Das Cover von Dispelling Fantasies

Nachdem Joy Sanchez-Taylor schon mit ihrer ersten Publikation Diverse Futures: Science Fiction and Authors of Color aufgezeigt hat, wie heteronormative SF des ›Euro-Western‹-Raums eine ›Tradition‹ bildet, die sich von einem fortwährenden Einfluss kolonialer Vergangenheiten und neokolonialer Gegenwarten nährt, und mit ihrer Diskussion von BIPoC-AutorInnen mit dem ›White-centred‹-Kanon gebrochen hat, kann ihr zweites Buch Dispelling Fantasies: Authors of Color Reimagine a Genre als eine Fortsetzung gesehen werden, in der die Autorin sich nun mit »fantasy’s habits of whiteness« (4) auseinandersetzt. Ebenso wie mit Diverse Futures leistet die Autorin mit ihrer zweiten Monografie wieder einen wichtigen Beitrag für die Forschung zur Genreliteratur, wobei sie sowohl auf die bereits bestehende Forschungsliteratur zu und von BIPoC-AutorInnen eingeht als auch eine kurze Einführung in die bestehende eurozentrische Tradition leistet. Darüber hinaus beweist sie ein Feingefühl, das sich durch ihre kontextbedachten Analysen zieht und dabei essentialistischen Aussagen vorbeugt. Die Autorin legt gekonnt dar, wie sich BIPoC-AutorInnen einer auf sich die Inklings1 zurückgehenden Tradition entgegenstellen: Anstatt traditioneller Fantasywelten, die zumeist auf christliche Werte aufbauen und »colonial, white supremacist structures« (4) stärken, würden BIPoC-AutorInnen Welten kreieren, »where characters of color are the focus and racial and gender hierarchies are disrupted« (25). Mithilfe dieser ›decolonial counterstories‹ dekonstruieren BIPoC-AutorInnen die dominante Form der eurozentrischen Fantasy und nutzen das Genre der Fantasy als »tool of radical resistance« (13). Während die Autorin hervorhebt, dass nicht alle BIPoC-AutorInnen von der eurozentrischen Fantasy-Tradition abweichen und sich auch nicht alle ›Euro-Western‹-Fantasy-AutorInnen der traditionellen Form beugen, sondern diese oft hinterfragen, betont sie dennoch, dass BIPoC-AutorInnen aufgrund ihrer eigenen Situierung den eurozentrischen Charakter traditioneller Fantasy leichter erkennen und somit eher zum Thema ihrer Literatur machen würden (25).

Obwohl die gewählten Titel ihrer beiden Monografien Diverse Futures und Dispelling Fantasies auf die jeweiligen diskutierten Genres verweisen und somit eine Trennung von SF und Fantasy vornehmen, betont Sanchez-Taylor zu Beginn von Dispelling Fantasies, dass diese klare Trennung außerhalb der eurozentrischen Inklings-Tradition nicht ohne Weiteres umsetzbar sei und die besprochenen Werke vielmehr »hybrid fantasy works« (19) seien, die ihre fantastischen Elemente aus verschiedenen Genres und kulturellen Räumen beziehen. Der Abschnitt der Einleitung, der dieser Genrediskussion gewidmet ist, fällt zwar recht kurz aus, jedoch spiegelt die Wahl, dieser Diskussion nicht allzu viel Raum zu geben, auch gekonnt wider, dass BIPoC-AutorInnen selbst keinen Wert auf strikte Genrekategorisierungen legen, sondern diese vielmehr als »limiting« (17) und »not productive« (18) empfinden. So bezieht sich Sanchez-Taylor unter anderem auf Aussagen von N. K. Jemisin, die »no interest in genre definitions beyond ›fantastical‹ and ›realist‹« hat, da für sie die Unterscheidung zwischen Fantasy und SF Fiction zumeist arbiträr und willkürlich erscheint: Während so als SF vermarktete Werke oft auf spirituellen Überzeugungen aufbauen und deren Welten magische Inhalte umfassen würden, seien manche als Fantasy kategorisierte Werke eher dem Genre der »alternate history […] or something else skiffy« zuzuordnen (Sorg). Ferner merkt Sanchez-Taylor an, dass das Beharren auf strikte Genretrennungen und die falsche Bezeichnung von Literatur als ›Fantasy‹ ebenfalls Teil eines kolonialen Diskurses seien: Wenn Weltenbau auf der Basis von »non-Western sciences« als Fantasy deklariert wird, wird nicht-westliche, also als nicht ›techno-scientific‹ angesehene Wissenschaft als ›magisch‹ und ›fantastisch‹ abgetan (19). Die Autorin betont denn auch, eine der größten Hürden für SFF-ForscherInnen sei, »to avoid the pitfall of labeling any ›nonrational‹ technology or cultural practice as ›magic‹« (19).

