»Eine Wirkung hat das immer«

Magdalena Leichter, Frank Weinreich

Hard times are coming, when we’ll be wanting the voices of writers who can see alternatives to how we live now, can see through our fear-stricken society and its obsessive technologies to other ways of being, and even imagine real grounds for hope. We’ll need writers who can remember freedom – poets, visionaries – realists of a larger reality. (Le Guin, »Acceptance Speech«)

Ursula K. Le Guins Rede ist eine Warnung vor der Kommerzialisierung von Literatur – und zugleich markiert ihre Anrufung den Horizont, vor dem dieses Forum steht: Die »hard times« sind in vielerlei Hinsicht längst Gegenwart – Kriege und autoritäre Verschiebungen, eskalierende Klima- und Biodiversitätskrisen, ökonomische und soziale Verwerfungen, eine technische Beschleunigung, die zwischen Heilsversprechen und Kontrollverlust oszilliert. Unter diesen Bedingungen wird nicht nur um Deutungen gerungen, sondern um die Reichweite des kollektiv Vorstellbaren: Welche Zukünfte gelten als denkbar? Welche Erzählweisen gewinnen Resonanz? Welche Narrative eröffnen Handlungsspielräume – und welche schließen sie? Fantastik ist hier als Imagination politischer Möglichkeitsräume ernst zu nehmen. Le Guin wendet sich als US-Autorin und zentrale Stimme einer politisch sensiblen Fantastik zwar primär an andere Autor:innen, doch ihre Anrufung betrifft gleichermaßen diejenigen, die Texte lesen, lehren, editieren, kuratieren und beforschen. Denn was hier als Auftrag formuliert ist, verteilt sich als gemeinsame Arbeit an der Vorstellungskraft: Alternativen sichtbar machen, Angstregime durchschauen, »real grounds for hope« denkbar halten.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob dieser Ruf besonders aufseiten des Publikums fantastischer Werke auch gehört und verstanden wird. Erschöpfende Wirkungsforschung zu dieser Frage liegt nicht vor, wäre auch nur unter sehr großem Aufwand zu realisieren, da allein die Operationalisierbarkeit große Anstrengungen in sowohl qualitativen wie quantitativen Ansätzen erforderte. Was nicht heißt, dass sie nicht ein Desideratum wäre. Da sie jedoch nicht vorliegt, liegt es nahe, die Praktizierenden fantastischer Kunst und Literatur um Einschätzungen der Wirksamkeit ihrer Werke zu bitten, also die Autorinnen, Musiker, bildenden Künstlerinnen, aber auch die ihre Arbeit unterstützenden und ermöglichenden Produzentinnen, Verleger, Lektorinnen usw. Diese Personengruppen haben in der Regel einen guten Draht zu ihren Publika, sind mit ihnen im Gespräch und erhalten weitgehend ungefilterte Rückmeldungen, die Befragungen von Forschenden den Weg für ihr Studiendesigns weisen könnten, aber auch für sich genommen wertvoll sind, um Antworten auf die Einflussfrage zu geben. Deshalb haben wir eine Reihe von Praktizierenden als Expertinnen und Experten um eine Einschätzung des möglichen Einflusses der Fantastik auf Politik und Gesellschaft gebeten; eine Idee, die schon vor längerer Zeit in einem Gespräch mit dem erfolgreichen Autor der Elfen-Reihe Bernhard Hennen entstand. Angesprochen auf realweltliche Bezüge bei seinen Elfen sagte er einmal:

Ich versuche, Botschaften und Überzeugungen so zu verpacken, dass sie nicht zu aufdringlich sind. Wenn man sich nicht darum schert, dann kann man das auch wunderbar überlesen. Obwohl … das mit dem Überlesen ist vielleicht etwas zu leicht daher gesagt, denn unterschwellig haben diese Dinge immer eine Wirkung.1

Die Frage nach möglichen Einflüssen stellt sich auch vor dem Hintergrund des zumindest in der Vergangenheit nahezu ubiquitär erhobenen Vorwurfs, dass die Fantastik besonders in Buch und Film dem Eskapismus Vorschub leiste. Dem entgegnet beispielsweise Lars Konzack, dass Eskapismus nicht als Einwand gegen die Wirksamkeit von Fantastik tauge – vielmehr sei der Vorwurf unzutreffend, denn anstatt Realitätsflucht zu sein, schaffe »creative fantasy … a free space from which one can gain a new perspective. J. R. R. Tolkien and C. S. Lewis used fantastic worlds to reconsider the real one« (Konzack 253). Tolkien selbst unterscheidet präzise zwischen der »illegitimate escape of the deserter« (Konzack 252; vgl. Tolkien 69)2 und der legitimen Flucht des Gefangenen – Letzteres ist »a heroic act« und gerade keine Weltflucht, sondern ein Perspektivgewinn (Konzack 252). Le Guin kehrt den Vorwurf kulturkritisch um: »Fake realism is the escapist literature of our time. And probably the ultimate escapist reading is that masterpiece of total unreality, the daily stock market report« (Why are Americans 42). So wird »Eskapismus« zur Ausrede: Fantastik schafft Distanz, die Kritik und Veränderung überhaupt erst ermöglicht – ob in Handlung oder im Gedanken. Dass solche Distanzformen nicht im Ästhetischen stehen bleiben, sondern in gesellschaftliche Auseinandersetzungen zurückwirken, zeigt ein kurzer Blick auf ihre lange Genealogie. Die politischen Effekte der Fantastik sind historisch kein Randphänomen, sondern wiederkehrende Praxis. Spätestens seit Platons Staat verhandeln Texte und Bilder gesellschaftliche Umstände nicht nur beobachtend, sondern regelsetzend. Ovids Metamorphosen, Swifts Gulliver‘s Travels (1726), Shelleys Frankenstein; or, The Modern Prometheus (1818), die frühen filmischen Dystopien wie Metropolis (DE 1927, Regie: Fritz Lang), später bspw. Stanley Kubricks A Clockwork Orange (GB/US 1971), Hörspielereignisse wie Orson Wellesʼ Adaptation von The War of the Worlds aus dem Jahr 1938, Konzeptalben wie Tommy von 1969 von The Who oder Picassos Guernica – sie alle markieren, auf sehr unterschiedlichen ästhetischen Wegen, Eingriffe ins Politische. Unstrittig ist, dass Fantastik beobachtet und kommentiert; entscheidend für unser Thema ist die Frage nach der Wirkung: Wie werden aus Entwürfen Deutungsangebote für die Gegenwart? Wie legitimieren sich solche Eingriffe? Und welche Verantwortung entsteht dort, wo irreal entworfene Welten in reale Diskurse zurückwirken?

An diesem Punkt verschiebt sich die Frage vom Ob zum Wie: Welche ästhetischen Verfahren lassen aus entlegenen Entwürfen wirksame Deutungsangebote werden – und auf welchen Wegen gelangen sie in öffentliche Diskurse zurück? Genau an diesem Punkt setzt der begriffliche Werkzeugkasten der Fantastikforschung an. Besonders prägnant beschreibt Darko Suvin SF als »a literary genre whose necessary and sufficient conditions are the presence and interaction of estrangement and cognition, and whose main formal device is an imaginative framework alternative [i. e. the novum] to the author’s empirical environment« (7 f.), also ein Zusammenspiel von Verfremdung und gedanklicher Prüfung, getragen von einem Novum, das die vertraute Erfahrungswelt probeweise verschiebt. In dieser Perspektive funktionieren fantastische Szenarien als Modelle, an denen sich Institutionen, Normen und Werte unter veränderten Bedingungen erproben lassen.

Carl Freedman schärft diesen Zugriff, indem er die Aufmerksamkeit von Wahrheitsbehauptungen auf die Haltung des Textes lenkt:

cognition proper is not, in the strictest terms, exactly the quality that defines science fiction. What is rather at stake is […] the cognition effect. The crucial issue […] is […] the attitude of the text itself to the kind of estrangements being performed. (Freedman 18)

Entscheidend wird damit die Frage, wie ein Werk seine eigene Plausibilitätsökonomie aufbaut, wie es Lesende in eine ernst zu nehmende Modellwelt einlädt – und welche Folgerungen sich daraus für das Nachdenken über reale Ordnungen ergeben. Dass diese Überzeugungskraft ambivalent ist, benennt China Miéville mit entwaffnender Klarheit. Ihr Erkenntniswert liegt nicht in einer unmittelbaren Handlungsanweisung, sondern in der Denkbewegung, die sie auslöst:

Let me emphatically stress that this is not to make the ridiculous suggestion that fantastic fiction gives a clear view of political possibilities or acts as a guide to political action. I am claiming that the fantastic, particularly because »reality« is a grotesque »fantastic form«, is good to think with. (Miéville 339)

Wo Wirklichkeit selbst von Projektionen, Mythen und Modellen durchzogen ist, wird das Fantastische zum Instrument, um diese Gemengelage zu befragen – mit der Chance, aber auch dem Risiko, dass seine Plausibilitätsangebote in Debatten weiterwirken. Von hier führt ein direkter Weg zum utopischen Denken als Methode gesellschaftlicher Imagination. Ruth Levitas insistiert darauf, den utopischen Entwurf als Suchbewegung zu verstehen:

Utopia as method is not and cannot be blueprint. Utopian envisioning is necessarily provisional, reflexive and dialogic […] The process of making and communicating imagined alternative futures must be both affective and cognitive. (Levitas 218)

Entwerfen heißt demnach zugleich begehren und prüfen; Utopie schult Wünsche – »education of desire« – und zwingt zur Ausbuchstabierung von Formen des Zusammenlebens, die überhaupt verhandelbar werden. Ernst Bloch gibt diesem Ensemble den produktiven Doppelcharakter, der die Fantastik seit je begleitet: »Kunst ist ein Laboratorium und ebenso ein Fest ausgeführter Möglichkeiten« (Bloch 249). Labor und Fest – Erproben und Begehen – bilden den Resonanzraum, in dem fantastische Narrative Begriffe, Metaphern und Handlungslogiken an die Gegenwart rückkoppeln. Hier entstehen jene Bilder, mit denen Krisen gedacht werden, und jene Modelle, die Handlungsräume öffnen, ohne sie vorschnell zu verengen.

Vor diesem Hintergrund lassen sich die im Forum versammelten Perspektiven als das Schlagen unterschiedlicher Schneisen durch ein gemeinsames Feld lesen. Oliver Bidlo setzt beim Vokabular an, das längst im Alltag zirkuliert: Die Formel von der »phantastischen Refiguration der Wirklichkeit« verbindet eine metapherntheoretische Analyse – wie Begriffe und Figuren aus der Fantastik als Quellbereiche in die soziale Praxis einsickern – mit dem Plädoyer für ethnografische Blicke auf Szenen, Conventions und Praktiken. So wird sichtbar, wie »Auge von Sauron«, »Orks« oder eine »Hermine-Handtasche« als soziale Markierungen arbeiten und wie solche Tiefenästhetiken gesellschaftliche Wahrnehmungsmuster mitprägen.

Kai-Holger Brassel zeichnet aus der Schreibpraxis eines späten Quereinsteigers die Bewegung von der Fortschrittssemantik der klassischen Moderne hin zur Vielstimmigkeit gegenwärtiger SF nach – mit Climate Fiction, Solarpunk und komplexen, multiperspektivischen Erzählformen als Gegenentwürfen zu Erschöpfung und Dystopie-Sättigung. Seine Diagnose der Sichtbarkeitsökonomien – zwischen Literaturbetrieb, visuellen Medien und Buchmarkt – mündet in ein programmatisches Plädoyer: Expertise aus Natur- und Sozialwissenschaften stärker mit poetischen Verfahren zu verschränken, um Zukunft erzählbar zu halten.

Olaf Buchheim zeigt, was es heißt, wenn die Schnittstelle zur Gesellschaft kuratorisch organisiert ist: Verlegerische Auswahl als stilles Statement. Horror entfaltet seine Wirkung dort, wo er nicht als Manifest auftritt, sondern als »verdammte gute Unterhaltung mit Tiefgang« Empathie mobilisiert, Perspektiven weitet und reale Wunden – Rassismus, Trauma, Schuld – über das Fantastische fühlbar macht. Der Anspruch bleibt ästhetisch; die Implikation ist gesellschaftlich.

Karoline Huber verschränkt Lehre, Medienanalyse und Gegenwartsdiagnose. An The Handmaid’s Tale (1985) wird sichtbar, wie juristische und kulturelle Verschiebungen – vom Roe-Rollback bis zu »Tradwives«-Diskursen – die Lektüre transformieren und wie umgekehrt der Text politische Semantiken schärft. Parallel prüft sie De-Extinction-Erzählungen (Colossal Biosciences) im Spiegel von SF-Topoi (Jurassic Park [US 1993, Regie: Steven Spielberg]) und zeigt, wie leicht technizistische Heilsversprechen in klimapolitische Ersatzreligionen kippen können – ein Lehrstück über die Verantwortung, mit der fantastische Narrative in öffentliche Rationalitäten einspeisen.

Tom C. Winter fasst die Funktionsvielfalt der Fantastik in krisenhaften Zeiten als Raum des Probehandelns, der Werteklärung und der Konfrontation mit den »letzten Dingen« (Yalom) – und zugleich als legitime Ressource der Erholung in erschöpfenden Öffentlichkeiten. Utopische und dystopische Entwürfe strukturieren, wofür wir eintreten und wovor wir warnen; Horror macht Grenzfälle sittlicher Entscheidungen erfahrbar; das Eskapistische stabilisiert Kräfte, die politisches Handeln erst ermöglichen.

Aus den theoretischen Sondierungen und den skizzierten Fallstudien entsteht so ein Bild von Fantastik als öffentlicher Praxis des Möglichmachens: Sie entwirft Konstellationen, an denen sich Erwartungen schärfen, Begriffe verschoben und Zukünfte verhandelbar werden. Ihre politische Energie liegt in der doppelten Bindung von Anschaulichkeit und Prüfbarkeit – Modelle, die zur Kritik einladen; Bilder, die affektiv tragen, ohne sich der Begründung zu entziehen. In diesem Sinn wird Imagination zur Übung einer geteilten Urteilskraft: Sie hält jene offene Zone zwischen Empfinden und Argumentieren frei, in der Alternativen Kontur gewinnen und Verantwortung Gestalt annimmt. Darauf zielt auch die von Le Guin eingeforderte »größere Wirklichkeit«: nicht als fernes Pathos, sondern als zu bewirtschaftender Möglichkeitsraum und damit offen genug für Widerspruch, präzise genug für Entscheidungen. Mit dieser Arbeit am Vorstellbaren setzt dieses Forum ein.

Fantastik der Gesellschaft oder gesellschaftliche Fantastik?

Oliver Bidlo

Einleitung

Wenn man heute über die Fantastik und ihren Bezug zur, oder besser: ihre Einbettung in die Gesellschaft nachdenkt, dann lässt sich zunächst begründet konstatieren, dass die Fantastik aus dem ihr zugeschriebenen Gefängnis des Eskapismus längst ausgebrochen ist, sodass man heute von einer »phantastischen Refiguration der Wirklichkeit« (Bidlo, Der Ausbruch des Phantastischen) sprechen kann. Fantastik hat längst nicht mehr allein und in erster Linie – und vielleicht hatte sie es auch nie allein – die Funktion, die Leserinnen und Lesern aus ihrer Alltagswelt in Anderswelten zu entführen, um dort Rast von der Unbill des eigenen Lebens zu finden. Diese, mal mehr oder weniger thematisierte Vorannahme, ist insofern wichtig, weil sie das Denken über Fantastik wesentlich mitbestimmt. Erst mit dieser Vorannahme beginnt man dann – als Verlag, Lektorin, Autor oder Literaturwissenschaftlerin – zu prüfen und zu analysieren, ob das Dargebotene dies angemessen gewährleistet. Ist die entworfene Welt konsistent, besitzt sie eine zwar andere, aber in sich geschlossene Plausibilität, gelingt es dem Manuskript als Fährmann den Übertrag der Leserin oder des Lesers in die neue, andere Welt? Sprachlich, metaphorisch, strukturell? Schon immer, zumindest aber meistens, hatten Texte der Fantastik auch subversivere Anliegen, wenn metaphorisch Gesellschaft kritisiert wurde, alternative Handlungsformen und Sichtweisen angeboten oder durch einen Kodifizierungsschleier politische, ökonomische oder allgemein gesellschaftliche Verhältnisse kritisiert wurden. Fantastik ist und war immer auch ein Spiel mit der Kontingenz, sprich dem Ausloten anderer Möglichkeiten, dem Denken in Formen des »Was wäre, wenn«. Wenn ich nun oben davon sprach, dass der Eskapismus ein der Fantastik wesentlich zugeschriebener Aspekt ist, dann meint dies nicht, dass es nicht schon immer auch um andere, vielleicht sogar subversivere Anliegen ging, wie beispielsweise Gesellschafts- und Herrschaftskritik oder Entwürfe von Utopien und Dystopien. Vielmehr überdeckt der Eskapismusaspekt andere Formen der Wirksamkeit von Fantastik. Die letztgenannten Punkte (Gesellschafts- oder Herrschaftskritik) werden mitunter durch theoretische Analysen erforscht und ausgeleuchtet. Alltagsanalytische und lebensweltliche Auseinandersetzungen, die im Rahmen z. B. einer soziologischen Analyse durchgeführt werden könnten, bleiben hingegen eher Mangelware und können selbst heute noch als ein blinder Fleck in der sozialwissenschaftlichen Forschung bezeichnet werden. Nachfolgend sollen daher zwei Forschungsansätze beschrieben werden, die eine mögliche sozialwissenschaftliche Hinwendung aufzeigen möchten. Dabei ist die folgende Darstellung auf eine Skizze beschränkt, ohne als fertiger Forschungsansatz auftreten zu wollen. Die Ausrichtung ist sozialwissenschaftlich bzw. soziologisch grundiert, stellt aber deutlich einen interdisziplinären Ansatz dar, der im Spannungsfeld von soziologischen, kultur-, medien- sowie literaturwissenschaftlichen Perspektiven steht.

