mit Romanen f&#252;r Rollenspiele angefangen, die allerdings noch unter dem Namen Judith C. Vogt erschienen sind. Mittlerweile haben Sie ein sehr breit aufgestelltes Portfolio und schreiben zumeist unter beiden Namen Judith und Christian Vogt. Wie kam es dazu und wie funktionieren Sie als Autorenpaar?</bold></p>
<p>Judith Vogt: Alle Romane, auf denen &#187;Judith C. Vogt&#171; oder &#187;Judith Vogt&#171; steht, habe ich allein geschrieben. Das C. steht f&#252;r meinen Zweitnamen, weil mir damals ein Freund sagte, wenn ich schon einen h&#228;tte, m&#252;sste ich den auch wie so ein George R. R. abk&#252;rzen. Ich hatte mich vor meinem ersten ver&#246;ffentlichten Roman (<italic>Im Schatten der Esse</italic>, 2011) zehn Jahre lang bei Verlagen beworben und eigentlich nie vor, Rollenspielromane zu schreiben, bis mich andere Autor*innen auf einer Convention dazu ermutigt haben, es mal mit einem Roman zu <italic>Das Schwarze Auge</italic> zu versuchen. Rollenspielromanen haftet ja ein gewisses Stigma an, das auch nicht an mir vorbeigegangen ist, aber grunds&#228;tzlich hat mir die Arbeit innerhalb eines solchen bestehenden Erz&#228;hlkosmos viel Spa&#223; gemacht. Ein Jahr nach meinem Erstling hatten Christian und ich allerdings schon eine gemeinsame Idee, sodass wir auf <italic>Die zerbrochene Puppe</italic> zum ersten Mal mit beiden Namen stehen, einfach weil Christian daran auch als Autor beteiligt war. Seitdem schreibe ich immer seltener allein und wir arbeiten immer h&#228;ufiger im Team, schon deshalb, weil unser Teamwork einfach sehr gut funktioniert.</p>
<p><bold>ZFF: Durch Ihr sehr vielschichtiges Schreiben haben Sie schon Erfahrungen mit den unterschiedlichsten spekulativen Textsorten gemacht &#8211; welche Erkenntnisse haben Sie dabei &#252;ber die Genres gewonnen? Wo f&#252;hlen Sie sich am wohlsten?</bold></p>
<p>Christian Vogt: Wir reden bei Genres ja viel &#252;ber Erwartungshaltungen. SF richtet, dem klassischen Vorurteil nach, den Blick in die Zukunft, w&#228;hrend Fantasy in die Vergangenheit schaut. Es gibt aber diffuse Grenzbereiche, in denen wir uns beispielsweise bei den Steampunk-Romanen und <italic>Anarchie D&#233;co</italic> bewegen. Wir f&#252;hlen uns in beiden Genres zu Hause beziehungsweise: Es ist weniger eine Binarit&#228;t und mehr ein Spektrum! Die Themen, die uns wichtig sind, lassen sich in beiden Genres gut behandeln, denn w&#228;hrend es in der Phantastik zwar auch einen als Norm gesetzten Grundzustand gibt, l&#228;sst sich dieser unserer Ansicht nach im Genre besonders kreativ unterwandern oder aufbrechen. Einige Geschichten werden erst recht interessant, wenn sie in einem daf&#252;r un&#252;blichen Genre stattfinden und schon dadurch die Erwartungen gebrochen werden.</p>
<p>Das Ver&#246;ffentlichen von B&#252;chern bewegt sich allerdings in einem engen kapitalistischen System, daher sind Genremixes oft mit einem gewissen Risiko verbunden, weil sie von Marketing &#252;ber Buchhandel bis Lesendenschaft nicht leicht eingeordnet werden k&#246;nnen und damit weniger Aufmerksamkeit erhalten. Dabei sind gerade das die interessanten Titel, finde ich. Au&#223;erdem muss ich zugeben, dass wir, wenn sich ein Konzept gleich gut in SF und Fantasy umsetzen l&#228;sst, uns f&#252;r die Fantasy entscheiden, einfach nur, weil sie sich besser verkauft.</p>
<p><bold>ZFF: Ein Thema, dass Ihnen in den letzten Jahren ganz besonders am Herzen liegt, ist die soziale Gerechtigkeit, das was in Mediendiskursen auch gerne &#187;Wokeness&#171; genannt wird. Sie treten dabei nicht nur in Ihren Romanen daf&#252;r ein, sondern nehmen sich des Themas auch auf anderen Kan&#228;len an. Judith gibt ein Fanzine mit heraus, die <italic>Queer*Welten</italic>, und ist ein Teil des <italic>Genderswapped</italic>-Podcasts. Auch auf Twitter und anderen sozialen Medien sind Sie beide sehr aktiv in Diskussionen zum Thema. Gerade in der Phantastik-Bubble scheint diesbez&#252;glich ja immer wieder &#187;Redebedarf&#171; zu bestehen &#8211; warum ist das so?</bold></p>
<p>Judith Vogt: Ich glaube, das hat auch mit der nach wie vor gro&#223;en L&#252;cke zwischen der englischsprachigen und der deutschsprachigen Szene zu tun. Die Szene, die Awards, die Diskurse und auch die Bestseller in den USA und in Gro&#223;britannien haben sich stark ver&#228;ndert und politisch positioniert. Das geht an uns nicht vorbei, die B&#252;cher kommen ja als &#220;bersetzungen sowie als Verfilmungen hier an. Gleichzeitig gibt es &#8211; auch international &#8211; sehr viel R&#252;ckbesinnung auf Altes (wenn auch oft in &#187;diversifizierter Form&#171;, wie in den Fersensehserien T<sc>he</sc> L<sc>ord of the</sc> R<sc>ings</sc>: T<sc>he</sc> R<sc>ings of</sc> P<sc>ower</sc> [US In Vorbereitung, Idee: J. D. Payne und Patrick McKay] und T<sc>he</sc> W<sc>heel of</sc> T<sc>ime</sc> [US 2021&#8211;, Idee: Rafe Judkins]). Das hei&#223;t, wir stecken aktuell gerade in Deutschland in einem Ringen zwischen einer Form von Nostalgie, die wenig Neues zul&#228;sst und auch in ihren Communities ordentlich f&#252;r Gatekeeping sorgt, und dem Vorhaben, das, was lange als Eskapismus galt, mit einer politischen Dimension zu versehen und es umzugestalten. Leser*innen lesen derweil viel aus dem englischsprachigen Raum und wir h&#246;ren oft, die deutschsprachige Phantastik sei ohnehin stehengeblieben (gleichzeitig werden neue Romane oft gar nicht wirklich gelesen).</p>
<p><bold>ZFF: Gerade weil Sie solche Themen angehen, werden Sie aber auch regelm&#228;&#223;ig angefeindet. Es gibt immer wieder Personen oder auch ganze Gruppen, die es vor allem auf Judith als Zielscheibe abgesehen haben. Wie gehen Sie damit um, welche Strategien haben Sie daf&#252;r entwickelt?</bold></p>
<p>Judith Vogt: Es ist schwierig, da wirksame Strategien zu entwickeln, ohne sich verdr&#228;ngen zu lassen. Es ist auch immer eine Risikoabw&#228;gung: Meinen Facebook-Account habe ich gel&#246;scht, weil es einfach zu viel wurde. Das bedeutet aber nat&#252;rlich auch, dass wir auf die Sichtbarkeit dort jetzt einfach verzichten.</p>