Die Diskussion der Dynamik zwischen eurozentrischen, (neo)kolonialen Systemen und ›decolonial counterstories‹ geht in Dispelling Fantasies jedoch über Genrediskussionen im Kontext des Buchmarkts hinaus. So fokussiert Sanchez-Taylor in ihren literarischen Analysen auf die ideologische Verfärbung fantastischer Imaginationen und christlicher Doktrin – beides verwoben mit heteronormativen und (neo)kolonialen Strukturen –, denen dann transgressive ›storyworlds‹ entgegengesetzt werden, die eben jene Doktrin und Imagination kritisieren und brechen. Diese Reflexion von Tradition und erweitertem Horizont zieht sich dabei durch die gesamte Publikation und findet sich auch in der Struktur der Monografie wieder, deren Kapitel sich jeweils mit einem von vier christlichen Werten auseinandersetzen, die die Autorin als in der tolkienistischen Tradition übergreifend vorkommend identifiziert: »Virtue«, »Envy«, »Patriarchy« und »Salvation«. Die Kapitel beginnen stets mit einer kurzen Erläuterung des jeweiligen christlichen Werts, der daraufhin zudem stets in den Kontext (neo)kolonialer Machtstrukturen gesetzt wird. Nachdem anhand traditioneller Fantasy-Literatur exemplarisch aufgezeigt wird, wie eben jene Werte in traditionellen eurozentrischen Fantasy-Welten eingebettet sind, folgt zumeist eine Einführung in die Werte der für das jeweilige Kapitel wichtigen nicht-eurozentrischen Glaubensräume und Kulturen, die den LeserInnen ein solides Grundverständnis vermitteln, um die nachfolgenden Analysen nicht-eurozentrischer Fantasy zu verstehen und als Gegennarrative zu erkennen.

Im ersten Kapitel zu »Virtue: Revising the Moral Order of Epic Fantasy« zeigt Sanchez-Taylor auf, wie traditionelle »white, male, heterosexual, and able-bodied« (27) Helden auf die Opferungsgeschichte Jesu zurückgehen. Nachdem Konzepte wie ›àse/ache/ashe‹ oder ›qi‹ erläutert werden, folgen mal kürzere, mal längere Close Readings. Innerhalb vier thematisch differenzierter Unterkapitel – »Revising the Eurocentric Virtuous Hero«, »A Different Fantasy Map«, »The ›Inactive‹ Protagonist« und »Sword and Soul« – bespricht die Autorin, wie die HeldInnen beispielsweise der Autorin Nghi Vo als Gegenentwurf zu traditionellen Heldenfiguren wie Harry Potter, Paul Atreides oder Frodo imaginiert sind. Dabei wird unter anderem anhand von Marlon James Black Leopard Red Wolf (2019) und Eugen Bacons »The Water’s Memory« (2020) aufgezeigt, wie BIPoC-AutorInnen sich einer dekolonialen Weltenbildung verschreiben und HeldInnen imaginieren, die nicht deshalb heldenhaft sind, weil sie sich für eine bessere Welt aufopfern – »a ›better world‹ which has never been ›better‹ for everyone anyway« –, sondern weil sie emotionale Bindungen eingehen, die es den ProtagonistInnen ermöglichen, in von Rassismus, Sexismus, Homophobie und Xenophobie durchdrungenen Welten zu überleben (51).