Soziologie der Fantastik I – ein metaphernanalytischer Zugang

Eine sich anbietende Herangehensweise, um den Einfluss der Fantastik auf die Gesellschaft und die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Fantastik auszuleuchten, ist die Metaphernanalyse (vgl. zur Metaphernanalyse Schmitt et al.). Diese Herangehensweise folgt zunächst der begründeten Sichtweise, dass der Mensch durch und über Sprache und Sprachbilder wesentlich die Welt deutet und bedeutet. Im Sinne Cassirers ist der Mensch ein animal symbolicum, das in einer symbolischen Welt agiert und reagiert. Sprache und Symbole sind wesentliche, wenn nicht sogar konstituierende Merkmale der menschlichen Existenz und Kultur. Durch ihren Einsatz schafft sich der Mensch seine eigene Realität, indem er über Symbole der Welt Bedeutung zuschreibt (produktive Seite) sowie deutet (rezeptive Seite). Die Welt erscheint dem Menschen als kulturell geprägte Sinn- und Bedeutungswelt, die seine Erfahrungen und Wahrnehmungen formt. Symbole verleihen dem Menschen nicht nur seinen einzigartigen Bezug zur Realität; es gibt in (modernen) Gesellschaften keinen zeichenfreien Zugriff auf Welt. Da wir beim Denken und Handeln auf Zeichen und Symbole angewiesen sind, gibt es kein gesellschaftlich voraussetzungsloses (zeichenfreies) Handeln. Diese Zeichen und Symbole sind nicht selbst entwickelt, sondern werden von außen übernommen, verinnerlicht, mitunter modifiziert und gesellschaftlich angemessen genutzt (vgl. Bidlo, Medienästhetik 10).

Der Mensch kann der Wirklichkeit nicht mehr unmittelbar gegenübertreten; er kann sie nicht mehr als direktes Gegenüber betrachten. Die physische Realität scheint in dem Maße zurückzutreten, wie die Symboltätigkeit des Menschen an Raum gewinnt. Statt mit den Dingen hat es der Mensch nun gleichsam ständig mit sich selbst zu tun. So sehr hat er sich mit sprachlichen Formen, künstlerischen Bildern, mythischen Symbolen oder religiösen Riten umgeben, dass er nichts sehen oder erkennen kann, ohne dass sich dieses artifizielle Medium zwischen ihn und die Wirklichkeit schöbe. (Cassirer 50)

In diesem Sinne lässt sich nun die Fantastik lesen und ihr Beitrag im Rahmen der Erzeugung, aber im Anschluss vor allem der gesellschaftlichen Verwendung von Symbolen, in den Blick nehmen. Denn die durch die Fantastik erzeugten Sinnbilder sowie ihre Ästhetik schlagen heute mehr als in früherer Zeit auf das Alltagsleben der Menschen durch und besitzen einen zunehmend verbindlichen und verbindenden Charakter, um den Alltag verstehen zu können – so die These, die über die Digitalisierung und Mediatisierung des Alltags Unterstützung findet (vgl. Bidlo, Medienästhetik). Metaphern sind nun besondere Formen, die im Rahmen von Interaktionen in der Gesellschaft genutzt werden. Eine Metapher entsteht, wenn ein Wort oder eine Wendung in einem relevanten Kontext mehr als nur wörtliche Bedeutung hat, diese wörtliche Bedeutung aus einem klaren Bedeutungsbereich (Quellbereich) stammt und gleichzeitig auf einen zweiten, oft abstrakteren Bereich (Zielbereich) übertragen wird (vgl. Schmitt et al. 4). In Bezug auf die Fantastik ergibt sich insofern eine Besonderheit, als sie als Ganzes einen Quellbereich darstellt und »sprachliche« Entlehnungen, die man für den Alltag nutzt, nahezu unmittelbar eine Metapher darstellen. In der Welt Mittelerde kann der »Ork« eine wörtliche Bedeutung haben, in der intersubjektiv geteilten Lebenswelt erhält die Verwendung, solange sie nicht z. B. allein einer Beschreibung Mittelerdes dient, einen metaphorischen Charakter. Dieser wird zum einen durch den Quellbereich bestimmt (Wofür stehen Orks in Mittelerde? Welche Funktion haben sie? Was für Eigenschaften? usw.), aber auch durch die dann sich etablierende Verwendung im Zielbereich (intersubjektiv geteilte Lebenswelt). Eine These zur Fantastik und ihrem Verhältnis zur Gesellschaft ist nun Der Ausbruch des Phantastischen, was heißt, dass für das Verständnis der heutigen Alltagswelt auch ein Repertoire an fantastischem Wissen nötig ist (vgl. Bidlo, Der Ausbruch des Phantastischen).

Eines von vielen Beispielen ist die kürzlich in einem Wissenschaftsbeitrag gepostete und von vielen Redaktionen übernommene Überschrift »Das ›Auge von Sauron‹ im Zentrum einer aktiven Galaxie« (Max-Planck-Gesellschaft). Ein astronomisches Phänomen wird metaphorisch genutzt, um – in diesem Fall – die optische Darstellung zu illustrieren. Die Darstellung wird dort nur mit dem Hinweis kontextualisiert: »Das Bild und dessen künstliche Einfärbung erinnern an das Auge von Sauron«. Hier wird das Wissen um »Sauron« und seine Herkunft aus Tolkiens Welt Mittelerde vorausgesetzt und die Metaphorik allein genutzt, um die Optik oder Ästhetik des astronomischen Phänomens anzuzeigen, zugleich wird – im Sinne eines Eyecatchers über die Bekanntheit von Tolkiens Welt ein »lebensweltlicher« Bezug hergestellt und versucht, das Interesse am Beitrag zu erhöhen. Ein anderes Beispiel beschreibt die Begriffsentlehnungen aus Tolkiens Welt, um Prozesse und Taten zu bedeuten:

Die russischen Truppen kommen vermeintlich aus »Mordor«, einer Brutstätte des Bösen in Anlehnung an die Fantasiewelt von J. R. R. Tolkien und seinem »Herrn der Ringe«. Bereits vor Bekanntwerden der Gräueltaten in den Vororten der Hauptstadt wurden die russischen Soldaten als »Orks« bezeichnet – also als plündernde Banden unmenschlicher Wesen und willige Vollstrecker des Bösen. (dpa)

Ein abschließendes Beispiel3 soll eine kurze alltägliche Situation anzeigen, die der Verfasser in einem seiner Hochschulseminare vor einiger Zeit erlebt hat – und die den Rahmen der hier behandelten Thematik nochmals etwas erweitert (Fantastik als Kontext- und Weltwissen). In einem Seminar, in dem es um Kommunikation ging und der Möglichkeit des Verstehens der Menschen einer Gesellschaft untereinander, fiel in der Pause und in einem völlig anderen Kontext der unten gleich folgende und relativ beiläufige Satz, der auch einen metaphernanalytischen Kontext anzeigt. Gleichzeitig wurde (in der Situation) die gesellschaftliche und kulturelle Abhängigkeit des Verstehens von Kommunikation daran sichtbar.

Eine Studentin ging in einer Seminarpause mit ihrer Handtasche zum Mülleimer und fing in dieser »großen« Handtasche an, etwas zu suchen sowie Unnötiges zu entsorgen. Sie kramte dort herum, fand viel, aber auch einiges nicht. Dann fiel der Satz mit Verweis auf die Tasche und ihrer scheinbar ungeheuerlichen Größe und Tiefe: »Das ist wie bei Hermine, nur in Hartz 4«. Die anderen Studierenden, die die Situation beobachtet hatten und Teil des kommunikativen Settings der Situation waren, lachten umgehend und reagierten mit mehr oder weniger subtilen Anzeichen von Verstehen.

Der triviale Satz »Das ist wie bei Hermine, nur in Hartz 4« in diesem situativen Kontext beinhaltet ein hohes Maß an Kontextwissen. Man muss 1. wissen, wer Hermine ist (eine Freundin Harry Potters und Protagonistin in den gleichnamigen Büchern und Filmen). 2. muss man wissen, was es mit Hermines Handtasche auf sich hat (eine Zauber-Handtasche, die ein Vielfaches des Inhalts fassen kann, den die äußeren Maße der Tasche eigentlich erwarten lassen). Und 3. muss man wissen, was Hartz 4 ist; nämlich hier eine Bezeichnung – in Anlehnung der gleichnamigen sozialen Unterstützungsleistung – eines eher günstigen, »billigen« Artikels (große Handtasche) in der Ausführung und im Preis, der keinen Luxusgegenstand darstellt. Und dies ist übrigens bereits wieder eine Bezeichnung, die für nachfolgende Generationen obsolet sein wird, da Hartz 4 mittlerweile zum Bürgergeld umgewidmet wurde (auch zum Zeitpunkt der Situation hieß es bereits Bürgergeld) und bald wohl in Grundsicherung umdeklariert werden wird. Zugleich wird hier auf das gesellschaftliche Bild der nicht wohlhabenden Studierenden angespielt bzw. auf die Lebensphase des Studierens, in der man (nachvollziehbar) finanziell noch nicht gut gestellt ist.

Long story short: Um den Satz verstehen zu können, muss man ein Grundmaß an Wissen über Harry Potter und diese fantastische Welt haben. Und die Studentin unterstellt unproblematisiert, dass alle Zuhörerinnen und Zuhörer in Reichweite wissen, was gemeint ist. Und diese haben den Kontext und damit das lustige Sprachspiel auch tatsächlich verstanden. Und als Weiteres: Fantastisches Wissen steht hier direkt, gleichgestellt und verwoben mit herkömmlichem Weltwissen (Hartz 4), aus dem sich überdies an dieser Stelle die Komik ergibt.4 Die Flüchtigkeit von Weltwissen wiederum wird an dieser Stelle ebenfalls sichtbar. Hartz 4 gibt es heute als Bezeichnung nicht mehr und nennt sich nun Bürgergeld (bald »Neue Grundsicherung«). Wie lange dieser Begriff metaphorische Gültigkeit behält (unabhängig von inhaltlichen Nachjustierungen), bleibt abzuwarten und spielt für den hier verhandelten Umstand keine Rolle.

Festzuhalten ist, dass Wissen über Fantastik (hier waren es in erster Linie Beispiele aus der Fantasy) Teil alltäglicher Ausdrucks- und Verstehenshandlungen ist. Fantastische Szenen, Namen oder Bezeichnungen dienen (auf den Alltag bezogen) als intertextuelle Anspielungen, aber vor allem auch als Metaphern, um etwas auszudrücken und mit Bedeutung zu versehen. Aber auch tiefere Formen und Themen (Freundschaft, das Gute und das Böse usw.) und ihre fantastische Ausmalung und damit komplexere Deutungsangebote lassen sich finden. Will man dergestalt den Einfluss der Fantastik auf die Gesellschaft untersuchen, wäre eine Metaphernanalyse ein fruchtbarer Weg. Und will man heute – umgekehrt und aus der anderen Richtung kommend – Gesellschaft besser verstehen – so eine These – ist es notwendig, fantastische Metaphern und ihre tiefenästhetische (vgl. Welsch, Grenzgänge der Ästhetik) Wirkung in ihrem Aufkommen und ihrer Verbreitung in der Gesellschaft in den Blick zu nehmen. Beide Richtungen zielen auf ein mögliches, gemeinsames Vorgehen: eine Metaphernanalyse.

Soziologie der Fantastik II – ein ethnographischer Zugang

Fantastik selbst sowie die Auseinandersetzung mit ihr findet heute in einem großen Maße in unterschiedlichen Formen und Formaten statt. Tolkien-Tage, Magic- oder Star-Trek-Conventions, Mittelaltermärkte, die fantastisch angereichert werden, aber auch der große Bereich der Fanfiction haben heute zum einen für die Produzentinnen und Produzenten von Fantastik eine wichtige Bedeutung im Sinne einer Trend- oder Marktforschung. Autorinnen und Autoren, Verlage oder Literaturagentinnen und -agenten sind nicht nur dort, um ihre eigenen Produkte zu platzieren und zu bewerben. Auch tritt man mit den Menschen in Kontakt und spürt möglichen Entwicklungen nach, die sich in diesem Feld ergeben könnten. Über ein marktlogisches Forschungsinteresse hinaus will aber der hier vorgeschlagene ethnographische Zugang solche Veranstaltungen über die Besucherinnen und Besucher eine Rückkopplung auf lebensweltliche und auch biographische Strukturen untersuchen.

Ein ethnographischer Zugang zur Fantastik sieht dergestalt in solchen Veranstaltungen ein soziologisches Forschungsdesiderat. Intendiert wäre hier zunächst eine Herangehensweise, die nicht nur in den Blick nimmt, wer auf solche Veranstaltungen geht, sondern wie diese Events in den eigenen Lebensentwurf eingewoben sind. Dem ist die These hinterlegt, dass es sich hierbei nicht allein um ein »nur« allgemeines Genreinteresse oder ein vom sonstigen Alltag deutlich abgegrenztes Erlebnis handelt, sondern dass dies tiefer eingewoben ist in biographische Erlebens- und Entscheidungsprozesse. Auch wenn Ursache- und Wirkungsprozesse hier nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sein werden, wäre es interessant, zu beobachten, welchen Einfluss fantastische Rezeptionen (und – wenn man an LARPs oder Cosplay-Formate denkt – auch produktive Entwürfe) auf die Lebensgestaltung der Besucherinnen und Besucher haben. Zum einen wäre hier der soziologische Begriff der Szene – verstanden als thematische Vernetzung von Personen – interessant oder aber die Frage danach, ob es sich bereits um eine subkulturelle Strömung handelt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie längst eine umfassendere Teilkultur darstellt. Fragen, die man in einem solchen Rahmen aufwerfen könnte, wären in biographischer Hinsicht, ob und wie die Fantastik über ihre Trägermedien (z. B. Buch, Video, Film usw.) und den in ihnen verhandelten Themen Auswirkungen auf Lebensentscheidungen oder -entwürfe hat (oder hatte). Zeigen sich beispielsweise latente oder manifeste Einflüsse in Bezug zur Berufs-, Partner-, Wohnortwahl oder sozialer Netzwerke usw.? Nachzuzeichnen wäre also darüber u. a., welche Wirkungen die Rezeption (und ggf. Produktion) von fantastischen Inhalten tiefenästhetisch eigentlich haben. Oder ein Schritt zurückformuliert: Bleibt es bei der Rezeption von Fantastik im Allgemeinen und solchen Events (als ein Beispiel) im Besonderen bei einer Oberflächenästhetik oder haben diese über das Subjekt auch gesellschaftlich-tiefenästhetische Wirkungen?5

Abschluss

Diese beiden kurzen Entwürfe hatten zum Ziel, anzuzeigen, dass es gute Gründe dafür gibt, sich in sozialwissenschaftlicher Hinsicht tiefer und genauer mit der Fantastik auseinanderzusetzen. Eine dem unterliegende Hypothese war und ist, dass Fantastik nicht nur an der Oberfläche der Gesellschaft im Allgemeinen und dem Subjekt im Besonderen wirksam ist, sondern dass sie einen tiefenästhetischen Niederschlag findet, dem man sowohl mikro- als auch mesosoziologisch nachspüren und den man ausweisen kann. Dann, so die These, würde eine Tiefenwirksamkeit der Fantastik sichtbar, die bisher nur selten angezeigt wurde (vgl. Bidlo, Der Ausbruch des Phantastischen) oder die man bisher allenfalls vermutet.

Autor

Oliver Bidlo, Prof. Dr., Kommunikationswissenschaftler, Soziologe und Germanist, arbeitet als Dozent, Autor und Verleger und ist Professor für den Bereich Soziologie der Kommunikation und Organisation an der Fliedner FH in Düsseldorf. Derzeit arbeitet er an einer »Soziologie der Fantastik«. Er ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der Martin Buber-Gesellschaft, der Deutschen Tolkien Gesellschaft sowie Schatzmeister der Robin of Sherwood Gesellschaft. Im Bereich der Fantastik ist zuletzt von ihm erschienen: Der Ausbruch des Phantastischen. Zur phantastischen Refiguration der Gesellschaft. Oldib Verlag, Essen, 2023.