<p>Bei unserem letzten Buch, <italic>Schildmaid</italic>, gab es zum ersten Mal schon am Erstverkaufstag auf allen Plattformen wortreiche, aber inhaltsleere Rezensionen. Ich kann nicht behaupten, dagegen eine Strategie zu haben, au&#223;er mich zu &#228;rgern &#8211; und mich zu freuen, wenn die positiven Rezensionen das dann doch unweigerlich &#252;berstrahlen. Ich muss auch ganz ehrlich sagen: Rechte und misogyne Trolle sind eine Sache, aber trauriger machen mich tats&#228;chlich die einflussreichen Kolleg*innen, die das Narrativ pflegen, ich w&#252;rde einen aggressiven Mob lenken, und die mich f&#252;r so ziemlich jede Kritik und jede Krise in der Szene verantwortlich machen. Mittlerweile bin ich tats&#228;chlich vorsichtig, ob ich zu einem Konflikt &#252;berhaupt den Mund aufmache, weil ich ziemlich sicher danach zur Ursache erkl&#228;rt werde. Das ist wirklich auf eine Art vereinfachend und meist auch einfach falsch, die mich schon ziemlich &#228;rgert.</p>
<p>Christian Vogt: &#187;Die Misere mit Judith&#171; ist bei uns zum gefl&#252;gelten Ausdruck geworden. Dass man sich dabei so auf Judith als Symbol f&#252;r ihre unbequem empfundene politische Arbeit versteift, verfolgt auch den Zweck, die Arbeit einer ganzen Gruppe herunterzuspielen, und macht gleichzeitig deren Arbeit unsichtbar.</p>
<p><bold>ZFF: Judith, Sie haben zusammen mit James Sullivan auf Tor Online einen Text geschrieben, indem Sie dazu aufrufen, mit den alten Traditionen der Phantastik zu brechen und ein neues Schreiben zu finden, das der heutigen sozialen Realit&#228;t entspricht</bold>.<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> <bold>Sie haben gefordert, eine &#187;progressive Phantastik&#171; zu entwickeln. Hat der Aufruf funktioniert? Wie muss es weitergehen, damit die deutschsprachige Phantastik progressiv wird? Wo liegen noch Probleme?</bold></p>
<p>Judith: Ja, es hat auf jeden Fall funktioniert. Unser Ansatz ist ja: &#187;Lasst uns progressive Phantastik schreiben!&#171; James, Nora Bendzko, Christian, ich &#8211; wir sind keine Torw&#228;chter*innen dieser Ideen. Es ist kein eingetragenes Warenzeichen. Und progressive Phantastik ist kein fester, erreichbarer Zustand. Es handelt sich um eine Absichtserkl&#228;rung &#8211; wer progressive Phantastik schreiben will, muss nicht den perfekten Roman schreiben. Es ist eine Einladung, Traditionen zu &#252;berdenken, Stereotype aufzubrechen und auch zum Beispiel andere &#228;sthetische Formen auszuprobieren. Progressiv hei&#223;t dabei, dass wir vor allem das Kreative, das Neue, das Entstehende in den Fokus nehmen wollen, nicht das Abarbeiten an Vergangenem oder die Kritik aneinander. Das ist zugleich auch das, woran es hakt: Es gibt sehr wohl den Gedanken, dass progressive Phantastik beispielsweise verletzungs- oder gewaltfrei sein soll, dass keine Stereotype mehr reproduziert werden, auch nicht unbewusst &#8211; deshalb wird progressive Phantastik oft mit einem sehr hohen Ma&#223; gemessen, um dann zum Schluss zu kommen: &#187;Na ja, perfekt ist das ja auch nicht!&#171; Es soll auch nicht perfekt sein &#8211; es soll <italic>anders</italic> sein. Und das ist es auch. Die B&#252;cher, die zum Beispiel im vergangenen Jahr als progressive Phantastik bezeichnet wurden &#8211; von ihren Autor*innen, von Lesenden, aber auch bereits von Verlagen &#8211;, sind <italic>anders</italic>, und das ist aufregend.</p>
<p>Christian: An Progressivit&#228;t wird leider viel zu oft ein Perfektionsanspruch gestellt. Politiker*innen progressiver politischer Parteien m&#252;ssen sich z. B. auch an viel h&#246;heren Standards messen lassen als konservative Politiker*innen. Denen legt man Eigennutz sogar als Tugend aus. Dabei ist der Wunsch nach Perfektion kontraproduktiv, weil er f&#252;r Stillstand sorgt. Perfektion kann es nie geben, damit erstickt man jeden Fortschritt im Keim. Ich w&#252;nsche mir f&#252;r die progressive Phantastik eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit und des st&#228;ndigen Lernens und Verbesserns.</p>
<p><bold>ZFF: Mit <italic>Wasteland</italic> haben Sie <xref ref-type="bibr" rid="B10">2019</xref> den &#8211; soweit ich wei&#223; &#8211; ersten deutschen Roman geschrieben, der konsequent nicht-heteronormative Sprache nutzt. Dabei geht es nicht einfach um Gendersternchen oder neutrale Formulierungen (wie: &#187;die Studierenden&#171;), sondern um eine Sprache, die gegen die Normsetzung von Gender-Binarit&#228;t arbeitet und Formulierungen findet, die von queerer Linguistik als &#187;gender subversion&#171; angesehen werden, also etwa das Femininisieren von sozial m&#228;nnlich gelesenen Begriffen wie &#187;die Boss&#171; oder die Verwendung von neutralen Neopronomen f&#252;r nicht-bin&#228;re Menschen. Was hat Sie dazu bewogen, den Roman zu schreiben? Und wie haben Sie Ihre Sprache gefunden?</bold></p>
<p>Judith Vogt: Die Idee zum Roman hatte ich schon lange. Erst, als wir tats&#228;chlich an der konkreten Konzeption sa&#223;en, wurde uns klar, dass sich, wenn wir von einer Utopie in der Dystopie erz&#228;hlen wollen, auch die Sprache unterscheiden muss. Das generische Maskulinum passte einfach nicht dorthin. Das war 2018, da kannte ich noch keinen Roman, der komplett geschlechtergerecht geschrieben war. Wir haben gedacht, wir schauen mal, ob es &#252;berhaupt geht. Das war ein spielerischer und kein dogmatischer Ansatz &#8211; wenn es keinen Spa&#223; gemacht h&#228;tte oder es uns unm&#246;glich gewesen w&#228;re, h&#228;tten wir es nicht gemacht. Der Verlag war anfangs nicht mal eingeweiht. Im Laufe des Schreibens haben wir festgestellt, dass uns dieser kreative Umgang mit Sprache etwas ganz Neues gibt und wirklich auf eine anarchistische Weise Spa&#223; macht. Sehr viel davon war einfach <italic>learning by