Der Band Nólë Hyarmenillo (in der fiktiven Elbensprache ›Quenya‹ für ›Überlieferungen aus dem Süden‹ stehend) setzt, dem Titel entsprechend, einen starken geographischen Fokus. Wie die Herausgeber:innen in ihrem einleitenden Abriss über die Geschichte der Tolkien-Forschung auf der iberischen Halbinsel anmerken, haftete der Fantasy-Literatur lange das Stigma der Trivialität an. Dies habe insbesondere in Portugal zu einer Diskrepanz zwischen J. R. R. Tolkiens popkultureller Bedeutung und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk geführt. In jüngster Zeit habe sich allerdings eine grenzüberschreitende Kooperation zwischen Tolkien-Forscher:innen auf der Halbinsel etabliert. Der vorliegende Band versammelt nun eine Auswahl von ins Englische übersetzten Aufsätzen portugiesischer und spanischer Wissenschaftler:innen, die zum Teil bereits in einschlägigen Fachjournalen erschienen sind. Daraus erklärt sich auch die große Vielfalt an den in diesem Band vorzufindenden methodischen Ansätzen und Untersuchungsfeldern. Erstere reichen von der Intertextualität und -medialität über den Ecocriticism bis hin zu den Gender Studies, um nur einige zu nennen, während letztere neben Tolkiens literarischem Werk auch die jeweiligen Filmadaptationen mit ihren medialen Begleiterzeugnissen (Filmliedern und Plakaten) sowie die Rezeption Tolkiens innerhalb verschiedener Subkulturen umfassen.

Als Ordnungskriterium in dieser breiten methodisch-thematischen Palette fungiert die geographische Zugehörigkeit der Beiträger:innen. Der Band wird von den portugiesischen Beiträgen eröffnet, während die spanischen Beiträge ihn abschließen.

Die portugiesischen Essays alternieren zwischen film- und literaturbezogenen Beiträgen, allerdings wird diese Reihenfolge zugunsten einer besseren Übersichtlichkeit aufgebrochen. Miguel Moiteiro Marques und Ana Daniela Coelho untersuchen narrative Werbestrategien im Vorfeld des jeweiligen Kinostarts der Filmadaptionen. Moiteiro Marques nimmt unter Anwendung der von Gunther Kress und Theo Van Leeuwen entwickelten visuellen Grammatik eine bildsemiotische Analyse der Teaserposter sowie der offiziellen Filmposter zur Lord-of-the-Rings-Trilogie vor. Deren unterschiedlichen Aufbau verortet er im Kontext zeitgenössischer Publikumserwartungen und -vorlieben, denen insbesondere die Teaser entsprechen würden. Coelho nimmt intermediale Aspekte von Filmadaptionen in den Blick. So diene das Lied »I See Fire« einerseits dazu, die Zuschauer:innen auf narrative Divergenzen im Vergleich zur Buchvorlage vorzubereiten. Allerdings zeige insbesondere das dazugehörige Musikvideo, dass das Lied auch als Bestandteil der Werbekampagne zum Film zu verstehen sei.

Angélica Varandas und Hélio Pires begeben sich hingegen auf ›klassische‹ Gebiete der Tolkien-Forschung. Sie widmen sich den intertextuellen und mythologischen Bezügen in Tolkiens Werk. Varandas arbeitet unter Einbezug von Tolkiens theoretischer Auseinandersetzung mit dem Beowulf-Gedicht Parallelen zwischen The Lord of the Rings und dem Heldengedicht heraus. Diese sieht sie im elegischen Charakter der beiden Texte, der sich in der ständigen Präsenz der Vergänglichkeit und der Gegenüberstellung einer glorreichen Vergangenheit mit einer im Verfall begriffenen Gegenwart äußere. Ein entscheidendes Unterscheidungskriterium sei jedoch das optimistische Ende der Lord-of-the-Rings-Trilogie, das den Triumph des Guten über das Böse sehe. Wenngleich der Text dementsprechend elegische Elemente aufweise, könne er nicht als Elegie definiert werden. Hélio Pires vergleicht Darstellungen des unsterblichen Kontinents Valinor, der den Valar als Heimat dient, in Tolkiens Schriften (The Book of Lost Tales, The Silmarillion) und der mythologischen Stätte Asgard, die als Wohnort der nordischen Götter fungiert, in nordischen Textquellen. Dabei vertritt sie die These, dass sich nicht nur Kontinuitäten zwischen den beiden Orten finden lassen, sondern spezifische Elemente von letzterem auf ersteres übertragen worden seien.

Andoni Cossios und Martin Simonsons Beiträge betrachten Tolkiens Werk jeweils aus der Perspektive des Ecocriticism. Damit eröffnen sie nicht nur die spanischen Beiträge, sondern auch das einzige thematisch eingegrenzte, jedoch recht knapp ausfallende Segment im Band. Cossio zeigt auf, inwiefern sich die Erzählungen der Waldkreatur Treebeard im literarischen Genre des ›Testimony‹ verorten lassen. Treebeard käme dabei eine Gedächtnisfunktion zu, da er die marginalisierte Perspektive der zugunsten der Industrialisierung ausgebeuteten Natur versprachliche und eine alternative Sichtweise auf Mittelerdes Geschichte ermögliche. Die Präsenz eines »›real-life genre‹« (99) in einem Fantasy-Setting deutet sie als Hinweis auf die Applizierbarkeit der textimmanenten Geschehnisse auf die ›wahre Welt‹, ohne den Autor einer allegorischen Lesart unterzuordnen. Simonson hingegen vertritt eine interessante Gegenposition zu Interpretationen, die Tolkiens Naturkonzeption ausschließlich idealistisch auslegen. Er stellt ihr die Funktion der Bäume auf den Kontinenten Valinor und Númenor gegenüber, in denen Schönheit und Nützlichkeit vereint seien. Damit verbundene Figurenkonflikte zeigten, dass nur die Balance zwischen Materialismus und Ästhetisierung einen verantwortlichen Umgang mit der Natur garantiere. Damit sei Tolkiens Herangehensweise an die Natur im Sinne des von G. E. Moores entwickelten idealen Utilitarismus zu deuten, der auch Schönheit und Liebe als Nützlichkeitskriterien definiert.