Zwischen Science und Fiction: vom Sense of Wonder zum Sense of Insight?

Kai-Holger Brassel

Quereinstieg

Im Folgenden möchte ich die Diskussion um die Möglichkeit und Wünschbarkeit des Einflusses fantastischer Literatur auf Politik und Gesellschaft um den Blickwinkel eines Quereinsteigers bereichern, der sich erst mit sechzig Jahren dem Schreiben zuwandte, um zwei Jahre später mit einem Zukunftsroman zu debütieren. Mangels anderweitiger Kenntnisse und Erfahrungen werde ich mich dabei auf das SF-Genre beschränken.

Geboren 1962, gehöre ich wohl der letzten Generation an, die noch bewusst in den ungetrübten Zeitgeist der europäischen Moderne mit ihrem Versprechen auf wissenschaftlich-technischen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt und einer alles ordnenden Rationalität eintauchen konnte. Mondlandung, elektrische Gitarre und Synthesizer, mehr Bildung und weniger Arbeit für alle, Emanzipation, Fernreisen, Plastik, Computer, Atomkraft – the sky was the limit. Die Perry-Rhodan-Hefte auf dem Nachttisch meines Vaters, die Raumschiffe Enterprise und Orion und vor allem die mindestens zwanzig Regalmeter in der Stadtbücherei, vollgepackt mit den Werken von Clarke, Asimov, Franke, Herbert, Lem, Brunner, Heinlein, Pohl, Jeschke usw., fügten sich ganz selbstverständlich in diesen Zeitgeist ein. Meiner Meinung nach verstärkten sie ihn sogar wesentlich, indem sie dem Publikum versicherten, dass Aufklärung, Moderne und die mit ihnen verbundene Lebensweise auch in allen möglichen Zukünften Bestand haben werden und daher »richtig« seien. Und auch die dystopischen Elemente und Erzählungen jener Zeit zielten mit ihren emphatischen Warnungen in dieselbe Richtung. Insofern hatte damalige SF meiner Meinung nach einen indirekten, gleichwohl bedeutenden Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung. Mich selbst hat sie in jungen Jahren jedenfalls maßgeblich geprägt, bis hin zur Studienwahl.

Bekanntlich bekam der naive Fortschrittsglaube spätestens in den 1970er-Jahren große Risse: Ölkrise, Die Grenzen des Wachstums, Anti-AKW-Bewegung, Punk statt Rock, Sachzwänge statt politischer Visionen. Die großen utopischen Geschichten und ihre dystopischen Gegenstücke schienen auserzählt. Die eine Wahrheit, der eine Fortschritt, die eine Bedrohung oder die eine Perspektive taugten kaum noch zur Beschreibung einer unübersichtlichen Gegenwart oder gar zum Herbeifantasieren stimmiger Zukünfte. Diese stellten sich vielmehr, den neu erkannten Trends folgend, entweder als postapokalyptische Welten in der Spannbreite von Mad Max (AU 1979, Regie: George Miller) bis Aiki Miras Proxi (2024) dar, oder zumindest als molochartige Städte, industrieartige Raumstationen oder verwinkelte Raumschiffe, in denen zunehmend diverse Protagonist:innen nach Sinn, Identität oder einfach einer Möglichkeit zu überleben suchten. Spätestens mit Aufkommen des Cyberpunk in den 1980er-Jahren trägt die SF-Literatur für alle sichtbar ihren Teil zur Postmoderne bei, die sich durch einen relativen Wahrheitsbegriff, die Aufwertung von Affekten, Vielfalt und Ambivalenzen sowie eine große stilistische Experimentierfreude auszeichnet.

War ich anfangs noch von Ästhetik und kritischem Potenzial des Cyberpunks fasziniert, ließ mein Interesse an zeitgenössischer SF-Literatur Mitte der 1980er-Jahre stark nach. Die »punkigen«, ironischen, mehrdeutigen, selbstreflexiven und fast immer in dystopischen Kontexten spielenden Geschichten standen zunehmend im Gegensatz zu meinem persönlichen Lebensgefühl. Stellte ich mich als Student des noch jungen Fachs Informatik doch gerade auf die Schultern der Riesen der Moderne und erblickte zum ersten Mal die Horizonte der real-fantastischen Möglichkeiten und Gefahren, die Wissenschaft und Technik bereithielten. Komplexitäts- und Systemtheorie, immer realistischere Simulationen, agentenbasierte Modelle, KI, die Vernetzung von Computern und der allgemeine Zugang zu Wissen verhießen moderne Antworten auf die Herausforderungen der Zeit. Zugleich galt es, die dystopischen Gefahren der neuen Technologien im Auge zu behalten, etwa die Möglichkeit eines durch Softwarefehler ausgelösten Atomkriegs (Kritik von Software-Ingenieuren an Reagans Star-Wars-Programm), den Verlust von Persönlichkeitsrechten (Volkszählungsdebatte) oder die Gefahren künstlicher Intelligenz (s. Weizenbaum).

Kurzum und sicherlich verkürzt: Damals wie heute arbeiten sich Natur- und Ingenieurwissenschaften, dem kritischen Rationalismus verpflichtet, am noch lange nicht abgeschlossenen Projekt der Moderne (vgl. Habermas) ab, welches gleichzeitig durch postmoderne Strömungen in Literatur, Geistes- und Sozialwissenschaften grundsätzlich hinterfragt wird. Die Kluft zwischen den zwei Kulturen, die C. P. Snow schon 1959 beschrieb, zeigt sich hier erneuert. Vielleicht stärker als je zuvor teilt sich das Geistesleben in zwei Sphären. In der einen Sphäre bewegen sich jene, die ausgezeichnet mit natürlicher Sprache und Worten umgehen können, in der anderen solche, die formale Sprachen beherrschen und Zahlen zu interpretieren wissen. Suchen Erstere die Welt zu verstehen, sind Letztere darauf aus, sie zu erklären. Wie oben angedeutet, hat meine Rezeption von SF-Büchern und -Filmen nicht unerheblich dazu beigetragen, dass ich mich dem letzteren Lager zuwandte, also der Science den Vorzug vor der Fiction gab.

In der Folge verbrachte ich einen erheblichen Teil meines Berufslebens damit, als Software-Ingenieur in universitären Projekten an Modellen und Simulationssystemen zu arbeiten, die im weiteren Sinn der Eindämmung des menschengemachten Klimawandels dienten. Dabei gab die Erkenntnis »Mit der Natur diskutiert man nicht!« Anlass zu der Hoffnung, dass in dieser existenziellen Frage die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und die dazu passenden technologischen Antworten die Diskussion und die Entscheidungsfindung dominieren würden. Doch gelang dies leider nur ansatzweise. Wissenschaft und Klimabewegung mussten lernen, dass Zahlen, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen nicht wirklich vom gesellschaftlichen Diskurs aufgenommen wurden – mit entsprechend düsteren Aussichten für unser aller Zukunft: Zum Ende des Jahrhunderts streben wir auf eine um 2,8 °C wärmere Welt zu, statt auf die 3,5 °C, die es ohne die laufenden Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen geben würde. Das ist nicht nichts, verfehlt aber die noch einigermaßen beherrschbare Erwärmung um 2,0 °C deutlich.

Viele Akteure, die über Jahrzehnte an der Bewältigung der Klimakrise gearbeitet haben, schauen entsprechend desillusioniert zurück. Mir erging es nicht anders, und auch aus dem persönlichen Bedürfnis heraus, mit sechzig Jahren noch einmal etwas Neues zu versuchen, beschloss ich 2022, mit der Softwareentwicklung aufzuhören und stattdessen einen Roman zu verfassen, in den ich all meine unerfüllten utopischen Hoffnungen, die sich bis dato angesammelt hatten, hineinprojizieren konnte. Mein Ziel war nicht die Umschulung zum hauptberuflichen Schriftsteller, sondern die Umsetzung eines Projekts, an dessen Ende ein möglichst professioneller Roman stehen sollte, den zunächst einmal ich selbst gerne lesen würde. Insbesondere sollte es den zahlreichen Werken, die mit der Lust am Untergang spielen, in Ton und thematischer Reichweite etwas entgegensetzen.

Ansprüche

Dass ich mit diesem Wunsch keineswegs alleine dastand, merkte ich erst, als ich nach zwei Jahren Schreiben im stillen Kämmerlein wieder mehr las. Erst da wurde ich gewahr, dass der erste Teil meines Romans auch als Climate Fiction gelesen werden konnte, dem Subgenre, das mit Kim Stanley Robinsons The Ministry for the Future seit 2020 auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden war. Und ich schaute etwas neidisch auf Brillanz und Erfolg von Theresa Hannigs Pantopia (2022), ein Werk, das sich ebenfalls nicht scheute, auf die großen Fragen der Zeit mit dem ebenso großen Entwurf einer zukünftigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu antworten. Waren ernst gemeinte, komplexe und auf eine gute Zukunft gerichtete Geschichten wieder salon- oder gar massentauglich geworden? Könnte mein Privatprojekt Teil einer größeren Strömung sein? Um dies herauszufinden, beschloss ich dreierlei: Erstens, Geld für Werbung auszugeben, um ein potenzielles Publikum zu erreichen, zweitens, das Buch für Literaturwettbewerbe anzumelden, um Relevanz und Qualität dem Urteil unabhängiger Fachleute zu unterwerfen, und drittens, den Kontakt zur literarischen Szene – der anderen Sphäre – zu suchen.

Kurz nach der Veröffentlichung meines Romans All An! (2024) gab mir die Bochumer Tagung KlimaFiktionen 2024 eine erste Gelegenheit, etwas über die einschlägige Szene und ihre Konzepte und Ansprüche zu erfahren. So konstatiert Alessandra Reß in ihrem Beitrag über die Entwicklung des Solarpunk, dass es dieses Subgenre mit seiner optimistischen Grundhaltung 2023 sogar bis in die Tagesschau und in Tageszeitungen geschafft hätte. Zugleich würden Abgrenzungsdebatten geführt, die Solarpunk auf die Beschreibung des Lebens in kleineren utopischen, oft nach der Apokalypse entstandenen Gemeinschaften einschränken wollten, anstatt die technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungslinien zu thematisieren, die vielleicht noch rechtzeitig zu einer globalen Transformation führen könnten. Auch Aiki Mira geht davon aus, dass der Drops bereits gelutscht ist, dass der Kollaps bereits alltägliche Konstante sei und es deshalb einer Post-Climate-Fiction bedürfe, die es uns ermöglicht, auch in der Ohnmacht weiterzuschreiben und so neue, angepasste Formen von Freiheit und Demokratie zu entwickeln (vgl. Mira). Im Unterschied zu diesen, sozusagen vom Ende her gedachten positiven Entwürfen, verleihen Werke wie The Ministry for the Future, Pantopia, All An! sowie zahlreiche Cli-Fi-Thriller der Hoffnung Ausdruck, dass es in der nahen Zukunft doch noch Stellschrauben zur Vermeidung des Schlimmsten geben könnte. Diese Dichotomie findet sich übrigens auch in gängigen Szenarien der Futurologie, etwa wenn der Vision eines globalen Eco-communalism mit autarken lokalen Gemeinschaften, genossenschaftlich organisierten Unternehmen und unmittelbarer Demokratie das Paradigma einer planetaren Zivilisation entgegenstellt wird, die lokale und globale Handlungsebenen auf neuartige Weise verknüpft (vgl. Raskin 27 f.). In den Beiträgen und Diskussionen der Tagung kamen solcherlei Verweise auf außerhalb der literarischen Sphäre liegende Bereiche allerdings nicht vor. Hingegen ließ mich Fachfremden mancher literaturwissenschaftliche Beitrag, etwa zu Schrott Fiction (vgl. Irtenkauf) oder zur These »Eine Kritik des Anthropozäns muss auch eine Kritik der Anthroposzene sein oder sie reproduziert deren Modell noch in der Verneinung« (Wehren 114) ratlos zurück.

Einen pragmatischeren Geist atmeten die Worte von Hanka Leo, der ersten Vorsitzenden der Phantastischen Akademie, die in ihrer Eröffnungsrede zur Preisverleihung des SERAPH auf der Leipziger Buchmesse am 28. März 2025 Leser- und Autorenschaft explizit aufforderte, doch bitte über den Tellerrand hinauszudenken. Insbesondere müsse die Vielfalt des Wissens und die Dringlichkeit aktueller Themen sichtbar gemacht und im Diskurs gehalten werden. Dabei gelte es, der gerade in der Fantastik bestehenden Gefahr einer beliebigen Offenheit zu trotzen, ohne auf der anderen Seite repetitiv den vom Markt vorgegebenen Genrekonventionen zu folgen, zu denen heutzutage auch eine dystopische Grundstimmung gehöre. Wahrscheinlich erfüllt mein Roman All An! diesen Anspruch, da er wenige Minuten nach der Rede zum besten Independent-Fantastiktitel des Jahres gekürt wurde. Mit dem positiven Urteil der Fachjury sowie mit der einige Wochen später folgenden Nominierung für den Krefelder Preis für Fantastische Literatur konnte ich davon ausgehen, dass mein Buch zumindest beim Fachpublikum auf Interesse und Anerkennung stößt.

Dieser positive Impuls erreichte mich zur rechten Zeit, da sich bis dahin, trotz für einen Selfpublisher nicht unerheblicher Werbeausgaben, kaum hundert Exemplare des Romans verkauft hatten. Auch ergab sich die Gelegenheit, Kontakte zu gleich gesinnten Autor:innen zu knüpfen. Die parallel veranstaltete Klimabuchmesse erreichte mit praxisorientierten Workshops zudem ein breiteres Publikum. Am Buchmesse-Samstag diskutierten in diesem Rahmen auch bekannte Vertreter:innen aus Wissenschaft und Literatur auf ein und demselben Podium, aber leider nicht miteinander, sondern hintereinander. Im ersten anderthalbstündigen Panel machte sich die Wissenschaft Gedanken darüber, ob und wie eine klimagerechte Zukunft zu schaffen sei, während im Anschluss ebenso lang über die (Un)Möglichkeit literarischer Utopien gesprochen wurde. Es blieb dem Publikum überlassen, beides in Zusammenhang zu bringen. Ich finde es bezeichnend, dass die beiden Kulturen (s. o.) unter sich blieben und eine sinnhafte Verständigung zwischen ihnen anscheinend gar nicht erst in Betracht gezogen wurde. Dagegen hatte die Transfer- und Innovationstagung Science & Fiction, die ich im Juni in Berlin als Autor und Informatiker besuchen durfte, den expliziten Anspruch, die beiden Kulturen zusammenzubringen. Doch trotz teilweise interessanter Formate für Arbeitsgruppen und Gesprächskreise kam ein echter Transfer von Ideen m. E. nicht zustande, was aber sicher auch der knappen Zeit geschuldet war.

Wirkung

Insofern nicht als reine Unterhaltungsliteratur intendiert, sind die Ansprüche an gesellschaftliche Relevanz und Anschlussfähigkeit aktueller SF-Literatur also durchaus gegeben. Auch wenn eine Anzahl von Werken diese Ansprüche inhaltlich und stilistisch einlösen können, bleibt die Frage nach deren Wirkmächtigkeit doch zunächst offen. Nun kann und will postmoderne Literatur nicht mehr den einen Zeitgeist einer Epoche bestimmen, sondern verortet sich in zahlreichen (Sub-)Genres und entsprechenden Subkulturen und Communitys. Wie das Beispiel des Solarpunk zeigt, werden heutzutage weniger einzelne Werke zum Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Debatten, wie im letzten Jahrhundert beispielsweise noch Orwells Nineteen Eighty-Four (1949), sondern eher die von einem breiteren Publikum wahrgenommenen Subgenres. So wird die nach amerikanischem Vorbild kürzlich gegründete Vereinigung Climate Fiction Writers Europe für die Wahrnehmung und damit den Einfluss dieser Literatur möglicherweise wichtiger sein als die einzelnen Geschichten, die für sich genommen in der Masse der Veröffentlichungen unterzugehen drohen. Für den Versuch der Etablierung weiterer (Sub-)Subgenres lässt sich Isabella Hermanns Plädoyer für Anti-Dystopien in ihrem Sachbuch Zukunft ohne Angst anführen, wie auch der Ruf: Lasst uns Progressive Fantastik schreiben! (vgl. Sullivan und Vogt), oder die oben schon genannte Post-Climate-Fiction sowie viele weitere Beispiele.

Zwei andere Strategien, die Sichtbarkeit und damit potenzielle Relevanz versprechen, beschränken sich bisher vor allem auf die unterhaltungsorientierte SF. Zum einen die Adaption von Stoffen durch die Film- und Computerspielindustrie, zum anderen der beliebte Ansatz, Leser:innen durch Schaffung einer Autor:innenmarke und längere Buchreihen an sich zu binden. Während die Abgrenzung neuer Subgenres versucht, die Vielfalt der Stile und Ideen im Markt sichtbar zu machen, setzen die beiden anderen Strategien eher auf die Bedienung bereits vorhandener Erwartungen eines breiteren Publikums. Dabei muss mitbedacht werden, dass Belletristik nur noch einen Bruchteil des Umsatzes erzielt, den visuelle und interaktive Medien erwirtschaften. Dass Solarpunk-Geschichten, kritische Utopien oder Anti-Dystopien den Weg auf Leinwand, Fernseh- oder Computerbildschirm finden werden, um mit den dort dominierenden apokalyptischen und dystopischen Welten zu konkurrieren, erscheint unwahrscheinlich, ist aber nicht ausgeschlossen. Vielleicht bedarf es dazu auch neuer Formate, etwa der Kombination von Buch und Computerspiel.