doing</italic> &#8211; wir haben ganz unterschiedliche Strategien entwickelt, die sich auch au&#223;erhalb des Genres der Postapokalypse anwenden lassen. Einiges ist aber auch einzigartig f&#252;r <italic>Wasteland</italic> und pr&#228;gend f&#252;r Setting und Geschichte. Wir haben beide gemerkt, dass wir uns, als wir dieses Jahr den zweiten Band, <italic>Laylayland</italic>, geschrieben haben, wieder mit gro&#223;er Freude auf die <italic>Wasteland</italic>-typischen Neologismen gest&#252;rzt haben. In anderen Romanen, gerade, wenn sie in historischen Settings spielen, wie <italic>Anarchie D&#233;co</italic> oder <italic>Schildmaid</italic>, m&#252;ssen wir sehr genau darauf achten, &#187;unauff&#228;llige&#171; genderneutrale Formulierungen zu nutzen (schon der Begriff &#187;Studierende&#171; wurden uns bei <italic>Anarchie D&#233;co</italic> als Anachronismus ausgelegt, obwohl das Wort bereits sehr lange in Benutzung ist). Bei <italic>Wasteland</italic> und <italic>Laylayland</italic> ist das nicht der Fall &#8211; da k&#246;nnen wir diese geforderte &#187;Unaufgeregtheit&#171; beiseitelegen und einfach sehr aufgeregt gendergerecht sein.</p>
<p><bold>ZFF: Im Roman geht es dann auch darum, andere Formen von Diversit&#228;t zu zeigen, und Sie entwickeln eine Gemeinschaft, die sehr auf den Idealen von Gleichberechtigung und Toleranz basiert. Sie nennen die Verfechter dieses Denkens die &#187;Hopers&#171;, w&#228;hrend da drau&#223;en aber noch jede Menge &#187;Toxxers&#171; sind. Im Roman sind das brutale Gangs, deren Hierarchie vor allem auf Macht und Gewalt basiert. Ist das eine Reflexion unserer Zeit? Welche Chancen haben wir, eine Welt der Hopers zu werden?</bold></p>
<p>Judith Vogt: Auf jeden Fall ist es eine Reflexion. Ich habe im vergangenen Jahr auch Vorlesungen zum Thema Hoffnung in der SF gehalten und einen Text dazu f&#252;r die <italic>ZFF</italic> geschrieben (<xref ref-type="bibr" rid="B12">Vogt &#187;Hope is a Muscle&#171;</xref>). Ich sehe viele Ans&#228;tze zu Mini-Utopien in unserer Gesellschaft, gleichzeitig h&#228;ngen Kapitalismus, Klimawandel und Ignoranz so drohend &#252;ber uns, dass es mir selbst schwerf&#228;llt, etwas anderes zu sehen. Wenn die Antwort auf &#187;Wir m&#252;ssen weniger fossile Brennstoffe nutzen&#171; ist &#187;Jetzt rase ich extra schnell und extra viel&#171;, dann f&#228;llt es mir schwer, auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Aber das spiegelt <italic>Wasteland</italic> ja im Prinzip wider: Es war f&#252;r uns einfacher, uns das Weitermachen nach dem Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Es bot auch eine enorme Freiheit, im Prinzip eine Langzeithoffnung, in der all unsere &#196;ngste eingetreten sind und wir danach trotzdem besser weitermachen. Gleichzeitig ist es nur Fiktion &#8211; ich sehe <italic>Wasteland</italic> in all seiner Absurdit&#228;t nat&#252;rlich nicht als realistischen Zukunftsentwurf, das will und soll es nicht sein. <italic>Wasteland</italic> ist ein Gedankenexperiment: Wie hoffen wir &#8211; auch, wenn es unm&#246;glich scheint? Welche Kraft k&#246;nnen wir daraus ziehen, trotzig gegen&#252;ber dem Unm&#246;glichen zu sein?</p>
<p><bold>ZFF: Mit <italic>Ace in Space</italic> (2020) haben Sie das Thema weiterentwickelt, wiederum eine Gemeinschaft, die vor Diversit&#228;t in Sachen Gender, <italic>(dis)ability, race</italic>, oder auch nicht-heteronormativer Sexualit&#228;t nur so strotzt. Dazu nutzt der Roman wieder die entwickelte queere Sprache. Wie hat sich das weiterentwickelt?</bold></p>
<p>Christian Vogt: Einigen Lesenden ist aufgefallen, dass sich das nichtbin&#228;re Neopronomen zwischen <italic>Wasteland</italic> und <italic>Ace in Space</italic> unterscheidet &#8211; &#187;xier&#171; statt &#187;ser&#171;. Das liegt zum einen daran, dass ein Wort mit &#187;x&#171; futuristischer klingt, und zum anderen daran, dass wir zeigen wollten, dass es mehr als eine grammatikalische L&#246;sung gibt. Aber ich denke, der wesentliche Faktor bei <italic>Ace in Space</italic> ist der omnipr&#228;sente Einfluss der sozialen Medien. Das &#228;u&#223;ert sich in kurzen Einsch&#252;ben in der Form von Social-Media-Posts und dem Einflie&#223;en eines Slangs, der sich an Internet-Begriffen, Motorradgang-Terminologie sowie an Sprache aus der Avionik orientiert. Gerade diese drei Subkulturen sind nicht frei von toxischen Gebr&#228;uchen, darum haben wir sie bewusst kombiniert im Roman. Trotzdem haben wir auf eine f&#252;r Marginalisierte verletzende Sprache verzichtet, weil wir f&#252;r unsere Erz&#228;hlwelt davon ausgehen, dass zumindest gewisse Formen von <italic>slurs</italic> l&#228;ngst &#252;berwunden sind. Im darauffolgenden Projekt, <italic>Anarchie D&#233;co</italic>, haben wir auf Neopronomen ganz verzichtet, aber dennoch versucht, den Roman so gendergerecht wie m&#246;glich zu verfassen. Wir versuchen also immer, eine passende Form der inklusiven Sprache f&#252;r das vorliegende Setting zu finden, und das sieht jedes Mal etwas anders aus.</p>
<p><bold>ZFF: Statt der Toxxer-Gangs gibt es in <italic>Ace in Space</italic> vor allem einen Konflikt mit einem Gro&#223;konzern. Der Roman setzt als Gegenentwurf auf Solidarit&#228;t und Gemeinschaft, die aber nicht leicht zu erreichen sind. Die anti-kapitalistische Kritik ist sp&#252;rbar. Sind Ihre identit&#228;tspolitischen Ziele also mit gesellschaftlichen Ideologien gekoppelt? Ist ein intersektionaler Ansatz an Identit&#228;t immer auch mit gr&#246;&#223;eren Strukturen verbunden?</bold></p>
