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Superhelden im Film

Superhelden im Film ist die »geringfügig aktualisierte Fassung« (301) von Peter Vignolds Dissertationsschrift von 2022 und nach Das Marvel Cinematic Universe: Anatomie einer Hyperserie (2017) bereits seine zweite Analyse des Marvel Cinematic Universe (MCU) in Buchlänge.

In der Monografie untersucht Vignold die Superheldenfilme (bzw. »Superheld:innenfilme«) des MCU von Iron Man (US 2008, Regie: Jon Favreau) bis Black Widow (US 2021, Regie: Cate Shortland). Sein Fokus liegt dabei auf der Figur Tony Stark/Iron Man als Verkörperung hegemonialer Männlichkeiten und somit als Patriarch. In Anlehnung an Amanda Lotz verwendet der Autor ›Männlichkeiten‹ bewusst im Plural, um das Aufeinandertreffen verschiedener Männlichkeitsentwürfe zu thematisieren. Ein zentrales Konzept für die Publikation ist das »Men’s Cinema« von Stella Bruzzi, das die Analyse von filmischen Ästhetiken anstelle von Repräsentationen in den Vordergrund stellt.

Vignold interessiert sich in seinen Analysen vor allem für Formen der Remediation: szenische Anspielungen auf frühere visuelle Männlichkeitsdarstellungen wie zum Beispiel in Citizen Kane (US 1941, Regie: Orson Welles), die Verwendung von Rockmusik, insbesondere der australischen Hard-Rock-Band AC/DC, sowie hypermediale Montagen und Filme im Film. Der Autor bezieht dabei auch Produktionskontexte und politisch-philosophische Strömungen in den USA in seine Untersuchungen mit ein. Das Buch geht daher über eine Genreanalyse weit hinaus und ordnet das MCU rund um Tony Stark sowohl in die weitere Filmgeschichte als auch audio-visuelle Männlichkeitsdiskurse des 20. und 21. Jahrhunderts ein.

Das Buch ist in vier ähnlich lange Teile gegliedert. Die Einleitung besteht aus einer klassischen Einführung sowie einem Theorieteil, in dem zentrale Konzepte und Begriffe wie die oben erwähnten kritisch diskutiert und etabliert werden. »Teil I: Die maskuline Ästhetik des Marvel Cinematic Universe« setzt sich intensiv mit den Film- und Musikzitaten in dem Gründungsfilm des MCU, Iron Man, und seiner Fortsetzung, Iron Man 2 (US 2009, Regie: Jon Favreau), auseinander. »Teil II: Der Tod des Patriarchats« kontrastiert Tony Stark in seiner Doppelrolle als Sohn/Vater mit dem als Rivale fungierenden Superhelden Steve Rogers/Captain America und dem filmübergreifenden Superbösewicht Thanos in den Filmen Captain America: Civil War (US 2016, Regie: Joe Russo, Anthony Russo), Avengers: Infinity War (US 2018, Regie: Joe Russo, Anthony Russo) und Avengers: Endgame (US 2019, Regie: Joe Russo, Anthony Russo). Beide Teile dienen somit der Sichtbarmachung von patriarchalen Ästhetiken und Motiven in der sogenannten Infinity Saga des MCU. »Teil III: Die post-patriarchale Utopie des Marvel Cinematic Universe« zeigt anhand von Spider-Man: Far From Home (US 2019, Regie: Jon Watts) und Black Widow das Potenzial der Reihe auf, sich nach dem Tod der Patriarchen Tony Stark und Thanos von eben diesen Ästhetiken zu lösen beziehungsweise diese neu zu definieren. Die Filmanalysen münden in einem »Ausblick« mit einer Auflistung von sieben allgemeineren Thesen zum gegenwärtigen Superheld:innenfilm, die unter anderem auch Filme des Konkurrenten DC in ihre Schlussfolgerungen integriert.

Der in der Einleitung etablierte differenzierte Umgang vor allem mit Identitätsbegriffen wie Männlichkeit oder weiß, der von Vignold bewusst kursiviert wird, um auf seine soziale Konstruktion hinzuweisen, setzt sich in den Analysekapiteln gewinnbringend fort und ermöglicht ihm eine tiefgehende Auseinandersetzung. Eine Ausnahme bildet die vergleichsweise unkritische Verwendung des psychoanalytischen Konzepts des Ödipus-Komplex in Teil II: Der Text folgt auf der Analysebene Bruzzis Konzept des ›Ödipalen Dramas‹ (Bringing up Daddy), wonach »Vater-Sohn-Narrative […] zu dieser Zeit [1950er] regelmäßig von Freuds Interpretation der Ödipus-Sage informiert« seien (152), und geht damit nicht über dieses restriktive heteronormative Modell hinaus. Insgesamt setzt sich Vignold mit seinem »transdisziplinäre[n] Zugriff auf Film unter Anleitung einer gender-medienkulturwissenschaftlich situierten Fragestellung« (24) ein hohes Ziel und wird diesem auch größtenteils gerecht.