Solange der massenmediale Durchbruch oder eine breitere gesellschaftliche Diskussion »neo-utopischer« Geschichten auf sich warten lassen, bleiben Rezeption und Wirkung dieser Literatur auf relativ kleine Zirkel beschränkt. Aber selbst wenn Tagungen, interne Diskussionen, spezielle Kleinverlagsprogramme und Ausschreibungen – und möglicherweise die Verleihung des einen oder anderen Literaturpreises – eher der Selbstvergewisserung dieser Kreise dienen mögen, so erfüllt auch dies m. E. eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, nämlich die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines Ideenraums, auf den möglicherweise in Zukunft vermehrt zurückgegriffen werden wird. Oder hätten Asimov und Heinlein gedacht, dass ihre Geschichten mehr als sechzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung Tech-Giganten darin bestärken würden, sich zu Autokraten aufzuschwingen und im Longtermism sowie in libertären, techno-oligarchischen Zukunftsentwürfen die einzige Chance zur Rettung der Welt zu sehen? Ebenso dürften die Schöpfer des Cyberpunk mit eher gemischten Gefühlen registriert haben, dass ihre Werke im Silicon Valley weniger als Warnung, denn als Vorhersage gedeutet wurden und dass somit eine direkte Linie von der fiktionalen Dystopie zur realen wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Disruption gezogen werden kann.

Wünsch dir was

SF wirkt also durchaus! Wenn auch oft nur indirekt und spät. Sie ist immer noch das beste Vehikel, um über die Zukunft nachzudenken, Ideenräume zu öffnen und dabei ganz nebenbei die Fantasie und das Out-of-the-box-Denken anzuregen, wovon es meiner Meinung nach nie genug geben kann. Mit ihrem immanenten Menschen- und Gesellschaftsbild, und indem sie das jeweils aktuell Vorstellbare auslotet, bleibt sie ein Spiegel der Gegenwart. Insofern wirkt auch jeder noch so einfallslose, nach Schema F gestrickte SF-Roman politisch (konservativ), weil er das Vorstellbare auf das schon ähnlich so Bekannte reduziert. Das gibt den Rezipient:innen Sicherheit und die Chance zum Eskapismus. Selbstverständlich haben auch reine Unterhaltung und Eskapismus ihren Platz. Aber auch hier kommt es auf die Dosis an. Und da müssen sich Autor:innen schon fragen lassen, ob sie ihre Zeit und ihr Talent wirklich dazu nutzen wollen, als Teil der Unterhaltungsindustrie immer mehr vom Gleichen zu produzieren, oder ob sie sich als Kunstschaffende sehen, die bereit sind, Neues auszuprobieren und womöglich Horizonte zu erweitern.

Letzteres war jedenfalls mein Wunsch beim Verfassen von All An!, wobei ich als Quereinsteiger, der es sich leisten konnte, sein Schreibprojekt durchzuziehen, ohne davon leben zu müssen, natürlich leicht reden habe. Viele Self-Publisher müssen dagegen sehr hart dafür arbeiten, ihren Anspruch an die Schriftstellerei mit Erwerbs- und Care-Arbeit vereinbaren zu können, und so manche hauptberufliche Autorin muss ihr Lieblingsprojekt oft genug hintanstellen, um mit dem nächsten Krimi die Rechnungen bezahlen zu können.

Das bringt mich zum nächsten Punkt meiner Kritik- und Wunschliste. Wie die meisten Neulinge hatte ich keine rechte Vorstellung davon, wie schwierig es sein würde, selbst ein – ausweislich des Urteils von Fachjurys und positiver Kritiken – qualitativ hochwertiges Buch an die potenzielle Leserschaft heranzutragen. Für meinen Fall kann ich jedenfalls festhalten, dass die üblichen Werbemethoden, trotz vierstelliger Ausgaben, so gut wie keinen Effekt zeigten. Besser funktionierte die persönliche Ansprache über verschiedene Kanäle, was auch bewies, dass eine aufgeschlossene und kaufbereite Zielgruppe für das Buch existiert. Allein taugt der ganze Online- und Offline-Vertriebs- und Werbeapparat offensichtlich nicht dazu, spezifischere Angebote und Bedarfe zusammenzubringen, sondern funktioniert vor allem für die vergleichsweise wenigen Titel in den jeweiligen Bestseller- oder Top-Hundert-Listen.

Das ist bei näherer Betrachtung auch kein Wunder. Die Komplexität des heutigen Buchmarktes führt automatisch zu Intransparenz und diese wiederum zu partiellem Marktversagen. Die Marktmacht der Publikumsverlage gegenüber Kleinverlagen und Self-Publishern tut ihr Übriges. In der Konsequenz verteilen sich die Verkäufe dem Power-Law gemäß weit ungleicher, als es durch die unterschiedliche Qualität des Angebots und die Lesewünsche des Publikums erklärbar wäre. Zwar nimmt die Beratung im stationären Buchhandel und die Quersubventionierung innerhalb der Publikumsverlage auch spezifischere Kundenwünsche in den Blick, doch bleibt ihnen aufgrund der Konkurrenz anderer Medien sowie des Trends zum Online-Handel dafür immer weniger Spielraum.

Zum Ausgleich müssten eigentlich besonders die Nutzer:innen des Online- Buchhandels mehr Verantwortung übernehmen. Wäre es nicht wunderbar, wenn diejenigen, die, nachdem sie zu einem Roman aus der Bestsellerliste ihres bevorzugten Genres oder nach dem x-ten Titel ihrer Lieblingsautorin gegriffen haben, sich zum Ausgleich dann beim nächsten Kauf für ein unbekanntes Werk entschieden? Noch besser fände ich es, wenn dem Publikum vernünftige Suchmöglichkeiten zur Verfügung stünden. Momentan beschränken sich diese darauf, aus zwei Dutzend mehr oder weniger sinnvoll definierten Genres eins auszuwählen, um dann in einer endlosen Liste von Titeln zu scrollen, in der Hoffnung, dass eines der Cover die Aufmerksamkeit so erregt, dass man dem Klappentext Aufmerksamkeit schenkt, der dann doch nicht so aussagekräftig ist wie gewünscht. Was aber, wenn man nach »lektorierter« »Science-Fiction« eines »Self-Publishers« suchen könnte, »nicht älter als fünf Jahre«, zwischen »200 und 500 Normseiten« stark, die in der »nahen Zukunft« spielt, und sich mit den Themen »Umweltzerstörung« und »KI« befasst, und dies eher »distanziert-kritisch« als heldenhaft-emotional? In den ebenfalls sehr komplexen Märkten für technische Produkte sorgen Vergleichsportale mit entsprechenden Suchmöglichkeiten schon lange für eine bessere Markttransparenz. Angebote, wie VLB-TIX gehen wohl in diese Richtung, sind aber dem Buchhandel vorbehalten und kostenpflichtig. Böte sich hier nicht eine sinnvolle Anwendungsmöglichkeit für textanalytische KI-Anwendungen?

Um die Vielfalt des Buchangebots zu erhalten, könnten auch nach norwegischem Vorbild alle Neuveröffentlichungen von öffentlichen Bibliotheken geordert werden, was für eine Mindestverbreitung und einen kalkulierbaren Mindestumsatz sorgt. Oder die Branche richtet, wie meines Wissens in der Computerspielindustrie angedacht, einen Fonds ein, in den die Bestseller einzahlen, um Breite und Vielfalt zu fördern.

Solange all dies Wunschdenken bleibt, werden sich Belletristik und besonders SF beim Kampf um ihren Anteil am Unterhaltungsmarkt weiter schwertun. Eine Reaktion darauf sind die oben schon erwähnten Versuche, durch das Branding neuer Sub-Genres an Relevanz und Sichtbarkeit zu gewinnen. Gleichzeitig scheint die SF-Literatur im deutschsprachigen Raum schon länger in eine Schmuddelecke abgedriftet zu sein. Im deutschen Feuilleton kommt das Genre kaum vor, und wenn sich einmal eine:r der dort regelmäßig besprochenen Autor:innen in dieses Genre verirrt, wird lieber von Zukunftsromanen gesprochen. Statt der Grabenkämpfe um Subgenre-Abgrenzungen und -Zugehörigkeiten, von denen beispielsweise Jeff VanderMeer in seinem Artikel »Climate Fiction Won’t Save Us« berichtet, würde ich mir eine breite Neudefinition von SF als ›Speculative Fiction‹ oder meinetwegen auch als Zukunftsroman wünschen. Könnte das Genre durch Betonung des Verbindenden statt des Trennenden nicht an Attraktivität gewinnen? Wenn der Kuchen für alle wieder etwas größer würde, müsste man sich nicht so sehr um die einzelnen Stücke streiten.

Das setzt aber Werke von entsprechender Relevanz und Qualität voraus. Einer breiter gedachten SF kommt in meinem Verständnis noch immer die Aufgabe zu, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische sowie gesellschaftliche Spekulationen in Zukunftserzählungen zu verwandeln, die ein breites Publikum ansprechen. Denn genau das halte ich in einer Zeit, in der die wissenschaftliche Methode wie auch die anderen Errungenschaften der Moderne so unter Beschuss geraten, für äußerst relevant. Nicht umsonst konstatiert Luisa Neubauer, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Lösungsvorschläge per se nicht gegen die von der fossilen Lobby seit vielen Jahrzehnten verbreiteten Narrative, wie das des weltrettenden Helden im schnellen Verbrenner, angekommen sind. »Wir stecken tief in einer Krise der Ideen. In einer Krise der Vorstellungskraft. In einem kulturellen Vakuum« (Neubauer 110). Folgerichtig forderte sie in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse 2025, es müssten neue und andere Geschichten erzählt werden.

Nach meiner Einschätzung können diese neuen und anderen Geschichten nicht aus dem Literatur- und Unterhaltungsbetrieb allein kommen. In Zeiten multipler Krisen wirkt der übliche Held, der die eine Krise löst, doch schal und langweilig. Utopisches Denken stellt die Frage: Wovon wollen wir träumen? Müssen in einer komplexer werdenden Welt nicht auch unsere Träume komplexer werden? Da ist nicht nur multiperspektivisches, sondern auch multithematisches Erzählen gefragt: Klimakrise und KI und Ungerechtigkeit und alternative Lebens- und Gesellschaftsformen und Genetik und Weltraumfahrt und Krieg und Frieden und, und, und. Vielleicht gesellt sich so zum Sense of Wonder ein neuer und ebenso faszinierender Sense of Insight. Meine These ist, dass Fachleute, Wissenschaftlerinnen und Praktiker, die die Grundlagen des schriftstellerischen Handwerks erlernen, den oben genannten Anforderungen oft eher gerecht werden könnten als es wortgewandten Literat:innen durch noch so sorgfältige Recherche gelingen mag.

Während unsere Lebenspraxis, von der Medizintechnik bis zum Massentourismus, auf den Errungenschaften der Moderne basiert, drehen sich viele gesellschaftliche Debatten um die postmoderne Kritik an dieser Lebenspraxis und ihre wissenschaftlich-technischen Grundlagen. Aber kann es produktiv sein, wenn sich »Macher« einerseits und »intellektuelle Kritiker« andererseits fast ausschließlich in ihrer Sphäre bewegen, zwischen diesen zwei Kulturen aber größtenteils Sprachlosigkeit herrscht? Laut Cicero-Liste aus dem Jahr 2022 befinden sich unter den 500 wichtigsten Intellektuellen in Deutschland gerade einmal 20 Naturwissenschaftler:innen und so gut wie keine Ingenieure oder Informatikerinnen (vgl. Höfer). Nicht besser sieht es bei unseren Volksvertretern aus: Im Bundestag sind Abgeordnete mit MINT-Hintergrund deutlich unterrepräsentiert.

Es stimmt, dass wir in einer extrem gefährdeten Welt mit multiplen Krisen leben, die der postmodernen Kritik und Korrektur bedarf. Gleichzeitig verdanken wir es der Moderne, dass, in absoluter Zahl gemessen, noch nie so viele Menschen unter guten oder zumindest annehmbaren Umständen auf der Welt leben konnten, wie im frühen 21. Jahrhundert. Diese beiden Wahrheiten gehören zusammen.

Die Postmoderne stellt, nicht zuletzt mit den Mitteln der Literatur, wichtige und richtige Fragen. Wir werden sie nur beantworten können, wenn die beiden Kulturen, wenn Moderne und Postmoderne, wenn Science und Fiction besser zusammenfinden. Dazu müssen beide Seiten lernbereit aufeinander zugehen und im besten Fall an konkreten Projekten zusammenarbeiten. Es gilt, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, die Sprachkunst und Sachstandsbericht, Szene und Szenario umfasst. Quereinsteigerinnen und Grenzgänger zwischen beiden Kulturen können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Und wer weiß? Vielleicht gelingt es durch neue Formate und Kollaborationen, aus vielen kleinen Geschichten wieder eine große zu machen, eine Utopie neuen Typs. Prozessual statt statisch, nie zu Ende geschrieben, mit verändertem Fortschrittsbegriff und immer neuen Sinnangeboten, nicht als Ziel, sondern als Orientierung.

Autor

Kai-Holger Brassel arbeitete als Diplom-Informatiker in unterschiedlichen Branchen und an mehreren Universitäten, dort vorwiegend zu den Themen Simulation und Klimawandel. Erst mit sechzig Jahren wandte er sich der Schriftstellerei zu. Sein erstes Werk All An! wurde 2025 für die Longlist des Krefelder Preises für fantastische Literatur nominiert und auf der Leipziger Buchmesse als bester verlagsunabhängiger Fantastik-Titel des Jahres mit dem SERAPH ausgezeichnet.

Horror mit Haltung, auch ohne Megafon. Die stille Macht der Literaturauswahl

Olaf Buchheim

Wer in der DDR aufgewachsen ist, weiß um die Macht von Literatur. Als Elfjähriger erlebte ich 1989, wie Bücher plötzlich Grenzen überwinden konnten – physische wie gedankliche – und wie sehr mich erste Bücher von Stephen King, später Christopher Golden, prägten. Heute, als Inhaber des Buchheim Verlags und Verleger von Cemetery Dance Germany, stelle ich mich einer ähnlichen Entscheidung unter anderen Vorzeichen: Welche Geschichten lasse ich über meine verlegerische Grenze – nicht aus Gründen politischer Zensur, sondern geleitet von ästhetischen Kriterien?

Ich bin kein Aktivist. Ich führe keine Debatten auf X, unterschreibe keine offenen Briefe. Aber ich engagiere mich sowohl in einem Förderverein als auch in einer freien Wählergemeinschaft für meine Heimatkommune. Und ich kuratiere Horrorliteratur nach einem simplen Prinzip: Menschlichkeit und Gleichberechtigung sind nicht verhandelbar. Alles andere, von Stephen Graham Jones’ indigener Perspektive bis zu Christopher Goldens politischem Aktivismus, darf und soll diskutiert werden. Da ist es gar nicht notwendig, dass ich noch ein Megafon extra ins Feld führe.

Meine Position mag widersprüchlich erscheinen. Ist sie aber nicht. Sie ist die eines Verlegers, der weiß, dass die Auswahl von Büchern bereits eine Aussage ist. Dass Horrorliteratur gerade dann gesellschaftlich wirkt, wenn sie nicht als politisches Manifest daherkommt, sondern als das, was sie ist: verdammt gute Unterhaltung mit Tiefgang.

Das Verhältnis von Fantastik und Realität – Horror ist der ehrlichste Spiegel

Die Frage nach dem Verhältnis von Fantastik und Realität beantwortet sich im Verlagsalltag täglich neu. Wenn ich Stephen Graham JonesThe Only Good Indians (2020) in deutscher Übersetzung herausbringe – eine Geschichte über vier Männer der Blackfeet, die von einem Rachegeist heimgesucht werden –, dann ist das Monster fantastische Literatur, aber der beschriebene Schmerz ist Teil unserer Realität. Die Entfremdung von der eigenen Kultur, die Schuld der Überlebenden, der alltägliche Rassismus – unsere deutschen Leserinnen und Leser mögen das nicht aus eigener Erfahrung kennen, aber sie erkennen die Zusammenhänge durchaus.

Horror funktioniert als Gesellschaftsspiegel, gerade weil er übertreibt, verzerrt, ins Groteske steigert. Er macht sichtbar, was im Alltag unter der Oberfläche brodelt. Wes Craven brachte es laut einem vielzitierten Bonmot auf den Punkt: »Horror films don’t create fear. They release it«. Man betritt das Kino nicht, um Angst zu bekommen, sondern um seine eigenen Ängste in einer Geschichte verpackt zu sehen, um besser damit umgehen zu können.