Im zweiten Kapitel zu »Envy: Blood Magic Is Not Always Black Magic« widmet sich Sanchez-Taylor der sich mit der Zeit veränderten Darstellung von Satan, kolonialen Imaginationen vom dunklen Bösen – assoziiert mit pervertierter kannibalistischer ›Schwarzer Blutmagie‹ – sowie der Bedeutung von »Black blood as a tragic contaminant« und Marker sozialen Ansehens sowie Klassenzugehörigkeiten im US-Kontext der »one-drop rule« (57).2 Während auf diese Weise koloniale christliche Imaginationen in eurozentrischen Werken wie J. K. Rowlings Harry-Potter-Reihe (1997–2007) enthüllt werden, zeigen kurze Analysen der fantastischen Welten von beispielsweise Fonda Lees Jade City (2017) oder Nnedi Okorafors Akata Witch (2011), wie traditionelle Fantasy-Motive von BIPoC-AutorInnen kombiniert werden, sodass die Hierarchisierung in und binäre Struktur der eurozentrischen Fantasy »that makes darkness akin to evil« hinterfragt wird. In drei Unterkapiteln zu »The Significance of Blood«, »Black Magic« und »Conjurers, Witches, and Brujas« wird ferner dargelegt, wie sich die besprochenen AutorInnen vom »light-dark binary« (78) entfernen und dabei komplexe ideologische und fest in der Gesellschaft verankerte Überzeugungen offenlegen, wobei die nachwirkenden Auswirkungen der Kolonialisierung auf postkoloniale und Diaspora-Gruppen hervorgehoben werden.

Im dritten Kapitel zu »Patriarchy: Reimagining Gender Roles in Fantasy« befasst sich Sanchez-Taylor mit dem Leitbild des heteronormativen Mannes im Christentum »as the pinnacle of its gendered hierarchy« (81), wobei die Bedeutung christlicher Werte im Kontext kolonialer Vergangenheiten auch abseits des christlichen Ideals männlich gelesener Personen herausgestellt wird: Zum einen werden so rassistische Narrative der Kolonialisten, denen zufolge weiblich gelesene nicht-Weiße Personen von ihrem Wesen her unzüchtig und unangemessen sexuell seien, im Kontrast zum christlichen Ideal der Jungfrau Maria positioniert; zum anderen wird aufgezeigt, wie nicht-heteropatriarchale Werte wie Polygamie und »fluid gender acceptance« (82) in indigenen Gemeinschaften als Argumentationsgrundlage kolonialer Bestrebungen dienten. Anhand der Analyse von Tolkiens Lord of the Rings als traditionelles Modell und George R. R. Martins A Song of Ice and Fire als prominentes Beispiel gegenwärtiger ›medieval‹ Fantasy zeigt die Autorin in vier Unterkapiteln zu »Revising Legends«, »Magic as a Return of Power«, »Shapeshifters and Gender Fluidity« und »Genre/Gender-Bending Fantasy«, wie gegenwärtige BIPoC-AutorInnen wie Silvia Moreno-Garcia in Mexican Gothic (2020) oder Vaishnavi Patel in Kaikeyi: A Novel (2022) mit christlichen Genderhierarchien brechen, weibliche und nicht-binäre ProtagonistInnen kreieren sowie sexuelle und koloniale Gewalt kritisieren.

