Der vorliegende Sammelband Fear of Aging: Old Age in Horror Fiction and Film ist das zweite Buchprojekt in João Paulo Guimarães’ systematischer Auseinandersetzung mit kulturellen Altersrepräsentationen. Nach der Untersuchung von utopisch-spekulativen Sichtweisen in SF und Fantasy in Aging Experiments: Futures and Fantasies of Old Age (2023) eröffnet die nun vorgelegte Publikation eine Komplementärperspektive mit Fokus auf das Horrorgenre. Guimarães entwickelt in seiner knapp gehaltenen Einleitung »Old Monsters and the Monsters of Old« (7 f.) die programmatische Fragestellung des Bandes: Was genau löst bei der Inszenierung von Alter bzw. dem Altern im Horrorgenre Ängste aus? Er identifiziert zwei scheinbar widersprüchliche kulturelle Muster: die Furcht vor dem natürlichen Verfall im Alter einerseits und die Angst vor dessen unnatürlicher Überwindung andererseits. Während Medien altersbedingte Krankheiten wie die Demenz mit apokalyptischer Rhetorik als identitätsvernichtende »stille Killer« (7) framen, evozieren Unsterblichkeitsfantasien von Vampiren bis zu Schönheitschirurgie eigene Visionen des Grauens mittels parasitärer Lebensverlängerung.
Der Band will jedoch diese Angstbilder nicht nur als reine Inventur präsentieren, sondern als produktive Intervention. Anhand exemplarischer Untersuchungen unterschiedlichster Genre-Einträge soll aufgezeigt werden, wie diese etablierte Monster-Stereotype aufbrechen und zur Neuverhandlung intergenerationeller Beziehungen einladen. Somit wird ein dezidiert progressives Ziel verfolgt: Die »thrills and pleasures of horror« (8) sollen nicht zur Verstärkung, sondern zur kritischen Reflexion und letztlich Zerstreuung von Altersängsten nutzbar gemacht werden. Die Auswahl der insgesamt vierzehn Beiträge von sechzehn Autorinnen und Autoren kombiniert nicht nur theoretische Überlegungen mit Einzelanalysen, sondern behandelt auch ein Spektrum von Texten und Filmen, das von populären Massenphänomenen bis zu Nischenbeispielen aus dem Independent-Bereich reicht und auch zeitlich vielfältig ist – von Henry James’ The Turn of the Screw (1898) über H. P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos bis hin zu zeitgenössischen Body-Horror-Produktionen. Dass manche Stoffe in mehreren Kapiteln analysiert werden, resultiert aus thematischen und theoretischen Schnittmengen und erweist sich als produktive Vertiefung.
Mehrere Aufsätze bearbeiten das Feld durch Untersuchungen zu Zeitlichkeit, Unsterblichkeit und Alterität: Joel Soares Oliveira untersucht in »With Strange Aeons Even Death May Die« Lovecrafts kosmische Entitäten und deren Wahrnehmung von Zeit in geologischen Dimensionen, wodurch alternative Sichtweisen auf Alter als Transformation und Relativität entstehen (79–92). Mariana Castelli-Rosa zeigt in »Old Age and Disability as Alterity« durch ihre Analyse des Films The Others (ES/US/FR/IT 2001, Regie: Alejandro Amenábar) die Vorurteile gegenüber Alter und Behinderung auf (153–168). Marta Miquel-Baldellou untersucht in »Fears of Old Age, Cultural Representations of Elders and Narrative Twists of Aging in Four Horror Episodes of the Twilight Zone«, wie Altersbilder durch narrative Wendungen evoziert, hinterfragt und subvertiert werden (169–200).
Dass Alter und Kindheit als komplementäre Phasen der Alterität verstanden werden können, zeigt sich in mehreren Beiträgen, die beide Enden der Lebensspanne als Orte des Horrors beleuchten: In »A Horrifying Reversal« liest Michael S. D. Hooper die Umkehrung des Alterungsprozesses in F. Scott Fitzgeralds »The Curious Case of Benjamin Button« (1922) und dessen gleichnamige Filmadaption (dt. Der seltsame Fall des Benjamin Button, US 2008, Regie David Fincher) als gesellschaftskritische Intervention, die die Grenze zwischen Alter und Kindheit destabilisiert (23–44). Die Figur des Vampirs als Symbol für Angst vor Altern und Unsterblichkeit wird von Ruth Gehrmann in ihrer Analyse der Twilight-Saga »And I’m Going to Get Old« beleuchtet (93–110), während Kimberly Smith mit ihrem Beitrag »Claudia: The Forever Child and Vampire Killer in Anne Rices ›Interview with the Vampire‹« eben jenes Vampirmädchen in den Blick nimmt, das mental erwachsen, aber körperlich kindlich bleibt und damit die Unmöglichkeit des Erwachsenwerdens als Horror inszeniert (111–128). Vitor Alves Silva widmet sich in »Childhood at the Center« Henry James’ The Turn of the Screw und zeigt, wie Kindheit selbst als unheimlich und ambivalent dargestellt wird (129–152). Diese Beiträge verdeutlichen, dass Horror am Altern nicht allein aus der Angst vor Verfall entspringt, sondern auch aus der Verweigerung von Transformation – sei es durch Unsterblichkeit, Stillstand oder die Persistenz nicht normativer Körperlichkeit.