Dieses »Freilassen« von Angst ist entscheidend. In Deutschland, wo die Diskussionskultur zunehmend verhärtet, wo jede Meinungsäußerung sofort in politische Richtungen einsortiert wird, bietet die Fantastik einen Raum, in dem mehr Auseinandersetzung möglich ist. Niemand muss sich zu Stephen Kings The Stand (1978) politisch positionieren, es ist ja »nur« eine Geschichte über eine Pandemie und den Kampf zwischen Gut und Böse. Dass King gleichzeitig fundamentale Fragen über Gesellschaftsordnung und Demokratie stellt, merken die Leserinnen und Leser trotzdem.

Das Einwirken der gesellschaftspolitischen Realität auf Verlagsentscheidungen – Ästhetik und ihre gesellschaftliche Konsequenz

Als ich den Buchheim Verlag gründete und Cemetery Dance Germany begann, wollte ich einfach die besten Horrorgeschichten in hochwertigen Ausgaben verlegen. Limitiert, signiert, illustriert – Bücher in einer Aufmachung, die der jeweils enthaltenen Geschichte den Rahmen bietet, den sie verdient. Dass ich damit automatisch auch politische und gesellschaftliche Diskurse nach Deutschland hole, wurde mir erst nach und nach bewusst.

Die Auswahl der Titel erfolgt primär nach literarischer und handwerklicher Qualität. Aber, und hier wird es interessant, Qualität und gesellschaftliche Relevanz hängen oft zusammen. Stephen Graham Jones wurde nicht zum gefeierten Autor, weil er politische Botschaften verkündet, sondern weil er aus seiner Perspektive als Native American authentische wie erschütternde Geschichten erzählt, Geschichten, die von universellen menschlichen Themen erzählen.

Natürlich hätte ich auch einen anderen Horrorautor verlegen können. Oder eine unpolitische Gruselgeschichte. Stattdessen bringe ich einen amerikanischen Autor nach Deutschland, der in seinem Heimatland als »Jordan Peele der Literatur« gefeiert wird. Das ist eine Entscheidung, die ich nicht aus politischen, sondern aus ästhetischen Gründen getroffen habe. Und trotzdem hat sie politische Implikationen.

Auch in einem ganz pragmatischen Bereich wirkt unsere gesellschaftspolitische Realität auf den Verlag ein: Die Abonnenten unserer Reihe »Cemetery Dance Germany LIMITED« investieren knapp 45 Euro in jedes der erschienenen Bücher. In einer Zeit, die von Krisen und Inflation geprägt ist, ist das ein Statement für sich, wie ich finde. Diese Leserinnen und Leser wollen die Geschichten, in genau dieser Form, mit genau diesen Themen. Sie kaufen nicht nur Horror, sie kaufen Literatur mit Werten, sie kaufen Literatur, die »trotzdem« auch Monster enthält.

Das Einwirken auf die gesellschaftspolitische Realität – Wenn Horror mehr bewirkt als geplant

Kann Fantastik auf die gesellschaftspolitische Realität einwirken? Die ehrliche Antwort eines kleinen Verlegers: Im Großen für eine gesamte Gesellschaft vermutlich nicht. Aber im Kleinen passiert etwas Interessantes.

Wir laden jedes Jahr eine oder einen unserer Autoren zur Leipziger Buchmesse ein, Christopher Golden oder Owen King in den letzten Jahren. Wenn wir nun 2026 Stephen Graham Jones als unseren Gast präsentieren, dann werden einige hundert Menschen einen indigenen Autor treffen, dessen Perspektive diese Menschen sonst nicht aus erster Hand kennenlernen würden. Wenn seine Bücher gelesen und quasi durchlebt werden, setzen die Leserinnen und Leser sich eine verdammt lange Zeit mit Traumata, Rassismus und der Frage auseinander, wer die wahren Monster sind. Das verändert wahrscheinlich nicht die Welt, bringt wahrscheinlich keine Revolution hervor, aber vielleicht erzeugt es Momente, in denen Literatur das entfaltet, was sie am besten kann: Empathie erzeugen, Sichtweisen erweitern, zum Nachdenken anregen. Und das vielleicht effektiver als jeder politische Text, weil sie eben nicht belehrend daherkommt, man keine Abwehrhaltung hochfahren muss. Man liest ja nur eine Horrorgeschichte.

Legitimation und Verantwortung – Der Verleger als »stiller Türsteher«

Mit welcher Legitimation ich mich durch meine Programmauswahl in gesellschaftliche Diskurse einmische? Mit gar keiner. Ich bin kein gewählter Vertreter, kein Meinungsführer, kein Aktivist. Ich bin ein Literaturliebhaber, der Bücher macht. Und paradoxerweise denke ich, dass genau das mich legitimiert – im übertragenen Sinne.

Aber natürlich trage ich auch eine gewisse Art von Verantwortung. Mit jedem Buch, das wir verlegen, gebe ich unumwunden kund: Dies hier ist es wert, gelesen zu werden. Dies hier verdient unsere limitierte Auflage, unsere Illustrationen, all unsere Sorgfalt. Und auch so manches nicht verlegte Buch ist ein Statement, nur dass niemand davon erfährt.

Diese Verantwortung nehmen wir im Verlag ernst. Ich würde keinen Roman verlegen, der Rassismus, Sexismus oder Extremismus verherrlicht, selbst wenn er handwerklich brillant wäre. Die Grenze ist manchmal schwer zu ziehen. Wenn in einem Horrorroman schreckliche Dinge geschehen, wenn Gewalt explizit dargestellt wird, wenn Charaktere abscheuliche Ansichten vertreten: Wo endet die literarische Notwendigkeit und wo beginnt die Verherrlichung?

Mein roter Faden sind der Gesamtkontext der Geschichte und mein eigener Wertekompass. Auch in von uns verlegten Werken wird brutale Gewalt gezeigt, aber nicht ohne Konsequenzen, nie ohne moralischen Kompass. Gewinnt das Böse, so wissen Leserinnen und Leser trotzdem immer, dass es das Böse ist. Und man kann und soll es ihnen zutrauen, diese Unterscheidung selbst zu treffen.

Es ist interessant: Unsere Leserinnen und Leser kaufen limitierte Horrorausgaben für viel Geld, lesen Geschichten voller sozialkritischer Untertöne … und äußern sich oft nicht explizit dazu. Die Rückmeldungen, die wir bekommen, drehen sich eher um Schreibstil, das Geschichtenende oder auch um Papierqualität, Illustrationen oder die Übersetzung. Nur selten drehen sie sich um die politische Seite einer Geschichte.

Ist das Desinteresse? Ich glaube nicht. Ich denke, es ist schlicht eine eigene Art, mit Literatur umzugehen: Man liest, man denkt nach, und man behält seine Gedanken für sich. Die Wirkung ist deswegen ja nicht verpufft, sie ist trotzdem da, nur eben leise.

Vielleicht ist das auch eine Stärke der Horrorszene bei uns: Man kann die Bücher »einfach als Horror« lesen. Das nimmt den Geschichten nichts von ihrer Kraft. Im Gegenteil: Unvoreingenommen kann man viel offener für unterschwellige Botschaften sein.

Der geplante Besuch von Stephen Graham Jones auf der Leipziger Buchmesse 2026 wird interessant. Ein indigener Autor in Ostdeutschland: Das ist ein Zusammentreffen von Geschichten über Identität mit und in einer Region, die ihre eigenen Erfahrungen damit hat. Wir haben das nicht als politisches Event geplant, sind aber gespannt, welche Gespräche sich vielleicht daraus ergeben.

Die moralische Verpflichtung – Die Zukunft des engagierten Horrors

Sehe ich eine moralische Verpflichtung, mich mit meiner Arbeit in gesellschaftspolitische Entwicklungen einzubringen? Nein. Aber ich sehe eine Verpflichtung zu Qualität, zu Vielfalt, zu Ehrlichkeit. Wenn daraus gesellschaftspolitische Relevanz entsteht: umso besser.

Der Verlag? Wir werden weiterhin verlegen, was wir für die beste Horrorliteratur halten. Dass diese Literatur oft von Autoren stammt, die sich mit Identität, Gerechtigkeit und Menschlichkeit auseinandersetzen, ist kein Zufall. Guter Horror war schon immer politisch: von Shelleys Frankenstein über Romeros Zombiefilme bis zu Jordan Peeles Get Out (US 2017). Die Monster sind andere, die Ängste sind gleich.

Ich selbst? Ich werde in den sozialen Medien weiterhin keine politischen Statements abgeben. Aber ich werde weiterhin Bücher veröffentlichen, die ihre Leserinnen und Leser herausfordern, vielleicht sogar verstören, in jedem Fall zum Nachdenken bringen. Ich werde schweigen, während die Bücher sprechen.

Ist das genug? Für einen Aktivisten sicher nicht. Für einen Verleger, der weiß, dass Bücher etwas verändern können, auch wenn ihre Verleger leise bleiben? Für den ist es genau richtig.

Die Fantastik kann und wird weiter auf die Gesellschaft einwirken. Nicht durch laute Manifeste, sondern so, wie sie es am besten kann: indem sie Geschichten erzählt, die unter die Haut gehen. Geschichten, die uns zwingen, genauer hinzusehen. Geschichten, die uns daran erinnern, dass die wahren Monster oft keine Klauen haben, sondern Anzüge tragen.

Und manchmal ist der wichtigste politische Akt eines Verlegers der, dafür zu sorgen, dass solche Geschichten ihre Leserinnen und Leser finden.

Autor

Olaf Buchheim ist Inhaber des Buchheim Verlags und Verleger von Cemetery Dance Germany. Er lebt und arbeitet mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn in Grimma bei Leipzig. Seit 2017 bringt er überwiegend amerikanische Horrorliteratur in hochwertigen limitierten Ausgaben nach Deutschland.

Dystopias Here and Now

Karoline Huber

Zuerst einmal habe ich mich sehr gefreut, um einen Beitrag für dieses Forum gebeten zu werden. Gleichzeitig war ich ein wenig überfordert von der Masse an Themen und Möglichkeiten, die sich im Rahmen dieses Essays anboten. Daher halte ich mich hier an das altbekannte Motto »write what you know« und berichte darüber, welche Rolle Fantastik und Politik in meinem Berufsalltag spielen. Mit Beispielen aus meiner Unterrichtspraxis möchte ich außerdem die Frage beantworten, ob ich mich in meiner Arbeit verpflichtet sehe, mich in gesellschaftspolitische Entwicklungen einzubringen. Als Doktorandin und Dozentin, die sich in ihrer Arbeit mit SF-Texten unter anderem mit dem Thema Klimawandel befasst, liegt die Antwort für mich im Grunde auf der Hand: Fantastik und Politik halte ich im Allgemeinen für untrennbar. Weshalb ich im Folgenden erörtere, wie beide sich gegenseitig beeinflussen und welche Effekte diese Dynamiken hervorbringen können.

In einer Zeit, in der eine Unterhaltung über das Wetter zu politischen Debatten über die Sinnigkeit oder Unsinnigkeit von Wärmepumpen und die Genehmigung einer Geschäftsreise mit dem Flugzeug zu einer Grundsatzdiskussion mit dem Dekan führen kann (alles rein hypothetisch natürlich), sehe ich mich in der Verantwortung, meinen Studierenden nicht nur Gedichtinterpretation, sondern vor allem auch kritisches Denken und politische Hintergründe zu vermitteln. Dies ist mir besonders wichtig, da mir der politische Bezug bei literarischen Themen in meinem eigenen Studium oft gefehlt hat und mir somit tiefergehende Zusammenhänge der behandelten Texte erst im Nachhinein klar wurden. Wer Literatur(-wissenschaft) studiert, sollte sich bewusst sein, dass die Kontrolle oder Kritik eines Narrativs auch politische Macht bedeuten kann. Literatur selbst kann ohne Bezug zur Politik zudem nicht ganzheitlich verstanden werden.

Die politische Relevanz der Fantastik zeigte sich bei mir auch im vergangenen Sommersemester, als sich mehrmals direkte Parallelen zwischen dem Unterrichtsstoff und der Realität ergaben. Mein Seminar »Dystopias Then and Now« hätte ich rückblickend auch »Dystopias Here and Now« nennen können.

In einer Stunde zur politischen Relevanz von Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale (1985) behandelte ich beispielsweise die 2022 geänderten Abtreibungsgesetze in den USA und die daraus resultierenden Proteste, bei denen sich Frauen mit roten Gewändern und weißen Hauben als Handmaids verkleidet vor dem Weißen Haus versammelten, um für ihre Rechte zu protestieren. Das Kostüm, das im Roman als Symbol für die Unterdrückung und Objektifizierung von Frauen steht, die als Geburtsmaschinen ohne Gedanken und Gefühle behandelt werden, verdeutlicht, wie erschreckend nah an der Realität der Roman heute liegt, während er in den 1980-Jahren noch als unvorstellbare Dystopie gelesen wurde.

Just in derselben Woche, in der mein Seminar zu dem Roman stattfand, erfuhr ich von einem Fall in Georgia, in dem eine schwangere Frau, Adriana Smith, wegen eines Blutgerinnsels für gehirntot erklärt wurde. Smith wurde aber weiter künstlich am Leben erhalten, um posthum ihr Kind auszutragen, da die Abschaltung der lebenserhaltenden Geräte mit einer Abtreibung gleichzusetzen sei. Die Überlebenschancen des Kindes seien gering, und es werde vermutlich geh- und sehbehindert zur Welt kommen, befand ein Artikel im Guardian (Sherman).

Bei der Abschaffung des Abtreibungsrechts basierend auf dem Präzedenzfall Roe gegen Wade wurde dieses Szenario als worst case vorausgesagt, jedoch anscheinend nicht ernst genug genommen. In einer Folge der TV-Verfilmung von The Handmaidʼs Tale (S3E09: Heroic, US 2019, Regie: Daina Raid) wird eine schwangere Magd ebenso künstlich am Leben erhalten wie Adriana Smith, allerdings wegen einer Kopfverletzung, verursacht durch einen Soldaten, der auf die unbewaffnete Frau schießt. Die Protagonistin Offred kommentiert am Krankenbett der Gehirntoten, sie sei nun »nur noch ein Gefäß und das Baby ist alles, was zählt […] es ist alles, was jemals gezählt hat« (Übersetzung: K. H.). Offred versucht, die Frau zu befreien, indem sie ihre Beatmungsgeräte abschaltet, wird jedoch vom Krankenhauspersonal daran gehindert. Offreds Verzweiflung erinnert an ein Interview mit Adriana Smiths Mutter, in dem sie erklärt, es sei eine Qual, ihrer Tochter, die nicht mehr bei Bewusstsein ist, beim Atmen zuzusehen (Sherman).

An dieser Stelle muss auch erwähnt werden, dass sowohl die gehirntote Figur in The Handmaidʼs Tale als auch Adriana Smith schwarze Frauen sind. Das Recht auf Abtreibung für schwarze Frauen in den USA ist politisch auf besondere Weise aufgeladen, sowohl durch Schwangerschaften während der Sklaverei als auch durch Zwangssterilisationen, die noch bis in die 1970er-Jahre durchgeführt wurden. Die Kontrolle von weiblichen schwarzen Körpern in den USA ist ein sehr wichtiges politisches Thema, dem ich hier allerdings nicht gerecht werden kann. Sowohl der Roman als auch seine Relevanz für die Welt um uns herum könnten jedoch unmöglich untersucht werden, ohne auf die politischen Bezüge einzugehen, auf die der Text hinweist und mit denen er sich auseinandersetzt.

Manche meiner Studierenden hatten von dem Fall Smith und der besagten Episode der Serie bereits gehört, andere waren geschockt und entsetzt, besonders meine weiblich gelesenen Studierenden. Das Seminar, wie meiner Erfahrung nach viele Literaturseminare, bestand zu etwa 80 Prozent aus Frauen. Die Gemeinsamkeiten zwischen dem fiktionalen Text und dem tagesaktuellen gesellschaftspolitischen Geschehen hatten Auswirkungen in beide Richtungen: Zum einen wurde der Text anders gelesen und bewertet, da manche der geschilderten Ereignisse zwar undenkbar schlimm, allerdings in der Realität leider nicht mehr unvorstellbar sind. Zum anderen spiegelte der Text die Realität in einem dunkleren Licht wider und zeigte, wie weit besonders Länder mit rechts orientierten Regierungen bereits in diese Richtung gehen. Der Roman gewährt einen Ausblick in eine mögliche Zukunft, in welcher vor allem die Rechte von Frauen und politischen Minderheiten deutlich weiter eingeschränkt werden könnten, als es bisher der Fall war.

