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<journal-title>Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung</journal-title>
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<subject>Rezensionen</subject>
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<article-title>Nielen, Holger. <italic>Philosophische Grundprobleme in der Science Fiction</italic>. Drei B&#228;nde. Logos 2021/22</article-title>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Freier Forscher, CH</aff>
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<license-p>Die Zeitschrift f&#252;r Fantastikforschung ist eine Open-Access-Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren der Open Library of Humanities. &#169; 2022 Der/die Autor*innen. Dieser Open-Access-Beitrag ist lizensiert durch die Creative-Commons-Grundlizenzen in der Version 4.0 (Creative Commons Namensnennung 4.0 International, welche die unbeschr&#228;nkte Nutzung, Verbreitung und Vervielf&#228;ltigung erlaubt, solange der/die Autor*in und die Quelle genannt werden). Vgl. <uri xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de">https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de</uri>.</license-p>
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<p>Review of <italic>Philosophische Grundprobleme in der Science Fiction</italic> by Nils Holger Nielen.</p>
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<p>Nicht anders als monumental kann man die in den vergangenen beiden Jahren vorgelegte Studie zu den <italic>Philosophischen Grundproblemen in der Science Fiction</italic> bezeichnen, die von dem Bonner Philosophen Holger Nielen ausgearbeitet wurde. Auf nicht weniger als 1350 Seiten f&#252;hrt der Autor in die Thematik und ihre Geschichte ein und f&#252;gt daran f&#252;nf analytische Hauptkapitel, die sich gro&#223;en Fragen der klassischen Philosophie widmen: der Geschichtsphilosophie, der Metaphysik, der Erkenntnistheorie, der Anthropologie, der Ethik und der politischen Theorie.</p>
<p>Ausf&#252;hrlich widmet sich Nielen zun&#228;chst der literaturwissenschaftlichen Debatte um die Einordnung der Science Fiction und ihrer Abgrenzung zur Phantastik, Utopie und Fantasy. Mit John Rieder begreift er die Gattung als eine &#187;gewachsene&#171; und &#187;weiter wachsende&#171;, deren Akzente sich stets weiterentwickeln, die aber als narrativen Kern stets das Verh&#228;ltnis des Menschen zur Technik problematisiert (Bd. 1, 48). Dieser Logik folgend schlie&#223;t sich ein einf&#252;hrendes Kapitel zum <italic>Problem der Technik</italic> an, das neben einer Kl&#228;rung des Begriffes vor allem technikkritische Philosophen wie Karl Marx, G&#252;nther Anders, Oswald Spengler rezipiert. Mit Martin Heidegger und Wolfgang Giegerich ermutigt Nielen jedoch dazu, Technik &#8211; und damit auch Narrative von Technik &#8211; als heuristisches Mittel &#187;auf der Suche nach den Grenzsituationen des Menschlichen zu nutzen&#171; (Bd. 1, 16, 54&#8211;67). Hierbei ist anzumerken, dass der Autor davon ausgeht, der Mensch verf&#252;ge &#252;ber ein &#187;unwandelbares Wesen &#171;, da er sprach- und vernunftbegabt sei (Bd. 1, 52). Eine kundig geschriebene, <italic>kleine Geschichte der Science Fiction</italic> rundet die <italic>Prolegomena</italic> ab.</p>