Im vierten Kapitel zu »Salvation: Rescuing the Dark Other from the White Savior« stellt Sanchez-Taylor den christlichen Diskurs der Erlösung in den Kontext der Zivilisierungsmission von christlichen Weißen, ihren Glauben an ›savages‹ und ›pagans‹ weiterzugeben und diese somit zur Erlösung zu führen – die koloniale Legitimation von »the need for ›civilized‹ peoples to save the ›savage‹ Indigenous populations of Africa and the Americas« (115). Mit einem Fokus auf sowohl »stories of oppression« – erzählt von »the enslaved and colonized« (117) – als auch die Einbettung von polytheistische Religionssysteme in Fantasywelten sowie dem Zusammenhang von ›colonial erasure‹ und Sprachgebrauch analysiert die Autorin die Darstellung kolonialer Machtstrukturen in beispielsweise N. K. Jemsisins The Hundred Thousand Kingdoms (2010), C. L. Clark The Unbroken (2021) und R. F. Kuangs Babel (2022). Während Bezüge zu tolkienistischer Fantasy fehlen, stellt die Autorin zwischen den Unterkapiteln zu »The ›Civilized‹ Slave«, »Multiple Imperfect Gods« und »Fantasy, Language, Erasure« Verbindungen her und verweist auf die zuvor behandelten christlichen Werte und ›tropes‹ zurück, wodurch das letzte Analysekapitel einen runden Abschluss bildet. So zeigt die Autorin auf, wie desillusionierte Fantasywelten nicht auf »the salvation of black and brown peoples« oder »the lies that colonizers tell« aufbauen, sondern sich der Frage widmen, »what life after colonization looks like« (135).

Dass das vierte Kapitel die voranstehenden Analysen zusammenführt, tröstet dann auch darüber hinweg, dass die Konklusion leider keine abschließende Auseinandersetzung mit den vorangehenden Analysen bietet, die die vier Kapitel nochmal gerahmt hätten; stattdessen setzt sich Sanchez-Taylor mit den schon in der Einleitung angemerkten Gegebenheiten der Publikationsbranche auseinander und zeigt, warum viele BIPoC-AutorInnen erst jetzt für LeserInnen präsent werden. Diese kritische Auseinandersetzung mit den Hürden der Publikation für BIPoC-AutorInnen ist zwar sehr informativ und führt die LeserInnen auch in Sanchez-Taylors eigene Recherchemethoden ein, jedoch hätte dies in der Einleitung ausgereicht, sodass im Schlusskapitel die Close Readings in Bezug auf das in der Einleitung zentrale Konzept von ›estrangement‹ gesetzt hätten werden können. Sich auf ihr erstes Werk Diverse Futures und die darin eingeführte ›double estrangement‹ als Beschreibung von SF-Texten beziehend argumentiert die Autorin in der Einleitung von Dispelling Fantasies am Beispiel von R. F. Kuangs Babel (2022), dass im Falle von nicht-eurozentrischer Fantasy verschiedenste Ebenen des ›estrangement‹ entstehen, wenn AutorInnen »a self-conscious awareness of racial or gendered enstrangement« in ihre Welten hineinschreiben und so mit »prerace or ›diverse‹ depictions of popular Western fantasy« brechen (21). Anstatt die Monografie anhand des Konzepts der ›estrangement‹ zu organisieren, wird dieser potenzielle rote Faden leider nicht aufgegriffen und von der umfassenden Darstellung christlicher und nicht-eurozentrischer Glaubenswelten sowie der Menge an Close Readings in den Hintergrund gedrängt.

Während die einzelnen Kapitel in sich geschlossen sind, liefert Sanchez-Taylor mit Dispelling Fantasies darüber hinaus zwar keine umfassende Historie von BIPoC-Fantasy jedoch aber eine sehr gelungene Gesamtbetrachtung, die aufzeigt, wie AutorInnen in ihrer Konstruktion von nicht-eurozentrische Fantasywelten Raum für neue, vielschichtige Perspektiven auf »morality, race, gender, and sexuality« jenseits heteropatriarchaler und binärer Systeme der »mainstream Western fantasy« schaffen (7) und dabei die Botschaft in ihren Werken vermitteln, »that peoples of color everywhere need to hear: that we were never inferior peoples, and we never needed saving« (148). Sanchez-Taylor hat sich zum Ziel gesetzt, die Bemühungen gegenwärtiger AutorInnen, diese Botschaft in ihren Werken zu verankern, zu würdigen. Dies ist ihr auch vollends gelungen. Zum einen, indem sie aufzeigt, wie BIPoC-Fantasy zum postkolonialen Diskurs beiträgt, zum anderen, weil sie mit ihrer weitreichenden Recherche viele AutorInnen, die man nicht ohne Weiteres im Buchhandel finden würde, als allererste bespricht und damit in die literaturwissenschaftliche Diskussion einführt. Diese ausführliche Auseinandersetzung mit und die Suche nach gegenwärtiger BIPoC-Fantasy kommt ferner auch durch die ›Further-Reading‹-Listen zum Ausdruck, die jedes der vier Hauptkapitel abschließen. Man kann nur hoffen, dass die Idee, den ganzen recherchierten Korpus mit Hilfe derartiger Listen in die Arbeit einzubinden, auch von anderen ForscherInnen aufgegriffen wird.