<p>Christian Vogt: Konzerne sind in <italic>Ace in Space</italic> die gesichtslosen Antagonist*innen, gegen die man sich wehren kann, die aber als Entit&#228;ten nie vollst&#228;ndig &#252;berwunden werden k&#246;nnen. Wir haben in diesem Roman nicht die Welt zerst&#246;rt wie in <italic>Wasteland</italic>, um den Kapitalismus abstreifen zu k&#246;nnen &#8211; also ist er immer noch allgegenw&#228;rtig. Und er erscheint als Wolf im Schafspelz: auch Konzerne respektieren in <italic>Ace in Space</italic> alle Geschlechtsidentit&#228;ten, verhalten sich anti-rassistisch und bieten eine verk&#252;rzte Arbeitswoche, eine High-End-Kaffeemaschine und firmeninterne Sport-Events. Aber sie tun das nicht aus Menschenfreundlichkeit. Sie handeln hinter den Kulissen so skrupellos wie eh und je. Widerstand ist also angebracht. Ich w&#252;rde sagen, dass bei <italic>Ace in Space</italic> die Gemeinschaften der Protagonist*innen teilweise selbst Toxxers sind, die gegen Konzernunrecht nur ankommen k&#246;nnen, indem sie lernen, zu Hopers zu werden. Hier kommt auch die Intersektionalit&#228;t ins Spiel: Pronomen auf der Visitenkarte und weibliche F&#252;hrungskr&#228;fte sind heute ein wichtiger Schritt, um Ver&#228;nderung zu erreichen &#8211; in der Zukunft von <italic>Ace in Space</italic> ist das alles eine Selbstverst&#228;ndlichkeit. Aber es reicht nicht, hier innezuhalten, wenn die Mechanismen von Unterdr&#252;ckungen unter diesem Deckmantel weiter existieren.</p>
<p><bold>ZFF: In <italic>Anarchie D&#233;co</italic> greifen Sie diese Idee wieder auf, hier verbinden Sie Genderidentit&#228;t und individuelle Freiheit mit den Idealen einer links-extremen Politik, weil eine der Hauptfiguren Anarchist ist. Im Roman geht es um Ideen des Gatekeeping und der machtvollen Erhaltung des politischen Status quo. Dabei spielt das alles im Berlin der Weimarer Republik. Wo liegt f&#252;r Sie da die Verbindung? Welche Bedeutung hat die Zeit damals f&#252;r unsere heutige?</bold></p>
<p>Judith Vogt: In der Weimarer Republik gab es einen M&#246;glichkeitsraum f&#252;r linke Politik und f&#252;r pers&#246;nliche politische Verantwortung, oft verkn&#252;pft mit Sichtbarkeit und einem fr&#252;hen <italic>Empowerment</italic> f&#252;r Menschen, die sich zuvor h&#246;chstens in den Marginalien der Geschichtsschreibung fanden (und durch die Nazis auch wieder dorthin zur&#252;ckgekehrt sind). Gleichzeitig hatten konservative Kr&#228;fte die Politik fest in der Hand und bereiteten, ohne es zu wissen, schon alles f&#252;r den Faschismus vor. Alles f&#252;hlt sich m&#246;glich an &#8211; und gleichzeitig wissen wir schon, wie es ausgeht. Oft werden die 2020er- mit diesen 1920er-Jahren verglichen, was meiner Meinung nach nicht ganz passt. Die Bedingungen sind einfach sehr anders. Dieses Gef&#252;hl, dass es vielleicht noch m&#246;glich ist, alles zu drehen, ist definitiv heute nicht so stark, die Hilflosigkeit ist gr&#246;&#223;er. Die Parallele, die nat&#252;rlich vorhanden ist &#8211; und diesmal leider global &#8211;, ist die Verquickung von rechten Kr&#228;ften, Frauenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit und Rassismus, deren Akteur*innen aktiv Ideen sozialer Gerechtigkeit verhindern und die Uhr zur&#252;ckzudrehen versuchen. Und da wiederum ist die Weimarer Republik dann vielleicht doch ein n&#252;tzlicher Vergleich: Wir m&#252;ssen uns immer bewusst machen, dass sozialer Wandel harte Arbeit ist und Zerschlagen immer leichter geht als Aufbauen.</p>
<p><bold>ZFF: Der Roman ist eine <italic>alternate history</italic>, in der in den 1920er-Jahren Magie entdeckt, aber im Gegensatz zur typischen Fantasy eben als eine Form der Wissenschaft verstanden wird. Sie sind ja versiert in der Fantasy &#8211; was hat Sie dazu bewogen, hier das Klischee der Magie zu hinterfragen? Wo liegt der Vorteil, die Magie als Disziplin der Physik zu verstehen?</bold></p>
<p>Christian Vogt: Klassische Fantasy sieht Magie oft als ungreifbar und wundersam an, wie in <italic>The Lord oft he Rings</italic>, oder als Disziplin mit festen Regeln, aber ohne eine echte Wissenschaftlichkeit wie in vielen Rollenspielen. Magie in der Urban Fantasy findet zudem f&#252;r gew&#246;hnlich abseits der &#214;ffentlichkeit statt und daher au&#223;erhalb des Fokus der Wissenschaft. Wir wollten in <italic>Anarchie D&#233;co</italic> erkunden, was passiert, wenn wir einen anderen Weg gehen. Was passiert, wenn eine unfassbare, von Kunst beeinflusste Magie mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode erforscht wird &#8211; und das vor aller Augen. Wir wollten dabei auch betrachten, welchen Einfluss eine Zauberkraft auf die Gesellschaft hat, gerade in einer brisanten Phase des Umbruchs. Die 1920er-Jahre eignen sich daf&#252;r besonders gut, nicht nur wegen der politischen Landschaft, sondern auch, weil es kurz zuvor mit der Formulierung der Quantentheorie und der Relativit&#228;tstheorie Entwicklungen gab, die im Alltag nicht mehr zu fassen sind und wundersam erscheinen. Magie wird im Roman durch eine Kombination von Kunst und Physik gewirkt. Beide Disziplinen sind daf&#252;r unerl&#228;sslich, und ich denke, eine solche Kombination w&#252;rde auch heute sehr am Selbstverst&#228;ndnis sowohl vieler K&#252;nstler*innen als auch vieler Physiker*innen nagen.</p>
<p><bold>ZFF: Und noch eine Frage zum aktuellen Roman &#8211; mit <italic>Schildmaid</italic> haben Sie sich ganz weit in die Vergangenheit bewegt und eine komplett auf Frauen ausgerichtete Abenteuergeschichte geschrieben. Alle Hauptfiguren sind weiblich. Was war die Inspiration und was konnten Sie bei den Wikingern finden, das in der heutigen Zeit fehlt?</bold></p>
<p>Christian Vogt: Die erste Idee entstand aus Grabfunden aus der Wikingerzeit, die neu analysiert worden sind. In m&#228;nnlich ausgestatteten Gr&#228;bern (also mit Waffen und m&#228;nnlicher Kleidung als Grabbeigaben) wurden Menschen mit Doppel-X-Chromosomen bestattet. Es handelte sich also wahrscheinlich um Frauen oder auch um genderqueere Menschen oder trans M&#228;nner. Die Forschungen besch&#228;ftigt sich heute eingehend mit Fragen zu Geschlecht und Geschlechterrollen in diesem Kontext, aber allgemein f&#228;llt es einige Menschen schwer, sich vom festgefahrenen Bild der wei&#223;en, m&#228;nnlichen Wikinger zu l&#246;sen, einem Bild, das mit vielen v&#246;lkischen Klischees aufgeladen ist und von rechts immer wieder vereinnahmt wurde. Ich wollte diesem Trend sozusagen als narrativem Stinkefinger eine Geschichte von zwanzig Frauen auf einem Langboot entgegenstellen und Judith war sofort begeistert von der Idee.</p>