Zwei weitere inhaltliche Schwerpunkte des Bandes, wenngleich ebenfalls nicht explizit ausgewiesen, bilden die Kapitel, die sich mit Demenz und Alzheimer auseinandersetzen sowie Untersuchungen zur Darstellung des weiblichen alternden Körpers. In Hinblick auf Krankheit dienen der wahrgenommene Verlust des Individuums bis hin zur kompletten Entmenschlichung als Ausgangspunkt der Ängste – ob in Form von fiktiven Figuren wie dem Zombie oder durch die Instrumentalisierung vertrauter Familienrollen. Michael J. Blouins Analyse »Grateful for the Time We Have Been Given« zeigt die Inszenierung der Großeltern in den Filmen The Visit (US 2015) und Old (US 2021) von M. Night Shyamalan als das bedrohliche Andere auf (9–22). Elisabete Lopes interpretiert in »Alzheimer’s Disease as Demonic Possession« die Erkrankung als Form dämonischer Besessenheit am Beispiel des Films The Taking of Deborah Logan (US 2014, Regie: Adam Robitel). Lopes’ Untersuchung (229–246) macht dabei sichtbar, was viele Beiträge des Bandes zeigen: Die Darstellung von Alter im Horror ist stark gegendert und fokussiert vorwiegend auf weibliche Körper, was sich u. a. im Hagsploitation-Genre zeigt, das mit Robert Aldrichs What Ever Happened to Baby Jane? (Was geschah wirklich mit Baby Jane?, US 1962) begründet wurde und ältere Schauspielerinnen wie Bette Davis in grotesken Rollen inszeniert. Auch die Forschung zum Thema war von Beginn an gender-asymmetrisch und fand theoretische Fundierung in Barbara Creeds Aufsatz »Horror and the Monstrous-Feminine« (1986), der die Konstruktion des alternden weiblichen Körpers über die Elemente Abjection, Körperflüssigkeiten und den Verlust reproduktiver Funktionen einordnete. Auch in der aktuellen Genrepraxis wird dies tradiert: Filme wie X (US 2022, Regie: Ti West) und Barbarian (US 2022, Regie: Zach Cregger) werden trotz ihrer feministischen Rhetorik kritisiert, weil sie etablierte Hagsploitation-Stereotype eher reproduzieren als subvertieren (Walker 2022). Ieva Stončikaitė untersucht im vorliegenden Band in »Uncanny Female Aging in Dahl‘s Horror« die Kurzgeschichte »The Landlady« (1959) des britischen Autors als Beispiel für die Hexenfigur mit makabren Motiven (201–216), während André Assis Almeida und João Paulo Guimarães in »Two Witches at the School« unterschiedliche Inszenierungen weiblicher Macht und Alterität in ihrem Vergleich der Suspiria-Filme von Dario Argento (Suspiria – In den Krallen des Bösen, IT 1977) und Luca Guadagninos (IT/US 2018) herausarbeiten (217–228). Rose Steptoe ergänzt den Kontext von Alter, Rassismus und Behinderung im amerikanischen Süden durch ihre Analyse von Ti Wests Film X in »The Southern Slasher Comes of Age«, wobei sie alte Menschen als Verkörperung zyklischer Gewalt und sozialer Degeneration identifiziert (63–78). Laura Hubner wirft in »Beyond the Horror of the Aging Female« mit ihrer Analyse von Relic (Relic: Dunkles Vermächtnis, AU/US 2020, Regie: Natalie Erika James) einen differenzierteren Blick auf Demenz und Fürsorge bei gleichzeitiger Kritik an stereotypen Darstellungen alter Frauen als monströs (247–266). Kaydee Corbin Anderson und Ahoo Tabatabai widmen sich ebenfalls Relic in ihrem Beitrag »Thereʼs No Cure« und zeigen darin, wie alte Menschen als Träger*innen sozialer Ängste vor Produktivitätsverlust fungieren und kritisieren so das neoliberale Gesellschaftsbild.