<p>Ausgangspunkt der nachfolgenden Untersuchung ist Nielens These, dass die Probleme, mit denen sich die Science Fiction befasst, vor allem philosophische seien und die Science-Fiction-Literatur gleichsam als Seismograph der Gesellschaft &#8211; als Geschichtsphilosophie und Selbstverst&#228;ndnis unserer Zeit &#8211; fungiere: &#187;Schon seit einiger Zeit leben wir in der Zukunft. Wir leben mit ihr und von ihr&#171;. (Bd. 1, 5). Die analytischen f&#252;nf Kapitel gliedern sich stets in die zwei Teile einer philosophischen Einleitung und daran anschlie&#223;enden thematischen Beispielen aus der Science Fiction, wobei Nielen nicht nur literarische Werke europ&#228;ischen und US-amerikanischen Ursprungs heranzieht, sondern ebenso Filme und Fernsehserien.</p>
<p>Wenn Nielen nun den Beginn der Geschichtsphilosophie im Christentum verortet (in der biblischen Eschatologie und bei Augustinus), so korrespondiert dies mit seiner Auffassung, dass die Science Fiction &#187;prinzipiell ein Ph&#228;nomen des christlichen Abendlandes ist&#171; (Bd. 1, 99). Die geschichtsphilosophischen Theorien von Auguste Comte, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Hegel, Karl Marx und Friedrich Engels, Friedrich Nietzsche, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer sowie Hayden White pr&#228;sentiert Nielen pr&#228;gnant, bevor nun verschiedene Zeitmotive der Science Fiction diskutiert werden wie Zeitreisen, das Ende der Menschheit sowie alternative und parallele Geschichte(n).</p>
<p>In seiner Studie zur Metaphysik ber&#252;hrt Nielen zun&#228;chst die Frage nach der Wirklichkeit und der virtuellen Realit&#228;t und anschlie&#223;end das Problem der Identit&#228;t des Ich, die er philosophisch mit zahlreichen Positionen &#8211; von Ren&#233; Descartes, Kant, David Hume, John Locke bis zu Jean-Paul Sartre, Paul Ric&#339;ur und Emmanuel L&#233;vinas &#8211; illustriert. Literarisch thematisiert er an dieser Stelle vornehmlich die Werke von Philip K. Dick und Stanis&#322;aw Lem.</p>
<p>Ludwig Wittgenstein, Edmund Gettier und Willard Van Orman Quine sind Nielens Bezugspunkte, wenn er in seinem dritten analytischen Kapitel das Verh&#228;ltnis von Erkenntnistheorie und Science Fiction vertieft. Dabei interessiert ihn insbesondere das Verstehen des Fremden, zu dem ihm die Science Fiction ein &#187;kognitives Modell&#171; liefert, wie er es mit Hilfe von Romanen haupts&#228;chlich von Lem und der Br&#252;der Arkadi und Boris Strugazki veranschaulicht.</p>
<p>An diese &#220;berlegungen schlie&#223;t Nielen auch im n&#228;chsten Hauptkapitel zur Anthropologie an, in dessen Rahmen er sich zum Teil kritisch, zum Teil affirmativ mit den Theorien von Kant, Nietzsche, Max Scheler, Helmuth Plessner und Giorgio Agamben auseinandersetzt. Anthropologie ist f&#252;r Nielen stets auch die Begegnung mit dem Anderen und Fremden, auch dem Nicht-Menschlichen, den Tieren. Er wehrt sich dabei ausdr&#252;cklich gegen die modisch gewordene Position, die definitorische Grenze zwischen Mensch und Tier durchl&#228;ssiger werden zu lassen. Diese Diskussion verdanke ihre Relevanz f&#252;r Nielens Studie der Tatsache, dass das Tier die erste Begegnung des Menschen mit einer anderen Lebensform ist, die nun pr&#228;gend sei f&#252;r das Verh&#228;ltnis zu Robotern, Cyborgs und k&#252;nstlichen Intelligenzen (Bd. 2, 80&#8211;86). Als besonders innovativ erweist sich Nielens Er&#246;rterung, wenn das in der Science Fiction meist marginalisierte Thema der Sexualit&#228;t und ihren Machtstrukturen aufgegriffen wird. Eingehend werden diese Fragen nun mit vielf&#228;ltigen Literaturbez&#252;gen bedacht (von H. G. Wells und Aldous Huxley bis zu George Orwell und Isaac Asimov). Auch aktuelle Filme wie Denis Villeneuves A<sc>rrival</sc> (US 2016), Wally Pfisters T<sc>ranscendence</sc> (US 2014) und mehrere <italic>Star-Trek-</italic>Episoden und -Filme rezipiert Nielen in diesem Zusammenhang.</p>
