In Literatur, Filmen und Serien prägen Dystopien zunehmend die Vorstellungen von Zukunft. Klimakrise, technologische Umbrüche, politische Instabilität, Kriege und geopolitische Verschiebungen erscheinen häufig als Vorboten unvermeidlicher Entwicklungen. Dem Überhang an dystopischen Zukunftsbildern setzt Isabella Hermann mit Zukunft ohne Angst einen bewussten Akzent entgegen. In ihrem Buch entwickelt sie den Begriff der »Anti-Dystopie« als analytische Kategorie und untersucht, wie Zukunftserzählungen Hoffnung und Handlungsfähigkeit zurückgewinnen können, ohne in die Falle geschlossener utopischer Versprechen zu tappen.
Isabella Hermann ist Politikwissenschaftlerin mit ausgewiesener Expertise in der Analyse von SF. Ihr Werk ist an der Schnittstelle von Fantastikforschung, politischer Theorie und Zukunftsforschung verortet. Dabei geht es ihr weniger um die Einordnung einzelner Texte in feste Gattungen als vielmehr um die gesellschaftliche Funktion von Zukunftsnarrativen. Damit schließt das Buch unmittelbar an die Utopian Studies an, die Utopien und Dystopien als Formen gesellschaftlicher Selbstverständigung begreifen.
Als zentraler Referenzpunkt dient Hermann die Diagnose einer »dystopischen Gegenwart« (7), in der Zukunft primär als Bedrohung wahrgenommen wird. Dystopien haben sich dabei zunehmend von warnenden Szenarien hin zu resignativen Endzeitnarrativen verschoben. Diese Entwicklung ist politisch brisant, da sie Vorstellungen kollektiven Handelns untergräbt. Genau hier setzt die Anti-Dystopie an. Anti-dystopische Erzählungen beginnen zwar in den aus heutigen Herausforderungen hervorgehenden, in die Zukunft extrapolierten Katastrophen. Sie lösen sich jedoch vom Narrativ eines zwangsläufigen dystopischen Niedergangs. Zugleich wenden sie sich gegen die Vorstellung dystopischer Alternativlosigkeit, ohne sich in eine perfekt auserzählte, und oft auch totalitäre, Utopie/Vorstellung zu flüchten.
Theoretisch stützt sich dieser Ansatz auf Ernst Blochs Konzept der »konkreten Utopie«. Während narrative Utopien häufig einen idealen Endzustand beschreiben, lässt sich die Anti-Dystopie bewusst als narrative Form der Hoffnung und als Praxis utopischen Denkens lesen. Utopie wird damit als offener Möglichkeitsraum verstanden, der an reale Konflikte, Bedürfnisse und Machtverhältnisse anschließt. Hier zeigen sich deutliche Anknüpfungspunkte an Ruth Levitas’ Verständnis von Utopia as Method, das Utopie als heuristisches Verfahren gesellschaftlicher Imagination begreift. Zukunftserzählungen fungieren in dieser Perspektive als Handlungsorientierungen, nicht als konkrete Handlungsanweisungen.
Ausführlich arbeitet Hermann diesen Ansatz am Beispiel von Kim Stanley Robinsons The Ministry for the Future (2020) heraus, das sie als Referenzwerk der Anti-Dystopie interpretiert. Der Roman fungiert hier weniger als Prognose – wie es klassische oder konkrete Utopien häufig tun –, sondern vielmehr als politisches Gedankenexperiment. Institutionelle Innovationen, normative Konflikte und widersprüchliche Transformationsprozesse werden sichtbar, ohne eindeutige Lösungen vorzugeben. Ausgehend von den Katastrophen einer in die Zukunft extrapolierten Gegenwart werden Werte wie Gerechtigkeit, Gemeinschaft und Veränderungsbereitschaft narrativ erprobt, zugleich aber auch Widersprüche und moralische Ambivalenzen offengelegt. Die Zukunft trägt hier einen Hoffnungsschimmer, ohne makellos oder konfliktfrei zu erscheinen.
In diesem Ansatz liegt eine zentrale Stärke von Hermanns Buch, die auch aus politikwissenschaftlicher Perspektive besonders interessant ist. Anti-Dystopien erscheinen bei ihr als implizite Theorien gesellschaftlichen Wandels, die Transformation nicht als linearen oder wertkonfliktfreien Prozess darstellen. Sie zeigen verschiedene mögliche Zukünfte ebenso wie die Ambivalenzen und Widersprüche auf dem Weg dorthin und laden zum Experimentieren mit alternativen Entwicklungspfaden ein.