Der Band reiht sich ein in eine – oftmals von Creeds Ansatz ausgehende – seit den 2010er-Jahren intensivierte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Alter im Horrorfilm. Sally Chivers’ Monografie The Silvering Screen: Old Age and Disability in Cinema (2011) war eine der ersten umfassenden Studien; Cynthia J. Millers und A. Bowdoin Van Ripers Sammelband Elder Horror: Essays on Film’s Frightening Images of Aging (2019) erweiterte das Feld. Fear of Aging geht über die etablierte Fokussierung durch die Einbeziehung von Kindheit, den Seitenblick auf die Alterung des männlichen Körpers sowie intersektionale Perspektiven hierüber hinaus. Die Beiträge richten sich primär an ein akademisches Publikum in den Bereichen Literatur- und Medienwissenschaft, Gender Studies und Aging Studies, bieten aber auch für Studierende und interessierte Leser*innen wertvolle Einblicke in die kulturelle Konstruktion von Alter. Obwohl ein einführendes Kapitel und das thematische Clustern der Inhalte die Zugänglichkeit hätten erhöhen können, überzeugen die Beiträge durch ihre thematische Bandbreite und analytische Klarheit.
Die Zielsetzung, Horror könne als analytisches Werkzeug zur gesellschaftlichen Integration beitragen (8), verweist auf die grundsätzliche Frage aller künstlerischen Interventionen: Kann Kunst soziale Probleme lösen oder lediglich sichtbar machen? Während die Horrortheorie dem Genre durchaus die Funktion zuschreibt, gesellschaftliche Ängste zu artikulieren und in einem kontrollierten Rahmen bearbeitbar zu machen (Carroll 1990), bleibt fraglich, ob diese Artikulation auch deren Auflösung bewirken kann – eine für Kunst charakteristische Ambivalenz zwischen Katalysator und Lösung.
Autorin
Susanne Schwertfeger, Dr., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Dissertation zum Trompe-l‘oeil in der holländischen Kunst des 17. Jahrhunderts; Arbeit am Habilitationsprojekt zu den Illustrationen der Gothic Novel; Hrsg. CLOSURE: Journal für Comicforschung; Forschungsschwerpunkte: Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, Malerei des niederländischen Barock, Fotografie, Text-Bild Relationen, Ästhetik des Comics, Kunst im öffentlichen Raum in Schleswig-Holstein.
Konkurrierende Interessen
Die Autorin hat keine konkurrierenden Interessen zu erklären.
Filmographie
Barbarian. Regie: Zach Cregger. US 2022.
Old. Regie: M. Night Shyamalan. US 2021.
Relic (Relic: dunkles VermÄchtnis). Regie: Natalie Erika James. AUS/US 2020.
Suspiria (Suspiria: In den Krallen des BÖsen). Regie: Dario Argento. IT 1977.
Suspiria. Regie: Luca Guadagnino. IT/US 2018.
The Curious Case of Benjamin Button (Der seltsame Fall des Benjamin Button). Regie: David Fincher. US 2008.
The Others. Regie: Alejandro Amenábar. ES/US/FR/IT 2001.
The Taking of Deborah Logan. Regie: Adam Robitel. US 2014.
The Visit. Regie: M. Night Shyamalan. US 2015.
Twilight Zone (Unwahrscheinliche Geschichten). Idee: Rod Serling. US 1959–1964.
What Ever Happened to Baby Jane? (Was geschah wirklich mit Baby Jane?). Regie: Robert Aldrich. US 1962.
X. Regie: Ti West. US 2022.
Zitierte Werke
Carroll, Noël. The Philosophy of Horror: Or, Paradoxes of the Heart. Routledge, 1990.
Chivers, Sally. The Silvering Screen: Old Age and Disability in Cinema. University of Toronto Press, 2011.
Creed, Barbara. »Horror and the Monstrous-Feminine. An Imaginary Abjection«. Screen 27.1 (1986): 44–71.
Dahl, Roald. »The Landlady«. The Collected Short Stories of Roald Dahl. Penguin, 1992. 3–11.
Fitzgerald, F. Scott. »The Curious Case of Benjamin Button«. Tales of the Jazz Age. Pine Street Books, 2003. 192–224.
Guimarães, João Paulo, Hg. Aging Experiments: Futures and Fantasies of Old Age. transcript, 2023.
James, Henry. The Turn of the Screw. Complete, Authoritative Text with Biographical, Historical, and Cultural Contexts, Critical History, and Essays from Five Contemporary Critical Perspectives. Hg. Peter G. Beidler. Bedford Books, 2004.
Meyer, Stephenie. Twilight-Tetralogie. BedfordLittle, Brown, 2006–2009.
Miller, Cynthia J. und A. Bowdoin Van Riper, Hg. Elder Horror: Essays on Film’s Frightening Images of Aging. McFarland, 2019.
Walker, Billie. »The faux feminism of the hagsploitation boom«. Little White Lies, 4. Nov. 2022, lwlies.com/article/the-faux-feminism-of-the-hagsploitation-boom, 3. Jan. 2026.