<p>Diese Diskussion f&#252;hrt den Verfasser nun zu ethischen Fragestellungen, auch der Ethik des Fremden und der Menschenrechte, deren Grundlagen er mit Verweis auf Hume, Kant, John Stuart Mill, John Rawls, J&#252;rgen Habermas und anderen skizziert. Im Zentrum stehen in diesem Kapitel die Roboterethik und biotechnologische Probleme der Gentechnik, des Klonens und von Transplantationen. Narrativ spannt Nielen an dieser Stelle den weitesten Bogen von Mary Shelleys <italic>Frankenstein</italic> (1818) bis zu <italic>Star Trek</italic> und GATTACA (US 1997, Regie: Andrew Niccol).</p>
<p>Ist der gesamte dritte Band der politischen Theorie vorbehalten, so f&#228;llt auch die theoretische Herleitung ungleich ausf&#252;hrlicher aus als in den vorhergehenden analytischen Kapiteln. In drei Schritten werden die Grundlagen der politischen Theorie (von Platon bis Jean-Jacques Rousseau), sozialistische Staatstheorien (von Camille Saint-Simon bis Michel Foucault) und der utopische Diskurs (von Karl Mannheim bis Ernst Bloch) entfaltet. Es schlie&#223;en sich sechs Unterkapitel zu klassischen Utopien und Dystopien, zu &#246;kologischen Alternativen und feministischen Utopien sowie zum Cyberpunk und zu indifferenten Utopien an. Ein res&#252;mierendes Kapitel identifiziert die drei Themenkreise der &#214;konomie, der Unsterblichkeit und der Erlangung von Transzendenz innerhalb dieser utopischen und dystopischen Entw&#252;rfe.</p>
<p>Nielens Studie endet mit einem kurzen Pl&#228;doyer f&#252;r eine &#187;Kritische Science Fiction&#171;, die fragt, &#187;inwiefern sich der Mensch vom Roboter unterscheidet und nach dem Wesen des Menschen unter dem Aspekt der Mehrheit der Welten&#171;. Kritische Science Fiction will Nielen zufolge in der Begegnung mit Au&#223;erirdischen und Robotern die ethischen und anthropologischen Fragen behandeln, &#187;nach welchen Zielen, Zwecken und Werten der Mensch handeln soll&#171;. Sie soll auf diese Weise zur &#187;Mahnerin und Warnerin&#171; vor bedrohlichen gesellschaftlichen Zukunftsszenarien werden (Bd. 3, 388).</p>
<p>Holger Nielen hat sich mit seinem Werk gro&#223;e Verdienste erworben, indem er den klassischen philosophischen Diskurs mit den dr&#228;ngenden technologischen, gesellschaftlichen und &#246;kologischen Fragen der Gegenwart verbindet, wie sie in der Science Fiction ihren Ausdruck finden. Seine Studie zeugt von einer breiten Kenntnis der europ&#228;ischen Philosophie und der Science Fiction, von der die pointierten und leserfreundlichen Kapitel enorm profitieren. Es ist ihm durchweg zuzustimmen, wenn er es als ein &#187;Gebot der Zeit&#171; bezeichnet, sich philosophisch mit Science Fiction auseinanderzusetzen (Bd. 1, 1). F&#252;r die Schule und das Studium der Philosophie und Literatur hat Nielen mit seiner Publikation eine &#228;u&#223;erst n&#252;tzliche roadmap&#8249; erarbeitet, die es erleichtern wird, den intellektuellen Nachwuchs mitten im Leben abzuholen.</p>
