Es gibt Bücher, auf die man sich freut – auch Fachbücher! Der von Markus May et al. herausgegebene Aufsatzband zu Drachen gehörte für mich unzweifelhaft in diese Kategorie. Dies nicht nur aufgrund des für mich äußerst aktuellen Themas (siehe meine Publikationen zum Drachen: Honegger Introducing), sondern auch weil sich das Team um Markus May bereits 2016 mit dem Sammelband Die Welt von GAME OF THRONEs sehr positiv hervorgetan hatte. War meine Vorfreude berechtigt? Im großen Ganzen ja – aber dazu nun Genaueres.

Sammelbände und Monographien über Drachen gibt es ja einige (z.B. Arnold, Gourarier et al., Ogden, Petty, Privat, Roling) – wenn auch die meisten nicht unbedingt auf Deutsch verfügbar sind. May et al. basieren ihren Band auf den Vorträgen, die im Oktober 2016 im Rahmen der Tagung Liminal Creatures – Figurationen des Drachen als das Andere (in) der Kultur an der LMU München gehalten wurden und ordnen sie jeweils einem der drei Großthemen zu: »Historische Figurationen des Drachen«, »Moderne und Postmoderne Drachen« und »Drachen Multimedial«. Die theoretische Klammer zur Liminalität der Drachen liefert Markus May in den ersten neun Seiten seiner Einführung und Matthias Langenbahn im letzten Aufsatz des historischen Teils.

Die Verbindung der Themenkomplexe ›Liminalität‹ (im Sinne einer Ambivalenz) und ›Drache‹ bietet sich an, auch wenn sie nicht allzu offensichtlich ist und in der bisherigen Forschung nicht im Mittelpunkt stand. Dennoch wird jedem, der sich näher mit Drachen befasst, auffallen, dass die Grenzen zwischen der Kategorie ›Drache‹ und anderen Denkkategorien sehr oft fließend und durchlässig sind. So können Drachen oftmals sprechen oder (temporär) Menschengestalt annehmen bzw. sind in manchen Fällen verwandelte Menschen. Auch war die symbolische Bedeutung des Drachen vor der Dominanz der christlichen Interpretation ab dem vierten Jahrhundert als Verkörperung Satans und der teuflischen Mächte weitaus vielfältiger – wie man besonders in den fernöstlichen Traditionen sieht. Selbst der naturwissenschaftlich geprägte Diskurs zeigt die Unsicherheit in der Einordnung dieses Wesens. So schreibt der Autor des Hortus Sanitatis (1491), im Kapitel 84 der Sektion ›De animalibus‹: »Leviathan bedeutet auf Hebräisch Drache. Man sagt, dass der Drache auf dem Land kriecht, im Wasser schwimmt und in der Luft fliegt. Deshalb hat er in Asien drei Namen, nämlich ›Schlange‹, ›(Wal-)Fisch‹ und ›Leviathan‹.«1

Nun ist weder eine theoretische Klammer noch eine Einordnung in thematische Gruppen eine Garantie für die gewünschte Kohärenz und Fokussierung eines Sammelbandes – und auch hier gelingt es mal mehr, mal weniger. Vorbildlich macht es Johannes Bach in seinem Beitrag zu den Drachen im alten Mesopotamien, der anhand des mesopotamischen Schlangenmonsters die wechselhafte Geschichte dieses uns vom Ischtar-Tor bekannten Wesens aufzeigt. Auch Norina Auburgers Aufsatz zu den heiligen Drachentötern beleuchtet die unterschiedlichen Funktionen des Drachen in den verschiedenen Erzählstrukturen. Für mich besonders faszinierend war nach diesen beiden Überblicksaufsätzen die Untersuchung von Matthias Teichert, der die Figur Fafnirs als ›Leitfossil‹ versteht und durch die Jahrhunderte hinweg verfolgt. Er zeigt dabei überzeugend auf, wie das Konzept des mittelmeerbasierten Flugdrachen mit dem germanischen Kriechdrachen in Kontakt kommt und sich die beiden Vorstellungen vermischen. Dabei stellt er in der altnordischen Überlieferung eine Rustikalisierung oder Ironisierung von Motiven wie der Tötung des Drachen fest (66 ff.; so knüppelt Sigurd in Die Geschichte Thidreks von Bern den Drachen mit einem Baumstamm zu Tode) – eine Entwicklung, die auch in der mittelenglischen Literatur zu beobachten ist (Honegger »A good dragon«). Die Bewusstmachung solcher Parallelen schafft erkenntnistechnisch wertvolle ›Aha-Effekte‹ und es ist deshalb schade, dass dies erst im Rahmen dieser Rezension geschieht und die oftmals reichhaltige Forschung zum Thema ›Drache‹ in anderen europäischen Kultursprachen in einigen der vorliegenden Aufsätze nicht umfassender rezipiert werden konnte.