Der aktuelle Trend der Tradwives, der mittlerweile auch in Deutschland angekommen ist, ist in diesem Zusammenhang als bedenklich zu bewerten. Eine Tradwife verkörpert die Ideale der traditionellen Hausfrau, deren Leben sich um die Kindererziehung, den Haushalt und den Ehemann dreht. Mit diesem konservativen Lebensstil gehen meist auch rechtsextreme und rückschrittliche Ansichten einher. Das Phänomen Tradwife ist allerdings paradox: Durch die Selbstinszenierung auf Social Media, zum Beispiel beim Kochen oder Putzen, vermitteln die Tradwives zum einen die Botschaft an andere Frauen, dass auch diese sich um den Haushalt und ihre Kinder kümmern und ihren Beruf aufgeben sollen. Zum anderen verdienen die Content Creators, die sich als Tradwives präsentieren, Geld durch Klickentlohnung und Werbedeals und sind damit oft finanziell unabhängig von ihren Ehemännern, während sich das Publikum dieser Inhalte durch den Verzicht auf ihre Jobs finanziell abhängig machen würde. Tradwives sind zweifellos in mehrfacher Hinsicht problematisch. Der Anklang, den diese Lebensweise bei jungen Menschen zu finden scheint, ist wahrscheinlich das größte Problem: ein Lebensstil, der dem den Frauen in The Handmaidʼs Tale auferlegten ähnelt, wird heute offenbar von einigen Frauen freiwillig angenommen und zelebriert.

Die politische Realität in den USA unter der Regierung von Donald Trump und der durch seine in der ersten Präsidentschaft erfolgten Ernennungen resultierende rechts orientierte Supreme Court, welcher die Entscheidung traf, Roe gegen Wade abzuschaffen, dominierte die Diskussion im Seminar. Auch darin, dass The Handmaidʼs Tale in einer Theokratie spielt, die sich durch scheinheilige Frömmigkeit und abgeänderte Bibelphrasen legitimiert, zeigen sich direkte Parallelen zum aktuellen US-Vizepräsidenten JD Vance. Dieser konvertierte zum Katholizismus, weil ihn besonders die traditionellen Familienwerte und die Beständigkeit der katholischen Kirche ansprachen. Er sprach sich außerdem positiv über die Familienpolitik des konservativen ungarischen Premierministers Viktor Orbán aus, der Familien mit drei Kindern finanzielle Vorteile versprach, um die Geburtenraten zu steigern (Olmstead). Dass die aktuelle amerikanische Regierung der Theokratie nicht abgeneigt zu sein scheint, zeigt auch eine Umfrage aus dem Jahr 2023, bei der mehr als die Hälfte aller befragten Republikaner angaben, dass Amerika eine streng christliche Nation sein sollte. Die USA scheinen langsam aber sicher in den religiös fundamentalistischen Abgrund abzudriften, den Atwoods Roman bereits vor vierzig Jahren beschrieb.

Bei diesem Beispiel sorgten die Parallelen zu tagesaktuellen Ereignissen und politischen Entwicklungen dafür, dass der Text ernster genommen und von meinen Studierenden anders gelesen wurde, als es noch vor ein paar Jahren, während Trumps erster Amtszeit, der Fall gewesen wäre. Auch andere ideologische Parallelen, die zwischen dem Roman und der Realität gezogen wurden, haben hoffentlich dazu geführt, dass meine Studierenden kritischer mit ähnlichen Diskursen, etwa zu religiösem Extremismus und Tradwives, umgehen, wenn diese ihnen im Alltag begegnen. Dass Sie jene Floskeln und Phrasen, mit denen das Regime in Atwoods Werk seine Bürger manipuliert auch anderswo erkennen und durchschauen, wäre wünschenswert.

In der Seminardiskussion wurde von den Studierenden des Öfteren die Formulierung verwendet, dass Atwood mit ihrem Buch in Bezug auf eben diese politischen Entwicklungen die Zukunft vorausgesagt habe. Der Roman war laut Atwood allerdings niemals als Voraussage gedacht, sondern als mögliche Entwicklung basierend auf tatsächlichen historischen Ereignissen. Sie habe nichts erfunden, das nicht so schon einmal passiert sei, schreibt Atwood in der Einleitung zu dem Roman (Atwood XIV). Sie habe lediglich historische Ereignisse aus der Vergangenheit in die Zukunft projiziert. Als Inspiration für ihre dystopische Gesellschaft dienten unter anderem das Dritte Reich, die DDR und die Hexenprozesse von Salem. Auch hier zeigt sich, in welchem Maße die Fantastik von politischen Begebenheiten der Vergangenheit beeinflusst werden kann. Während Atwood ihre imaginäre Zukunft als Warnung gedacht hatte, arbeiten andere Akteure aktiv daran, ihre Prognose in unsere Realität zu verwandeln. Gerade dieser Umstand legitimiert Atwoods Werk als ernstzunehmende Warnung, die nur durch die Fantastik und deren Kapazitäten zur Projektion ermöglicht wird. Man könnte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass Atwood mit ihrem Werk selbst in die gesellschaftspolitische Zukunft einzugreifen versuchte. In derselben Einleitung schreibt sie nämlich Folgendes: »Let‘s say it is an anti-prediction: if this future can be described in detail, maybe it won‘t happen. But such wishful thinking cannot be depended upon either.« (XVIII).

Natürlich ist Margaret Atwood nicht die erste Autorin von Science Fiction (bzw. wie sie selbst sagt, Speculative Fiction), die sich mit ihren Werken an gesellschaftspolitischen Präzedenzfällen aus der Vergangenheit orientiert. Auch H. G. Wells’ The War of the Worlds (1898) wurde von Berichten über die europäische Kolonialisierung Tasmaniens und die grausame Behandlung der Ureinwohner durch die britische Kolonialmacht inspiriert. Ein bekannteres Beispiel, das an dieser Stelle auch genannt werden muss, ist die Thematisierung totalitärer Regierungen des 20. Jahrhunderts in George Orwells Nineteen Eighty-Four. Die Auswirkungen der Politik auf die Fantastik ist in diesen Fällen klar und dient der Problematisierung ebendieser vergangenen Ereignisse und der Warnung an die Zukunft, diese nicht noch einmal geschehen zu lassen.

Was passiert allerdings, wenn SF-Texte in die Realität umgesetzt werden sollen und dies politische Konsequenzen mit sich trägt? Offensichtlich angelehnt an die Jurassic-Park-Reihe und zufälligerweise einer fiktionalen Firma, die in James Bradleys Roman Ghost Species (2020) beschrieben wird, sehr ähnlich, versucht das Biotechnologieunternehmen Colossal Biosciences ausgestorbene Spezies wie das Mammut und den Emu wieder zum Leben zu erwecken. In Bradleys Climate-Fiction-Roman geht es um einen Tech-Milliardär, der ausgestorbene Tiere wie das Wollhaarmammut und den Tasmanischen Tiger zurückbringen möchte. Dies ist ebenso das Ziel von Ben Lamm, dem Gründer von Colossal, welcher mit Technologie-Startups sein Vermögen gemacht hat. Die Gemeinsamkeiten hören hier allerdings nicht auf: Beiden Firmen gelingt es durch die Bearbeitung von Genen einer ähnlichen Spezies, ein Tier zu erschaffen, dass zumindest optisch dem einer ausgestorbenen Art gleichkommt. Während Colossal zwanzig Gene eines normalen Wolfs verändert, um diesen so aussehen zu lassen wie den ausgestorbenen Dire Wolf (bekannt aus der Serie Game of Thrones [US 2011–2019, Idee: David Benioff und D. B. Weiss] und deren Buchvorlage A Song of Ice and Fire von George R. R. Martin), geschieht in Bradleys Roman dasselbe mit den Genen eines Elefanten, den das Unternehmen als Mammut anpreist. Auch Colossal hat künftig Großes vor und arbeitet aktuell an einem solchen – im doppelten Sinne – Mammut-Projekt.

Da ich den Roman Ghost Species bereits als Primärtext für meinen Kurs ausgesucht hatte, war es naheliegend, meinen Studierenden dessen Gemeinsamkeiten zu der realen Firma Colossal vorzustellen, was nicht bei allen die gewünschte Reaktion erzielte: »Frau Huber, ich finde, Sie sind da zu negativ in Ihren Ansichten, das können Sie doch gar nicht beurteilen«, sagte einer meiner Studierenden, als es um Colossal ging. Ich hatte meinem Kurs die Aufgabe gestellt, das Unternehmen genauer unter die Lupe zu nehmen und die Behauptungen, die auf deren Website aufgestellt werden, auf ihren Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Eigene Recherche und der kritische Umgang mit digitalen Medien sollten sie selbst zu der Erkenntnis bringen, dass mit den Versprechungen von Colossal Biosciences, beispielsweise den Klimawandel durch die Erschaffung von Elefanten-Mammut-Hybriden zu bekämpfen, etwas nicht stimmen kann. Viele Kursteilnehmenden kamen zu Schluss, dass die Firma auf ihrer Website weder sonderlich vertrauenserweckend noch wissenschaftlich korrekt auftritt. »Aber das ergibt doch gar keinen Sinn, wie sollen Mammuts denn so viele Bäume niedertrampeln, dass die ganze Tundra erhalten wird. Und was das alles kostet, könnte man da nicht irgendwas Sinnvolleres gegen den Klimawandel machen?«, äußerte sich eine weitere Studierende. Der Sinn der Stunde war nicht, den Studierenden meine Meinung aufzudrängen. Wie Colossal Biosciences mit Parallelen zum SF-Klassiker Jurassic Park und den Strukturen von fiktionalen Narrativen im Allgemeinen für Begeisterung sorgt und dadurch einen Social-Media-Hype erzeugt, um mehr Gelder von Investoren einzutreiben, sollten meine Seminarteilnehmer selbst feststellen. Wie die gemischten Reaktionen verdeutlichen, war ich damit zumindest teilweise erfolgreich.

Bei meiner weitergehenden Recherche haben sich auch die politischen Einflussnahmen dieser Firma und der »De-Extinction«-Narrative, welche sie vorantreibt, gezeigt. US-Innenminister Dough Burgum bekundete seine Begeisterung über das Unternehmen auf Social Media und postete auf X im April dieses Jahres, die Liste der gefährdeten Arten sei zu einer Art Hotel California geworden: Sobald eine Art einmal darauf stehe, käme sie nie wieder davon herunter. Das Wunder der De-Extinction-Technologie von Colossal könne dazu beitragen, eine Zukunft ohne gefährdete Arten zu gestalten. De-Extinction auf diese Weise als vermeintliche Lösung für die Politik zum Schutz gefährdeter Arten darzustellen, ist gefährlich. Die Gefahr besteht darin, den Klimawandel verharmlosende Narrative zu verbreiten, bei denen technologische Lösungen für den Klimawandel den Naturschutz vollständig ersetzen. Dies würde konkret bedeuten, dass weder Firmen noch Konsumenten ihre Verhaltensweisen, welche die Zerstörung des Klimas und der Artenvielfalt zur Folge haben, anpassen müssen, da ausgestorbene Arten einfach mittels Genmanipulation ersetzt werden können. Wie bereits erläutert, würde dies keine Wiederherstellung von ausgestorbenen Arten bedeuten, sondern lediglich die genetische Veränderung bestehender Spezies.

Zuletzt möchte ich noch auf die Frage eingehen, ob Genrewerke als gesellschaftspolitische Diskussionsbeiträge weniger ernst genommen werden, da sie hauptsächlich der Unterhaltung dienen sollen und sich meist an die breite Masse richten. Hier möchte ich mich ebenfalls auf das Beispiel Jurassic Park beziehen, das bereits im Zusammenhang mit Colossal erwähnt wurde. Seit dem ersten Film, beruhend auf einer Buchvorlage von Michael Crichton (1990), geht bei dem Versuch, durch Genmanipulation und Klonen auf künstliche Weise Dinosaurier herzustellen, etwas schief. Der Protagonist Ian Malcolm versucht von Anfang an, den wohlhabenden Besitzer des Parks vor den Folgen dieses Prozesses zu warnen, stößt dabei jedoch auf taube Ohren. Wie die Ambitionen von Colossal zeigen, sollte die Botschaft des SF-Klassikers deutlich ernster genommen werden. Diese besteht eben nicht darin, zu versuchen, ausgestorbene Arten durch Gentechnik vermeintlich wieder zurückzubringen, sondern darin, dass sich der Mensch nur bedingt in die Natur einmischen sollte, um katastrophale Auswirkungen zu vermeiden. Colossal scheint sich vielmehr an die Devise des Jurassic-Park-Franchise zu halten, das von Hollywood unermüdlich wiederbelebt wird, um enorme Gewinne zu erzielen. Nun liegt die Gefahr hier nicht in den fantastischen Erzählungen wie Jurassic Park als solche, sondern in der Fehlinterpretation dieser Texte. Jeder, der den Film bis zum Ende verfolgt, weiß, dass dieser keine Empfehlung für das Wiedererwecken von ausgestorbenen Arten ausspricht.

Umso wichtiger sind daher der kritische Umgang und die akademische Auseinandersetzung auch mit SF-Stoffen, die nicht vorrangig als politisch relevant wahrgenommen werden. Während The Handmaid’s Tale einen implizierten Appell ausspricht, sich für die Rechte von Frauen einzusetzen, damit die fiktionale Welt des Romans nicht zu unserer Realität werden kann, zeigt Colossals De-Extinction-Narrativ, wie schnell auch vermeintlich harmlose Erzählungen politische Relevanz erlangen können, sobald sie in die Realität umgesetzt werden sollen.

Autorin

Karoline Huber ist Doktorandin am Englischen Seminar der Ruhr-Universität Bochum. In ihrer Dissertation untersucht sie Generationskonflikte im Englischsprachigen Climate Fiction Bildungsroman. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Science-Fiction, Anglophone Klimafiktion und (De-)Extinction. Sie hat Artikel in den Fachzeitschriften AmLit und Ecozon@, sowie einen Essay in The Los Angeles Review of Books veröffentlicht.

Probehandeln in der Fantasy: Final Girl Europa

Tom C. Winter

Unbestritten leben wir in schweren Zeiten, in der Zeit der Polykrise, einem post-pandemischen Zustand mit Krieg in Europa auf dem Weg zu den Kipppunkten der Klimakrise. Weltweit sind reaktionäre Kräfte auf dem Vormarsch, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zittert unter dem Angriff gewaltbereiter Machtmenschen.

Es scheint jedoch, dass der Eindruck »im Moment ist es besonders schrecklich« auch in früheren Jahrzehnten geherrscht hat. Schon Charles Dickens beginnt 1859 A Tale of Two Cities mit dem berühmten Zitat »It was the best of times, it was the worst of times« (Dickens 4); Erich Fromm schlägt uns schon 1955 Wege aus einer kranken Gesellschaft vor (Fromm). Fantastik ist immer auch in schweren Zeiten entstanden. Tolkien begann die Arbeit an seinem Silmarillion (1978) im Ersten Weltkrieg, schrieb daran und an The Lord of the Rings (erstmals erschienen 1954 und 1955) auch während des Zweiten Weltkriegs und bis zu seinem Lebensende zur Zeit des Kalten Kriegs. Viele Beiträge zum Zombiegenre sind unter dem Einfluss der Berichterstattung aus dem Vietnamkrieg entstanden, und auch der berühmt-berüchtigte Kannibalenfilm Cannibal Holocaust (Nackt und zerfleischt, IT 1980, Regie: Ruggero Deodato) soll eine Auseinandersetzung mit gewalttätigen Nachrichtenbildern darstellen (Conterio). Die Angst vor dem Weltuntergang durch »Overkill« mit Atombomben spiegelt sich in Planet of the Apes (Planet der Affen, US 1968, Regie: Franklin J. Schaffner),6 der Kalte Krieg hat viele Fantasien über den Aufstieg totalitärer Regime und die Rebellion gegen sie inspiriert, und das gesamte Genre der Post-Apokalyptik (etwa Mad Max) setzt sich mit dem Untergang der zivilisierten Gesellschaft durch Kriege und Naturkatastrophen auseinander. Offenbar haben sich auch Generationen vor uns in besonders schweren Zeiten gewähnt. Und auch zu diesen Zeiten Fantastik verfasst. Die Aufgaben und Möglichkeiten der Fantastik scheinen mir deshalb heute die gleichen zu sein wie in früheren Jahrzehnten – und es sind aus meiner Sicht besonders noble.

  1. Fantastik hilft uns, Handlungsmöglichkeiten zu entwerfen, durchzuspielen und zu beurteilen.

  2. Durch den Entwurf von Utopien und Dystopien lässt sie uns – individuell und gesamtgesellschaftlich – reflektieren, ob wir den richtigen Weg einschlagen und bereit sind, mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen zu leben.

  3. Fantastik hilft uns dabei, unsere Werte zu reflektieren und Klarheit darüber zu erlangen, was uns wirklich wichtig ist.

  4. Fantastik – und vor allem das Horrorgenre – konfrontiert uns mit den Herausforderungen der Existenz und hilft uns so, eine eigene Haltung zu diesen Anfechtungen zu entwickeln.

  5. Fantastik kann uns durch kleine Fluchten in andere Realitäten Erholung verschaffen und helfen, unsere Energien für das reale Leben wieder aufzubauen.

1. Probehandeln in der Fantasy

Menschen können besonders gut in narrativen Strukturen denken – wenn uns ein Sachverhalt als Geschichte präsentiert wird, können wir uns Informationen besser merken und Probleme besser lösen (Trzebiński et al.). Die Fantastik kann uns helfen, aktuelle Ereignisse als Geschichte zu verstehen oder im Rahmen uns bekannter Geschichten zu reflektieren.