<p>Eine Schw&#228;che des Werkes liegt in der in einigen Kapiteln nur skizzenhaft ausgearbeiteten Verbindung zwischen den philosophischen Ausf&#252;hrungen und den Beispielen aus der Science Fiction; diese Arbeit ist in den meisten F&#228;llen noch von der geneigten Leserschaft zu leisten. Als Beispiel f&#252;r dieses Defizit sei auf Nielens Analyse von <italic>The Time Machine</italic> (1895) des wohl bekanntesten klassischen Science-Fiction-Autoren, H. G. Wells (1866&#8211;1946), verwiesen: Die Ausf&#252;hrungen Nielens bleiben fast vollst&#228;ndig werkimmanent, die zeitgeschichtliche Verortung von Wells Biografie und sein politischer Standpunkt sowie die philosophischen Kontexte seiner Zeit bleiben unber&#252;cksichtigt (er war Mitglied der sozialistischen Fabian Society, lange Zeit pazifistisch engagiert, traf sowohl Lenin als auch Stalin pers&#246;nlich).</p>
<p>Undurchsichtig bleibt auch Nielens eigenes Vorverst&#228;ndnis als philosophischer Autor. Pr&#228;sentiert er sich im Allgemeinen als ein kundiger Vergil, der uns durch die philosophischen Untiefen der Science Fiction f&#252;hrt, so scheint an zahlreichen Stellen auch ein scharfer Literaturkritiker und ein Philosoph mit deutlichen Positionen durch, zum Beispiel wenn er res&#252;miert, dass die &#187;menschliche Natur &#252;berhaupt&#171; aufgel&#246;st werde, &#187;wenn alle Organe austauschbar sind, wenn das Geschlecht zur Disposition steht&#171; (Bd. 2, 511). Seine philosophische Position wird allerdings nirgends systematisch expliziert, was hilfreich w&#228;re, um seine teils kulturkritischen Kommentare einordnen zu k&#246;nnen. Zudem wirkt die Rede von dem &#187;Selbstverst&#228;ndnis unserer Zeit&#171; und gar der &#187;abendl&#228;ndischen Menschheit&#171; an manchen Stellen zu holzschnittartig und wird der Heterogenit&#228;t des gesellschaftlichen Zeit- und Zukunftsverst&#228;ndnisses &#8211; wie es sich ja auch in der Science Fiction zwischen naiver Technikeuphorie und Dystopie wiederspiegelt &#8211; nicht gerecht.</p>
<p>Leider gibt der Autor auch keinen Einblick in die Logik seiner materialen Auswahl im Rahmen der Science Fiction. Unklar bleibt daher, warum einige literarische Klassiker wie Samuel Butler, Alfred Kubin, Herbert Franke oder j&#252;ngere Werke von Veronica Roth und Suzanne Collins sowie Film- und TV-Produktionen &#8211; wie I<sc>nterstellar</sc> (US 2014, Regie: Christopher Nolan), A<sc>ltered</sc> C<sc>arbon</sc> (US 2018&#8211;2020, Idee: Laeta Kalogridis), T<sc>he</sc> 100 (US 2014&#8211;2020, Idee: Jason Rothenberg) &#8211; die signifikant neue Akzente setzten, gar nicht ber&#252;cksichtigt wurden.</p>
<p>Die <italic>Philosophischen Grundprobleme in der Science Fiction</italic> sind trotz ihres monumentalen Charakters von explorativer Natur. Das bedeutet, dass Nielens &#338;uvre nicht den Endpunkt einer Philosophie der Science Fiction markiert, sondern deren Beginn. Sie verleiht uns wertvolle Impulse f&#252;r eine intellektuelle Reise in unbegrenzt phantastische Gefilde, &#187;die nie ein Mensch zuvor gesehen hat&#171;.</p>
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<title>Autor</title>
<p>Dr. phil. Holger Nielen (*1966) studierte Geschichte, Philosophie, Religionswissenschaft und r&#246;m.-kath. Theologie an den Universit&#228;ten Bonn und D&#252;sseldorf. Nach seiner religionswissenschaftlichen Promotion war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter auf verschiedenen Positionen an den Universit&#228;ten Bonn und K&#246;ln t&#228;tig und lebt heute als freischaffender Dozent und Autor.</p>
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<title>Konkurrierende Interessen</title>
<p>Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erkl&#228;ren.</p>
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