<p>Allerdings machte uns die Recherche klar, dass der zum <italic>Empowerment</italic> genutzte Gegenentwurf von Schildmaiden im Wikingzeitalter ebenfalls nicht der Realit&#228;t entspricht. Wir sind dabei auf vieles gesto&#223;en, das damals pr&#228;sent war und auch heute nicht &#252;berwunden ist: Patriarchat, Sexismus, Queerfeindlichkeit. Unsere Geschichte &#252;ber einen Roadtrip von zwanzig Frauen auf einem Langboot ist also eine Geschichte von gesellschaftlichen Abweichlerinnen. Und die hat es zu jeder Zeit gegeben, da ist sich auch die Arch&#228;ologie einig.</p>
<p><bold>ZFF: Vielen Dank f&#252;r das Gespr&#228;ch</bold>.</p>
<sec>
<title>Die Zukunft ist queer: Experimente mit Sprache und Gender</title>
<p>Die SF, so Wendy Pearson, sei ideal dazu geeignet, alternative Subjektpositionen einzunehmen, insbesondere solche, die sich in der realistischen Literatur aufgrund sozialer Stigmata nur schwer umsetzen lie&#223;en. Entgegen den empirisch-r&#252;ckgekoppelten Darstellungen des Realismus biete die SF die M&#246;glichkeit, festgefahrene Gedankenkonzepte (wie Wissenschaft, Religion, oder Geschichte) zu hinterfragen und neue Formen der Repr&#228;sentation zu erkunden. Damit sei die SF f&#252;r Auseinandersetzungen mit Queerness das perfekte literarische Format: &#187;Queer, with its denaturalization of master narratives and its movement towards subcultural and subaltern understandings of texts, operates, by analogy, on some of the same levels as sf&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Pearson 4</xref>). Die SF erlaubt es, zuk&#252;nftige Visionen von Subjektivit&#228;t zu entwickeln, in denen identit&#228;tspolitische Marginalisierungen nicht mehr vorkommen. Das best&#228;tigen auch Judith und Christian Vogt, die in der SF die Chance sehen sich nicht mehr &#187;unauff&#228;llig&#171; zum Thema zu verhalten, sondern in den Gedankenexperimenten ihrer Romane &#187;einfach sehr aufgeregt gendergerecht&#171; (s. Interview) mit Sprache umgehen zu d&#252;rfen. Denn, so schreibt die Sprachforscherin <xref ref-type="bibr" rid="B3">Marlis Hellinger</xref>, &#187;Sprache ist kein neutrales Kommunikationsmittel, sondern diskursives Instrument gesellschaftlichen Handelns. Sprache ist Spiegel gesellschaftlicher Realit&#228;t, zugleich aber auch ein Ort, an dem sich sozialer Protest und konservativer Widerstand artikulieren&#171; (276). Die SF ist demnach ein Ort sozialen Handelns, der m&#246;gliche Wege zu einer besseren Gesellschaft aufzuzeigen vermag.</p>
<p>Um der Forderung nach einer &#187;progressiven Phantastik&#171; nachzukommen, die sich unter anderem in progressiven, politischen Positionen, auch zu &#187;Feminismus und Diversit&#228;t&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Sullivan und Vogt</xref>) widerspiegelt, experimentieren Judith und Christian Vogt in ihren Romanen mit Sprache, um so inh&#228;renten Machtasymmetrien oder konzeptuellen Bin&#228;r-Stellungen entgegenzuwirken. Entsprechend weisen der post-apokalyptische Roman <italic>Wasteland</italic> und das Space-Opera-Abenteuer <italic>Ace in Space</italic> eine Vielzahl unterschiedlicher Strategien auf, um eine nicht-heteronormative Sprache zu finden, die laut Heiko Motschenbacher darauf abzielt &#187;countering heteronormative structures, especially gender and sexual binarisms, by offering alternative ways of expression that do not further entrench such traditional discourses&#171; (244). Im Folgenden m&#246;chte ich diese Strategien darlegen und aufzeigen, wie die progressive Fantastik in der Lage ist, einen wichtigen Beitrag zu aktuellen und in der &#214;ffentlichkeit intensiv gef&#252;hrten Debatten wie der um eine gendergerechte Sprache zu leisten.</p>
<p><italic>Wasteland</italic> spielt in einer post-apokalyptischen Welt, die durch Kriege und biochemische Waffen nahezu unbewohnbar geworden ist. Das Leben in den nicht-verseuchten Gebieten wird von Motorradgangs wie den Brokes bestimmt, die ihre &#187;Turfs&#171; mit Waffengewalt verteidigen und im Jargon des Romans als &#187;Toxxers&#171; bezeichnet werden, weil toxische Machtstrukturen ihren Lebensalltag bestimmen. Im Kontrast dazu gibt es die &#187;Hopers&#171; des Handgebunden-Markts, die versuchen, eine pazifistische und gleichberechtigte Gemeinschaft durch Handel und Kooperation aufrechtzuerhalten, und die Hoffnung an ein besseres Miteinander nicht aufgeben wollen. Wichtiges Element des Romans ist jedoch, dass nicht nur die Hopers eine nicht-heteronormative Sprache und queere Positionen einnehmen, sondern diese Haltung auch von den Toxxers vertreten wird. So umgehen die V&#246;gte das literarische Klischee, dass die Antagonisten durch Queer-Feindlichkeit oder Misogynie literarisch gekennzeichnet sind.</p>
<p>Die gleiche Haltung gilt auch f&#252;r den Roman <italic>Ace in Space</italic>, der in einer durch Social Media und private Raumfahrt gepr&#228;gten Zukunft spielt. Auch hier stehen sich zwei grundverschiedene Kulturen gegen&#252;ber und geraten in Konflikt miteinander. Die Welt wird dominiert von kapitalistischen Konglomeraten, die auf die Extraktion von Rohstoffen spezialisiert sind und jenseits staatlicher Gesetzgebung agieren und nur durch andere Konglomerate und den &#187;court of public opinion&#171; zur Verantwortung gezogen werden k&#246;nnen. Im Kontrast zu dieser quasi neo-feudalen Herrschaftsform gibt es die anarchischen Gemeinschaften der Gangs, die mit ihren Raumschiffen zwischen medialer Aufmerksamkeit und freiberuflichen Auftr&#228;gen eine Nische im kapitalistischen Markt bev&#246;lkern. Aber auch in diesem Roman haben beide Gruppen unterdr&#252;ckendes Verhalten gegen&#252;ber marginalisierten Gruppen abgelegt &#8212; was aber im Falle der Konzerne nur oberfl&#228;chlich &#187;die Mechanismen von Unterdr&#252;ckungen&#171; (s. Interview) &#252;berlagert, wie Christian Vogt kommentiert. Doch eine heteronormative Sprache ist grunds&#228;tzlich &#252;berwunden.</p>