Offen bleibt allerdings, ob die »Anti-Dystopie« als eigenständige Gattung, als spezifischer Narrativtyp oder primär als analytische Leseperspektive zu verstehen ist. Gerade aus Sicht der Fantastikforschung ließe sich fragen, inwiefern hier tatsächlich eine neue kategoriale Abgrenzung vorgenommen wird oder ob vielmehr eine systematische Re-Lektüre bereits bekannter Texte vorgeschlagen wird. Auch das Verhältnis zu verwandten narrativen Strömungen wie Hopepunk oder Solarpunk, die ebenfalls versuchen, Hoffnung erzählerisch zu organisieren, bleibt offen. Diese begriffliche Offenheit mindert den analytischen Wert des Konzepts nicht, verweist jedoch auf den Reiz, den Begriff in zukünftigen Arbeiten weiter zu schärfen.
Hermann bleibt in ihrer Analyse vor allem der SF und utopischen Erzählformen verpflichtet. Obwohl das Werk politisch deutlich in Richtung der »konkreten Utopie« und von Utopia as Method zielt, bleibt weniger ausgearbeitet, wie anti-dystopische Narrative über den literarischen und kulturellen Raum hinaus in konkrete politische Prozesse übersetzt werden können. Zwar arbeitet Hermann überzeugend heraus, dass anti-dystopische Narrative handlungsfähig machen und Werte, Orientierungen sowie Handlungsmöglichkeiten eröffnen; wie diese Form von Handlungsmacht jedoch in politischen Prozessen stabilisiert, gebündelt oder demokratisch wirksam wird – etwa in parlamentarischen Entscheidungsverfahren, partizipativen Formaten, Governance-Strukturen oder politischen Institutionen –, wird nur am Rande thematisiert. Gerade hier böte sich eine vertiefte Anbindung an politikwissenschaftliche und demokratietheoretische Debatten an.
Für die Fantastikforschung bietet das Buch ebenfalls zahlreiche produktive Anknüpfungspunkte. Der Begriff der Anti-Dystopie erweitert die etablierte Dichotomie von Utopie und Dystopie um eine analytische Zwischenkategorie und unterstreicht die politische Bedeutung fantastischer Narrative als Orte kollektiver Zukunftsaushandlung.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich nicht um eine rein fachwissenschaftliche Abhandlung handelt, sondern um ein Buch, das auch sprachlich bewusst einem breiteren Publikum zugänglich sein soll. Gerade darin liegt ein besonderer Mehrwert von Zukunft ohne Angst: Das Buch bringt utopisches Denken in der Fantastik in Zeiten von Polykrisen und unsicheren Zukünften in eine breitere öffentliche Debatte ein.
Insgesamt legt Hermann eine theoretisch reflektierte und gut argumentierte Studie vor, die Fantastik nicht als Eskapismus, sondern als Ressource politischer Imagination ernst nimmt. Zukunft ohne Angst zeigt, dass Zukunft nicht nur erzählt, sondern auch gestaltet wird – und dass gerade anti-dystopische Erzählungen hierfür wichtige Orientierungen liefern können.
Autor
Dr. rer. pol. Arne Sönnichsen hat Sozial- und Politikwissenschaft an der Universität Siegen studiert und an der Universität Duisburg-Essen in der Politikwissenschaft promoviert. Er ist anerkannter Experte für Raumfahrtpolitik/space policy. Neben der Raumfahrt zählen zu seiner Forschungsexpertise die Science and Technology Studies (STS), Science Fiction und politische Utopien. Zurzeit arbeitet er beim Institut für qualifizierende Innovationsforschung und -beratung GmbH (IQIB), einer Tochter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Konkurrierende Interessen
Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erklären.
Zitierte Werke
Bloch, Ernst. Das Prinzip Hoffnung. Suhrkamp, 1954.
Levitas, Ruth. Utopia as Method: The Imaginary Reconstitution of Society. Palgrave Macmillan, 2013.
Robinson, Kim Stanley. The Ministry for the Future. Orbit Books, 2020.