Obwohl Dispelling Fantasies viele neue Werke erstmals erschließt und allein dadurch zu einem wichtigen Einstiegswerk zu nicht-eurozentrischer Fantasy wird, hat die Unmenge an besprochenen AutorInnen auch eine Kehrseite. Da pro Kapitel jeweils rund zehn Fantasy-Werke besprochen werden – also ungefähr 40 Close Readings insgesamt –, führt diese Fülle in Anbetracht der Kürze der Monografie von 180 Seiten, inklusive Bibliografie und Index, letztlich dazu, dass die literaturwissenschaftlichen Analysen teilweise recht kurz und unausgeglichen ausfallen. Daher sollten die Close Readings vor allem als Case Studies bewertet werden, die den LeserInnen exemplarisch aufzeigen, wie BIPoC-AutorInnen mit der eurozentrischen Fantasy-Tradition brechen. Auch wenn sich manche LeserInnen mehr Tiefe wünschen werden, ist Dispelling Fantasies ein inhaltlich herausragendes und gut lektoriertes Einstiegswerk in die Welt nicht-eurozentrischer Fantasy, das den LeserInnen anhand der zuvor erwähnten ›Further-Reading‹-Listen ermöglicht, das zuvor Gelesene in eigenständiger Recherche zu vertiefen. Da jedes Kapitel mit einer solchen Liste von rund 20 weiteren Werken abschließt, hätte die Autorin die konkreten Analysen auf zwei oder drei Werke pro Kapitel beschränken und die Leselisten einfach um die nicht besprochenen Werke ergänzen können. So hätte sich die Autorin mehr Raum für die Close Readings nehmen und diesen mehr Tiefe geben können – dies wäre nicht zuletzt deshalb wünschenswert gewesen, als schon Sanchez-Taylors kurze Analysen ein echtes Lesevergnügen sind.

Allen Kurse zu ›Speculative Fiction‹ anbietenden DozentInnen kann ich abschließend nur ans Herz legen, Dispelling Fantasies mit ihren Studierenden zu lesen und als Einstiegslektüre in ihre Kurse einzubeziehen, da Sanchez-Taylors Monografie nicht nur in einer leicht zugänglichen, gleichzeitig nicht vom akademischen Anspruch abweichenden Sprache geschrieben ist, sondern auch das komplexe Unterfangen von Genredefinitionen in Verbindung mit ›critical readings‹ und kultureller Diskussion von Genreliteratur gekonnt vollzieht und studierendenfreundlich darbietet. Hinsichtlich der tiefen Auseinandersetzung mit nicht-eurozentrischer Fantasy und angesichts der weitreichenden Recherche der Autorin ist Dispelling Fantasies eine unumgängliche Lektüre, die das Genre der Fantasy außerhalb der ›White-centred‹ Tradition neu vermisst und aufzeigt, wie unterschiedliche kulturelle Verständnisse von Realität und Magie in Genrediskussionen miteinbezogen werden müssen. Somit kann Dispelling Fantasies auch allen ForscherInnen, die sich mit Fantasy über der bis heute noch etablierten, traditionellen Form hinaus auseinandersetzen wollen, nur wärmstens empfohlen werden – gerade um davon inspiriert strikte Genredefinitionen zugunsten inklusiver Imaginationen hinter sich zu lassen.