<p>Um diesen Wandel zu verdeutlichen experimentieren Judith und Christian Vogt in ihren Romanen mit verschiedenen Strategien der queeren Linguistik und weisen damit darauf hin, dass es gerade in der deutschen Sprache unm&#246;glich scheint, &#187;to come up with a monolithic, universally valid non-heteronormative language policy&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Motschenbacher 252</xref>). W&#228;hrend im englischen Sprachgebrauch aufgrund der grammatischen Struktur zumeist auf Neutralisierung von Gender gesetzt wird, ist diese Strategie f&#252;r das Deutsche nur bedingt anwendbar. Dennoch finden sich in den Romanen einige Beispiele, in denen &#187;androzentrische W&#246;rter durch geschlechtsneutrale ersetzt&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B3">Hellinger 277</xref>) werden und Gender so sprachlich gleichgestellt wird. In <italic>Wasteland</italic> werden neutrale Begriffe wie &#187;Person&#171; oder &#187;Mensch&#171; genutzt, um generalisierende Genderzuschreibungen zu vermeiden: Laylay sieht dabei zu, wie &#187;die letzte behelmte Person einfach schnurgerade den Feldweg hinab entkam&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10"><italic>Wasteland</italic> 105</xref>) und Root ereifert sich, &#187;jede Person im Turf sollte wissen, wie das hier zu laufen hatte&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10"><italic>Wasteland</italic> 221</xref>). Und die nicht-bin&#228;re Person Figo wird entsprechend nicht als Lehrer oder Lehrerin, sondern als &#187;Lehrperson&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10"><italic>Wasteland</italic> 264</xref>) bezeichnet. Auch <italic>Ace in Space</italic> nutzt diese Neutralisierungen, die jedoch im Ton deutlich variabler eingesetzt werden. So finden sich verschiedene nicht-bin&#228;re Charaktere im Roman, die ein ganzes Spektrum an sozialem Status repr&#228;sentieren: von der angesehenen &#187;Richtperson&#171; im Verfahren gegen den Konzern bis zur Social-Media-Pers&#246;nlichkeit &#187;CowPerson Yeeha&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11"><italic>Ace in Space</italic>, k. S.</xref>) wird die Neutralisierung hier als akzeptiertes Mittel f&#252;r genderneutrale Positionen aufgezeigt.</p>
<p>Neben der Neutralisierung gibt es aber weitere Strategien, die dabei helfen k&#246;nnen, Sprache gendergerechter zu gestalten. So etwa die &#187;Sichtbarmachung&#171; von Frauen durch das &#187;nominale Splitting&#171; (also die explizite Nutzung m&#228;nnlicher und weiblicher Nominalformen, z. B. Leser und Leserinnen), was zwar auf die Dominanz des generischen Maskulinums im Deutschen reagiert, nicht aber den grundlegende Binarit&#228;t des Genders in Frage stellt, &#187;which constructs gender differences as natural and is the basis for what [Judith] Butler calls the heterosexual matrix&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Motschenbacher und Stegu 522</xref>). Um auch in der Sprache die Binarit&#228;t von Gender zu hinterfragen, eignen sich also eher Strategien, die die &#187;universal relevance&#171; der Kategorien Mann und Frau beleuchten und deren &#187;contextual, cultural and historical variability&#171; (ebd. 532) in Betracht ziehen. Motschenbacher etwa sieht &#187;subversive practices of linguistic gender crossing&#171; (252) als eine M&#246;glichkeit, eine Spannung zwischen den &#187;pragmatic communicative goals&#171; und den &#187;symbolic and social goals&#171; (Spolsky und Lambert, zit. nach Motschenbacher 252) von Sprache nutzbar zu machen.</p>
<p>Die Romane nutzen <italic>gender crossing</italic> vor allem bei Begriffen aus subkulturellen Sprachbereichen, die stark von maskulinen Normen eingenommen (s. Interview) und somit besonders stark vom subversiven Effekt betroffen sind. Hierzu werden Begriffe mit ausgepr&#228;gtem m&#228;nnlichem &#187;social gender&#171;<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> genommen, die im Deutschen lexikalisch geschlechtslos sind und nicht durch einen -<italic>in</italic> Suffix gegendert werden k&#246;nnen (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Motschenbacher 247</xref>), also insbesondere auch englische Lehnsw&#246;rter. In <italic>Wasteland</italic> zeigt sich dies deutlich an der Toxxer-Kultur und dem Begriff &#187;Boss&#171;, der als englisches Lehnswort im deutschen Sprachraum sowohl sozial als auch grammatisch m&#228;nnlich ist, hier aber weiblich genutzt wird: &#187;Klar, auch die Brokes brauchen Gesetze, damit die Hierarchie innerhalb des Trupps bis hinauf zum Gang-Oberhaupt gesichert ist. Die hier war nicht die Broke-Queen, sondern nur die Boss ihrer aufgemotzten Patrouillentruppe&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10"><italic>Wasteland</italic> 18</xref>). In <italic>Ace in Space</italic> ist auch diese Strategie noch deutlicher ausgepr&#228;gt: Hier bezieht sich das <italic>gender crossing</italic> auf die Sprache des Fliegens und der stark hierarchischen Gang-Kultur, also etwa auf die President oder die Jockey: &#187;Schluss jetzt, Kinder. Ich bin die President&#171; oder &#187;Zu allem &#220;berfluss hatte Mama sie bei ihrer Vorstellung zu einer vollwertigen Jockey bef&#246;rdert&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11"><italic>Ace in Space</italic>, k. S.</xref>). &#187;The use of female and feminine forms to refer to men is indeed [&#8230;] a subversive practice&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B5">Motschenbacher 253</xref>) und erzeugt einen Moment der Spannung, der Lesende dazu zwingt, sich der sozialen Konstruktion von Sprache bewusst zu werden.</p>