Die Beiträge zum modernen und postmodernen Drachen bieten einerseits einen Überblick zu einer ganzen Textgattung (cf. Maren Bonackers sehr informativer Aufsatz zu Drachen in der Kinder- und Jugendliteratur), anderseits detaillierte Analysen der Funktion des Drachen in einzelnen Werken. Unter diesen finden wir nebst den üblichen Verdächtigen wie George R. R. Martins A Song of Ice and Fire (1996– , Christian Ehring), Andrzej Sapkowskis Geralt-Saga (Michael Baumann) und Michael Endes Die Unendliche Geschichte (1979, Eva-Maria Kleitsch) auch für die meisten Leser wohl eher exotische Bücher wie Alfred Döblins Berge Meere und Giganten (1924, Markus May). Die Beiträge in dieser Sektion hätten beinahe unbeschränkt durch Aufsätze zu weiteren Werken wie Ursula K. LeGuins Erdsee-Zyklus (1968–2001), Terry Pratchetts Guards! Guards! (1989) oder Alison Goodmans Eon-Romane (2008–2011) ergänzt werden können und die Herausgeber mussten natürlich eine Auswahl treffen – die in der vorliegenden Form eine gute Mischung aus kanonischen Drachenwerken und unerwarteten Perspektiven bietet.

Der Drache im Film (Tobias Eder; Thomas Koebner) und Computerspiel (Robert Baumgartner) ist das Thema der drei Beiträge im letzten Teil. Eders Aufsatz ist besonders wertvoll, da er sich der (relativen) Frühzeit des Films widmet und anhand von Georges Méliès’ Werk die kinematografische Darstellung der Drachen einordnet. Koebners Längsschnitt hingegen behandelt die Übernahme der ›Drachenfunktion‹ durch Dinosaurier schwergewichtig anhand von Steven Spielbergs JURASSIC PARK (US 1993). Baumgartner schließlich schlägt mit seiner Untersuchung zur Funktion der Drachen in unterschiedlichen Arten und Generationen von Computerspielen (Adventure, Drakengard, Skyrim etc.), auch eine Brücke zur Soziologie, indem er die Selbstidentifikation eines Teils der Spieler mit Drachenfiguren analysiert.

Die Reaktion einer jeden Leser*in auf die einzelnen Aufsätze wie auch auf den Band als Ganzes hängt natürlich davon ab, aus welcher Perspektive die Texte gelesen werden. Ich selbst fand mich je nach Thema einerseits in der Rolle des interessierten Laien wieder, der sich seiner Unkenntnis auf dem behandelten Gebiet bewusst ist und etwas völlig Neues dazu lernt (z. B. die Beiträge von Bach, May und Baumgartner). Anderseits fühlte ich mich aber auch als Experte angesprochen, der zu gerade diesem Thema geforscht und publiziert hat – wenn auch schwergewichtig aus anglistischer Perspektive (Honegger Introducing). So verwundert es nicht, dass es teilweise frappante Überschneidungen gibt, wie bei Thomas Koebner, der wissensreich über Drachen im Film schreibt, jedoch meine Publikation von 2011 zu genau diesem Thema zum damaligen Zeitpunkt leider noch nicht kannte. Auch führt die Fokussierung auf die deutschsprachige Literatur im sonst so stringent argumentierenden Aufsatz von Teichert zu einer argumentativen Abschweifung. Zwar ist Gustav Meyrinks Kurzgeschichte »Das Automobil« (1913) ein interessanter Zeuge der literarischen Phantastik, doch wäre Ray Bradburys Kurzgeschichte »The Dragon« (1955) mit der zeitschlaufenbedingten Identifikation eines Dampflokzuges mit einem Drachen thematisch eindeutig besser passend, da die Kohle getriebene Dampflok in Sachen Lärmentwicklung, Rauch- und Dampfausstoß sowie Masse dem Drachen eher vergleichbar ist als jedes noch so lärmende und stinkende Automobil.