In der Psychologie wird Denken – und bisweilen auch Träumen – häufig als »Probehandeln in der Phantasie« verstanden (Freud 5247; Pietrowsky 18 f.). Unsere Vorstellungskraft gibt uns die Möglichkeit, Handlungsoptionen mental durchzuspielen und ihre Konsequenzen abzuschätzen. Diese Kapazität nutzt die Fantastik und gibt uns die Möglichkeit, Handlungsoptionen in fantastischen Szenarien durchzuspielen: Was würde ich tun, wenn … ein totalitäres Regime die Macht ergreift wie das Imperium in Star Wars? Was würde ich tun, wenn die freiheitliche Grundordnung bedroht wird wie die Vereinigte Föderation der Planeten in Star Trek oder die freien Völker Mittelerdes? Aus Probehandeln in der Fantasie wird Probehandeln in der Fantasy. Zum Abschätzen der Konsequenzen gehört die Frage, wohin eine Handlungsoption uns führen wird – zu einem utopischen oder zu einem dystopischen Zustand?

2. Das Entwerfen von Utopien und Dystopien

Es gehört zum Kerngeschäft der Fantastik, fremde Welten zu erschaffen. Gerade wenn es sich dabei um die Vision möglicher Zukunftsszenarien handelt, führt sie uns beglückende Szenarien als wünschenswerte Entwicklungen und schreckliche Szenarien als Ergebnis schädlicher Entwicklungen vor Augen. Diese Szenarien buchstabieren aus, wohin ein Weg uns führen mag. Die fantastische Schöpfung wird so zur Warnung vor der Eskalation riskanter Entwicklungen in der Gegenwart – eine Warnung davor, mit dem eingeschlagenen Weg auf eine schiefe Ebene (»a slippery slope«) zu geraten und in eine dystopische Zukunft zu schlittern. Dystopien rufen uns zu: »Wehret den Anfängen!« Denn der Umgang mit Atomwaffen mag uns zum Planet of the Apes führen, Kriege um Rohstoffe in die Welt von Mad Max. Genetische Experimente mögen die Schrecken von Jurassic Park heraufbeschwören, ein restriktiver Umgang mit Frauenrechten mag die Welt von The Handmaid’s Tale Realität werden lassen, ein unbedachter Umgang mit den Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz mag Skynet erschaffen und die Menschheit der Herrschaft der Maschinen unterwerfen wie in der Welt von The Terminator (Terminator, US 1984, Regie: James Cameron). Tatsächlich formuliert James Cameron, der Regisseur von The Terminator, in einem aktuellen Interview über die Gefahren künstlicher Intelligenz Annäherungs- und Vermeidungsziele (»I Warned You Guys in 1984«, Van Dyk).

In der Motivationspsychologie unterscheidet man zwei Arten von Zielen. Wenn Menschen Annäherungsziele verfolgen, erwarten sie positive Konsequenzen – die geplante Handlung soll zu einem positiven, angenehmen Ausgang führen; am Ende warten Belohnungen und gute Gefühle. Vermeidungsziele hingegen verfolgen Menschen, um das Eintreten unangenehmer Konsequenzen zu verhindern. Statt etwas Gutes zu suchen, wollen sie etwas Schlechtes verhindern. Verfolge ich Annäherungsziele, bin ich von Hoffnung und Vorfreude begleitet; orientiere ich mich an Vermeidungszielen, bin ich durch Angst vor den abzuwendenden Ereignissen motiviert. Erreiche ich Annäherungsziele, werde ich angenehme Gefühle erleben, das Erreichen von Vermeidungszielen hingegen fühlt sich nie erfüllend an, sondern endet eher mit vorübergehender Erleichterung: »Diesmal ist es gut gegangen; nächstes Mal könnte es schiefgehen.«

Wofür und wogegen? In Bezug auf fantastische Stoffe bedeutet das: Es reicht nicht, gegen etwas zu kämpfen, wir wollen auch verstehen, wofür gekämpft wird. Die Dystopie sagt uns, was verhindert werden soll, doch die Utopie erklärt uns, wofür der Kampf sich lohnt. Passend lässt Tolkien seinen Faramir sagen: »[D]as blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen« (Tolkien, Herr der Ringe 740). Dieses Zitat gewinnt besonders an Gewicht, wenn Tolkien in einem seiner Briefe angibt, dass er sich von allen Figuren, die er erschaffen hat, Faramir am nächsten fühlt (Briefe 305).8 Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die beiden großen Raumschiff-Franchises Star Wars und Star Trek sich in unterschiedlicher Weise mit Machtsystemen auseinandersetzen: Star Wars thematisiert ein ums andere Mal den Freiheitskampf der Rebellen gegen ein totalitäres Regime, während es in Star Trek darum geht, ein bereits eingerichtetes System – die Vereinte Föderation der Planeten – gegen Angriffe von außen und Separatisten von innen zu schützen. Die unterschiedlichen gegnerischen Kräfte – Romulaner, Klingonen, Kardassianer, Borg – stellen immer kriegerische, imperialistische Mächte dar. Während die Rebellen in Star Wars vor allem gegen das Imperium kämpfen, setzen sich die Crews in Star Trek für die Föderation ein. Auch in Fantasywelten drehen sich die zentralen Konflikte häufig um Machtverhältnisse: Usurpatoren mit unberechtigten Machtansprüchen wollen Völker unterjochen. Gekämpft wird gegen diese ungerechte Herrschaft – und für? Für eine gerechte Herrschaft, die ihren Machtanspruch aus alten Stammbäumen herleiten kann (wie in Tolkiens Die Rückkehr des Königs)? Wenn Samwell Tarly in der letzten Episode der Serie Game of Thrones kurz eine Herrschaft des Volkes vorschlägt,9 wird er ausgelacht (S06E08: The Iron Throne [US 2019. Regie: David Benioff und D. B. Weiss]). Demokratie als Utopie scheint von der Realität der Fantasywelten zu weit entfernt.

Gesellschaftliche Relevanz. Bleibt die Frage nach der Wirksamkeit: Birgt die Fantastik tatsächlich das Potential einer Kurskorrektur? Zumindest können wir erkennen, dass bekannte dystopische Szenarien im politischen Diskurs angeführt werden, um auf Risiken aufmerksam zu machen. Hier sind gerade die großen, bekannten Erzählungen hilfreich, da sie als gemeinsame Schnittmenge vielen Menschen als Bezugspunkt dienen können. Zum Umgang mit Frauenrechten in Amerika wird häufig auf The Handmaid’s Tale Bezug genommen, in der Abschätzung von Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz wird häufig The Terminator angeführt. Leider lässt sich die Macht narrativer Strukturen auch missbrauchen, wie es uns zahlreiche Verschwörungsnarrative zeigen; auch können Werke im Sinne einer eigenen Agenda umgedeutet werden, beispielsweise wenn die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni Tolkiens Der Herr der Ringe als Grundlage für eine migrationsfeindliche Politik zu nutzen versucht (Hof) – obwohl Tolkien Figuren im Herrn der Ringe mehrfach positiv über Geflüchtete sprechen lässt.10 Um das eigene Narrativ zu verbreiten, kann man auch neue »fantastische« Geschichten schreiben – wie der aktuelle FBI-Chef Kash Patel, der in seiner Kinderbuchreihe The Plot Against the King als »Zauberer Kash« hilft, eine Verschwörung gegen »King Donald« aufzudecken und »Hillary Quinton« zu überführen (Patel).

3. Werteabgleich

Wie entscheiden wir, welche Szenarien wir als Dystopie und welche als Utopie begreifen? Am Ende ist es eine Frage der Werte, was wir als gut und erstrebenswert oder als schlecht und zu vermeiden beurteilen. So kann uns die Auseinandersetzung mit fantastischen Stoffen helfen, Klarheit über unsere Werte zu erlangen.

Gut und Böse auf galaktischem Maßstab

Gerade Stoffe mit »moralisch grauen« Helden fordern uns heraus, unsere Werthaltungen bewusst zu reflektieren und manchmal auch gegeneinander abzuwägen. Dieses Feld bespielt die Fantastik nicht allein – aber in fantastischen Szenarien kann mit einem größeren Pinsel gemalt werden. Wenn Walter White in Breaking Bad (US 2008–2013, Idee: Vince Gilligan) nach und nach die Grenzen seiner Moral aufweicht, müssen wir als Rezipient:innen immer wieder neu entscheiden, wie lange wir uns noch mit ihm und seinen Handlungen identifizieren wollen, ab wann unsere persönlichen Grenzen überschritten sind und wir ihn nicht mehr als Held, sondern als Bösewicht verstehen. Die Geschichte um den todkranken Chemielehrer, der zum Drogenboss aufsteigt, enthält keine Elemente der Fantastik. Doch wenn Anakin Skywalker langsam der dunklen Seite der Macht verfällt, Daenerys Targaryen im Kampf um den Eisernen Thron zunehmend über Leichen geht (und fliegt), geht es gleich um das Schicksal ganzer Welten und Galaxien. Die Gewichte in den Waagschalen der Moral sind in fantastischen Szenarien ungleich schwerer, es steht weit mehr auf dem Spiel und moralisch zu verhandeln.

Auch Werke, die ganz ohne pädagogischen Auftrag antreten, fordern uns als Rezipient:innen auf, eigene Werturteile zu treffen: Was ist (ethisch/moralisch) richtig, was ist falsch? Würde ich mich ähnlich verhalten? Würde ich das Gute tun, auch wenn es für mich Nachteile bringt? Was halte ich von Gewalt, Selbstverteidigung, Rache? Würde ich die gleichen Entscheidungen treffen wie die Hauptfiguren? Oder würde ich einen anderen Weg wählen, weil meine Werte mir eine andere Entscheidung nahelegen?

Wertorientierte Reflektion der aktuellen Weltlage

Wertorientierte Reflektion der aktuellen Weltlage. Diese Wertefragen verbinden auch ältere Werke der Fantastik immer wieder neu mit der aktuellen Weltlage. Fantastische Stoffe können vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse stets neu rezipiert werden; und können Rezipient:innen helfen, sich mit aktuellen Situationen auseinanderzusetzen, selbst dann, wenn das von den Autor:innen nicht intendiert war. Tolkien wehrt sich ein ums andere Mal gegen eine metaphorische Deutung seiner Schöpfung (Herr der Ringe 12 f.).11 Dennoch können wir seine Bösewichte – Melkor bzw. Morgoth und Sauron – als machthungrige Alleinherrscher verstehen, die die ganze Welt ihrer Herrschaft unterwerfen wollen. Natürlich hat Tolkien nicht über Putin und den Angriffskrieg auf die Ukraine geschrieben, dennoch können uns seine Figuren und deren Auseinandersetzung mit Macht, Freiheit und Allianzen als Schablone für den Umgang mit Weltkrisen dienen, unabhängig davon, wann wir die Geschichten lesen.

Während wir ältere Werke vor der aktuellen Situation immer wieder neu verstehen können, thematisieren neue Stoffe konkret und aktuell den Umgang mit machthungrigen, selbstverliebten Figuren und den Kampf zwischen Freiheit und Unterdrückung. Die Superheldensatire The Boys (US 2019–2024, Idee. Eric Kripke, Evan Goldberg, Seth Rogen) lässt mit der Figur »Homelander« einen All American Hero antreten, dem Macht, Ruhm und Einschaltquoten wichtiger sind als Menschenleben und ethische Prinzipien – mit dem Slogan »Make America Super Again« In der Star-Wars-Serie Andor (US 2022–2025, Idee: Tony Gilroy) bilden die Proteste gegen das machthungrige Imperium die Demonstrationen gegen den entgleisten Machtanspruch des Trump-Regimes ab. Es erscheint entlarvend, dass Donald J. Trump sich in seinen sozialen Medien mehrfach als Sith-Lord mit rotem Lichtschwert inszeniert – und so mit den bösen Mächten des Star-Wars-Universums identifiziert.

Gewalt und Gegengewalt

Wertefragen hinsichtlich der Anwendung von Gewalt werden in besonderer Weise im Slashergenre gestellt. Slasher stehen am Rande der Fantastik – denn oft beginnen sie als Geschichte um einen Mörder und unterscheiden sich nur durch das Ausmaß an Gewalt und Bedrohung von einem gewöhnlichen Krimi oder Thriller. Die berühmten Figuren gewinnen jedoch im Laufe der Zeit typischerweise übernatürliche Qualitäten – Michael Myers aus der Halloween-Reihe wird über die Fortsetzungen der Reihe quasi unsterblich, Jason Vorhees aus Friday the 13th (Freitag der 13., US 1980, Regie: Sean S. Cunningham) wird ebenfalls unsterblich und gewinnt die Fähigkeit, fremde Körper in Besitz zu nehmen; Freddy Krueger aus A Nightmare on Elmstreet (Nightmare – Mörderische Träume, US 1984, Regie: Wes Craven) stellt von Beginn an eine übernatürliche Figur dar, die die Realität verändern und in Träumen töten kann. Die recht junge Terrifier-Reihe belebt das Genre neu und gibt der Hauptfigur »Art der Clown« recht zügig übernatürliche Fähigkeiten und die Möglichkeit, den Tod zu überwinden. So vollzieht das Slasher-Genre häufig den Sprung von der Realität ins Fantastische und ist damit durchaus als Beitrag zur Fantastik zu verstehen.

Während im Actionfilm die Hauptfiguren, z. B. John McClane in Die Hard (Stirb langsam, US 1988, Regie: John McTiernan). oder John Wick, eher die Ausübenden von Gewalt sind – und wir uns mit dem Aggressor identifizieren –, erleben wir im Slasher-Film vor allem das gequälte Leid der Opfer und werden von erschreckenden Darstellungen unmenschlicher Gewaltexzesse und ihrer Konsequenzen nicht verschont. Gewalt wird so im Slasher als etwas Schreckliches, Abschreckendes, Erschreckendes dargestellt. Das Marketing dreht sich zwar um die ikonischen Bösewichter, doch als Rezipient:innen identifizieren wir uns mit den Opfern, insbesondere dem »Final Girl«. Diese Figur gehört mittlerweile zur Grundausstattung des Slashergenres; eine zurückhaltende, (sexuell) unschuldige Frau, bisweilen schwanger.12 Sie verabscheut Gewalt, wird aber als letzte (handlungsfähige) Überlebende so in die Enge getrieben, dass sie selbst zu Gewalt greifen muss, um den Killer zu überwinden, häufig mit dessen eigener Mordwaffe. Am Ende wird der Killer meist nicht durch Flucht oder Diplomatie überwunden – sondern durch Gegengewalt.

The First Final Girl

Häufig wird Sally Hardesty aus Tobe Hoopers The Texas Chain Saw Massacre (Blutgericht in Texas, US 1974, Regie: Tobe Hooper) als das erste Final Girl betrachtet; sie fügt dem Killer Leatherface tatsächlich keinen Schaden zu, sondern kann ihm entfliehen, ohne zu kämpfen. Schon in John Carpenters Halloween (Halloween – Die Nacht des Grauens, US 1978, Regie: John Carpenter) begegnet uns in der Babysitterin Laurie Strode aber ein Final Girl, das zwar am Ende durch den Psychiater gerettet wird, aber zuvor zu Gewalt greift, um den Killer zu verletzen – zuerst mit einer Stricknadel, dann einem Kleiderbügel, dann mit dem Messer des Mörders. In der selbstreferentiellen Scream-Reihe von Wes Craven werden die Regeln des Slashergenres und die Rolle des Final Girls bewusst ausformuliert.

Aus meiner Sicht lässt sich die Figur des Final Girls bis zu Fred Zinnemanns Westernklassiker High Noon (Zwölf uhr Mittags) aus dem Jahr 1952 zurückverfolgen: Hier ist es die unschuldige Braut, dargestellt von Grace Kelly, die Gewalt nicht nur verabscheut, sondern als Mitglied der Glaubensgemeinschaft der Quäker sogar aus religiösen Gründen ablehnt. Wie das Final Girl in einem Slasher muss sie am Ende selbst zur Waffe greifen, um einen der bösen Revolverhelden zur Strecke zu bringen.

Der vielbesprochene kanadische Slasher In a Violent Nature (CA 2024, Regie: Chris Nash) geht – was die Gewaltausübung angeht – zurück zu Texas Chainsaw Massacre: Das Final Girl greift nicht zu Gewalt, sondern gibt dem Killer, was er haben will (das Schmuckstück der Mutter) und kann fliehen.

Die Herausforderung an den Pazifismus

Das Slasher-Genre stellt – absichtlich oder unabsichtlich – Wertefragen bezüglich Gewalt und Selbstverteidigung. Angesichts einer Weltlage, in der mächtige Männer mit gewaltigen Waffen Kriege anzetteln – vielleicht können wir da das friedliche Europa als Final Girl verstehen. Durch Slasher-Stoffe müssen wir uns der Frage stellen, wie weit Pazifismus tragen kann und unter welchen Umständen wir Gewalt für gerechtfertigt oder sogar notwendig halten.