Der Autor kombiniert gekonnt detaillierte handwerklich solide Analysen einzelner Szenen mit Herleitungen von ästhetischen Referenzen, die stellenweise leicht assoziativ geraten, aber stets von beeindruckendem Hintergrundwissen gestützt werden. Durch seine breit aufgestellte Sekundärliteratur, die sowohl einschlägige Autor:innen und Werke (für die filmische Superheldenforschung zum Beispiel McSweeney und Brown) als auch relevante nichtakademische Quellen beinhaltet, baut sich Vignold ein ordentliches Fundament auf. Besonders positiv hervorzuheben ist hierbei die kritische Reflexion vorangegangener Analysen der gewählten Filme, die genauestens auf ihre Differenzen und Implikationen untersucht werden. Vignold leistet hier zudem einen wichtigen Beitrag, anglophone Diskurse einer deutschsprachigen Leserschaft zugänglich zu machen, auch wenn englische Grundkenntnisse aufgrund der überwiegend englischsprachigen Zitate für die Lektüre sicherlich nützlich sind.

Vignold macht in seinem Ausblick deutlich, dass es sich bei den vorliegenden Ergebnissen um »Momentaufnahmen ohne Anspruch auf langfristige Gültigkeit« (257) handelt und antizipiert im Schlusswort die Flüchtigkeit und Zerbrechlichkeit der postulierten post-patriarchalen Utopie. Seinem Ansatz folgend hat sich dieser ›Backlash‹ bereits mit der 2024 angekündigten Rückkehr von Tony-Stark-Schauspieler Robert Downey Jr. in das MCU bewahrheitet. Die vorliegende Publikation ist somit ein wichtiges Zeitdokument, dem es gelingt, genau diesen kurzen utopischen Moment einzufangen und (film-)geschichtlich zu kontextualisieren, als auch eine beispielhafte Charakterstudie, die Analysewerkzeuge zur Verfügung stellt, weitere Figuren des MCU unter dem Gesichtspunkt ihrer (post-)patriarchalen Ästhetiken zu betrachten.

Auf redaktioneller Ebene ist auf die reichliche und treffende Auswahl des detailliert analysierten Bildmaterials hinzuweisen, das sowohl in der als Open Access verfügbaren E-Book-Version wie auch in der Printausgabe eine gute Farbqualität aufweist. Der Ursprung des Werkes als Dissertationsschrift ist unter anderem an den ausführlichen Fußnoten noch deutlich erkennbar. Hier hätte eine stärkere redaktionelle Überarbeitung die Lesefreundlichkeit dieser spannenden und wichtigen Monografie erhöhen können.

Insgesamt empfiehlt sich die Veröffentlichung durch ihre Transdisziplinarität einem breiten Publikum von Forschenden in den Bereichen der Superheldenstudien über Film- und Medienwissenschaften zu ›critical masculinity studies‹. Für Studierende kann der Gesamtansatz des Werkes einerseits zu komplex sein, andererseits durch seine popkulturelle Thematik einen ansprechenden Einstieg bieten. Vor allem die einzelnen Unterkapitel eignen sich gut als Fallbeispiele, um medienwissenschaftliches Vokabular einzuüben.

Autorin

Kristin Aubel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Sie veröffentlichte bereits zu Fantastik (Spaces and Places in the Fantastic: Exploring Fantastic Geographies, Cambridge Scholars, 2025, mit Sarah Edwards und Christian Lenz) und Superhelden (»Christliche Narrative in Superheldencomics: Nightcrawler als praktizierender Christ, Antichrist und Erlöser«. In: Religiöse Helden: Glaube, Religion und Moralität in der superheroischen Popkultur, transcript, 2023). Seit 2023 ist sie Herausgeberin des Inklings-Jahrbuchs. In ihrer Dissertation widmet sie sich mythischen Transformationen in zeitgenössischer Fantasy.

Konkurrierende Interessen

Die Autorin hat keine konkurrierenden Interessen zu erklären.

Filmografie

Avengers: Infinity War. Regie: Joe Russo, Anthony Russo. US 2018.

Avengers: Endgame. Regie: Joe Russo, Anthony Russo. US 2019.

Black Widow. Regie: Cate Shortland. US 2021.

Captain America: Civil War (The First Avenger: Civil War). Regie: Joe Russo, Anthony Russo. US 2016.

Citizen Kane. Regie: Orson Welles. US 1941.

Iron Man. Regie: Jon Favreau. US 2008.

Iron Man 2. Regie: Jon Favreau. US 2010.

Spider-Man: Far From Home. Regie: Jon Watts. US 2019.

Zitierte Werke

Brown, Jeffrey A. The Modern Superhero in Film and Television: Popular Genre and American Culture. Routledge, 2017.

Bruzzi, Stella. Bringing up Daddy: Fatherhood and Masculinity in Post-War Hollywood. BFI Publishing, 2005.

Bruzzi, Stella. Men’s Cinema: Masculinity and Mise en Scène in Hollywood. Edinburgh UP, 2013.

Lotz, Amanda. Cable Guys: Television and Masculinities in the 21st Century. NYU Press, 2014.

McSweeney, Terence. Avengers Assemble! Critical Perspectives on the Marvel Cinematic Universe. Wallflower Press, 2018.

Vignold, Peter. Das Marvel Cinematic Universe: Anatomie einer Hyperserie. Schüren, 2017.