Fazit: May et al. haben wieder einen Sammelband vorgelegt, der mit seinem theoretischen Ansatz und den eher breit angelegten Beiträgen für die Drachenforschung von allgemeinem Interesse ist. Manche der Aufsätze dürften vor allem für die Spezialisten des jeweiligen Fachgebiets interessant sein, laden aber auch zum akademischen Schmökern und zur eigenen Horizonterweiterung ein. Zuletzt eine Anregung und Hoffnung: auch wenn der deutsche Sprachraum und Deutsch als Wissenschaftssprache eine wichtige und zu erhaltende Rolle spielt (was ja eines der Anliegen der Zeitschrift für Fantastikforschung ist), so wäre eine engere Verzahnung mit und Einbindung in den internationalen (englisch- und romanischsprachigen) Diskurs zu wünschen. Dadurch würde nicht nur die deutschsprachige, sondern sicherlich auch die internationale Forschung profitieren.

Notes

  1. »Leviathan Hebraice dicitur draco. Fertur autem quod draco et in terra serpit et in aquis natat et in aere volat. Unde in Asia tribus nominibus appellatur, scilicet serpens et cetus et leviathan.« [^]

Autor

Thomas Honegger promovierte 1996 mit einer Studie zu Tieren in der mittelalterlichen Literatur Englands an der Universität Zürich. Seine Habilitationsschrift (2001) behandelt die Interaktion zwischen höfischen Liebenden in der mittelalterlichen erzählenden Literatur. Er betreute mehrere Sammelbände mit Aufsätzen zur alt- und mittelenglischen Literatur sowie zum Werk von J. R. R. Tolkien als Herausgeber und hat darüber hinaus zu Chaucer, Shakespeare und den mittelalterlichen Romanzen publiziert. Seine neuste Buchpublikation ist Introducing the Medieval Dragon (University of Wales Press, 2019). Seit 2002 ist er Professor für anglistische Mediävistik an der Friedrich-Schiller-Universität. Website: www.iaa.uni-jena.de/institut/mitarbeiter_innen/honegger_+thomas.

Konkurrierende Interessen

Der Autor hat keine konkurrierenden Interessen zu erklären.

Zitierte Werke

Arnold, Martin. The Dragon. Fear and Power. Reaktion Books, 2018.

Gourarier, Zeev, Philippe Hoch und Patrick Absalon, Hg. Dragons. Au jardin zoologique des mythologies. Éditions Serpenoise, 2005.

Honegger, Thomas. »A good dragon is hard to find, or from draconitas to draco«. Good Dragons are Rare. An Inquiry into Literary Dragons East and West. Hg. Fanfan Chen und Thomas Honegger. Peter Lang, 2009. 27–59.

Honegger, Thomas. »From Bestiary onto Screen: Dragons in Film«. Fact and Fiction: From the Middle Ages to Modern Times. Essays Presented to Hans Sauer on the Occasion of his 65th Birthday. Hg. Renate Bauer und Ulrike Krischke. Peter Lang, 2011. 197–215.

Honegger, Thomas. Introducing the Medieval Dragon. University of Wales Press, 2019.

May, Markus, Michael Baumann, Robert Baumgartner und Tobias Eder, Hg. Die Welt von GAME OF THRONES. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins »A Song of Ice and Fire«. transcript, 2016. DOI: [doi: 10.14361/9783839437001]

Ogden, Daniel. Dragons, Serpents, & Slayers in the Classical and Early Christian Worlds. A Sourcebook. Oxford University Press, 2013.

Petty, Anne C. Dragons of Fantasy. Zweite rev. und erwe. Auflage. Kitsune Books, 2008.

Privat, Jean-Marie, Hg. Dragons entre sciences et fictions. CNRS Éditions, 2006.

Roling, Bernd. Drachen und Sirenen. Die Rationalisierung und Abwicklung der Mythologie an den europäischen Universitäten. Brill, 2010. DOI: [doi: 10.1163/ej.9789004185203.i-818]