<p>Doch auch <italic>gender crossing</italic> agiert noch immer stark in bin&#228;ren Kategorien und schafft es nicht vollst&#228;ndig, eine queere Position einzunehmen. In der deutschen Sprache, die viel st&#228;rker auf Gender-Binarit&#228;t basiert als etwa Englisch, kommt es daher immer wieder zu kreativen Ans&#228;tzen, mit Hilfe von Neologismen die &#187;Vielfalt der Geschlechter&#171; darzustellen, also &#187;Frauen, M&#228;nner und trans-, intergeschlechtliche und nicht-bin&#228;re Menschen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Olderdissen 99</xref>). Zu diesen das &#187;Sprachsystem ver&#228;ndernden Strategien&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B1">Baumgartinger 34</xref>) geh&#246;ren unter anderem der Gap oder Unterstrich (Leser_innen), der Genderstern (Leser*innen), oder der Doppelpunkt (Leser:innen) &#8211; wobei bis heute kein Konsens besteht, welche Verwendung die beste L&#246;sung darstellt.<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> W&#228;hrend <italic>Wasteland</italic> ohne diese nominalen Neologismen auskommt, haben sich Judith und Christian Vogt in <italic>Ace in Space</italic> f&#252;r den Doppelpunkt entschieden und diesen gezielt an wenigen Orten im Roman verwendet. Der Roman ist mit Zitaten aus Blogs, E-Mails oder Forum-Posts verschiedenster Akteur*innen durchzogen, in denen die Begriffe &#187;Vorfahr:innen&#171;, &#187;Geolog:in&#171;, &#187;Dein:e Partner:in&#171;, &#187;B&#252;rger:innen&#171;oder &#187;Agent:innen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11"><italic>Ace in Space</italic>, k. S.</xref>) vorkommen. Die Verwendung findet in privaten Chats statt, ist aber auch Teil einer offiziellen Job-Anzeige und verweist so darauf, dass in der intradiegetischen Schriftsprache der Doppelpunkt in den verschiedenen Kontexten zur Norm geworden ist.<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref></p>
<p>Wie bereits erw&#228;hnt stellt die starke Verankerung der deutschen Sprache in Binarit&#228;t eine besondere Herausforderung f&#252;r die queere Linguistik dar, gerade wenn wie in der SF eine Sprache geschaffen werden soll, die sich weiterentwickelt hat. Denn eine solche nicht-heteronormative Sprache muss viel leisten: &#187;the deconstruction or blurring of two powerful binarisms stabilising each other: female versus male and heterosexual versus homosexual&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B6">Motschenbacher und Stegu 520</xref>). Zu dieser Dekonstruktion geh&#246;rt auch wesentlich, einen Raum zu schaffen f&#252;r Identit&#228;t jenseits der zwei sprachm&#228;chtigen Binarit&#228;ten und damit ihrer sprachlichen Ausl&#246;schung entgegenzuwirken. W&#228;hrend im Englischen das Pronomen &#187;they&#171; im Singulargebrauch allgemein akzeptiert wird, fehlt dem Deutschen ein einheitliches &#187;Neopronomen&#171;, was zur Entwicklung vieler Optionen &#187;von wortw&#246;rtlich <italic>a</italic> bis <italic>zet</italic>&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B7">Olderdissen 177</xref>) gef&#252;hrt hat.<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref></p>
<p>In beiden Romanen kommen Neopronomen vor, jedoch haben sich Judith und Christian Vogt jeweils f&#252;r ein anderes entschieden, auch um die Vielfalt der sprachlichen Optionen aufzuzeigen (s. Interview). <italic>Wasteland</italic> verwendet f&#252;r nicht-bin&#228;re Figuren das Neopronomen <italic>ser</italic>, eine Verk&#252;rzung der beiden Pronomen <italic>sie/er</italic>: &#187;Nackte Angst stand in Shans Blick. Ser wandte sich um, suchte in der Menge die Best&#228;tigung einer Instanz, die offenbar mehr zu sagen hatte als ser, fand, was ser suchte, und nickte dann, die Arme in einer hilflosen Geste erhoben&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10"><italic>Wasteland</italic> 356</xref>). Hinzu kommen <italic>sir/sire</italic> als Possessiv-Pronomen: &#187;Ich konnte mich sirem Blick nicht entziehen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B10"><italic>Wasteland</italic> 212</xref>).<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref></p>
<p><italic>Ace in Space</italic> verwendet die bereits 2009 <xref ref-type="bibr" rid="B2">von Illi Anna Heger</xref> vorgeschlagene Version <italic>xier</italic>, die im deutschen Sprachgebrauch am ehesten einem Konsensvorschlag nahekommen d&#252;rfte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Olderdissen 177</xref>). Der Roman hat eine Vielzahl nicht-bin&#228;rer Figuren, die mit <italic>xier</italic> bezeichnet werden. Zus&#228;tzlich verwenden Judith und Christian Vogt die von Lann Hornscheidt vorgeschlagenen &#187;ex-Formen&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B4">Hornscheidt und Sammla 61</xref>) f&#252;r die Benennung von Berufen ohne Genderzuordnung: &#187;Aber die Sache mit der Asteroidensauna war gro&#223; in den Medien gewesen, am Schluss war da eine Menge explodiert, und Vloggerix Gingko hatte ein Vid gepostet, in dem xier dargelegt hatte, dass es wahrscheinlich war, dass die ganze Provokation auf Mittelsm&#228;nner der Gater zur&#252;ckging&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11"><italic>Ace in Space</italic>, k. S.</xref>). Als Possessivpronomen finden sich entsprechend <italic>xies/xiese</italic>: &#187;&#8250;Ist sie stumm?&#8249;, fragte Eyegle und deutete auf xiese Ohren und xiesen Mund&#171; (<xref ref-type="bibr" rid="B11"><italic>Ace in Space</italic>, k. S.</xref>). Damit zeigt der Roman, wie glatt sich Neopronomen in den Sprachgebrauch einf&#252;gen lassen, entgegen der Formulierung Motschenbachers, der den Neologismen keine Akzeptanz zuspricht und behauptet sie seien keine &#187;adequate solution as far as applicability is concerned&#171; (254).</p>