Notes

  1. Der Begriff ›Inklings‹ bezeichnet einen Literaturkreis, der sich in den 1930er-Jahren um die Autoren C. S. Lewis, J. R. R. Tolkien, Charles Williams und Owen Barfield an der Universität Oxford bildete. Die Publikationen der Mitglieder haben bis heute Einfluss auf die Inhalte und Ästhetik von Fantasyliteratur. [^]
  2. Die sogenannte ›one-drop rule‹ ist eine rassistische Klassifizierung von Personen, die besagt, dass auch weitzurückliegende und ›unsichtbare‹ Spuren von nicht-Weißen Vorfahren eine Person ›Black‹ machen würden, wobei verschiedene nicht-Weiße Ethnien und Abstammungen sowie die persönliche Identifizierung keine Berücksichtigung fanden. Zu Zeiten der Jim-Crow-Gesetze wurde die ›one-drop rule‹ ferner zur juristischen Grundlage für Segregation und Rassismus, wobei ein Tropfen nicht-Weißen Bluts zum prägenden Marker sozialen Ansehens wurde. [^]

Autorin

Aylin Dilek Walder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Braunschweig. Für ihre beiden Abschlüsse in English Studies und Geschichte studierte sie an Universitäten in Köln, London und Istanbul. In ihrem Promotionsprojekt »Beyond Alterity: The Fantastic Dawn of Affinity in Contemporary Speculative Fiction« verhandelt sie Alterität neu, indem sie den ›affinitive turn‹ in den Geisteswissenschaften und ihr Konzept der ›affinitive identity formation‹ einführt. Ihr Projekt sowie weitere Forschung sind intersektional in ›Queer Studies‹, ›ecocriticism‹ und ›postcolonial studies‹ zu verordnen. Sie hat Vorträge über ›fantastic kinship‹, ›climate hope‹, und ›eco-anxiety‹ gehalten, Publikationen zu ›mental illness‹, ›cultural appropriation‹, und ›slavery studies‹ veröffentlicht und den Workshop »Speculative Cultures« organisiert. Ihre Arbeiten erscheinen in Sammelbänden wie The Palgrave Handbook of Global Fantasy und Ecological Interdependencies. Außerdem ist sie Mitherausgeberin der jährlichen Proceedings der Inklings e.V. und war als Redaktionsassistentin für Anglistik: International Journal of English Studies tätig.

Konkurrierende Interessen

Aylin D. Walder und Joy Sanchez-Taylor waren während drei Monaten gleichzeitig im Vorstand der International Association of the Fantastic in the Arts tätig.

Zitierte Werke

Bacon, Eugen, und Milton Davis. Hadithi & The State of Black Speculative Fiction. Luna Press, 2020.

Clark, C. L. The Unbroken. Orbit, 2021.

James, Marlon. Black Leopard Red Wolf. Riverhead Books, 2019.

Jemsisins, N. K. The Hundred Thousand Kingdoms. Orbit, 2010.

Kuangs, R. F. Babel: or, The Necessity of Violence: An Arcane History of the Oxford Translators’ Revolution. Harper Voyager, 2022.

Lee, Fonda. Jade City. Orbit Books, 2017.

Martin, George R. R. A Game of Thrones: The Story Continues. Harper Voyager, 2012.

Moreno-Garcia, Silvia. Mexican Gothic. Del Rey, 2020.

Okorafor, Nnedi. Akata Witch. Speak, 2011.

Patel, Vaishnavi. Kaikeyi: A Novel. Redhook, 2022.

Rowling, J.ʼK. Harry Potter. The Complete Collection. Bloomsbury, 2014.

Sachnez-Taylor, Joy. Diverse Futures: Science Fiction and Authors of Color. The Ohio State University Press, 2021.

Sorg, Arley. »Interview: N. K. Jemisin«. Fantasy Magazine 63 (2021), psychopomp.com/fantasy/jan-2021-issue-63/interview-n-k-jemisin/.

Tolkien, J. R. R. The Hobbit & The Lord of the Rings. Boxed Set. Harper Collins, 2011.

Vo, Nghi. The Brides of High Hill. Tordotcom, 2024.