Alejandro Martínez-Sobrino spannt mit der Ilias eine in der Tolkien-Forschung eher vernachlässigte intertextuelle Verbindung. Er beschreibt Parallelen zwischen Hektor und Boromir und gliedert letzteren in das Konzept des tragischen Helden ein. Als älteste Söhne des jeweiligen Herrschers würden beiden eine zentrale Verantwortung innerhalb ihrer Gemeinschaft tragen. Zugleich veranschaulichten sie jedoch auch deren innere Widersprüche und Grenzen, womit es außerhalb dieser kulturellen Normen keinen Platz für sie geben könne. Dies zeige sich, als Boromir in Bruchtal und innerhalb der Ringgemeinschaft mit einem Wertesystem konfrontiert wird, das mit den Idealen seiner Kultur konfligiert. Daraus ergebe sich ein innerer Widerstreit, dessen unausweichliche Konsequenz im Tod des Helden münden würde.

Mónica Sanz untersucht aus kulturwissenschaftlicher Perspektive Tolkiens Einfluss auf verschiedene Sub- und Randkulturen innerhalb der letzten 50 Jahre. Mit der Hippie-Bewegung, den italienischen Neofaschisten, der Drag-Kultur und der Pornoindustrie nimmt sie Felder in den Blick, die zumeist aus dem Diskurs zur Tolkien-Rezeption ausgeschlossen werden. Der Beitrag reflektiert zudem auf differenzierte Art und Weise, inwiefern literarische Werke entgegen der Absicht des Autors durch gesellschaftliche Gruppen vereinnahmt werden können. Allerdings weist er doch große Diskrepanzen zu den restlichen Themengebieten auf und fällt somit definitiv aus dem bereits sehr losen thematischen Rahmen heraus.

Amaya Fernández Menicucci untersucht in ihrem abschließenden Beitrag die performativen Aspekte von Gender, die in Peter Jacksons Hobbit-Trilogie eingesetzt werden, um die Kategorien des Romantischen, des Epischen und des Komischen in den Filmen zu etablieren. Insbesondere über die Elbin Tauriel sowie die Zwerge Kili und Thorin werden zitierende Praktiken im Sinne Judith Butlers vollzogen sowie zeitgenössische Geschlechterdiskurse aufgegriffen und fortgeschrieben. Dies zeige sich nicht nur im Erscheinungsbild der Charaktere, sondern auch in den Rollen, die ihnen attribuiert werden. Kili und Tauriel werden den Kategorien des Romantischen zugeordnet, während Thorin die Rolle des epischen Helden zukomme. Im Kontrast dazu stehe die Entindividualisierung der restlichen Zwerge, die mit Fortschreiten der Filme zunehmend der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Diese würden somit als Kontrastfolie für Thorins archetypische Männlichkeit dienen und die Identifikation mit der Figur verstärken. Über die Projektion zeitgenössischer Genderstereotype auf Mittelerdes Völker würden hier demnach narrative Strukturen verfestigt werden, die nicht zuletzt auch ein größeres Filmpublikum ansprechen sollen.

Wenngleich sämtliche Beiträge grundsätzlich gewinnbringende Einblicke bieten, ist das breit angelegte interdisziplinäre Spektrum der Qualität des Bandes eher abträglich. Die Vielfalt an methodischen Ansätzen und Untersuchungsgegenständen lässt keine tiefergehende Auseinandersetzung mit den einzelnen Themenkomplexen zu, so dass der Band somit oft an der Oberfläche haften bleibt. Der fehlende ganzheitliche Zugang wird auch durch die geographische Gliederung nicht ausgeglichen, sondern durch den Verzicht auf thematische Kontinuitäten in der Anordnung der Beiträge zusätzlich verstärkt. Insbesondere bei den portugiesischen Beiträgen müssen die Rezipient:innen einen ständigen ›Medienwechsel‹ vollziehen, der sich beim Lesen eher als störend erweist. Dies hätte durch eine stärkere Anordnung in thematische Blöcke zumindest teilweise gelöst werden können, ohne die geographische Fokussierung des Bandes aufzubrechen.

Die Beiträge stellen somit zwar einen guten Einstieg in verschiedene Themenbereiche dar, allerdings fehlt dem Band ein – abgesehen vom Werk Tolkiens – gemeinsamer inhaltlicher Zusammenhang.

Autorin

Sophie Modert schloss 2021 jeweils einen Bachelor in Germanistik und Italienisch an der Universität Innsbruck ab. Sie ist zurzeit im Master Germanistik an der Universität Innsbruck inskribiert und als studentische Mitarbeiterin am dortigen Institut für Germanistik tätig. Ihre Masterarbeit verfasst sie im Rahmen des Projektes Akteure – Diskurse – Medien. Die schweizerische Bildungsexpansion 1830–1860, ihre Bedeutung für den deutschsprachigen Raum und ihre Aktualität, in dem sie ebenfalls als Mitarbeiterin tätig ist.

Konkurrierende Interessen

Die Autorin hat keine konkurrierenden Interessen zu erklären.