<p>Wie diese Ausf&#252;hrungen gezeigt haben, ist nicht-heteronormative Sprache f&#252;r das Deutsche bis heute nicht einheitlich geregelt und hat momentan noch den Status eines sprachlichen Experiments. Gerade in dieser Hinsicht hat sich die &#187;progressive Phantastik&#171; ein wichtiges Ziel gesetzt und dieses, zumindest in den besprochenen Beispielen <italic>Wasteland</italic> und <italic>Ace in Space</italic>, hervorragend gemeistert. Dabei ging es nicht um eine Normsetzung, wie sie Handb&#252;cher und Ratgeber vorzugeben versuchen, sondern um ein Ausloten progressiven Sprachgebrauchs. Damit zeigen Judith und Christian Vogt, dass insbesondere die SF in der Lage ist nicht-heteronormative R&#228;ume zu imaginieren und diese auch sprachlich darzustellen.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Verf&#252;gbar auf queerwelten.de respektive genderswapped-podcast.podigee.io.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Siehe Sullivan und Vogt.</p></fn>
<fn id="n3"><p>Neben dem grammatischen Geschlecht (im deutschen m/w/n) eines Wortes sind vor allem zwei semantische Aspekte interessant (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Motschenbacher 246</xref>):</p>
<p><disp-quote>
<p>(1) Das <italic>lexikalische Geschlecht</italic> bezieht sich auf W&#246;rter, die semantisch direkt auf das Geschlecht verweisen, wie Mann oder Frau, Bruder oder Schwester.</p>
<p>(2) Das <italic>soziale Geschlecht</italic> von Worten bezieht sich auf das kulturell und durch Konventionen zugeordnete Geschlecht. Beispiele w&#228;ren etwa Model (weiblich) oder F&#252;hrungskraft (m&#228;nnlich), die einen Zusatz ben&#246;tigen, um das andere Geschlecht anzuzeigen (also m&#228;nnliches Model oder weibliche F&#252;hrungskraft).</p>
</disp-quote></p></fn>
<fn id="n4"><p>Olderdissen verweist darauf, dass gerade in der digitalen Verwendung durch Neologismen die Lesbarkeit f&#252;r Menschen mit Schreibschw&#228;chen oder Blinde mit Screenreader stark beeintr&#228;chtigt ist. Der Genderstern wird als &#187;Stern&#171; gelesen, w&#228;hrend der Doppelpunkt eine sehr lange Pause verursacht und optisch mit dem Text verschwimmen kann. Ihr Fazit: &#187;Gendersternchen ja! Aber bitte nur sehr wenige&#171; (104), um den Lesefluss nicht allzu stark zu behindern.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Unklar sind zwei Verwendungen, die nicht diesem Muster entsprechen und evtl. im Lektorat &#252;bersehen wurden: (1) Am Ende des Romans nutzt eine Konzernperson den Doppelpunkt in direkter Rede: &#187;Lassen Sie uns die Details im Voraus ausarbeiten, bevor ich mit den Kolleg:innen intern dar&#252;ber entscheide&#171; (2). Sogar die heterodiegetische Erz&#228;hlinstanz verwendet einmalig diese Formulierung: &#187;&#8250;So weit sind wir noch nicht, Ms Sokowski&#8249;, sagte Dawson, eine kn&#246;cherne Person in dem langen violetten Talar, der f&#252;r die Richter:innen des &#352;est-Quadranten &#252;blich war.&#171;</p>
<p>Beide Nutzungen sind untypisch. Der Doppelpunkt in (1) hat keine phonetische Entsprechung, muss hier also als extradiegetische Interpretation eines intradiegetischen Sprachaktes (etwa einer Pause beim Sprechen) gesehen werden. Und (2) entspricht einem einmaligen Eingriff in das extradiegetische Sprachsystem des Romans und ist eben nicht von der progressiven (schriftlichen) Sprachpraxis der Diegese abgedeckt.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Wichtig ist, wie Olderdissen bemerkt, dass alle Neopronomen &#187;k&#252;nstliche Konstruktion&#171; und &#187;bisher nur wenig bekannt&#171; (178) sind, was es schwer machen wird, hier einen allgemein akzeptierten Konsens zu generieren.</p></fn>
<fn id="n7"><p>Wie schwierig es ist, Neopronomen in der korrekten Form in einen Roman zu setzen zeigt sich an <italic>Wasteland</italic> deutlich. W&#228;hrend es im Originalmanuskript zu <italic>Wasteland</italic> (von den Autor*innen zur Verf&#252;gung gestellt) noch hei&#223;t: &#187;Sire Haare waren eine gepflegte schwarze glatte M&#228;hne [ ] Sire Augen hatten etwas Hypnotisches&#171; (207), ist im gedruckten Buch durch das Lektorat ein Fehler entstanden: hier hei&#223;t es &#187;Sir Haare&#171; und &#187;Sir Augen&#171; (212). Korrekter Gebrauch von Neopronomen ist bislang nur bei wenigen Personen einge&#252;bt, so dass leicht Fehler &#252;bersehen oder sogar in bester Intention ins Manuskript eingef&#252;gt werden.</p></fn>
</fn-group>
<sec>
<title>Autor</title>
<p>Dr. Lars Schmeink ist zurzeit Leverhulme Visiting Professor an der University of Leeds. Er leitete das Teilprojekt &#187;Science Fiction&#171; im BMBF-gef&#246;rderten Forschungsverbund &#187;FutureWork&#171; und ist der Autor von <italic>Biopunk Dystopias</italic> (2016) und Mitherausgeber von <italic>Cyberpunk and Visual Culture</italic> (2018), <italic>The Routledge Companion to Cyberpunk Culture</italic> (2020), <italic>New Perspectives on German Science Fiction</italic> (2022) und <italic>Fifty Key Figures in Cyberpunk Culture</italic> (2022).</p>
</sec>
<sec>
<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
</sec>
<ref-list>
<title>Zitierte Werke</title>
<ref id="B1"><label>1</label><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Baumgartinger</surname>, <given-names>Persson Perry</given-names></string-name>. <article-title>&#187;Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest &#8230; Von Emanzipation und Pathologisierung, Erm&#228;chtigung und Sprachver&#228;nderungen&#171;</article-title>. <source>Liminalis</source> <volume>2</volume>(<year>2008</year>): <fpage>24</fpage>&#8211;<lpage>39</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B2"><label>2</label><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Heger</surname>, <given-names>Illi Anna</given-names></string-name>. <article-title>&#187;Pronomen wie Xier und Sier&#171;</article-title>. <source>Annaheger.de</source>, <volume>2</volume>. <month>Mai</month> <year>2022</year>, <uri>www.annaheger.de/pronomen/</uri>.</mixed-citation></ref>
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