4. Konfrontation mit den letzten Dingen

Irvin Yalom, ein wichtiger Denker der Existenziellen Psychotherapie, nimmt an, dass jeder Mensch einen Umgang mit vier »letzten Dingen« der menschlichen Existenz finden muss: Tod, Freiheit, Existenzielle Isolation und Sinnlosigkeit (19). Gelingt diese Auseinandersetzung, bleiben wir gesund, misslingt sie, leiden wir darunter und es drohen psychische Störungen.

Kaum ein anderes Genre als der Horror als Subgenre der Fantastik scheint besser geeignet, uns mit diesen letzten Dingen zu konfrontieren – und uns so dazu anzuregen, eine eigene Haltung zu gewinnen.

Im Horror werden die Hauptfiguren aus dem alltäglichen Daseinsmodus gerissen und durch erschreckende Ereignisse gezwungen, eine neue Perspektive einzunehmen und einen neuen Blick auf Leben und Tod zu gewinnen. Indem wir uns mit ihnen identifizieren, werden wir dazu gebracht, den gleichen Prozess zu durchlaufen. Der Horror konfrontiert mit allen vier von Yaloms »letzten Dingen«:

  • Tod und Sterblichkeit: Die Hauptfiguren geraten in Todesgefahr, häufig müssen sie den Tod wichtiger Bezugspersonen miterleben. Wunden, Blut und Körperhorror konfrontieren mit der »Kreatürlichkeit«, mit der Verletzlichkeit und Sterblichkeit, die wir im Alltag gerne ausblenden (Becker) – dazu gehört auch die Bedrohung durch Krankheiten und Viren, die im Horror Zombieapokalypsen auslösen und drohen, die menschliche Zivilisation im Ganzen auszulöschen.

  • Freiheit und Verantwortung: Horror konfrontiert mit existenzieller Freiheit. In Extremsituationen sind die üblichen Regeln aufgehoben. Wenn ich aber völlig frei bin und niemand mehr vorschreibt, was ich tun oder nicht tun darf – dann bin ich auch allein für die Konsequenzen meiner Handlungen verantwortlich. Mit großer Freiheit kommt große Verantwortung, und gleichzeitig geht sie mit einem Verlust an Orientierung einher. Wenn ich im Kampf um Leben und Tod einem Psychokiller oder Monster gegenüberstehe, hat »Du sollst nicht töten« keine Gültigkeit mehr. Wie verhält sich die Hauptfigur in dieser Extremsituation? Und was würden wir tun? Ein gutes Beispiel stellt die Purge-Reihe dar, in der jeweils für eine Nacht im Jahr alle Regeln aufgehoben sind. Eine Konfrontation mit Freiheit: Wenn ich alles frei entscheiden könnte, wenn kein Gesetz mehr gilt und keine Strafe droht – würde ich mich trotzdem »anständig« verhalten? Oder würde ich die »Fesseln der Moral« abschütteln? Das Konzept von The Purge basiert auf der Star-Trek-Folge The Return of the Archons (Star Trek: The Original Series. S01E21, US 1967, Regie: Joseph Pevney). Diese Entwicklung verdeutlicht, dass uns Fantastik – mal als SF, mal als Horror – immer wieder mit diesen grundlegenden Fragen zu konfrontieren versteht.

  • Existenzielle Isolation: Wie gut ich auch mit anderen Menschen verbunden sein mag, tief in mir gibt es immer einen dunklen Ort, an dem ich ganz allein bin – und an dem ich ganz eigene Erfahrungen mache, die ich mit keinem anderen Menschen teilen kann. Niemand kann wirklich umfassend verstehen, wie ich wahrnehme und fühle. Diese Einsamkeit, dieses ultimative Abgetrenntsein von anderen, nennt Yalom »Existenzielle Isolation« (419). Horror konfrontiert uns schrittweise mit Isolation, indem die Hauptfiguren nach und nach vereinzelt werden – klassischerweise teilen sich größere Gruppen in Horrorfilmen auf, obwohl alle Zuschauenden wissen, dass das eine schlechte Idee ist. Wenn dann eine Figur nach der anderen ums Leben kommt, bleibt allzu oft nur eine Person übrig, die sich dem letzten Kampf ganz allein stellen muss (oft, aber nicht immer, ist es das Final Girl, s. o.). Wenn diese Person überlebt, bleibt sie mit Erfahrungen zurück, die sie niemand anderem begreiflich machen kann. Diese Einsamkeit – am Ende bin ich allein, niemand hilft mir, niemand versteht mich – lässt uns das Horrorgenre stellvertretend erleben. Horror konfrontiert uns damit gnadenloser als andere Subgenres der Fantastik – Frodo und Sam müssen zwar allein den Schicksalsberg erreichen, doch sie haben immer noch einander. Bricht das Fantastische in die gewohnte Realität ein, hinterlässt das typischerweise eine Gruppe Eingeweihter, die ihr Wissen um die übernatürlichen Vorgänge zwar miteinander, aber mit niemand anderem teilen können, weil ihnen niemand glauben würde – wie beispielsweise die Kinder und ihre Verbündeten in Stranger Things (US 2016– , Idee: Matt Duffer und Ross Duffer) oder die Kinder – und späteren Erwachsenen – in Stephen Kings It (1986).

  • Sinnlosigkeit: Erschreckende Ereignisse lassen Menschen am Sinn des Lebens, an einem übergeordneten Zweck oder Plan der Existenz zweifeln. Wozu soll dieser Schrecken gut sein? Wofür kann es sich lohnen, diese Schmerzen zu durchleben? Nach welchem Plan kann es gerechtfertigt sein, dass Unschuldige sterben? In A Ghost Story (US 2017, Regie: David Lowery) folgen wir in großen Zeitsprüngen dem Geist eines Verstorbenen, der als Gespenst in der Welt verbleibt. Diese Darstellung verknüpft besonders eindrücklich die Themen von Tod und Sterblichkeit, existenzieller Isolation (der Tote kann keinen Kontakt zu den Lebenden aufnehmen) und Sinnlosigkeit: In einem Schlüsselmoment des Films spricht Will Oldham, bekannt als Musiker »Bonnie Prince Billy«, einen langen Monolog über die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz in die Kamera.

Fantastische Werke, insbesondere das Subgenre Horror, helfen uns durch Konfrontation mit Sterblichkeit, Verantwortung, Isolation und Sinnfragen, eine eigene Haltung zu den größten Fragen des Lebens zu gewinnen.

5. Ausgleich und Erholung

Letztlich erfüllt die Fantastik eine weitere wichtige Funktion: Sie bietet Menschen einen Ausgleich zum fordernden Alltag, eine Gelegenheit zu Erholung und Rekreation. Diese Funktion stellt einen Gegenpol zur Konfrontation mit schwierigen Gegebenheiten der Weltlage und existenziellen Nöten dar. Das Subgenre der »Cozy Fantasy« bietet sogar gezielt eine Handlung in gemütlicher Umgebung, bei der nicht zu viel auf dem Spiel steht – statt um Weltherrschaft oder -untergang geht es hier vielleicht eher darum, eine Sammlung von Kochrezepten zu bewahren. Gerade dieses eskapistische Element der Fantastik wird häufig kritisiert oder belächelt: Statt sich in Fantasiewelten zu flüchten, solle man sich doch besser mit echten Problemen auseinandersetzen. Es zeigt sich jedoch, dass das menschliche Potential, echte Probleme zu ertragen und zu verarbeiten begrenzt ist – ebenso wie die Kräfte, die zur Veränderung der echten Welt eingesetzt werden können: Forschungen zum Doomscrolling zeigen, dass eine anhaltende Auseinandersetzung mit beunruhigenden Nachrichten leider nicht zu mehr Engagement führt, sondern eher zu Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit (Shabahang et al.). Menschen verfügen über eine begrenzte Aufmerksamkeitskapazität für Gefahrenreize, den sogenannten »Finite Pool of Attention«. So konnte gezeigt werden, dass die Beschäftigung mit den Gefahren der Corona-Pandemie die Aufmerksamkeit für die Gefahren des Klimawandels reduziert hat (Sisco et al.). Aktuelle Berichte über den Burnout von Aktivist:innen beschreiben die gefährliche Erschöpfung engagierter Menschen, die sich so entschlossen für einen guten Zweck einsetzen, dass sie andere Lebensbereiche und Bedürfnisse vernachlässigen (Macha und Adelmann). Wenn Engagement für einen guten Zweck einseitig und übermäßig wird, entsteht ein Risiko, auszubrennen und sich zu erschöpfen. Um sich dauerhaft einsetzen zu können, braucht es ein umsichtiges Haushalten mit eigenen Ressourcen und eine gelungene Balance aus Engagement, Pausen und Erholung: Und wie könnte man sich besser erholen als durch den mentalen Besuch fantastischer Welten?

Entsprechend hat schon Tolkien eine Lanze für die eskapistische Funktion der Fantasy gebrochen:

I have claimed that Escape is one of the main functions of fairy-stories […] Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to go out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls? (On Fairy-Stories 69)13

So wie es ein Zuviel an Engagement geben kann, kann es auch ein Zuviel an Ablenkung geben – dann macht mich nicht die Erschöpfung handlungsunfähig, sondern der Versuch, der Realität aus dem Weg zu gehen. Die Umstände der realen Welt zu verbessern, ist ein Marathon, kein Sprint – konstruktiv ist ein Mittelweg zwischen Engagement und Erholung, die richtige Balance aus Konfrontation und Ablenkung. Diese Balance muss immer wieder neu gefunden werden.

Fazit

Wir werden die Welt nicht retten, indem wir fantastische Geschichten erdenken oder rezipieren. Aber die Fantastik kann uns helfen, Klarheit über unsere Werte zu erlangen, den eingeschlagenen Weg – individuell und gesellschaftlich – in die Zukunft zu denken und die Notwendigkeit von Kurskorrekturen zu erkennen; sie kann Handlungsoptionen offenbaren und eine produktive Auseinandersetzung mit den größten Fragen der Existenz anregen. Letztlich bieten uns fantastische Werke eine Gelegenheit, vorübergehend aus der belastenden Realität auszubrechen und die Kräfte wieder aufzubauen, die wir brauchen, um uns in der echten Welt für Veränderungen einzusetzen. Gerade in schwierigen Zeiten können wir bei all diesen Zielen die Unterstützung der Fantastik gebrauchen.

Autor

Tom C. Winter schreibt Bücher über Zombies, Dämonen und Eichhörnchen und textet für Graphic Novels. Er ist Mitglied der Deutschen Tolkien Gesellschaft e. V. sowie Gründungsvorsitzender von Now is Here – Deutsche Robin of Sherwood Gesellschaft e. V. Hauptberuflich arbeitet er als Psychotherapeut in eigener Praxis im Ruhrgebiet und unterstützt als Supervisor, Selbsterfahrungsleiter und Dozent die Ausbildung angehender Psychotherapeut:innen.

Notes

  1. Persönliche Kommunikation mit Bernhard Hennen. [^]
  2. Tolkien schreibt, dass die Kritik mit dem Begriff »escape«nicht nur das falsche Wort gewählt habe, sondern außerdem: »what is more, they are confusing, not always by sincere error, the Escape of the Prisoner with the Flight of the Deserter« (Tolkien 69). [^]
  3. Das Beispiel stammt aus der zweiten. erweiterten und noch unveröffentlichten Auflage des Bandes Der Ausbruch des Phantastischen (2023). Die erweiterte Ausgabe soll Ende 2025 erscheinen. [^]
  4. Und als weitere Ebene: Auch Armut und Reichtum werden in Harry Potter stark thematisiert sowie die Zugehörigkeit zu einer Klasse (»Halbblut«, »Muggle« oder eben »reinen Blutes«). Bei Hermine ist es der Umstand, dass ihre Eltern Menschen waren (und sie dennoch eine Hexe mit den entsprechenden Fähigkeiten ist); bei ihrem Freund Ron (Ronald Weasley), einem »reinblütigen« Zauberer, ist es der Aspekt, dass die Familie – er ist eines von sieben Kindern – aufgrund ihrer Größe finanziell nicht gutgestellt ist. [^]
  5. Eine thematische Abzweigung wäre hier auch in Richtung Medienwirkungsforschung möglich. [^]
  6. In der Version von 1968 löscht die nukleare Katastrophe die menschliche Zivilisation aus, in Teil 2 des Reboots von 2014 ist es ein Virus. Ein schönes Beispiel dafür, wie die Phantastik aktuelle Themen und Bedrohungsszenarien reflektiert. [^]
  7. »Das Denken ist ein probeweises Handeln mit kleinen Energiemengen« (Freud 524). [^]
  8. »Sofern einer der Charaktere ›mir ähnlich‹ ist, dann Faramir – abgesehen davon, dass mir fehlt, was alle meine Charaktere besitzen (dass es die Psychoanalytiker nur wissen!): Mut.« [^]
  9. »Maybe the decision about what’s best for everyone should be left to – well – everyone«. [^]
  10. In Der Herr der Ringe wird die Haltung der Einheimischen zu Geflüchteten zweimal thematisiert – einmal zu Beginn in Die Gefährten, Kapitel »Im Gasthaus zum tänzelnden Pony« und einmal gegen Ende in Die Rückkehr des Königs, Kapitel »Auf der Heimfahrt«. In beiden Fällen stellt Tolkien den Bedenken der Einheimischen die Bedürfnisse der Geflüchteten gegenüber: »›Wenn kein Platz für sie geschaffen wird, werden sie sich selbst welchen schaffen. Sie haben ein Recht zu leben, genauso gut wie andere Leute‹, sagte er laut. Die Ortsansässigen zeigten sich nicht gerade erfreut über diese Aussicht.« (Herr der Ringe 182). »›Ihr werdet in Ruhe gelassen werden, Gerstenmann‹, sagte Gandalf. ›Es können genug Siedlungen angelegt werden zwischen dem Isen und der Grauflut und in den Uferlanden südlich des Brandywein, ohne dass jemand näher an Bree wohnt als viele Tagesritte entfernt.‹« (ebd. 1093). [^]
  11. »Was irgendwelche tiefere Bedeutung oder ›Botschaft‹ betrifft, so gibt es nach der Absicht des Verfassers keine. Das Buch ist weder allegorisch noch aktuell« (Tolkien, Herr der Ringe 12 f.). [^]
  12. Z. B. in dem von Michael Bay produzierten Remake von Texas Chain Saw Massacre (US 2003, Regie: Marcus Nispel). [^]
  13. Zur Verwendung des Zitats siehe auch Marcel Bülles: thetolkienist.com/2014/01/03/not-a-tolkien-quote-fantasy-is-escapist-and-that-is-its-glory. [^]

Konkurrierende Interessen

Magdalena Leichter und Frank Weinreich sind Mit-Herausgeber:innen der Zeitschrift für Fantastikforschung. Die übrigenAutor:innen haben keine konkurrierenden Interessen zu erklären.

Filmographie

Breaking Bad. Idee: Vince Gilligan. US 2008–2013.

Cannibal Holocaust (Nackt und Zerfleischt). Regie: Ruggero Deodato. IT 1980.

A Clockwork Orange (Uhrwerk Orange). Regie: Stanley Kubrick. GB/US 1971.

Friday the 13th (Freitag der 13.). Regie: Sean S. Cunningham. US 1980.

Game of Thrones. Idee: David Benioff und D. B. Weiss. US 2011–2019

Game of Thrones. S06E08: The Iron Throne. Regie: David Benioff und D. B. Weiss. US 2019.

Get Out. Regie: Jordan Peele. US 2017.

A Ghost Story. Regie: David Lowery. US 2017

Halloween (Halloween – Die Nacht des Grauens). Regie: John Carpenter. US 1978.

High Noon (ZwÖLf Uhr Mittags). Regie: Fred Zinnemann. US 1952.

In a Violent Nature. Regie: Chris Nash. CA 2024.

Jurassic Park. Regie: Steven Spielberg. US 1993.

Mad Max. Regie: George Miller. AU 1979.

Mad Max 2: The Road Warrior (Mad Max II – Der Vollstrecker). Regie: George Miller. AU 1981.

Metropolis. Regie: Fritz Lang. DE 1927.

A Nightmare on Elm Street (Nightmare – MÖrderische TrÄume). Regie: Wes Craven. US 1984.

Planet of The Apes (Planet der Affen). Regie: Franklin J. Schaffner. US 1968.

Dawn of the Planet of the Apes (Planet der Affen: Revolution). Regie: Matt Reeves. US 2014.

Star Trek: The Original Series. S01E21: The Return of the Archons. Regie: Joseph Pevney. US 1967.

Star Wars: Andor. Idee: Tony Gilroy. US 2022–2025.

Die Hard (Stirb Langsam). Regie: John McTiernan. US 1988.

Stranger Things. Idee: Matt Duffer und Ross Duffer. US 2016– .

The Terminator (Terminator). Regie: James Cameron. US 1984.

The Texas Chain Saw Massacre (Blutgericht in Texas). Regie: Tobe Hooper. US 1974.

Texas Chain Saw Massacre. Regie: Marcus Nispel. US 2003.

The Boys. Idee: Eric Kripke, Evan Goldberg, Seth Rogen. US 2019–2024.

The Handmaid’S Tale . S3E09: Heroic. Regie: Daina Reid. US 2019.

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